Geschäftsmäßige Sterbehilfe verbieten

Achtung vor dem Leben
Debatte im Bundestag zum Thema Sterbebegleitung

Foto: Sterfan Boness/IPON

Der Bundestag befasst sich mit dem Thema Sterbehilfe. Ein Gruppenantrag hat die größten Erfolgsaussichten. Kerstin Griese im Interview

chrismon: Es ist nicht verboten, sich selbst zu töten – und die Beihilfe dazu auch nicht. Warum soll sich das ändern?

Kerstin Griese: Das wollen wir nicht ändern, der Suizid und die Beihilfe dazu bleiben straffrei. Aber wir wenden uns gegen Sterbehilfevereine wie „Sterbehilfe Deutschland“ und Einzelpersonen, die geschäftsmäßig – also auf Wiederholung angelegt und mit der Absicht des Suizids als Hauptzweck ihrer Tätigkeit – Menschen zu Tode bringen. Solche Angebote nehmen zu. Sterbehilfe darf keine „normale Dienstleistung“ werden, das würde Menschen unter Druck setzen.

Was ist Ihnen an Ihrem Entwurf wichtig?

Unser Vorschlag greift am wenigsten in unsere gesetzlichen Grundlagen ein. Mir ist wichtig, dass der ärztliche Freiraum erhalten bleibt. Die Hilfe beim Sterben, wie sie in der ambulanten und stationären Hospizarbeit und in der Palliativmedizin so segensreich praktiziert wird, ist der richtige Weg – nicht die Ausweitung der Hilfe zum Sterben.

"Es dürfen keine Anreize für die Selbsttötung geschaffen werden"

Peter Hintze, CDU, evangelischer Pfarrer, pocht auf das Recht auf Selbstbestimmung. Sind Sie dagegen?

Gerade unser Vorschlag sichert diese Selbstbestimmung. Wir wollen Menschen davor schützen, sich rechtfertigen zu müssen, dass sie leben wollen. Der Gesetzentwurf von Peter Hintze würde ethische Grundsätze verschieben. Der Druck auf alte, kranke und einsame Menschen würde steigen, anderen nicht mehr zur Last zu fallen.

Haben sich solche Befürchtungen in anderen Ländern bewahrheitet?

Dossier

Lesen Sie Reportagen, Hintergrundberichte und mehr zumThema Sterbehilfe und assistierter Suizid auf der chrismon-Schwerpunktseite

Ja, in allen Ländern, wo geschäftsmäßig ­assistierter Suizid oder aktive Sterbehilfe angeboten werden, steigt die Nachfrage ­danach deutlich an. In der Schweiz, so haben es uns die dortigen Sterbehilfevereine „Dig­nitas“ und „Exit“ gesagt, werben sie für ihr Angebot in Alten- und Behindertenheimen. Das ist ethisch nicht verantwortbar. Die Achtung vor dem Leben gilt auch für das alte, kranke, leidende und behinderte Leben.

Dürften Ärzte weiterhin Sterbewilligen helfen, wenn Ihr Entwurf Gesetz wird?

Ja, sie dürfen alle Maßnahmen der Palliativmedizin anwenden, auch wenn sie – wie manchmal bei der palliativen Sedierung – zum früheren Todeseintritt führen können. Entscheidend ist, dass die Absicht der ärztlichen Tätigkeit nicht der Suizid ist, sondern das Lindern von Schmerzen und Leid. Das ist vom Kriterium der Geschäftsmäßigkeit nicht erfasst – selbst dann nicht, wenn der Arzt im Einzelfall eine Gewissensentscheidung trifft und einem schwer leidenden Patienten hilft, ein für ihn nicht mehr erträgliches Leiden ­zu beenden. Wir wollen den Raum für Ge­wissensentscheidungen erhalten, aber es dürfen keine Anreize für die Selbsttötung geschaffen werden.

Kerstin Griese

Kerstin Griese, 48, ist SPD-Abgeordnete im Bundestag. Sie fordert – mit Abgeordneten aller Parteien – ein Verbot der geschäftsmäßigen Suizidhilfe. 
Foto: PR

Leseempfehlung

Respekt vor dem Leben ‒ und zugleich vor der Gewissensentscheidung des Einzelnen: den richtigen Weg zu finden
Politikerin und Palliativarzt sagen: Über das Ende des Lebens muss man sprechen dürfen. Auch über das Beenden
Das Leben kann schwerer sein als die Angst vorm Tod. Hier geht es um Sterbehilfe - und am Ende um Lebenshilfe
31553
31555
17963

Neue Lesermeinung schreiben

Wir freuen uns über einen anregenden Meinungsaustausch. Wir begrüßen mutige Meinungen. Bitte stützen Sie sie mit Argumenten und belegen Sie sie nachvollziehbar. Vielen Dank! Damit der Austausch für alle ein Gewinn ist, haben wir Regeln:

  • keine werblichen Inhalte
  • keine Obszönitäten, Pornografie und Hasspropaganda
  • wir beleidigen oder diskriminieren niemanden
  • keine nicht nachprüfbaren Tatsachenbehauptungen
  • Links zu externen Webseiten müssen zu seriösen journalistischen Quellen führen oder im Zweifel mit einem vertretbaren Prüfaufwand für die Redaktion verbunden sein.

Die Redaktion behält sich das Recht vor, Beiträge zu bearbeiten, macht dies aber stets kenntlich. Wir zensieren nicht, wir moderieren.
Wir prüfen alle Beiträge vor Veröffentlichung. Es besteht kein Recht auf Publikation eines Kommentars.