Heiligsprechung von Papst Johannes Paul II und Johannes XXIII

Zwei gegensätzliche Heilige
Einem der beiden wäre seine Heiligsprechung gar nicht recht gewesen

 chrismon Redakteur Eduard Kopp

Diese doppelte Ernennung zu Heiligen ist ein Akt auf dem diplomatischen Hochseil: Zwei gegensätzlichere Päpste aus jüngster Zeit kann man sich kaum nicht vorstellen. Nur weil der theologisch hoch konservative Papst Johannes Paul II. zum offiziellen Vorbild der katholischen Kirche erhoben wurde, hatte auch der so gemütlich wirkende, aber sehr modern und demokratisch gesonnene Johannes XXIII. diese Chance. Medienstars waren sie beide, Publikumslieblinge auch. Und beide schlugen Kapital aus ihrem Kommunikationsstil, den man so beschreiben könnte: Wir sind gar nicht so weltabgewandt und distanziert, wie ihr von einem Papst erwartet. Wir sind Menschen wie ihr.

Ob ein Papst heutzutage überhaupt zur Verehrung empfohlen beziehungsweise freigegeben werden sollte, ist theologisch strittig. Da bemüht sich die römisch-katholische Kirche zu betonen, dass ein Papst der oberste Diener seiner Kirche ist, und dann werden gleich zwei „zur Ehre der Altäre erhoben“. Wenn man diese Foirmulierung allgemeinverständlich übersetzt, bedeutet das nichts anderes als: Ihr dürft vor uns knien, uns im Gebet anrufen, uns als Vermittler zu Gott ansprechen. Ihr dürft beten: Heiliger Johannes Paul II, bitte für uns bei Gott. Heiliger Johannes XXIII., bitte für uns. Die feinen Unterschiede zwischen einer Verehrung und der (unerlaubten) direkten Anbetung dieser Personen schleifen sich in der religiösen Praxis vieler Katholiken ab. Wer soll das schon verstehen: zu ihnen beten, sie aber nicht anzubeten?

Die Reliquienverehrung hat große Ähnlichkeit mit jener des geweihten Brotes

Auch optisch schleift sich der Unterschied zwischen Verehrung und Anbetung ab: Die Verehrung von Körperteilen der Heiligen, der Reliquien - also Blut, Haut, Knochen, Gewebeteile - hat zumindest äußerlich große Ähnlichkeit mit der Anbetung des geweihten Brotes, des von Katholiken so genannten Allerheiligsten. Auch die Gefäße, in denen die Körperteile der Toten ausgestellt werden, ähneln den Monstranzen, den Behältnissen für die geweihten Hostien aus der Abendmahlsfeier. Warum Körperteilen von Heiligen überhaupt verehrt werden, lässt sich allenfalls aus einer unbeirrten Traditionsbezogenheit der katholischen Kirche erklären. Merkwürdig ist es schon, dass sich Menschen bereits zu Lebzeiten der späteren Heiligen dieser Körperteile bemächtigen, so zum Beispiel einer Blutkonserve des Johannes Paul.

Heilige sind Vorbilder, ohne Frage. Johannes Paul II. hat gemeinsam mit der polnischen Gewerkschaft Solidarnosc eine wichtige Rolle bei der Überwindung des Kommunismus gespielt. Dies stieß den Dominoeffekt an, der zum Ende des kommunistischen Ostblocks führte. Die antikommunistische Haltung Johannes Pauls II. setzte sich später bei der hochdogmatischen Bekämpfung der lateinamerikanischen Befreiungstheologie fort. In Wirklichkeit wird Johannes Paul, gestützt durch die rigide Linie des Glaubenspräfekten Josef Ratzinger, geschwant haben, dass in der Befreiungstheologie keine kommunistischen Kader, sondern die Kirchenbasis mehr Mitsprache forderte. Es ist einer der Merkwürdigkeiten kurialer Logik und Strategie, diese volksnahe Frömmigkeit und Theologie als totalitäre Ideologie verdächtigt und unterdrückt zu haben. Im Kern ging es dabei nicht um eine theologische Frage, sondern eine Machtfrage.

