#ParisAttacks: "Es ist im Islam verboten, Unschuldige zu töten"

Warum Paris? Warum Frankreich?
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epd/Rolf Zoellner

Der IS-Terror hat (fast) nichts mit Religion zu tun. Auch muslimische Gelehrte stellen sich gegen die gottlosen Kämpfer

Nein, es gab nie eine Rechtfertigung für die IS-Gewalt. Aber dieses Rechtsgutachten nahm auch den letzten Mördern oder Träumern eines islamischen Gottesstaates jedes Argument weg. 14 Monate vor den neuen Attentaten in Paris, im September 2014, hatten 120 muslimische Gelehrte aus aller Welt, die wichtigsten Religionsführer und Professoren, einen offenen Brief an den IS-Führer Abu Bakr al-Baghdadi geschickt, in dem sie ihm und allen IS-Kämpfern jede moralische Legitimation für ihre Taten absprachen.

Bei den Tätern vom November 2015 scheint das nie angekommen zu sein: weder der eindeutige Urteilsspruch der Glehrten: „Es ist im Islam verboten, Unschuldige zu töten“; noch deren Erklärung dazu: „Das Töten einer Seele – irgendeiner Seele – ist Ḥarām (verboten und unantastbar im islamischen Recht) und gehört zu den größten Sünden.“ Der Ruf der IS-Täter vor ihren Taten „Allah ist groß“ ist also nichts anderes als eine Gotteslästerung, weil sie Gott für etwas ganz Ungöttliches in Anspruch nehmen: die Vernichtung von Leben. Gott Verbrechen zuzuschreiben, so sagen die Islamgelehrten, sei falsch: „Allah gebietet nicht Schändliches.“ Das bezog sich aktuell zwar darauf, dass IS-Leute syrische Soldaten enthauptet und ihre Köpfe, an Stacheldraht gebunden, durch den Dreck geschleift hatten. Aber es ist eins zu eins zu übertragen auf die Horroraktionen in Paris.

Die IS handelt gegen alle islamischen Grundsätze

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Die neuen Massenmorde in Paris unterscheiden sich von den Kriegsgräueln nicht grundsätzlich: Es ist die bestialische Erniedrigung jener Menschen, die nicht ins Konzept der IS passen. „Ihr habt viele Unschuldige getötet, die weder Soldaten noch bewaffnet waren, sondern einfach deshalb, weil sie euren Ansichten widersprechen“ – dieser Satz der islamischen Richter und Theologen passt exakt auf die Attentäter von Paris.

Mit moralischen Aufrufen und theologischen Erklärungen sind sie nicht zu erreichen. Wer soll ihnen sonst noch Einhalt gebieten? Was in ihrem Urteil der ägyptische Großmufti Allam und die Köpfe der Al-Ahzar-Moschee in Kairo sagen, der Jerusalemer Mufti Ahmad Hussein und der Jordanische Ghazi bin Muhammad, was etliche Gelehrte und Geistliche aus arabischen, asiatischen und europäischen Ländern sagen: alles verhallt ungehört. Das gilt nicht zuletzt für ihr Verbot, ein Kalifat zu errichten (die Gutachter sagen: „zu behaupten“).

Der Militäreinsatz in Syrien als Ursache der Terrorakte

Wer noch den kleinsten Zweifel daran gehabt hätte, dass die IS das Attribut „islamisch“ missbräuchlich im Namen führt, wird nun eines anderen belehrt. Es sind nicht religiöse Motive, die die Attentäter zu Maschinenpistole und Sprengstoff greifen lassen, sondern eher militärische. Seit einigen Wochen fliegen französischen Einheiten Lufteinsätze gegen den IS in Syrien, seit mehr als einem Jahr auch im Irak. Der französische Präsident Francois Hollande hatte seine Entscheidung für den Syrieneinsatz in der ersten Sitzung nach der Sommerpause, im September, verkündet, wohl wissend, dass er sich damit für den IS angreifbar macht. Fast 500 französische IS-Kämpfer seien französische Staatsbürger, so Hollande Mitte September. Sie kämpften in Irak und Syrien an der Seite der Terroristen, 133 von ihnen seien dort bereits gestorben. Unnötig an dieser Stelle zu betonen, dass auch ein militärischer  Einsatz Frankreichs im Syrien keinen Terrorismus gegen die französische Bevölkerung rechtfertigen kann.

