Was will ich eigentlich?

Familie? Zwei Kinder? Nix für mich, sagt die Weltreisende Meike Winnemuth. Und der Rocksänger Henning Wehland träumt davon, Bürgermeister von Münster zu werden

Fotos: Urban Zintel

Henning Wehland

Henning Wehland, Jahrgang 1972, ist Rockmusiker. Derzeit tourt er mit den „Söhnen Manheims“ (www.soehne-mannheims.de) durch Deutschland und singt auf deren neuer CD „ElyZion“. Wehland gründete als Schüler die Band H-Blockx, deren Frontman er bis heute ist. Mit Lena Meyer-Landrut und Tim Bendzko bildet er die Jury bei der Cas­ting Show „The Voice Kids“. Wehland lebt mit seiner Frau in Berlin.

Meike Winnemuth

Meike Winnemuth, Jahrgang 1960, ist freie Journalistin und schrieb über ihre einjährige Weltreise den Bestseller „Das große Los. Wie ich bei Günther Jauch eine halbe Million gewann und einfach losfuhr“ (Knaus). Seit Januar macht sie einen weiteren Selbstversuch: Jeden Monat in einer anderen deutschen Stadt, nachzulesen auf www.zurueckauflos.com. Wenn sie nicht reist, lebt sie in Hamburg und München.

chrismon: Wohin würden Sie sich gerade am liebsten träumen?

Meike Winnemuth: Nach Sydney, weil da Sommer ist.

Henning Wehland: Ein Traum für meine Frau und mich waren die letzten Monate in Venice bei Los Angeles, einem Ort, wo man mit der Sonne aufsteht und mit der Sonne ins Bett geht. Um durchschlafen zu können, ohne nachts durch eine unerfindliche Existenzangst aufzuwachen. Das habe ich jetzt zum ersten Mal seit langem gehabt.

Winnemuth: Existenzangst? Sie sind so lange schon mit so ­unterschiedlichen Projekten erfolgreich, Sie haben 500 Beine, auf denen Sie stehen – wieso zum Teufel haben Sie Existenzangst?

Wehland: Zum einen habe ich eben wegen meiner Existenzangst diese 500 Beine. Und zum andern bin ich in Dingen, die mich wirklich beschäftigen, oft maßlos und dann auch noch schlecht organisiert. So viel Geld, wie ich verdient habe, habe ich auch schon wieder verloren.

Angst haben Sie wohl gar nicht, Frau Winnemuth? Sie sind ­immerhin ganz allein ein Jahr um die Welt gereist.

Winnemuth:
Ich habe jedenfalls keine klassischen Ängste. Ich denke immer, mir kann nichts passieren, vielleicht passiert mir deshalb auch nichts.

Wehland: Das ist mein Traum: angstfrei zu sein. Ich kenne ein, zwei Menschen, die angstfrei zu sein scheinen – und das imponiert mir sehr.

Winnemuth: Angst, die Erwartungen der anderen nicht erfüllen zu können? Ich glaube, das ist eine der schlimmsten Ängste, mit denen wir umzugehen haben.

Hoerprobe Meike Winnemuth - Das große Los. Quelle: http://www.randomhouse.de/Hoerbuch/Das-grosse-Los/Meike-Winnemuth/e433286.rhd

Hoerbeispiel Soehne Mannheims.Ausschnitte aus der CD Elyzion. Mit freundlicher Genehmigung des Verleihs www.soehne-mannheims.de


In Ihrem Buch, Frau Winnemuth, gibt es eine Stelle – da sind Sie gerade an einem Traumstrand auf Hawaii –, an der Sie sich ­fragen: Was will ich eigentlich vom Leben? Mussten Sie für ­diese Frage wirklich um die ganze Welt fahren?

Winnemuth:
Natürlich nicht. Aber auf der anderen Seite der Erde schaut man sein Leben mit einer großen Distanz an, quasi mit ausgestreckten Armen, so wie alte Männer Zeitung lesen. Und es ist leichter, sich über so grundsätzliche Dinge Gedanken zu machen, wenn man weit weg ist von denen.

Welche grundsätzlichen Fragen beschäftigen Ihre Leser?

Winnemuth:
Vermutlich dieselben wie mich: Was würde ich tun, wenn ich jede Minute selbst entscheiden dürfte? Diese Form der Freiheit hat ja keiner von uns mehr drauf, ich musste die auch erst mal wieder lernen. Eine wichtige Frage ist: Was will eigentlich ich? Im Unterschied zu: Was soll ich wollen? Lebensträume sind ja oft von der Stange: ein Haus, eine Ehe, zwei Kinder, einen Flachbildschirm. Das gilt natürlich auch für Weltreisen oder für den Traum, ein Star zu sein – das ist Konfektionsware. Man muss sich immer fragen: Was ist wirklich mein Traum?

Ganz schön viel „ich“. Es gibt ja auch Leute, die träumen von einer besseren Welt. Für mich und für dich...

Winnemuth:
Die gibt es. Aber auch die müssen sich erst mal über ihre Träume klar werden. Das ist immer der erste Schritt.

Lesermeinungen

Ich möchte all die guten Eigenschaften haben, die meine Frau hat, damit ich zusammen mit meinen bisherigen Eigenschaften das mir mögliche Optimum erreichen kann. Dann würden sich alle anderen Wünsche leichter erfüllen lassen.