Ohne das Konzil keine Ökumene und keine Religionsfreiheit

Deshalb leuchtet Johannes XXIII., der weitgehend unerwartet das Zweite Vatikanische Konzil (1962 bis 1965) anberaumte, mit dem die katholische Kirche einen Riesenschritt in die Gegenwart machte, sehr viel deutlicher – nicht auf den Fernsehbildschirmen, sondern in der Kirchengeschichte. Ohne sein Konzil keine Ökumene, keine Religionsfreiheit, keine Aufwertung der Laien in der Kirche. Hätten Johannes XXIII. und sein Konzil die medialen Möglichkeiten des späteren polnischen Papstes gehabt – sie wären diesem an Popularität überlegen, auch an theologischer Brisanz und in der weltweiten Wirkung sowieso. Deshalb darf es niemanden wundern, wenn Johannes XXIII. auch in Zukunft als Weichensteller in die Moderne gelten wird. Und sympathisch bescheiden ist auch: Anders als dem polnischen Papst war ihm jedes Getümmel um seine Person zutiefst verdächtig. Deshalb ist einer Aussprüche legendär und theologisch stilbildend geworden: „Johannes, nimm dich nicht so wichtig.“

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Lesermeinungen

Christlicher Geistheiler schrieb am 1. Mai 2014 um 11:21: "Es ist wichtig, dass ein Papst die Fähigkeit besitzt, Krankheiten zu heilen" Jetzt dachte ich immer, wenn man vom flotten Heinrich geplagt wird, wäre der Gang zum Onkel Doktor fällig. Jetzt muss man also zum Papst und dann noch entscheiden, welcher kirchlichen Strömung der angehören soll. ______________________________ Zitat: "Es ist z. B. richtig, gegen die "Homo-Ehe" und das Homo-Adoptionsrecht zu kämpfen. Man muss im Einklang mit der Natur leben." Darauf verstehen sich allerdings die Päpste wirklich, egal ob sie Reformer oder Bewahrer sind. Sie adeln den Schwulenhass, in dem sie ihn fälschlicherweise der Natur andichten.

Es ist wichtig, dass ein Papst die Fähigkeit besitzt, Krankheiten zu heilen - so wie Jesus. Es gibt verschiedene Berichte, dass Johannes Paul dies vermochte. Es ist aber zweifelhaft, ob durch Beten Krankheiten geheilt werden können. Vielmehr muss alles auf eine wissenschaftliche Basis gestellt werden, wie dies C. G. Jung versucht hat. Nur ein Mensch, der gesundheitsbewusst lebt, sich unegoistisch verhält und sich in jeder Hinsicht positiv weiterentwickelt, kann Wunderheilungen vollbringen. Es genügt nicht, Theologie zu studieren.
Im Übrigen ist es nicht unbedingt falsch, wenn ein Papst konservativ ist. Es ist z. B. richtig, gegen die "Homo-Ehe" und das Homo-Adoptionsrecht zu kämpfen. Man muss im Einklang mit der Natur leben.

Zwei Päpste – mit diametral entgegengesetzten Positionen!

Im Gegensatz zu Johannes XXIII., dessen Pontifikat für die kath. Kirche ein Segen war, muss man für die (sehr lange) Regierungszeit von Joh.Paul II. feststellen, dass seine Amtszeit für die innerkatholische Entwicklung ein Desaster darstellt.

Es ist Johannes XXIII. und kein anderer, welcher in einem kaum fünfjährigen Pontifikat eine neue Epoche in der Geschichte der katholischen Kirche einleitet. Der im mittelalterlichen gegenreformatorisch-antimodernen Paradigma eingemauerten Kirche eröffnet er gegen massiven kurialen Widerstand den Weg zur Erneuerung („aggiornamento) : zur zeitgerechten Verkündigung des Evangeliums, zur Verständigung mit den anderen christlichen Kirchen, zum Judentum und den anderen Weltreligionen.

