Witze machen am Altar?

Die Religion braucht den Humor, finden der Opernsänger und der Kabarettist – denn ohne Lachen gibt es keine Erlösung

Jörg Gläscher

Gunther Emmerlich

Gunther Emmerlich, Jahrgang 1944, ist Opernsänger und Entertainer. 20 Jahre lang war er Ensemblemitglied der Semperoper Dresden. Als Bass hat er vielen Figuren aus der Musikgeschichte seine Stimme geliehen, darunter Sarastro und Osmin aus berühmten Mozart-Opern. Der Jazzliebhaber ist Träger des Bundesverdienstkreuzes und Ehren­bürger seiner Heimatstadt Eisenberg. Er lebt in Dresden. Foto: Jörg Gläscher

Lars Reichow

Lars Reichow, geboren 1964, ist Radio- und Fernsehmoderator, Kabarettist und Entertainer und gilt als der Vielseitigste unter den Comedians. Für seine Programme wurde er mit über zehn Kabarettpreisen ausgezeichnet, darunter dem „Deutschen Kleinkunstpreis“, dem „Kulturpreis NRW“ und dem „Berliner Kabarettpreis“. Im Oktober feiert er mit seinem Programm „Freiheit“ in seinem Wohnort Mainz Premiere. Foto: Jörg Gläscher

chrismon: Wie viel Humor verträgt die Religion?

Gunther Emmerlich: Eine ganze Menge! Ich habe fast 700 Mal den Milchmann Tevje aus „Anatevka“ gegeben und mir an dieser Rolle fast schon die Nase krumm gespielt (lacht). Dadurch habe ich ein inniges Verhältnis zum jiddischen Humor entwickelt. Das ist ein ungeheuer sympathischer Humor, weil diejenigen, die Gebrauch von ihm machen, die Gabe haben, über sich selbst zu lachen. Ich kenne keinen Polizistenwitz, den sich die Polizei selbst ausgedacht hat. Religion und Humor schließen sich also nicht aus. Wir hatten auch mal einen Pfarrer bei uns in Dresden auf dem Weißen Hirschen, Andreas Beuchel. Der begann den Gottesdienst sehr oft mit einem Witz oder einer humorigen Geschichte. Und es passte immer.

Lars Reichow: Jede Religion muss ihre hohen Ansprüche immer wieder mit dem kleinen Menschen ins Verhältnis setzen – und dieser kleine Mensch fehlt und sündigt ja immerzu. Deswegen braucht er auch ganz nötig Humor, um sich aus dieser ausweglosen Situation herauszuarbeiten.

Die Reformatoren um Martin Luther haben schon vor 500 Jahren mit Karikaturen gearbeitet; eine zeigte den Papst in Gestalt eines Esels. Muss man, wenn man das Tradierte infrage stellen will, auch zu Mitteln des geschmacklosen Humors greifen?

Emmerlich: Das war nicht geschmacklos. Wir nennen uns Protestanten, und dann will ich auch ab und an den Protest sehen. Auch wenn die römische Kurie es sicher als frevelhaft empfand.

Reichow: Manche Menschen sind schon beleidigt, wenn Jesus oder Gott personifiziert werden. Ich habe mal ein Lied für den Bundesligaverein Mainz 05 geschrieben, darin kam die Zeile vor: „Im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Rasens.“ Ein Riesenaufschrei! Ich wurde sogar zu einem Klärungsgespräch mit Kardinal Lehmann eingeladen, habe diese Zeile aber nicht zurückgenommen. Das konnte ich nicht, weil es in der Welt, in der ich lebe, Menschen gibt, die so empfinden. Sobald Religion zum Thema von Humor wird, sind Empfindlichkeiten programmiert. Damals, zu Luthers Zeiten, allemal, heute aber auch noch.

Emmerlich: Mir sind ein paar Dinge heilig, auch wenn ich das anderen nicht vorschreiben kann. Mit der Aktion von Pussy Riot in der Moskauer Christ-Erlöser-Kathedrale konnte ich mich zum
Beispiel nicht anfreunden: Inhaltlich war das wunderbar, musi­kalisch war es schon nicht mehr so toll – und der Ort hätte ein anderer sein müssen. Ich muss Respekt walten lassen vor der ­Seligkeit der anderen, für die eine Kirche ein heiliger Ort ist.

Reichow: Wenn wir über Religion und Humor reden, müssen wir aber auch mal schauen, was jenseits dieses Humorbereiches so passiert. Im Privatfernsehen ist alles erlaubt, bis hin zur Demütigung von Menschen. Die einen leisten sich alles und rühren schamlos in abartigsten Regionen herum, die anderen machen es mit Niveau. Je intellektueller der Humor ist, desto weniger Menschen erreicht er – leider.

Information

Luthers Kirche – Cranachs Werke


In der Stadtkirche zu Wittenberg hat Martin Luther die erste protestantische Predigt gehalten. Als Schirmherr der Kampagne zur Generalsanierung der Stadtkirche bittet Gunther Emmerlich um Spenden, damit die Mutterkirche der Reformation und die Werke von Lucas Cranach im Re­formationsjahr 2017 neu erstrahlen.

Bankverbindung: Kreiskirchenamt Wittenberg, KD Bank Dortmund ­
Kontonummer: 1551748010
BLZ: 35060190
SWIFT/BIC: ­GENODED1DKD
IBAN: DE91350601901551748010
Stichwort chrismon/Sanierung Stadtkirche WB RT56.

Für eine Spendenquittung bitte die eigene Anschrift im Betrefffeld angeben. Mehr Infos unter stadtkirchengemeinde-wittenberg.de/de/stadtkirche/generalsanierung-2017

Lesermeinungen

Martin Luther ging um die Ecke. Was fehlt?

Kathetina von Bora

Man will es Jesus mal so richtig zeigen. Eine Falle stellen, aus der dieser beredete Mann nicht mehr rauskommt. Endweder haben ihn die Frommen am Kanthaken oder die Römer. Soll ein frommer Jude dem Kaiser Steuern zahlen oder nicht? Im Hintergrund gespannte Aufmerksamkeit. Wie will Jesus sich aus dieser Situation befreien?
Er stellt sich dumm. "Zeigt mir eine solche Münze!"
Hm, die Frommen dürften, so wie sie Jesus festnageln wollen, eine solche Münze gar nicht haben. Haben sie aber! Mit dem Bild vom Kaiser, der sich für Gott hält - und von dem soll man doch keine Bilder anfertigen...
"Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist und Gott, was Gottes ist..."
Schweigen, dann im Hintergrund leises Lachen! Genial! Er hat es wieder mal geschafft! Wenn die doch sowieso schon die Münze haben, sollen sie doch die Steuer auch zahlen! Und Gott geführt die Ehre! Ist sie nicht viel mehr wert als diese blöde Münze? Gott braucht keine Münzen...
"Du, hast Du schon gehört? Denen hat er es wieder mal gegeben! Richtig gut!"
Wie lange mag man darüber gelacht haben!
Subversiv: Über den Kaiser.
Über die religiöse Führung, die die Form wahrt, aber ihren Glauben verrät.
Erleichtert über Jesus, dass er es wieder geschafft hat.
Und was machten die Protestanten daraus? Eine ganze Staatskirchenlehre, knochentrocken, irgendwie auch lächerlich, aber mit schlimmen Folgen etwa im "Dritten Reich".
Wenn Kirche mehr mit der Frechheit Jesu, seinem Wortwitz und seinem Humor rechnen würde, würde sie ihn in der Bibel auch entdecken - und sie könnte ihn weitergeben. Und lachen. Auch am Altar.

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