Hinzu kommt: Frankreich als laizistischen Staat sehen Islamisten gern als Inbegriff der Religionsverachtung. Kopftuch- und Burkaverbot in der Öffentlichkeit sind für antiwestliche Kampagnen gut geeignet, unabhängig davon, dass auch ein laizistischer Staat den Religionen viele Freiräume gibt. Staatsdoktrin seit 1905, hat der Laizismus allerdings vor zehn Jahren eine neue Blüte hervorgebracht: 2004 verbot das Parlament nach langer Debatte Schülern und Studenten, eine Kippa oder ein Kopftuch zu tragen. Hier unterlag das Grundrecht der Religionsfreiheit dem Wert der Egalité, der Gleichheit vor dem Gesetz. Das Verbot griff seit Schulbeginn am 2. September 2004.

Der Europäische Gerichtshof bestätigte das Burkaverbot

Und es ging weiter: Nikab und Burka, Verhüllungen des gesamten Körpers, wurden in Frankreich 2011 verboten. Aus Sicherheitsgründen soll im öffentlichen Raum niemand sein Gesicht verhüllen. Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte bestätigte dieses Verbot im Juli 2014. Es sei keine Diskriminierung und verstoße nicht gegen den Schutz des Privatlebens und auch nicht gegen die Meinungs- und Religionsfreiheit, sagten die Richter.

Was auch für die Beurteilung der neuesten Terroraktion wichtig ist: Im Alltagsleben der französischen Hauptstadt und überall im Land haben sich auch viele Muslime von ihrer eigenen Religion entfernt. Die muslimischen Bürger Frankreichs genießen, genau wie alle anderen Franzosen, ganz offensichtlich die Freiheiten einer modernen Gesellschaft. Doch vor allem in den Vororten vieler Großstädte, so auch in den Pariser Banlieues, wachsen junge Menschen auf, die große Probleme mit einer modernen, pluralistischen Gesellschaft haben. Vor allem deshalb, weil sie daran nicht erfolgreich teilnehmen können.

Der moderne, freiheitsliebende Franzose war und ist schon immer ein Leitbild im demokratischen Europa. Wie soll man es sonst verstehen, dass die Attentäter von Paris wahllos auf Besucher von Bistros und eines Konzerts schossen – die ihrerseits vermutlich auch kritische Anmerkungen zum Syrieneinsatz der französischen Armee beitragen würden. Mit rationalen Überlegungen hat dieser Terror nicht das Geringste zu tun, wohl aber mit einer maßlosen Menschen- und eben auch Religionsverachtung.

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Lesermeinungen

Aus traditioneller islamischer Sicht sind Menschen, die sich nicht dem Islam unterwerfen („Ungläubige“, „Kafir“) nicht „unschuldig“, sondern der Nichtunterwerfung schuldig. Passagen im Koran, die dazu anleiten, keine „Unschuldigen“ zu töten, gelten daher nur für korantreue Moslems. Die Lehren des Mohammeds fanden, als er diese gewaltlos predigte, kaum Anhänger. Erst als Mohammed und seine Anhänger zur Verbreitung des Islams durch Krieg und gewalttätige Mittel übergingen, gelang eine rasante Expansion. Der Jihad, auf den sich der IS beruft, ist dem der ersten Generation von Muslimen um Mohammed und Abu Bakr nachempfunden. Der selbsternannte Kalif des IS, der inzwischen getötet worden sein soll, war übrigens ein studierter Islamwissenschaftler.
Der Krieg gegen Nichtmuslime auf allen Ebenen - militärisch, wirtschaftlich, kulturell, demographisch etc. - mit dem Ziel, sie zu versklaven, zwangszukonvertieren oder auszulöschen bis die Herrschaft des Mohammedanismus und seiner Schariaprinzipien global etabliert ist (sogenanntes „Haus des Friedens“), sind somit Prinzipen des islamischen Eroberungsfeldzuges von Beginn seines Erscheinens an.
Die Erhöhung des mohammedanischen Allahs mit den Worten „Allahu akbar“ ist ein Kampfruf, den Millionen Menschen in der 1400-jährigen Geschichte des Jihads als letztes gehört haben, bevor man ihnen die Kehle durchgeschnitten, sie erstochen, verstümmelt, gesteinigt, enthauptet, kriegerisch angegriffen, von einem Dach geworfen oder mit einer Bombe zerfetzt hat. Es ist der Schrei, mit dem die Welt durch Terror gefügig gemacht werden soll und mit dem Jihadisten und Attentäter seit rund 1400 Jahren ihre Bluttaten im Namen ihres koranischen Abgottes begleiten.
(...)

