Zu dritt in der Ehewohnung

Die Prothese abspülen, so viel Nähe wollte er nie. Trotzdem freut er sich über die Schwiegermutter

Stefan Moes, 57, mit Schwiegermutter Margarete, 103 Foto: Sophie Kirchner

Stefan Moes, 57:

Manchmal nähme ich Margarete am liebsten in den Arm. Aber das lässt sie nicht zu. Meine Schwiegermutter reicht mir höchs­tens die Hand, damit ich sie vom Sofa hochziehen kann. Wenn ich ihr morgens eine Decke über die Knie lege, vermeide ich jede Berührung.

Vor zehn Jahren verlor sie ihr Kurzzeitgedächtnis, schaffte ­ihren Haushalt nicht mehr. Meine Frau Annelore und ich sind zwar beide berufstätig, trotzdem nahmen wir Margarete kurz entschlossen zu uns. Seitdem lebt sie in unserer Dreieinhalbzimmer­wohnung: „Wie gut, dass ich mein Kind erst mit vierzig bekommen habe, sonst wäre ich im Altersheim – gemeinsam mit Annelore.“

Die beste Zeit ihres Lebens? War vor 80 Jahren

Margarete vergisst alles: Besucher, mit denen sie eben noch angeregt gesprochen hat, genauso wie die morgendliche Zeitungslektüre. Beim Blick auf das Datum erschrickt sie: „2014. Dann bin ich ja 103.“ Ihr Leben schrumpft auf wenige, immer wieder erzählte Begebenheiten zusammen. Der Tod des Vaters an der Ostfront 1914. Der Tod der Mutter, als sie neun war. Ihre beste Zeit als Buchhalterin in einem Baugeschäft in den dreißiger Jahren.

Stets aufs Neue stellt sie dieselben Fragen. Wir antworten geduldig – eine Nervenprobe. Aber der Hinweis „Das habe ich dir schon mehrmals gesagt“ wäre nicht nur sinnlos, sondern auch verletzend.

Denn ihr Geist ist wach. Als ich sie abends zum Essen in die Küche holen will, dröhnt die Tagesschau. Sie bemerkt mich gar nicht. Also schalte ich den Apparat aus. „Du behandelst mich wie eine Analphabetin“, beschwert sie sich. „Du hast selbst gesagt, das Schönste am Fernsehen ist der Aus-Knopf“, beschwichtige ich. „Aber nur, wenn ich selbst ausschalte“, kontert sie. Ich frage, was denn gelaufen ist, und komme mir ein wenig gemein vor. „Es ging um Grundrechte in der Türkei“, erklärt sie wie selbstverständlich. Minuten später hat sie den Vorfall vergessen.

Sie hasst es, als "niedliche Alte" behandelt zu werden

„In ihrem Alter darf sie vergesslich sein“, belehren uns ­manche. Aber das hilft weder ihr noch uns. Viele Besucher ver­fallen ihr ­gegenüber in eine erhöhte Tonlage, als sei sie beschränkt. ­Margarete hasst es, als „niedliche Alte“ behandelt zu werden.

Als ich sie einmal fragte, ob sie zur Toilette müsse, ant­wortete sie brüsk: „Diese Frage geht entschieden zu weit.“ Sie wusste nicht mehr, dass sie mich gebeten hatte, ihr beim Toilettengang zu ­helfen. Wenn meine Frau früh zur Arbeit muss und ich sie vertrete, fragt Margarete jedes Mal, ob ich denn weiß, wie ihre Strümpfe angezogen werden. Weil sie Hilfe braucht, lässt sie mich ganz nah an sich heran. Wir befinden uns in einem Ausnahmezustand, der besonderen Respekt erfordert: Indem ich ihr das Unterhemd so hinhalte, dass ich sie nicht nackt sehe, schütze ich nicht nur ihre Intimsphäre, sondern auch meine Schamgrenze. Vergesslichkeit ist auch eine Gnade, denke ich dann.

„Ja, die Alten werden wieder wie Kinder“, hören wir, wenn wir von der Belastung durch die ständige Fürsorge erzählen. Doch so abhängig Margarete ist: Sie ist erwachsen und will als Er­wachsene behandelt werden. Das vergisst sie nicht. Ehe sie sich bevormunden lässt, verbringt sie den Tag im Bademantel, um auf ihre Tochter zu warten. Ihr vertraut sie bedingungslos.

Das Gebiss liegt neben den Croissant-Resten

Vor wenigen Tagen fand ich in der Küche ihre Zähne neben den Resten eines Croissants. „Wie peinlich“, mit einer Hand verbarg Margarete ihren Mund. Bisher legte sie Wert darauf, ihr ­Gebiss zu tragen. Ich spülte die Prothese ab, mit spitzen Fingern, widerwillig: So nah wollte ich ihr nie kommen. Dann setzte ­Margarete die Zähne in meiner Gegenwart ein. Früher hätte sie mich hinausgeschickt.

Seit einiger Zeit verliert sie auf den wenigen Metern vom Bad in die Küche die Orientierung. Sie isst und trinkt kaum noch. ­Die Kraft lässt nach. Vielleicht wird sie bettlägerig. Davor fürchten wir uns.

Noch verbringt sie ihre Tage auf dem Sofa, träumt von den Menschen, die sie überlebt hat: ihren Mann, ihre Geschwister, die Freundinnen. „Alle müssen sterben.“ „Du nicht“, scherze ich. „Doch, ich auch. Aber ich will noch nicht. Ich will noch bei ­Annelore bleiben.“ In solchen Momenten möchte ich sie in den Arm nehmen.

 

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