Das Leben nach der Flucht aus Syrien

Aber wie wartet man gelassen?
Bürokratie zum Bleiberecht

Anne-Sophie Stolz

Mayla* ist aus Syrien nach Deutschland geflohen. Vollkommen erschöpft hofft sie jetzt, dass ihre Familie endlich nachkommt. Ihre Helferin, eine Journalistin, gerät an ihre eigenen Grenzen. Und auch die Menschen in den Behörden wissen irgendwann nicht mehr weiter

Sie liegt auf dem Fußboden in meinem Flur. Ich habe dort rasch ein Laken ausgebreitet. Sie hat es nicht mehr bis zum Sofa ins Wohnzimmer geschafft. Ihr Körper ist schweißgebadet. Das Haar klebt an Stirn und Nacken. Sie weint, wimmert, schreit auf, schluchzt. Ich halte ein kleines Frottiertuch unter den Wasserhahn, gebe ein paar Tropfen Lavendelöl darauf. Reibe ihr mit dem Tuch über das Gesicht, die Arme, die Beine, streichle ihr den Kopf und den Rücken. Du bist nicht allein, sag ich ihr, deine Kinder, dein Mann, sie leben, sind gesund. Ihr schafft das.

Gerade erst bin ich nach Hause gekommen. Im Flur steht noch meine Einkaufstüte. Ich war gerade dabei, das Kaufhaus zu verlassen, kurz vor Ladenschluss, da klingelte mein Handy. Ich hab gleich gemerkt, dass etwas nicht in Ordnung ist: Wo bist du? – Vor deiner Haustür, hat sie in den Hörer geschluchzt. Und: Ich wusste nicht wohin.

Jetzt liegt sie auf meinem Fußboden. Ich werde sie so schnell nicht auf die Füße bekommen. Das wird mir rasch klar. Ich greife zum Telefon und rufe meine Ärztin an. Es ist schon nach sieben. Niemand geht dran. Ich rufe die Frau von der psychologischen Beratungsstelle an, die ich erst vor kurzem kennengelernt habe. Auch sie geht nicht ans Telefon. Wer nur könnte helfen? Mir fällt einfach niemand ein. Ich wähle die 112.

Der Mann vom Notruf fragt, ob er einen Rettungswagen oder den Notarzt schicken soll. Der würde allerdings noch eine Weile brauchen.

Auch ohne weiter nach ihrem Schicksal zu fragen, wusste ich genug von ihr

Wenn es nur schnell geht, sage ich. Er hört das Schreien und Wimmern im Hintergrund und verspricht, gleich einen Wagen loszuschicken. Ich streiche ihr wieder mit dem feuchten Tuch über Stirn und Nacken und verstaue schnell die Einkäufe im Kühlschrank.

Von Ferne hört man schon das Tatütata, dann donnert der riesige Rettungswagen durch unsere schmale Straße und hält vor dem Tor. Vier Männer, zwei von ihnen mit Rucksäcken gerüstet, folgen mir in die Wohnung.

Die Autorin

Nadja Odeh, SWR-Redakteurin, hat einen palästinensischen Vater. Sie studierte Islam­wissenschaften, lebte zwei Jahre im Nahen Osten und spricht Arabisch
Hören Sie mich? Können Sie mich verstehen?, fragt der eine. Sie starrt ihn an. Starrt durch ihn hindurch. Ob sie etwas ge­trunken habe. Die Frage geht an mich. Nein, nein, sage ich. Und – dass sie aus Syrien sei. Aus dem Vincentiushaus. Ein Flüchtling. „Das ist bestimmt ein Nervenzusammenbruch. Sie kann nicht mehr.“ Die Männer schauen betreten auf die Frau, die da wimmernd auf dem Boden liegt, als habe das Mittelmeer einen jener Rettung suchenden Menschen, wie sie täglich in den Nachrichten zu sehen sind, mitten hinein in meine Wohnung gespült.

Mayla* ist 48, verheiratet und Mutter von drei Kindern. Ich habe sie im Flüchtlingsheim kennengelernt. Jeden zweiten Samstag im Monat gibt es dort ein sogenanntes Café Kontakt, wo sich Flüchtlinge und ehrenamtliche Helfer treffen können. Mayla war frisch eingetroffen und froh, endlich jemandem zu begegnen, der Arabisch spricht. Bist du alleine, hab ich sie gefragt. Mayla hat genickt. Ihr Mann und die Kinder sind in der Türkei. Noch.