Der Begriff der „Zeichen der Zeit“ wurde ein für das Konzil zentraler Begriff. Johannes XXIII. hatte ihn ins Spiel gebracht. Er verstand unter den „Zeichen der Zeit“ Hauptfaktoren einer Epoche und die sich daraus ergebenden Handlungsnotwendigkeiten. So sah er es zum Beispiel als „Zeichen der Zeit“ an, wie er in seiner Konzilseröffnungsrede darlegte, „die Substanz der alten Lehre des Glaubenssatzes von der Formulierung ihrer sprachlichen Einkleidung (zu) unterscheiden.“

In der päpstlichen Eröffnungsansprache kam überzeugend zum Ausdruck, wie Johannes XXIII. das Konzil auffasste und verstanden wissen wollte: als Versammlung in der Haltung der Offenheit, des Verstehenwollens und des Glaubens an die überzeugende Macht einer positiven Verkündigung der Wahrheit. Besonders fiel die Weisung auf, die wahre Lehre nicht durch Verdammungsurteile zu schützen, sondern durch positive Darlegung umso strahlender aufleuchten zu lassen.

Die kontroversen Auseinandersetzungen über die Ausgestaltung eines „Heute-Werden“ der Kirche begannen bereits während des Konzils und ziehen sich seit dieser Zeit wie ein „roter Faden“ durch die Kirchengeschichte der letzten fünfzig Jahre. Während die Skeptiker gegenüber einem „aggiornamento“ fürchten, dass das Auseinanderbrechen von Kirche, Glaube und Religion eine zunehmende und zerstörerische Tendenz entwickeln werde, berufen sich die Anhänger eines „aggiornamento“ auf das 2. Vatikanische Konzil, das die Kirche als eine „ecclesia semper reformanda“ bezeichnet.

Die katholische Kirche am Beginn des 3. Jahrtausends wird der Frage nicht ausweichen können, wie sie mit ihren Traditionen umzugehen gedenkt. Wollen wir diese Traditionen nicht einer veränderten Welt preisgeben, müssen wir sie mutig neu interpretieren. Bestehen wir auf bloßem Konservieren der spezifischen Lehr- und Lebensgestalt von Kirche aus einer bestimmten geschichtlichen Epoche, reduzieren wir uns selbst zur irrelevanten Sekte.

Es gilt, die normativen Zeugnisse der Selbstoffenbarung Gottes so auszulegen, dass diese auch im Hier und Heute zum Glaube finden und die Veränderung des Lebens und der Welt auf Gottes Herrschaft hin inspirieren können. Im Heute muss es gelingen, das damals im Geiste Gottes Gesagte und Gehandelte im Kontext des Selbst-, Welt- und Gottesverständnisses inspirierend und beziehungsreich zur Sprache zu bringen.

Sich Gottes Heute und Morgen zu stellen, macht es erforderlich, Überliefertes, Vertrautes und Gelerntes auch hinter sich lassen zu müssen, ohne jedoch die Erinnerung in Vergessenheit geraten zu lassen, in der Kirche sich ihrer Identität und Sendung immer wieder aufs Neue bewusst macht und machen muss.

Johannes XXIII. wusste, dass viel Altgewohntes auf der Strecke bleiben würde; dennoch war er beseelt von der Erkenntnis, dass die Fenster der Kirche weit geöffnet werden sollten, um den Startschuss für eine Runderneuerung der Kirche zu geben; oder, um es mit den Worten des Konzils zu sagen, die Kirche als eine „ecclesia semper reformanda“ zu verstehen.

Im Gegensatz zu Johannes Paul II. kann Johannes XXIII. wirklich als der größte Papst des 20. Jahrhunderts bezeichnet werden. Leider sind all seine Nachfolger von einer solchen Größe weit entfernt.

