Wenn es wehtut . . .

. . . kann man das dann einfach wegdenken? Die Kickboxerin und der Neurologe über gebrochene Nasen und das Schmerzgedächtnis

Foto: Stephanie Füssenich

Christine Theiss

Dr. Christine Theiss, 34, ist promovierte Medizinerin – und Vollkontakt-Kickboxerin. Im Dezember kämpfte sie zum letzten Mal und verließ den Ring als Weltmeisterin. Von 40 Kämpfen verlor sie nur einen. ­Derzeit moderiert sie für Sat.1 die Abnehmshow „The Biggest Loser“. Christine Theiss ist verheiratet und lebt in München.

Thomas R. Tölle

Prof. Dr. med. Dr. rer. nat. Thomas R. Tölle, 55, ist Neurologe und Psychologe. Als Leiter des Zentrums für Interdisziplinäre Schmerzmedizin am Klinikum rechts der Isar der Technischen Universität München behandelt er Menschen mit chronischen Schmerzen. Tölle ist Präsident der Deutschen Schmerzgesellschaft e. V. Er ist verheiratet, hat zwei Kinder und ­lebt in München.

chrismon: Haben Sie mal richtig schlimme Schmerzen gehabt?

Christine Theiss:
So richtig, richtig, richtig schlimm?

Ja.

Theiss:
Migräne nervt. Aber richtig schlimm...

Thomas R. Tölle: Wenn Sie sich nicht erinnern können, kann es nicht dramatisch gewesen sein.

Theiss: Ich bin jemand, der das gut verdrängen kann. Wenn man sich den Kofferraumdeckel auf die Hand haut, tut das schon sehr weh. Erst kommt der Schmerz, dann ist es, als würde das Herz kurz stehen bleiben, und dann kommt so eine warme Wolke, die durch den Körper fließt. Aber dann schüttele ich mich und mache weiter. Ich habe Gott sei Dank keine chronischen Schmerzen, die haben eine ganz andere Qualität.

Tölle: Ich hatte mal einen Bandscheibenvorfall. Der war so heftig, dass ich operiert werden musste. Daher kann ich mir vorstellen, wie es manchen meiner Patienten gehen muss. Ich glaube ja, dass Menschen wie Sie, Frau Theiss, anders mit Schmerz umgehen.

Theiss: Bestimmt. Selbst wenn man mir im Weltmeisterschafts-kampf den Kopf runtergerissen hätte – ich hätte in dem Moment keine Schmerzen gehabt. Man ist so voller Adrenalin, dass man nichts spürt. Erst nachdem ich geschlafen hatte, habe ich die ­Wehwehchen wahrgenommen.

Was waren das für Verletzungen?

Theiss:
Meistens Prellungen. Im Laufe der Jahre hat sich mein Körper enorm angepasst an Schmerzen. Letztes Jahr habe ich Schläge und Tritte locker weggesteckt, wo ich vor fünf Jahren meinem Trainingspartner gesagt hätte: Sag mal, spinnst du, willst du mich umbringen?!

Herr Tölle, kann man sich an Schmerzen gewöhnen?

Tölle:
Ja und nein. Menschen haben unterschiedliche Schwellen; für Schmerz, Wärme, Kälte, das ist alles messbar. Unabhängig davon stellen Sie sich mal vor: Zehn mal fünf Minuten ein Hitzeschmerz am Unterarm, den jeder aushalten kann, führen dazu, dass sich die Anatomie des Gehirns ändert. Manche Menschen können einen wiederholten Schmerzreiz immer besser aushalten. Andere – wahrscheinlich sind sie genetisch anders ausgestattet – empfinden ihn als immer unangenehmer. Das Schmerzgedächtnis bildet sich schnell aus. 

Theiss: Es kommt auch darauf an, ob man Schmerz positiv oder negativ verknüpft: Wenn ich in einen WM-Kampf gehe, weiß ich, dass es wehtun wird. Einmal habe ich mir kurz vor einem Kampf die Nase gebrochen. Natürlich brach sie im Ring wieder. Ich habe es gehört und gedacht: Ah, jetzt ist es passiert, weiter geht’s.

Sie haben es nicht gespürt, Sie haben es gehört?

Theiss:
Ja, es klingt so, wie wenn einer mit den Fingern schnipst.

Tölle: Gibt es für Sie im Kampf Situationen, in denen Sie merken: Heute bin ich mental nicht in Form, heute kann es mehr wehtun?

Theiss: Na, die gibt es sicherlich, wenn man sehr oft kämpft, aber als Profi hatte ich nur drei Kämpfe im Jahr, auf die habe ich mich monatelang vorbereitet. Im Juni 2013 hatte ich meine einzige Niederlage überhaupt, da habe ich in der fünften Runde einen Schwinger nicht kommen sehen. Ich bin fast k. o. gegangen. Die verbleibenden fünf Runden habe ich zugesehen, dass ich irgendwie auf den Beinen bleibe. Medizinisch nicht schlau, aber mental war es wichtig, dass ich das durchziehe. Ich fühlte mich, als hätte jemand die Jalousien runtergelassen, so wie wenn man sehr betrunken ist. Schmerzen hatte ich nicht.

Tölle: Unsere Patienten könnten sicherlich von Ihnen lernen. Grundsätzlich versuchen die ja, jeden Schmerz zu vermeiden, sie würden sich dem nie aktiv aussetzen.

Theiss: Aber vielleicht ist es das.

Tölle: Was?

Theiss: Dass man die ganze Zeit versucht, es zu vermeiden. Ist natürlich schlau dahergeredet, weil mein Schmerz mit Hobby und Beruf verbunden war. Aber ich meine: Dinge, die man nicht ändern kann, soll man gern machen. Es ist schwierig, jemandem zu sagen, dass man Schmerz gernhaben soll, aber wenn ich große Angst vor dem Zahnarztbesuch habe, sind das ganz schlimme Schmerzen. Seitdem ich mich auf den Zahnarzt freue, weil ich ihn sympathisch finde, ist das für mich nicht mehr schlimm.

Sie nehmen sich das aktiv vor?

Theiss:
Ja, schon.
 

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