Weißt du, wo das Büro des Sozialarbeiters ist? Verstehst du die Aushänge am Türeingang? Ich konzentrierte mich auf die praktischen Dinge, die anstehen. Auch ohne sie weiter nach ihrem persönlichen Schicksal zu befragen, wusste ich genug von ihr. Sie ist einer der Menschen, die einen brutalen Krieg überlebt haben. Sie ist einer der Menschen, die einen monatelangen Fluchtweg hinter sich haben. Was sie mitgebracht hat, sind die Kleider, die sie am Leib trägt, und die Sorge um ihre Familie.

Sorge um die erwachsenen, taubstummen Söhne 

An jenem Nachmittag verabschiede ich mich so unver­bindlich wie nur möglich. Ich habe einen Fulltime-Job, bin alleinerziehend, und da sind schon R. und ihre Kinder aus Tschetschenien und N. und ihre Mutter aus ­Afghanistan. Ich habe Angst, Erwartungen zu wecken, die ich nicht erfüllen kann.

Und dann sage ich doch zu. Verspreche, dass ich Dienstagnachmittag zu einem Gesprächstermin komme, mit Leuten vom Arbeitskreis Asyl, die Flüchtlinge juris­tisch beraten.

Als Syrerin steht Mayla sogenannter subsidiärer Schutz zu. Das heißt, solange der Krieg in ihrer Heimat wütet, darf sie bleiben, hier leben und sogar arbeiten. Und: Sie kann die Familienzu­sammenführung beantragen. Doch da gibt es ein Problem. Die beiden Söhne sind 27 und 30. Also längst volljährig. Das Recht auf Familienzusammenführung gilt somit nur für Ehemann K. und P., die 16-jährige Tochter. Und genau dieser Punkt erfüllt Mayla mit größter Sorge, denn beide Söhne sind beide taubstumm.

Ein paar Tage später. Der Sozialarbeiter vom Vincentiushaus ruft mich an. Mayla habe ihn gebeten, mich anzurufen. Die Verständigung sei so schwierig. Ich verspreche, nach Büroschluss vorbeizukommen.

Der Sozialarbeiter ruft an: Mayla sei völlig durch den Wind

Mayla ist beunruhigt. Wochenlang sei sie nun schon im Heim. Sie habe auf dem Amt in Karlsruhe Formulare ausgefüllt. Die seien zweisprachig gewesen, Arabisch-Deutsch. Eine mahkame waraqiye sei das gewesen. Anstelle eines Interviews, habe man ihr dort gesagt, weil alles so überlaufen sei. Ich bin ratlos, kenne die Begrifflichkeiten nicht. Wörtlich übersetzt heißt mahkame waraqiye: papiernes Verfahren. Was es damit auf sich hat, weiß ich nicht. Der Sozialarbeiter vom Heim auch nicht. Da würde sich gewiss jemand melden, wenn es soweit sei, versucht er zu beschwichtigen. Doch Mayla sitzt auf glühenden Kohlen.

 Foto: Anne-Sophie Stolz
Mayla lernt Fahrrad fah­ren. Bei meinem nächs­ten Besuch hat sie aufge­schrammte Knie. Sie nimmt an den Wanderungen teil, die die Ehrenamtlichen anbieten. Sie versucht, sich das Rauchen abzugewöhnen. Mayla gibt sich alle Mühe, die endlos langen Tage im Heim, fern von der Familie, irgendwie durchzustehen. Manchmal frage ich mich, ob es tatsächlich so gut ist, die Flucht nach Deutschland zu schaffen. In der Türkei saß die Familie auf der Straße, hat Mayla zwölf Stunden am Tag für 15 Dollar Teller gespült. Sie wurde ausgebeutet, aber sie konnte weiter um ihr Überleben kämpfen und war nachts zum Umfallen müde, statt als Sozialhilfeempfängerin im Heim zu hocken.

359 Euro bekommt sie monatlich. Für das Heimzimmer und die Nebenkosten werden ihr davon 31 Euro und 92 Cent abgezogen. Als allein lebende Frau kommt Mayla mit diesem Betrag gerade so hin.

Ein Mittwoch. Wieder ruft der Sozialarbeiter an. Ein Zufall, dass er mich zu Hause erwischt. Mayla gehe es sehr schlecht. Psychisch. Sie sei völlig durch den Wind, sagt er.

Als ich an ihre Zimmertür klopfe, öffnet sie vorsichtig einen Spalt. Die Türen haben keine Namensschilder, nur kleine Nummernschilder. Mayla trägt Jogginghose und ­T-Shirt, sie hatte auf dem Bett gelegen. Komm, zieh dich an, sage ich. Wir kaufen ein, und dann kochen wir bei mir.

