Hamburg St. Pauli: Afrikaner finden Schutz in der Gemeinde

Wovor flieht der Mensch?
Und kann er dann einfach zu uns? Der St.-Pauli-Pastor und der Chef des Bundesamts für Flüchtlinge gleichen ihre Perspektiven ab

©Axel Martens

Manfred Schmidt

Manfred Schmidt leitet seit 2010 das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge in Nürnberg, das bundesweit für Asylverfahren und Integrationsförderung zuständig ist. Der gebürtige Frankfurter und promovierte Jurist hatte zuvor zwei Jahrzehnte im Bundesinnen­ministerium gearbeitet, zuletzt leitete er dort die Abteilung für ­Krisenmanagement und Bevölkerungsschutz.

Sieghard Wilm

Sieghard Wilm, 1965 geboren, ist seit 2002 Pastor der St.-Pauli-Kirche in ­Hamburg. Er wuchs in Schleswig-Holstein auf, studierte Theologie und Ethnologie in Heidelberg, Accra/Ghana und Hamburg.

chrismon: Herr Wilm, Ihre Gemeinde hat seit Juni achtzig afrikanische Flüchtlinge beherbergt, die aus Italien kamen.

Wilm: Ich hatte in der Zeitung gelesen, dass Kirche und Senat über eine Gruppenunterkunft für afrikanische Flüchtlinge ­verhandeln. Später die Meldung: Verhandlung abgebrochen. Dann standen die ersten bei mir vor der Tür. Draußen 14 Grad, regnerisch. Sie wollten campieren. Aber St. Pauli ist ein unruhiger Stadtteil. Da haben wir natürlich die Kirche geöffnet.

Herr Schmidt, was ging Ihnen damals durch den Kopf?

Schmidt: Als Erstes: Jetzt gibt’s ein Problem. Für die Gemeinde, und für den Senat, die Stadt, die auch an einer Lösung arbeitete.
Wilm: Das Problem ist ja nicht durch unsere Entscheidung entstanden. Es war vorher da. Die Menschen waren auf der Straße.
Schmidt: Ja, sie waren da, sie hatten einen Aufenthaltstitel der italienischen Behörden und durften damit für drei Monate nach Deutschland.
Wilm: Wir haben nur gesehen: Die Leute sind durchnässt, hatten Hautkrankheiten, Lungenentzündung.
Schmidt: Ich sehe das natürlich aus einem anderen Blickwinkel, eher auf die Republik bezogen, auf das System der europäischen Zusammenarbeit im Asylbereich.
Wilm: Ich finde es schwierig, wenn jemand in den Menschen nur Probleme sieht oder Fälle.


Schmidt: Nicht der Flüchtling ist das Problem, auch die humani­täre Hilfe nicht. Es ist ja auch humanitäre Hilfe, dass meine Behörde im Moment 10 000 syrische Flüchtlinge nach Deutschland bringt. Wenn es aber keine Flüchtlinge im Sinn der Genfer Flüchtlingskonvention sind, nicht politisch verfolgt, was dann?
Wilm: Ich kann doch nicht, bevor ich jemandem helfe, über­prüfen, wie sein rechtlicher Status ist. Das Erste, was ich sehe, ist ein Vertriebener, denn das sind sie ja: Vertriebene. Habe ich das richtig verstanden? Italien hat gesagt: Ihr sollt das Land verlassen.
Schmidt: Soweit wir wissen, hat Italien dort anerkannten Flüchtlingen Geld gegeben, damit sie das Land Richtung Norden ver­lassen. Auch Italien ist Mitglied der EU. Die Richtlinien des europäischen Asylsystems sind auch von Italien unterschrieben.
Wilm: Wie kann das denn geschehen? Das ist doch ein Verstoß gegen die Pflicht, die dieser Staat übernommen hat.
Schmidt: Die italienische Verwaltung im Asylbereich ist anders organisiert als unsere. Es gibt dort viele Aufnahmezentren, die nur zur Hälfte belegt sind. In Italien kann sich der Flüchtling niederlassen, wo er möchte. So gehen die Flüchtlinge oft in die gro­ßen Zentren, dorthin, wo andere sind, die ihre Sprache sprechen. Die Unterstützung, die für sie vorgesehen ist, kann oft gar nicht bei ihnen ankommen.
Wilm: Die Menschenrechtsorganisationen schildern katastrophale Situationen in einigen italienischen Lagern. Nun sind die Leute hier gestrandet und sagen: Wir konnten dort nicht mehr leben. Dass sie grundsätzlich schutzbedürftig sind, scheint ja ­anerkannt zu sein.
Schmidt: Die Schutzbedürftigkeit ist von der italienischen Verwaltung anerkannt, genau. Der italienische Staat ist zuständig. ­
So ist das im Dublin-Verfahren. In dem Moment, in dem der Flüchtling hier dann seine Identität preisgibt, stellt sich die Frage, was jetzt mit ihm passiert. Wird er zurück nach Italien gebracht, nach Ungarn, Frankreich? Denn zuständig ist das Erstaufnahmeland.
Wilm: In Ungarn und Griechenland herrschen furchtbare Be­dingungen. Dahin wird niemand zurückgeschickt, da gibt es ­Gerichtsurteile. Und für Italien gibt es die auch schon.

