Liebe Bastler, da könnt ihr auch hin

Liebe Erde: Reste aufwerten im Baumarkt
Cap Baumarkt

Foto: Theodor Barth

Der CapBaumarkt in Witten stemmt sich gegen die Wegwerfgesellschaft. Kann man alles noch gebrauchen, das könnte das Motto der Wiederverwerter sein
Es war ein toller Wettbewerb: "chrismon iebe Erde". 104 Projekte hatten sich beworben und bewiesen: Man, kann, mit wenig Aufwand, die Welt von heute ein kleines bisschen besser machen.

Eine Stabhandgranate? Da hatte jemand den Haushalt eines Verstorbenen aufgelöst. Und plötzlich erkennt ein Mitarbeiter im Markt den Gegenstand,der ein bisschen aussah, wie ein anderer Gegenstand aus dem Sortiment,eine Orgelpfeife. Die Aufregung war groß. Die Feuerwehr musste kommen und holte die Granate ab.

Dass ein Kunde im CapBaumarkt, dem ersten Secondhand-Baumarkt Nordrhein-Westfalens, eine gefährliche Waffe abgibt, ist ein Einzelfall. Aber dass ein Mitarbeiter nicht genau weiß, was er da zwischen all den Schrauben, Dübeln und Haken, Zargen und Zangen, Bürsten, Brettern und Bohrmaschinen noch alles geliefert bekommt, passiert ständig.

Auf einer Fläche von 1500 Quadratmetern verkaufen und bearbeiten die Mitarbeiter des CapBaumarktes in Witten gespendete Reste, Kommissionsartikel, Dinge aus Haushaltsauflösungen. Auch Antiquitäten sind darunter.

Verschönern, umbauen, neu machen

Liebe Erde

Chrismon stellt außergewöhnliche Ideen und viele Initiativen vor, die vormachen, wie unsere Welt von morgen aussehen kann.

Seit 2008 gibt es den Markt, eine Kooperationder Volkshochschule Witten und der Qualifizierungs- und Beschäftigungsgesellschaft der Diakonie Ennepe-Ruhr/Hagen. „Cap“ steht für „Handicap“. Etwa vierzig Prozent der Menschen, die hier arbeiten, haben eine Behinderung. Andere haben psychosoziale Probleme, sie alle kommen auf dem regulären Arbeitsmarkt nicht unter. Das Projekt startete mit 15 Teilnehmern, inzwischen sind hier 70 Menschen beschäftigt.

„Sozialpolitik mit ökologischem Handeln“,so nennt das die Marktleiterin Marion Schmitt (siehe Interview unten). Den Langzeitarbeitslosen will sie eine sinnvolle Beschäftigung geben. Und gleichzeitig den Lebenszyklus von Produkten verlängern. Die Mitarbeiter verkaufen neben den Baumarktartikeln auch Möbel aus zweiter Hand:

Da steht die Schrankwand Eicherustikal neben einem Küchenbuffet aus den Fünfzigern, Waschmaschinen, Herden und einer plüschig-braunen Polstergarnitur;und eine Kommode in Gelsenkirchener Barock neben einem Schränkchen in Shabby Chic.

Manche Stücke erleben ein Upcycling und bekommen eine neue Funktion: Ein alter, aufgeklappter Koffer wird mit drei Beinen und einer Glasplatte zum Couchtisch. Anderes wird komplett neu gebaut. Hocker aus Altholz bekommen einen Bezug aus aussortierten Krawatten. An einem Holzbrett hat ein Teilnehmer eine Orgelpfeife befestigt, daraus entstand dann eine Garderobe.

Rumstöbern, Sachen holen

Die Werkstätten grenzen direkt an den Verkaufsraum. Dort verschönern die Mitarbeiter die Möbel unter fachlicher Anleitung. „Traschick“ heißt das Upcycling-Label– eine Kombination aus dem englischen „Trash“, Müll, und dem französischen „très chic“, elegant. Die Kunden für die Baumarktartikel sind Handwerker und Bastler. Studenten und andere Geringverdiener kommen wegen der Möbel. Manchmal suchen Leute auch nach besonderen Einzelstücken. Waldemar Wegmann zum Beispiel. Er schleicht mit Schiebermütze und randloser Brille zwischen den Regalen herum. Vorbei am großen Tisch mit den Weihnachtsartikeln, den sorgfältig bemalten Holzsternen, den Porzellan-Nikoläusen, der bunten Pyramide und den Elch-Anhängern.Er nimmt hier eine Kreissäge in die Hand, dort einen Hobel, schaut sich die Arbeitshandschuhe an und einen Dampfreiniger, inspiziert die aufgereihten Türen.„Ich komme etwa einmal in der Woche hierher“, sagt der Wittener. Etwas Bestimmtes sucht er selten, aber irgendetwas nimmt er immer mit. Diesmal entscheideter sich für Regalhalterungen. Zum Schnäppchenpreis.

Müll vermeiden, Arbeit schaffen

Marion Schmitt

Marion Schmitt ist Pädagogin und leitet den Secondhand-Baumarkt

chrismon: Wie kamen Sie auf die Idee?

Marion Schmitt: Ich habe schon mehrere Secondhandläden gegründet. 2008 dachte ich: Warum nicht auch mal einen Baumarkt?

Wie verändert dieses Projekt die Welt?

Wir tragen dazu bei, dass Produktelänger in Gebrauch sind und so Müllvermieden wird. Gleichzeitig geben wir Menschen, die es sonst auf dem Arbeitsmarkt schwer haben, eine sinnvolle und stabile Beschäftigung.

Wie hat das Projekt Sie verändert?

Ich bin geduldiger geworden. Hier läuft alles viel langsamer als in einem normalen Betrieb, zum einen weil wir uns keine professionelle Ausstattung leisten können, zum anderen liegt das auch am Tempo der Kollegen. Aber das ist okay. Außerdem lerne ich einzusehen: Geschmäcker sind unterschiedlich. Manche Dinge entsprechen nicht meinem Stil. Trotzdem freue ich mich, aus was für Gegenständen neue Produkte entstehen können. Die wären ja sonst auf dem Müll gelandet.

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