Mayla ist dankbar, aus dem Heim rauszukommen, dankbar für die Abwechslung, dafür, dass sie mit jemandem sprechen kann. Wir entscheiden uns für waraq dawali, gefüllte Weinblätter. Wir kaufen Lammhack beim Metzger und besonders fetten Joghurt beim Türken. Zwiebeln, Rundkornreis und alle anderen Zutaten habe ich zu Hause.

Du hast nichts falsch gemacht!

In Salzlake eingelegte Weinblätter kleben nun einzeln auf meinem Küchentisch. Mayla wickelt geübt die Reis-Hackfleisch-Füllung ein und redet und redet. Ohne Unterlass. Erzählt von Syrien, von ihrer Familie, regt sich über Heimbewohner auf, den Hausmeister, lacht, dann wieder kommen ihr die Tränen, die Kurden, die Amerikaner, Israel, sie politisiert, macht sich Gedanken über die Religionen und die deutsche Bürokratie, das Gespräch springt hin und her, zwischendurch verliert sie den Faden. Wo war ich gerade, fragt sie dann, wo bin ich stehen geblieben? Ich gebe ihr das Stichwort und sie redet weiter und weiter. Mayla ist völlig überlastet.

Sie kann nachts nicht schlafen, raucht, hat keinen Appetit. Im Kopf kreisen die Gedanken. Ob sie etwas falsch gemacht hat? Ob sie in eine andere Stadt hätte gehen sollen – andere hätten in viel kürzerer Zeit einen Aufenthaltsstatus bekommen – oder gar in ein anderes Land? Nach Schweden zum Beispiel. Was ist nur mit ihrem Asylantrag? Sie macht sich Vorwürfe. Die Familie sitzt in der Türkei und wartet. Und sie? Tut nichts!

Du hast nichts falsch gemacht. Du kannst nichts dafür. Mayla, du bist stark, hast den Weg bis hierher geschafft, jetzt darfst du nicht vor der deutschen Büro­kratie kapitulieren, rede ich ihr zu. Hab Geduld. Es ist schwer, aber du musst lernen zu warten. Sieh zu, dass du jeden Tag isst, versuche zu schlafen, geh spazieren, lauf, wenn die Gedanken durchdrehen.

"Fünf Monate, das ist doch gar nichts"

Ich will nun selber wissen, was es mit Maylas Asylantrag auf sich hat, und rufe in der Ausländerbehörde an. Nach einigem Hin und Her, ob ich als ehrenamtliche Helferin überhaupt bevollmächtigt sei, lässt sich die Mitarbeiterin erweichen. Ja, es gebe eine Akte für Mayla al-A.. Der Stempel ist vom 11. März. Aber einen Asylantrag scheint sie nicht gestellt zu haben. Dazu gibt es keinen Vermerk. Ich erzähle der Mitarbeiterin von den Formularen, die Frau al-A. ausgefüllt hat. Dazu könne sie nichts sagen, erklärt die Frau von der Ausländerbehörde, für den Asylantrag sei allein das BAMF zuständig, das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge.

Also rufe ich da an, beim BAMF in Karlsruhe. Worum es denn bitte schön gehe, will die Dame an der Pforte wissen. Um eine Syrerin, sage ich, und dass die Frau schon fast fünf Monate in Deutschland sei.

Ach Gott, fünf Monate, das ist doch gar nichts. Hier gibt’s welche, die sind schon ein, zwei Jahre hier. Da muss sie sich gedulden.

Aber das möchte ich mir dann doch lieber von einer Sach­be­arbeiterin sagen lassen. Die Sachbearbeiterin heißt Frau K. ­Frau K. fragt mich, ob ich eine Vollmacht habe. Eine schriftliche Bescheinigung, dass ich in Sachen Mayla al-A. Auskünfte einholen darf. Nein, hab ich nicht. Ich möchte ja auch nur wissen, ob schon ein Asylantrag gestellt wurde oder nicht. Dass sie eine Vollmacht brauche, könne ich grundsätzlich ja verstehen, wie genau muss sie denn formuliert sein, die Vollmacht?

Ist ja gut, geben Sie schon her. Auch Frau K. lässt sich er­weichen. Die ersten drei Buchstaben des Nachnamen . . . Ja, eine Frau Mayla al-A. sei erfasst, aber da ist noch kein Asylantrag gestellt. Da müsse sie persönlich vorbeikommen. Den Termin allerdings, den vergibt die LEA, die Landeserstaufnahmestelle. Und, fügt sie noch an, lassen Sie sich nicht mit einem Formular abspeisen.