Zitat aus dem Artikel: "Der IS-Terror hat (fast) nichts mit Religion zu tun." Eine an Kühnheit kaum mehr zu überbietende Aussage. Da massakrieren also die Rechtgläubigsten unter den Rechtgläubigen munter in der Landschaft herum, und das soll nichts mit Religion zu tun haben? Wobei "zu tun haben" eine unnötig schwammige Ausdrucksweise ist. Was der IS macht, ist praktizierter Glaube. Der IS möchte, dass alle Menschen so leben, wie Gott das haben will. Dieses Anliegen nennt man üblicherweise auf dem Glauben basierende Sittlichkeit. Und warum soll die plötzlich nichts mehr mit Religion zu tun haben?
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Der IS und sein Terror soll den Atheisten aufs Konto geschrieben werden, weil 120 hochrangige Moslems den IS als unislamisch brandmarken. Das ist überhaupt kein Argument. Der IS hat klargestellt, dass er als den Hauptfeind seiner Sittlichifizierungskampagne der Menschheit (sprich: alle umbringen, die sich Allah in den Weg stellen) nicht die perversen Westler, sondern die anderen Moslems ansieht. Klartext: Jeder der 120 Unterzeichner weiß, dass er sofort einen Kopf kürzer gemacht wird, wenn er dem IS in die Hände fällt. Und so ein Verein soll jetzt ausgerechnet die Berufungsinstanz für die Frage sein, ob der IS aus Gläubigen oder Atheisten besteht? Da würde ich doch eher für den guten Brauch plädieren, den IS selber anzugucken und nicht die von ihm selbst als ärgste Widersacher Bezeichneten, wenn ich über den IS was rauskriegen will.
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Glauben heißt, einen Gott zu erfinden oder diese Erfindung der Vorfahren modifiziert oder unmodifiziert zu übernehmen, im gleichen Schritt zu leugnen, dass es sich um eine Erfindung handelt und diesem Gott dann trauen, vertrauen, alles Mögliche zutrauen und das eigene Leben seinem Willen anvertrauen. Und genau das macht der IS. Dabei kommt er zu Ergebnissen, mit denen kein moderner Staat was anfangen kann. Also ist Krieg angesagt. Terror ist ein Kriegsmittel der technisch unterlegenen Seite.
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Im Regelfall wird Atheisten, oft nicht zu Unrecht, vorgeworfen, sie hätten nicht geschnallt, wie vielfältig, wandelbar und bunt der Glaube sein kann. Das kann er in der Tat sein. Der IS ist ein wunderbarer Beleg dafür. Der Inhalt des Glaubens kann nie falsch sein. Jeder glaubt, woran er will. Der IS eben an sein IS-Zeugs. Der gefährliche Fehler liegt darin, überhaupt auf die Glaubensbahn zu treten.
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Also, liebe Standardgläubige der gemäßigten Breitengrade. Ich kann euch gut nachempfinden, dass euch der IS peinlich ist. Aber den könnt ihr nicht einfach den Atheisten zuschlagen. Selbst die katholische Kirche, nicht scheu, zur Selbstrechtfertigung die kühnsten Gedanken zu schmieden, behauptet nicht, dass die missbrauchenden Priester keine Priester gewesen wären. Also solltet ihr auch nicht mit der Mär aufwarten, die IS-Terroristen wären keine wackeren Gläubigen.

Man stelle sich vor: Rechtsradikale Terroristen erschießen in vielen Ländern auf der ganzen Welt Juden, schreien dabei "Heil Hitler" und in Bekennerschreiben begründen sie ihre Taten mit Passagen aus "Mein Kampf".

Jeder Politiker oder Journalist, der behaupten würde: "Schreckliches Geschehen - aber mit der Nazi-Ideologie haben diese Terroranschläge nichts zu tun" würde sich doch dem Vorwurf Verharmlosung des rechtsradikalen Gedankengutes aussetzen.

Wenn aber Terroristen "Allah u akbar" schreien, bevor sie "Ungläubige" töten, sich im Bekennerschreiben auf den Propheten Mohammed berufen und den Koran zitieren, dann kommt das Mantra: "Schreckliche Tat - aber mit dem Islam hat der Terror des Islamischen Staates nichts zu tun."

