Sieben kurze Geschichten über das Brot

Warum uns das Brot so wichtig ist
Sechs kurze Geschichten von chrismon-Redakteuren

Fotos: Andrea Diefenbach

Das muss immer im Haus sein

Ursula Ott. Wir wohnen mitten in der Stadt. Rewe hat bis 22 Uhr geöffnet, Mahmuts Kiosk bis 24 Uhr und die Shell-Tankstelle rund um die Uhr. Wir sind alle gut im Futter, keiner von uns steht unter dem Verdacht der Mangelernährung. Und dennoch macht sich in unserem Familienhaushalt sofort Nervosität breit, wenn kein Brot im Haus ist. Dazu muss man wissen: Wir brauchen eigentlich kein Brot. Wir kochen abends fast immer warm. Mittags muss es bei allen schnell gehen, die Kinder haben bis zu zehn Stunden Schule und verschlingen zwischendurch belegte Brote vom Bäcker, Döner oder Wraps. Wir Erwachsenen machen auch keine große Mittagspause. Also kochen wir abends Nudeln, Salate oder Aufläufe, sitzen am Tisch und erzählen vom Tag. Für mich ist damit das Thema Essen erledigt. Für die Jungs im Prinzip auch – kalorientechnisch. Aber ich werde nie vergessen, wie mein Stiefsohn, den ich damals noch nicht so gut kannte, vor Jahren mit uns von der Pizzeria nach Hause kam, den Küchenschrank öffnete und entsetzt sagte: „Was, Ihr habt kein Brot da?“ Es war nicht der Hunger. Es war etwas zutiefst Existenzielles: Wenn ich mich bei Euch zu Hause fühlen soll, müssen die Grundnahrungsmittel immer da sein. Als ob von Brot eine Energie ausginge, jenseits von Kohlenhydraten.

Damals habe ich übrigens extrem dämlich reagiert. „Kann doch gar nicht sein, dass Du noch Hunger hast“ und solche Sprüche. Das Ganze endete in einem regelrechten Brotaufstand, als wohnten wir nicht im Kölner Severinsviertel, sondern in Tunesien oder Algerien. Der damals pubertäre Junge rannte aus dem Haus und wollte ernsthaft zu seiner Mutter fahren, die offenbar immer, immer Brot zu Hause hat. Man könnte daraus bestimmt eine Familienauf­stellung machen. Man kann die Sache aber auch pragmatisch angehen: Ich habe jetzt immer Toastbrot zu Hause. Hält ewig, verbreitet die nötige Grundenergie für den familiären Gefühlshaushalt – und kann nach zwei Wochen notfalls zu Semmelmehl zerbröselt oder an Rudi, unsere Rennmaus verfüttert werden.
 

Nach der Ernte

Nils Husmann. Als Kind schlug meine große Stunde, wenn das Korn schon weg war. Nur das Stroh lag auf dem Feld in der Nähe unseres Bauernhofes, der Mähdrescher hatte es ausgespuckt. Wir warteten, bis der Lohnunternehmer mit seiner Presse kam und es zu Ballen presste. Das Stroh brauchten wir für den Stall, in dem im Winter unsere Kühe standen, alle benannt nach HSV-Spielern, Ditmar Jakobs, Horst Hru­besch. Anfang August holte mein Vater den langen, breiten Anhänger aus der Scheune. Wenn er leer war, schepperte das Eisengestell, das sich aufrichten ließ – es hielt die Strohballen fest. Für mich war alles ein Spiel, ich rannte mit unserer Hündin Anna immer kreuz und quer übers gedroschene Kornfeld. Für meine Eltern und die älteren Geschwister war es harte Arbeit, sie gabelten die Ballen auf und schleuderten sie auf den Hänger, auf dem zwei Mann standen und alles akkurat stapelten. Den letzten Ballen ganz oben, ganz vorn ließen sie aus. Das war meine Bank für die Rückfahrt. Die Beine baumelten herab, und ich krallte mich an der Eisenstange fest.Der Ausblick! Der Fahrtwind! Die Äste an den Bäumen, zum Greifen nah! Und Anna, die hinter uns herlief und die Reifen wütend anbellte. Vielleicht wollte sie lieber mitfahren? Der Strohtag war das Beste in den Sommerferien! Über solchen Erlebnissen vergaß ich den Ranzen in meinem Zimmer. Am Abend vor dem ersten Schultag entdeckte ich das verschimmelte Pausenbrot, sechs Wochen alt. Der Respekt vor dem, was aus der Ernte wurde, ist erst später gekommen.

Information

"Unser tägliches Brot"  lautet das chrismon-Titelthema im Oktober. Die Artikel, eine Audioslide-Dokumentation und ein Video mit Spitzenköchin Sarah Wiener finden Sie unter chrismon.evangelisch.de/mehr-zum-brot.

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