Werden formalrechtliche Fragen am Ende das einzige Kriterium dafür sein, ob die Flüchtlinge bleiben können oder nicht?

Schmidt: Wir müssen den Flüchtlingsbegriff definieren. Der von Herrn Wilm kommt aus der Kirche, aus dem Glauben. Meiner ist definiert durch die Genfer Flüchtlingskonvention...
Wilm: Das sind doch anerkannte Flüchtlinge, oder?
Schmidt: Anerkannte Flüchtlinge, ja, für die ein anderer Mitgliedstaat zuständig ist. Nicht wir.
Wilm: Das wollen wir auch, dass Gesetze eingehalten werden. Aber es gibt doch eine Solidarpflicht der anderen Länder in der EU, wenn ein Land mit seinen Aufgaben überlastet ist.
Schmidt: Diese Überlastung sehen wir in Italien nicht.

Lesermeinungen

Vor Gott sind wir alle gleich, ohne Ausnahme. Es Menschelt hier im Ganzen einfach zu sehr. mfg G.

Ein Extrem:
Ein Pfarrer auf der Kanzel: "Alle Menschen sind Brüder! Unser Haus ist offen!"
Dann kommt die 14 jährige Tochter mit einem ungelernten Bootsflüchtling, der als die große Liebe vorgestellt wird, nach Hause.
Wie offen ist dann noch das Haus? Antwort des Vaters:
"Liebe Tochter, muß das wirklich sein?"

Das "Hohe Lied" der Nächstenliebe klingt immer ganz anders, wenn jemand im Chor eine andere Melodie singt oder singen könnte.

Dabei ist die weltweite Flüchtlingsproblematik nur ein Teilaspekt. Wesentlich problematischer ist, dass uns von der Gesellschaft, maßgeblich unterstützt und gepusht von den Medien, neue Maßstäbe und Normalitäten übergestülpt werden. Jüngstes Beispiel ist "die Wurst" die den Schlagerwettbewerb gewonnen hat.

Zurück zur Frage:
"Wovor flieht der Mensch?" Ist das nur im übertragenen Sinn gemeint, wie so häufig von der Kanzel gehört, oder ist es die Flucht vor der Bedrohung von Leib und Leben?

Fliehen im übertragenen Sinn wirklich alle und alle sind ja gemeint? Ich fliehe nicht, und ich kenne auch niemand, der flieht. Allenfalls bedauere ich und möchte ich fliehen vor meinen schlechten Eigenschaften. Vor denen ich aber nicht fliehen kann, geschweige denn kann ich sie ablegen sondern nur ablehnen.