Wie kommt es, frage ich, dass die LEA Formulare ausgibt, wenn die niemandem weiterhelfen? Das zu erklären, dafür fehle ihr jetzt die Zeit, erklärt die ansonsten sehr freundliche Mitar­beiterin, und damit ist das Gespräch beendet.

Informationschaos in den Ämtern

Die Bundes- und die Landesbehörde haben beide die Adresse: Durlacher Allee 100, in Karlsruhe. Ich rufe in der LEA an und höre zu meinem Erstaunen von Servicekraft Frau B., dass sie keine Termine vergebe. Wieso, frage ich, ihre BAMF-Kollegin von nebenan hat mir doch soeben erklärt, dass ich den Termin nur von Ihnen bekomme. Das sei nicht ihre Kollegin. Wir haben nichts miteinander zu tun, rechtfertigt sich die Servicekraft. – Aber natürlich haben Sie das. Schließlich vergeben Sie die Termine für das BAMF. – Nein, das tun wir schon seit einem Monat nicht mehr. Da gebe es jetzt mobile Einheiten, die wandern von Stadt zu Stadt in die Flüchtlingsheime und klären die Terminvergabe vor Ort.

Und wer kann mir sagen, wo diese mobilen Einheiten jetzt stecken und wann sie nach Baden-Baden kommen? – Das weiß ich auch nicht, wenden Sie sich an das Landratsamt Rastatt. Die Servicekraft am Telefon ist hörbar genervt.

Die Fotografin

Anne-Sophie Stolz wartete vor dem Fototermin auf Mayla. Da hatte sie noch keine Vorstellung, wie zermürbend Warten wirklich sein kann
Im Landratsamt Rastatt werde ich dreimal über endlose Musik­schleifen durchgestellt, bis ein freundlicher Herr am Telefon ist. Ich habe vollends die Orientierung verloren. Darf ich fragen, wer Sie jetzt sind? – Ich bin Herr J. und für Flüchtlinge zuständig. – Na, wunderbar, sage ich. Dann können Sie mir doch bestimmt sagen, was es mit den „mobilen Einheiten“ auf sich hat. – Mobile Einheiten? Nie gehört, sagt Herr J.

Ich schlucke. Das darf jetzt nicht wahr sein! Herr J. kann ­meinen Frust verstehen, erzählt mir, dass er selbst in einem Flüchtlingsheim geboren sei, dass er vor kurzem sein Sozial­wissenschaftsstudium abgeschlossen und gerade erst seine Arbeit in der Behörde angetreten  habe. Und ja, auch er habe sich schon so manches Mal  über die schlechte Informationspolitik gewundert. Er verspricht mir, die Sache zu klären und mich zurückzurufen.

Die Servicedame vom Bundesamt wird pampig

Eine Stunde später meldet er sich. Er sei alle Büros abgelaufen. Niemand hier in Rastatt habe von den mobilen Einheiten gehört. Er habe selbst nun noch einmal bei der LEA angerufen, und da habe es geheißen, die mobilen Einheiten gebe es noch gar nicht. Die seien erst im Entstehen.

Wieder rufe ich im BAMF an, bei Frau K. Die LEA vergibt gar keine Termine, sage ich, sondern verweist mich auf mobile Einheiten, die es noch gar nicht gibt. Was nun? – Ach du lieber ­Himmel, das schaffen wir doch gar nicht, in alle GUs zu gehen. – Was sind GUs? – Na, die Gemeinschaftsunterkünfte. Da läuft etwas gründlich schief, sagt Frau K. Die LEA muss Termine vergeben!

Also wähle ich noch einmal die Nummer der genervten Servicekraft in der LEA. Frau B. wird pampig. Dann solle ich doch ihrem Chef, Dr. S., einen Brief schreiben. Ich verliere die Fassung. Nein, das tue ich nicht. Ich will ihn jetzt sofort sprechen, Ihren Herrn Dr. S., und wenn jetzt nicht sofort was passiert, dann ­jage ich Ihnen „Monitor“ und „Panorama“ und sämtliche Polit­magazine auf den Hals! – So nicht, schimpft die Servicekraft, und knallt den Hörer auf. Okay, das war nicht nett von mir. Trotzdem, was fällt ihr ein? Zwei Mal noch wähle ich ihre Nummer, aber niemand geht ran.