Während der Roncalli-Papst die Öffnung der Kirche zur Welt (aggiornamento) anstrebte, verfügte der poln. Papst, dass die Erinnerungen an das 2. Vatikanum sich nur als „innerkath. Betriebsunfall“ darstellen sollten.

Bereits unmittelbar nach dem Tode von Johannes Paul II. waren Rufe zu hören wie z.B. „Santo subito“ – „Sofort heilig“. Die Forderung nach einer Seligsprechung wurde vor allem von den frommen Erneuerungsbewegungen, wie z.B. den “Focolarini“ erhoben. Doch zunächst vorhandene Euphorie einer Heiligsprechung ist verebbt, seitdem bekannt geworden ist, dass Johannes Paul II. die Sexualverbrechen des Gründers der „Legionäre Christi“, Pater Marcial Maciel Degollado, stillschweigend geduldet hat.

Im Jahre 2000 hatte Kardinal Ratzinger, seinerzeit Vorsitzender der Glaubenskongregation, Informationen über die Sexualverbrechen von Maciel erhalten. Ratzinger unterrichtete den Papst, doch Johannes Paul II. lehnte jede Maßnahme gegen den klerikalen Sextäter ab.

Inzwischen ist nachgewiesen und anerkannt, dass Maciel mit mindestens zwei Frauen mindestens zwei Kinder zeugte und schon in frühen Jahren sich von etlichen seiner jungen Anhänger sexuell befriedigen ließ. Anschließend nahm Pater Maciel den jungen Opfern auch noch die Beichte ab.

Für die Verweigerung der Konzilkonzeption einer „ecclesia semper reformanda“ ist Johannes Paul II. verantwortlich. Diese von ihm zu verantwortende fatale innerkirchliche Fehlentwicklung jetzt auch noch mit der unverantwortlichen Entscheidung einer Heiligsprechung zu schmücken, ist ein unverantwortlicher Vorgang und wird den Kirchenaustritt vieler Menschen mit ihren Füßen nur noch weiter vorantreiben.

Sowohl aus Gründen der von Johannes Paul II. zu verantwortenden innerkirchlichen Rückwärtsbewegungen als auch der jetzt offiziell zutage geförderten Erkenntnisse, dass Johannes Paul II. die Sexualverbrechen Maciels verschwiegen und diesen persönlich vor gerichtlichen Verfolgungen geschützt hat, ist die Heiligsprechung von Johannes Paul II. ist ein fatal falsches Signal für all diejenigen Katholiken, die noch an eine „ecclesia semper reformanda“ glauben

Er trägt für die Zerschlagung der Befreiungstheologie und für die Ausbreitung der Pädophilieskandale insofern entscheidende Mitschuld, als er alles unterließ, um diese Verbrechen aufzuklären.

Mag er als „Außenpolitiker“ sehr wohl seine Verdienste am Untergang des Kommunismus haben. Jedoch trägt er – neben seinem Adjunkt Ratzinger (als Vorsitzender der Glaubenskongregation) – allein dafür die Verantwortung, dass die kath. Kirche sich heute in einem unaufhaltsamen Erosionsprozess befindet.

Fürwahr: Er ist kein Heiliger!

Wer glaubt, er könne durch geschicktes Austarieren von „Heiligen-Ernennungs-Prozeduren“ den Streit und Erosionsprozess innerhalb der kath. Kirche befrieden, unterliegt einem veritablen Irrtum. Der grundlegende Streit um die Erneuerung der Kirche wird weitergehen und die Gräben vertiefen – und zwar solange, bis der Papst endlich „Farbe bekennt“. Einen solch fulminanten Streit kann man nicht „moderieren“ – ein solcher Versuch endet nur in einer Beschleunigung des kirchlichen Zerfallsprozesses.

Ein solch grundlegender Streit kann nur durch die Einberufung eines Konzils gelöst werden. Der heutige Papst könnte mit der Einberufung desselben die Chance erhalten, als ein zweiter „Johannes XXIII.“ in die Kirchengeschichte einzugehen.

Paul Haverkamp, Lingen