Als Arbeiterkind an die Uni

Sie studierte, als Erste der Familie
Arbeiterkind studiert - erfolgreich. Aber bis zum Examen wäre die junge Frau mehrmals um ein Haar falsch abgebogen in irgendwelche Jobs

Foto: Helena Schätzte

Eva K., 28:

Dass ich aufs Gymnasium gehe, war klar. Aber als ich dann auch studieren wollte, sorgten sich meine Eltern: Ist das nicht viel zu hart für dich? Ich glaube, sie denken, dass Studieren nur was für die Allerklügsten oder Allerfleißigsten ist. Dabei hatte ich ein sehr gutes Abi gemacht. Meine Familie schlug mir immer wieder vor, statt Studium doch eine Ausbildung zu machen – die ist kürzer, stellt überschaubare Anforderungen, führt direkt zum Beruf.

Meine Eltern haben nicht studiert. Meine Mutter hat Zugbegleiterin gelernt, mein Vater Fernmeldetechniker, heute ist er IT-Systemadministrator. Beide haben unstete Zeiten erlebt, auch Arbeitslosigkeit, schon wegen der Wende. Sie wollten Sicherheit für mich. Ich hätte es schön gefunden, wenn sie zuversichtlicher gewesen wären, dass ich ein Studium schaffe. Auch wenn ich mal jammerte, weil ich mich in dem unstrukturierten Soziologie­studium schwer zurechtfand oder die falschen Seminare belegt hatte. Niemand sagte mir, dass das in solchen Studiengängen ein normaler Suchprozess ist. Armes Kind, sagten meine Eltern, möchtest du nicht doch einen anderen Weg gehen?

Ich zweifelte immer wieder

Ich zweifelte allerdings auch selbst immer wieder. Meine Jobs fand ich befriedigender als das zähe Studieren. Zunächst jobbte ich nur, um die Studiengebühren bezahlen zu können, dann, als das BAföG ausgelaufen war, finanzierte ich meinen ganzen Lebensunterhalt selbst. Das fand ich super erwachsen. Ich hab schon viel gemacht – Servicekraft, Jobs in der Gastronomie und im Event-Catering, Telefonbereitschaft für betreutes Wohnen, Naturkosmetikberatung, Weihnachtsmarkt, Sachbearbeiterin in der pharmazeutischen Industrie. Vormittags ging ich mit gebügelter Bluse ins Büro, nachmittags saß ich bei den Kulturanthropo­logen zwischen Aladinhosen. Nirgendwo gehörte ich richtig dazu.

Ich brauchte lange, um zu erkennen, dass es so nicht weitergeht. Im Grunde hat die Prüfungsordnung das für mich erkannt: Ich sollte jetzt mal fertig werden.

Da dachte ich zum ersten Mal: Ja, ich möchte gerne Akademikerin sein. Mein Job in der pharmazeutischen Industrie war spannend, bloß hatte er nichts mit dem zu tun, was mich eigentlich interessierte: die Soziologie; die Frage, warum in der Gesellschaft etwas so ist, wie es ist. Also kündigte ich die Stelle, sicherte meinen Unterhalt mit einem Studienkredit vom Studentenwerk, mit Wohngeld und einem kleinen Nebenjob in der Pflege – und begann mit der Forschung für meine Magisterarbeit.

Endlich fühlte ich mich wirklich als Studierende

Endlich fühlte ich mich wirklich als Studierende. Ich merkte: Sich einem Thema so intensiv zu widmen, dazusitzen und zu lesen und zu denken, das ist das, was mir Spaß macht. Das hatte ich mir bisher nicht zugestanden. Weil ich dachte, das sei keine Arbeit. Natürlich ist das Arbeit. Und Denkleistung.

Damals begann ich, mich bei der Initiative „Arbeiterkind.de“ als Mentorin zu engagieren. Ich entdeckte ein Muster bei mir und anderen Kindern von Nichtakademikern: dass wir eine Arbeit nicht abgeben können, bevor wir nicht alles gelesen haben, was jemals zu diesem Thema geschrieben worden ist. Eine unzu­reichende Arbeit könnte ja ein Zeichen dafür sein, dass ich an der Uni falsch bin. Auch während der Magisterarbeit hatte ich immer wieder den Alptraum, dass ich einen entscheidenden Aspekt meines Themas nicht beachtet habe, der für Leute aus studiertem Hause selbstverständlich ist: Das kennt man doch.

Zweifeln ist ok!

Aber meine Magisterarbeit wurde sehr gut. Und ich hatte viel Freude dabei. Meine Familie dachte nach wie vor: Nur wenn man leidet, wenn man rund um die Uhr lernt, ist das Studieren. Deshalb riefen sie selten von sich aus an. Als würde ich samstag­nachmittags im Studierstübchen sitzen und so hart lernen, dass man mich nicht stören darf. Sie riefen auch nicht an, als meine Urgroßmutter im Sterben lag. Mittlerweile verstehe ich es, aber ich bin noch nicht darüber hinweg.

Jetzt möchte ich promovieren. Und ich kann mir vorstellen, im Bereich Studienberatung zu arbeiten. Weil ich gemerkt habe, wie hilfreich und auch einfach es ist, Studierenden Mut und Zuversicht zu geben. Ich sage ihnen: Für ein Studium muss man nicht der Fleißigste sein oder der Klügste oder es in die Schuhe gelegt bekommen haben. Man darf sogar zweifeln. Das ist okay.

Protokoll: Christine Holch

Lesermeinungen

Genau dieser Satz: "Nirgendwo gehörte ich richtig dazu."

Eine, die es nicht geschafft hat. Und nirgendwo richtig dazu gehört.

Irene K., 61

Echt Wahnsinn, dass es immer noch so ungewöhnlich ist, als Arbeiterkind zu studieren. Mir erging nicht wie der Autorin - meine Eltern oder ich zweifelten nicht an meinem Weg - trotzdem bemerkte ich im Laufe des Studiums, wie viele Dinge mir unklar bzw. viel weniger selbstverständlich erschienen als meinen Akademiker-Mitstudierenden. Sie lasen andere Zeitungen, schauten andere Filme und waren oft unendlich selbstbewusst - auch wenn es da intellektuell keine großen Unterschiede zwischen uns gab. Ich empfehle gerade den Arbeitereltern ihren klugen Arbeiterkindern vor allem Selbstvertrauen mitzugeben. Und sie darin zu bestärken, auch ungerade Wege zu gehen - mit Nebenjobs, Grabenkämpfen, viel Studium Generale und Probieren. Auf ein-zwei Semester kommt´s nicht an, auch den Arbeitgebern nicht, die lieber kluge, patente und lebensfähige Mitarbeiter wollen als wissensvollgestopfte 22-jährige, die zwar eine gute Herkunft und nen super Master aber eigentlich keine Ahnung haben. Vielmehr kommt es doch darauf zu verstehen, was Bildung und Studieren bedeutet. Und was man wirklich kann und will.

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