Dann komme ich jetzt hierarchisch von oben. Die LEA gehört zur Landesregierung, Referat 8. Ich möchte bitte den Chef sprechen. Das ist Herr G. Ich erkläre, dass ich ehrenamtliche Helferin sei, aber auch als Journalistin in Sachen „Flüchtlinge und die Büro­kratie“ recherchiere. – Herr G. sei gerade in einer Besprechung, aber sobald es geht, ruft er zurück, verspricht die Vorzimmerdame.

Entnervende Terminvergabe

Mein Telefon klingelt. Es ist Frau B. Die Servicekraft, die den Hörer aufgelegt hat. Sie habe wohl gesehen, dass ich noch zweimal angerufen habe. Wollte sich aber noch einmal rückver­sichern, ehe sie mit mir spricht. Es gebe eine Mail, in der heißt es ausdrücklich, dass keine Termine vergeben werden sollen, mit dem Hinweis auf die mobilen Einheiten.

Und, fügt sie hinzu, Sie können sich nicht vorstellen, wie furchtbar es ist, alle die Menschen, die hier anrufen, ständig vertrösten zu müssen. Frau B. wird mir sympathischer. Wir verabschieden uns freundlich. Falls Sie etwas erfahren, was ich noch nicht weiß, sagt Frau B., dann können Sie mir ja Bescheid geben.

Herr G. ruft an, der Chef der LEA. Er erzählt etwas von einem Fünf-Liter-Krug, in den auf einmal hundert Liter hineinpassen müssen, dass alle ihr Bestes geben und geben werden, es aber nun mal zu Verzögerungen kommen könne, das sei eben so. Meine Syrerin müsse sich, bei allem Verständnis, gedulden.

Tags darauf. Es ist ein Freitag. Wieder klingelt mein Telefon. Die Servicekraft Frau B. will mir nur eben mitteilen, dass ab Montag wieder Termine vergeben werden. – Ach, das ist ja interes­sant, sage ich.

Fünf Minuten später erscheint auf meinem Display eine ­Handynummer. Dr. S. hier, sagt ein Mann, der offenbar im Zug unterwegs ist. Das ist der Chef von Frau B., erinnere ich mich. Ich habe gehört, dass Sie sich für eine Syrerin engagieren, fährt er fort. Schicken Sie mir am besten eine E-Mail mit ihrer Identifikationsnummer, dann schauen wir mal, was sich machen lässt.

Du wirst deinen Termin bekommen, sage ich Mayla, aber stell dich darauf ein, dass es bis dahin noch ­eine Weile dauern kann. Ich möchte ihr eine weitere Enttäuschung ersparen. Drei Tage später erhält das Sozialamt den Bescheid von der LEA Karlsruhe: Maylas Termin für ihre Asylantragsstellung beim BAMF. In drei Monaten.

Ich weiß aber auch, dass ich unbedingt eine Pause brauche

Und nun sitze ich mit Mayla in einer psychiatrischen Klinik. Der Rettungswagen hat uns hierher gebracht. Die diensthabende Ärztin fragt nach einer Versicherungskarte. – Ich muss passen. Sie ist Flüchtling, da müssen Sie sich bei der Stadt kundig machen. Betrachten Sie das hier am besten als eine erste Übung, es werden noch viele kommen, sage ich.

Die Ärztin stellt Fragen, und ich übersetze. Dank einer Beruhigungstablette kommt Mayla langsam wieder zu sich. Können Sie sie nicht dabehalten, wenigs­tens übers Wochenende?, frage ich. Ich muss auf eine Familienfeier, und im Flüchtlingsheim gibt es keinen Notdienst.

Kosten hin, Kosten her – die Psychiatrie wird ihr nicht guttun, wiegelt die Ärztin ab. Wieder eine fremde Umgebung, wieder ­lauter fremde Menschen, die sie womöglich anstarren, manche mit Ticks. Da ist die Vertrautheit des Flüchtlingsheims allemal besser. Und dann schaut mich die Ärztin prüfend an. Noch ­etwas: Sie dürfen nicht die Verantwortung für sie übernehmen. Die muss Frau al-A. für sich selbst behalten.

Es ist schon nach zehn Uhr abends. Mayla und ich sind beide völlig erschöpft. Die Ärztin verabschiedet uns mit einer wohlmeinenden Verordnung: Wir haben da unten im Foyer einen Getränkeautomaten. Da ziehen Sie sich beide jetzt eine Cola für den Nachhauseweg. Versprochen?