Wer sich näher mit den Grundlagen des Islams, dem Leben Mohammeds und der 1400jährigen Expansionsgeschichte auseinandersetzt, wird dieser These nicht zustimmen können. Der Islamische Staat praktiziert das, was Mohammed - zumindest in seinen letzten Lebensjahren - auch getan hat.
Die Gewaltaufrufe und Tötungslegitimationen im Koran, die schon in der Gemeinde des Propheten umgesetzt worden sind, gehören in der innerislamischen theologischen Diskussion zwar zu den großen Tabuthemen.
Doch Leugnen hilft niemandem weiter, am wenigsten den moderaten Muslimen, die sich für eine Reform des Islam einsetzen. Oft unter Lebensgefahr. Wer die dunklen Seiten des Islam verharmlost, fällt ihnen in den Rücken.

Dass der Koran die Tötung von Menschen erlaube, wird von den meisten muslimischen Theologen bestritten. Nicht nur von denen, die historisch kritisch mit diesem Buch umgehen. Wir sollten den Muslimen zugestehen, dass sie nicht auf dem Wissensstand des 7. Jahrhunderts stehen geblieben sind, sondern eine Rechts- und Theologieentwicklung durchgemacht haben wie Juden und Christen auch. Insofern bringt ein Vergleich von buchgläubigen Muslimen und modernen Christen nichts. Das Lehrschreiben der 120 muslimischen Theologen und Rechtsgelehrten bleibt ein Maßstab, dem der IS nicht gerecht wird.

"Dass der Koran die Tötung von Menschen erlaube, wird von den meisten muslimischen Theologen bestritten." An wen denken Sie da?
Ich kenne keinen.

Das liegt daran, dass solch eine Behauptung Kritik am Handeln des Propheten wäre, der nicht nur Religionsstifter, sondern auch Kriegsherr war. Er hat allein in seinen letzten acht Lebensjahren über 80 Kriege geführt, Hunderte von wehrlosen Geiseln töten lassen. Das als "unerlaubt" - haram - zu werten, wäre eine Kritik am Propheten, die selbst liberale muslimische Theologen kaum wagen würden.
Zum anderen gibt es kein generelles Tötungsverbot im Koran. Gebote wie "Du sollst nicht töten" findet sich dort nicht, auch auch kein generelles Gewaltverbot. Es wird in den islamischen Grundschriften stattdessen geregelt, wer wem gegenüber Gewalt anwenden darf und unter welchen Umständen. Männer dürfen ihre Ehefrauen z.B. nicht einfach schlagen, sondern nur als ultima ratio, wenn sie befürchten, dass sie widerspenstig werden könnten.
"Das Lehrschreiben der 120 muslimischen Theologen und Rechtsgelehrten bleibt ein Maßstab" Ja, leider. Da heisst es ja bezeichnenerweise auch an keiner Stelle, dass der Islam das Töten von Menschen verbietet, sondern das Töten von "Unschuldigen".
Ungläubige, also Menschen, die die Einladung zum Islam nicht angenommen haben, gehörten für Mohammed - zumindest ab seiner medianischen Zeit -nicht mehr zu dieser Personengruppe.
Da hat auch er eine Theologieentwicklung durchgemacht. Als er noch in Mekka gewohnt hatte, hatten Juden und Christen als Schriftbesitzer noch einen Sonderstatus und galten daher nicht als Ungläubige, sondern als Schutzbefohlene. Sofern sie Schutzgeld zahlten. Hat der IS im Kalifat übrigens auch wieder eingeführt.

Mertens schrieb am 16. November 2015 um 18:25: "Gebote wie "Du sollst nicht töten" findet sich dort nicht". Inwiefern soll das von Bedeutung sein? In einer auf chrismon nicht ganz uneinschlägigen Weltreligion findet sich bekanntlich dieses Gebot. Ist dadurch auch nur ein Mensch weniger um die Ecke gebracht worden? Oder hatten die Theologieentwickler dadurch nur noch einen Haken mehr zu schlagen, um die Praxis der Zweibeiner im richtigen Licht erscheinen zu lassen? Sowohl im Sinne von "Brav gemacht, lieber Gläubiger!" wie auch von "Oh du schlimmer Sünder!"