Aber alle Anderen, die nicht nur im Geiste fliehen sondern auch aus der Not heraus, die haben wahrlich die Hilfe nötig. Die Ursachen in den Heimatländern können wir nicht beeinflussen, es sei denn mit Krieg. Alle hierher holen, die ihr mühselig und beladen seid, ist hochwohllöblich, kann aber das generelle Problem auch nicht lösen. Es käme ja sofort ein weiteres eingewandertes Problem hinzu. Kämen alle nach Europa, sie würden innerhalb einer Generation die Mehrheit bilden. Es wäre vorbei mit unserer Kultur, mit unseren Werten, mit unserem Wohlstand, mit unserem Frieden und auch unsere Religionsfreiheit stünde in einem anderen Licht. Denn gravierende kulturelle Unterschiede haben schon immer zu "Handgreiflichkeiten" geführt. Zu hoffen, dass Multikulti ein verläßliches Ziel ist, ist fahrlässig. Denn diese Hoffnung baut darauf, dass alle guten Willens sind. Und das ist ja wohl in Anbetracht der unausrottbaren menschlichen Schwächen pure Illusion.

Was bleibt, ist das Hohe Lied der christlichen Nächstensliebe, deren Klang uns in den vergangenen Jahrhunderten so gut getan hat. Was kommt, kann auch allein mit diesem Klang nicht mehr komponiert werden.

luxlimbus schrieb am 14. April 2014 um 18:59: "das Verdrängen der (bio-)deutschen Bevölkerung auf ihrem eigenen Grund und Boden." Na das interessiert mich aber, lieber Herr luxlimbus! Welcher original biodeutsche Grund- und Bodenbesitzer wurde durch welche finstere Machenschaft von Flüchtlingen von seiner ihm ans deutsche Herzblut gewachsenen Scholle vertrieben?

Sie nennen eine Sache "Asyl", welche ihre tatsächliche Attraktivität einzig aus der (fragwürdigen) Entscheidung, ein ewiges (!) Bleibe- sowie Nachzugsrecht ganz automatisch mit zu erhalten, gewinnt.

Asyl hieße jemanden einen temporären Schutz vor einer Ausnahmeentwicklung in seinem angestammten Handlungs-, Entscheidungs- und Einflußgebiete zu gewähren. Damit gibt man sich, die derzeitigen Kirchenleitungen, wie auch die vermeintlich Begünstigten, jedoch nicht zufrieden.

So betreibt man eine Politik der "unfreundlichen" Ansiedlung - das Durchsetzen vordemokratischer Siedlungspolitik nun im 21. Jahrhundert: das Verdrängen der (bio-)deutschen Bevölkerung auf ihrem eigenen Grund und Boden.

Letzteres ist ein weit größeres Unrecht, als eine anhand biblischer Dimensionen, einer von der III.-Welt (plus 5 Milliarden zusätzlicher Menschen / Albert Einsteins Prophezeiung einer Bevölkerungsbombe) selbst verursachten Bevölkerungsexpolsion die Hilfe, aus allein numerischen Gründen wie sowohl eines legitimen Willen zum Selbsterhalt, zu verweigern.

Hier gibt es nur einen wichtigen Grund, und zwar ist es die schon erwähnte Vertreibung. Gewalt und Unterdrückung verweigern den Menschen Entwicklungs- und damit auch Lebenschancen. Die globale Politik muss sich diesem Thema zuwenden, ob sie will, oder nicht, und es ist nicht der Wohlstand, um den es in erster Linie geht. Die Menschen, die als Flüchtlinge gekommen sind, haben diesen Weg gewählt, weil sie keine bessere Antwort auf den politischen Missstand, sowohl in Ihren eigenen, als auch den Ländern, in denen sie Hilfe suchen, finden, als die Flucht. Die biblische Speisung der Massen dürfte hier zum zentralen politischen Thema geworden sein. Grenzenloses Europa, globale Wirtschaft und Völkermigration hängen unmittelbar zusammen. Die Erhöhung der Politikerdiäten klingt dagegen wie eine Konditionierung unter Laborbedingugen, oder die Verweigerung zu Sehen.

Wenn das alles kein Problem der Zahl, sondern nur eine Frage des guten Willens ist, warum nimmt Amtsleiter Schmidt "so viele..., wie als Flüchtlinge ... kommen", nicht einfach in seinem Haus auf?

Rudolf Mühlstrasser

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