Wir entscheiden uns, trotz fortgeschrittener Stunde, doch ­lieber für einen Kaffee. Es fällt mir schwer, Mayla allein ins Heim ziehen zu lassen, ich weiß aber auch, dass ich unbedingt eine Pause brauche.

"Glaub mir, wir haben jeden Tag von Europa geträumt"

Als ich nach der Familienfeier am Montag vom Büro nach ­Hause komme, steht ein Topf mit noch warmen Kutilk auf der Treppe. Das sind Fleischklöße mit einem Teig aus Hartweizengries. Eine kurdische Spezialität, die ich besonders gerne mag. Dazu hat mir Mayla eine Karte geschrieben.

Der Zusammenbruch ist ihr unangenehm. Sie glaubt, sich dafür entschuldigen zu müssen. – Musst du nicht. Das war längst fällig, sage ich, als wir uns wiedersehen.

Mayla ist seit fünf Jahren auf der Flucht. Die Familie hatte einst im Viertel Rukn ad-Din in Damaskus gelebt. Als die gewaltsamen Unruhen begannen, zog Mayla mit Mann und Kindern auf den Berg Kassioun, in der Hoffnung, dass es dort ruhiger sei. Doch bei der nahe gelegenen ­Moschee wurden die vielen Toten bestattet, es kam wieder zu Unruhen und Demonstrationen.

Mayla hatte vor allem Angst um ihre taubstummen Söhne. Der nichtbefolgte Halteruf eines Soldaten, das Nicht­hören von Schreien oder Schüssen – alles konnte für sie tödlich sein. Man zog in einen vermeintlich sichereren Vorort, und dann nach Qamishli, eine Grenzstadt zur Türkei. Als der Krieg auch hier ankam, beschloss die Fami­lie, außer Landes zu gehen. Nächte auf der Straße, an Bushaltestellen und in Bahnhofshallen, festgehalten in Gefängnissen und in Transitbereichen. Glaub mir, wir haben jeden Tag von Europa geträumt, sagt sie. Mayla könnte ein ganzes Buch ­schrei­ben über die vielen fehlgeschlagenen Fluchtversuche und den einen, der ihr gelungen ist.

Jetzt wartet sie auf ihre Anerkennung, um endlich die Familie nachzuholen. 

*Name von der Redaktion geändert

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Lesermeinungen

Jeder Mensch, der irgendwie Hilfe erfahren hat, darf sich wohl glücklich schätzen, denke ich. Das ist eine nicht unwesentliche Tatsache. Außerdem bin ich voller Mitgefühl für die so ungehörig durch die Ignoranz deutscher Behörden gepeinigte SWR Redakteurin Nadja Odeh. Ganz bestimmt.
Es fällt mir schwer, beim Lesen ruhig zu bleiben, deshalb überfliege ich nur schnell den viel zu langen Text. Ich möchte mir keine Meinung darüber bilden, was ich lese, und versuche daher offen und ehrlich meine Empfindungen und Gedanken wieder zu geben. Nicht alles natürlich, so absolut offen mag ich nun doch nicht preisgeben, was mich verleitet, etwas zu lesen, dass mich doch im Grunde vor allem masslos ärgert !
Überhaupt ist alles , was Flucht, Krieg, Gewalt betrifft zu nahe in unsere westliche Welt eingedrungen. Es hat seinen Preis, Christ zu sein, und gleichzeitig zu glauben, man könne "ruhig und gelassen" diese unruhige Zeit überstehen. Nicht, wenn man sich dauernd mit Selbstvorwürfen kasteit, um sein scheinbar nutzloses Dasein angesichts einer gleichermaßen heroischen wie auch ignoranten Gesellschaft zu rechtfertigen.Vor allem vor mir selber und meinen eigenen Ansprüchen mag ich bestehen. In einer Gesellschaft, die so grandiose Helfer hat bin ich nur noch am Rande und als Konsument vertretbar. Insofern fühle ich mehr oder weniger Bestürzung und konstatiere mit den Worten Astrid Lindgrens : " Die Menschheit ist wohl verrückt geworden !" Wieder einmal.
An die Redaktion :
Vielleicht wäre es möglich, mehr Objektivität im Konzept unterzubringen ? Ich finde es pietätlos, das Unglück der Menschen journalistisch so ohne jede Rücksicht, auszuschlachten!
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Ist mein Wert ein geringerer, nur weil ich statt des im Brennpunkt des Geschehens heroischen, doch lieber den Standpunkt der Vernunft eingenommen habe ?