Was wir wollen...kann zu jeder Lebensphase etwas anderes sein. Auch bei mir war das mal die Weltreise - ich hab sie gemacht, zumindest zum Teil (die Welt ist groß!), mit meiner 1. Liebe zusammen, gleich 2 x hintereinander, 6 Monate ... weil wir hier nicht sein wollten, mit 40-Std.-Woche und dem "kleinkarierten Kram"... Dann war es ein Kraftakt, der ein paar Jahre benötigte, hier wieder seßhaft zu werden. Das Reisen blieb uns beiden im Blut - er hat es besser ausleben können, denn ich hatte in der 2. Ehe dann Kinder. Und die binden einen schon eher an den Ort. Aber dieses Glück wollte ich auch nicht eintauschen. Irgendwann mal möchte man ein bißchen Wohlstand - schon um die Existenzängste nicht kriegen zu müssen! Und tut u.U. Einiges dafür...Ich habe mich mit 40 Jahren noch mal komplett umorientiert, und kann jetzt die Aussage eines Vaters unterstützen, der seinem Sohn zum Thema "Was soll ich werden" sagt: Finde etwas, das du wirklich liebst, dann musst du keinen Tag in deinem Leben arbeiten...Klasse, oder? Was will ich jetzt, mit Ende 50? Frieden stiften, Menschlichkeit zeigen, anderen behilflich sein, Tiefe erfahren - bei mir und bei Anderen, besser oder gründlicher lieben...Mit anderen Worten: Das Leben erfahren und GENIESSEN! Und natürlich hin und wieder reisen...denn ich mag, wie ich besonders woanders bin ... neugierig auf Mensch und Alles!

Wir (Caro & Martin) haben dieses nette Interview an unsere Facebook Chronik gepostet bekommen und müssen eingestehen, dass wir von Frau Winnemuth vorher noch nichs gehört haben.

Wir haben uns letztes Jahr spontan dazu entschlossen auf Weltreise zu gehen. Familie, Kollegen und Freunde fanden dies mutig, für uns war das nach den ersten Überlegungen und Planungen - eigentlich je mehr man damit beschäftigt war, normal. Für eine Weltreise braucht es keinen Lotto Gewinn. Trotzdem benötigt man Geld. Teils hatten wir etwas angespart, teils geliehen. Das muss bei der Rückkehr wieder zurück bezahlt werden. Wir hätten viele Ideen für andere Reise-Projekte. Aber wir müssen nunmal wieder Geld verdienen gehen. Das ist einfach ein Faktor den man nicht unterschätzen sollte.

Wir bereisten Länder in denen ist für die Menschen so etwas wie eine Weltreise finanziell genauso weit entfernt ist wie das Thema der Selbstverwirklichung. Jeder ist seines Glückes Schmied trifft da leider nicht zu. Es kommt darauf an wo man auf diesem Planeten und in welchen Verhältnissen man geboren und aufgewachsen ist.

Wir haben uns übrigens vor kurzem aus Spaß mal ausgerechnet was wir ganz eigennützig mit den 27,2 Millionen Euro, die Herr Hoeneß hinterzogen hat, alles machen könnten. Dafür könnten wir z.B. 1.813 auf Weltreise gehen oder 18.888.888 Millionen Suppen in Angkor Wat löffeln. Ach, das wäre schön :-)

Mittlerweile haben wir aber auch Heimweh und freuen uns auf zu Hause. Wenn wir wieder zu Hause sind müssen wir erstmal schauen wo wir bleiben. Dann stellt sich wohl direkt wieder das Gefühl des Fernweh ein. Gerne würden wir uns dann wohl ins nächste Abenteuer stürzen, aber das muss dann erstmal warten.

Was wir eigentlich wollen? Das wissen wir trotz Weltreise nicht. Wir wissen aber was wir nicht wollen. Und das sind 60 Stunden pro Woche auf der Arbeit verbringen, das Leben zu verpassen, um dann mit 70 festzustellen, dass man sein Leben mit Dingen vergeudet hat die man gar nicht machen wollte. Desshalb steht auch bei uns Selbstverwirklichung ganz oben auf der Liste. Ob wir das realisieren können steht auf einem anderen Blatt Papier.

Liebe Grüße aus Bangkok
Martin & Caro

Hallo Frau Winnemuth,
ich habe mir zu Weihnachten Ihr Buch "Das große Los" gekauft und fand es ungeheuer inspirierend. Es ist eines der wenigen Bücher, bei dem es mir gelang, dran zu bleiben und ich kann vielen Ihrer Erfahrungen zustimmen. Allerdings möchte ich sagen, dass Sie schon ein großes Los mit Ihrer Berufswahl gezogen haben, wenn Sie nach Ihrer Reise resümieren, dass es dafür eigentlich keinen Geldgewinn gebraucht hätte. Ist schon klar, jeder ist seines eigenen Glückes Schmied, aber wie viele Leute könnten sich das
ad-hoc leisten? Nun, da ich gerade von Ihrem neuen Projekt gehört habe - falls Leipzig unter den ausgewählten deutschen Städten ist, melden Sie sich doch einmal, vielleicht könnte ich Ihnen die eine oder andere Seite von Leipzig näher bringen.

Viele Grüße, H. Noack

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