Neurochirurg und Lungentransplantierte über Organspende, Hirntot und Angehörige

Organspende?
Der Neurochirurg und die Lungentransplantierte über die Frage, wie tot ein Hirntoter ist – und was Angehörigen helfen könnte

chrismon: Frau Krey, Sie standen über zwei Jahre auf der Warte­liste für eine Spenderlunge. Die Mukoviszidose hatte Ihre Lunge fast schon zerstört. Sie hatten manchmal nicht genug Luft, um die Spülmaschine auszuräumen. Hofften Sie noch auf eine Organspende?


Insa Krey: Entfernt, ja. Aber ich wusste, es kann auch noch fünf Jahre dauern, bis der Anruf kommt. Ob ich dann noch leben ­würde? Ich habe meine Beerdigung geplant und überlegt, was ich wem hinterlassen möchte. Das hatte ich permanent im Hinterkopf.

Und dann kam der Anruf.

Krey: Nachts um halb vier: Medizinische Hochschule Hannover, wir haben ein Organ für Sie. Haben Sie noch Interesse? Natürlich habe ich Ja gesagt. Der Krankenwagen holte meinen Mann und mich ab und brachte uns ins Krankenhaus.

 Was ging Ihnen da durch den Kopf?  

  Krey:   Wenig. Ich hatte einen Tunnelblick. Ich dachte nur: Hoffentlich finden meine Eltern den Weg in die Klinik und bauen keinen Unfall. Und ich musste meinen Mann beruhigen, der aufgeregter war als ich. Meine Mutter hat für mich gebetet.
 
Wissen Sie etwas über den Spender? 

Krey:  Ic h weiß gar nichts. Aber die Lunge fühlt sich sehr gut an, die Person muss sich gut um sich und ihren Körper gekümmert haben, also vermutlich keine Raucherin. Dass ich einen Tag lang nicht husten muss, kannte ich mein Leben lang nicht.

Hat es Sie beschäftigt, dass Ihr Weiterleben vom Tod eines anderen abhing?  

Krey: Meine Gedanken waren eher bei der Familie als beim Spender selbst. Es geht den Angehörigen wahrscheinlich sehr schlecht, sie wissen nicht, wie es weitergehen soll. Sie trauern um einen Menschen, den sie sehr geliebt haben. Und ich erlebe die besten Tage seit langer Zeit.


Herr Moskopp, Sie behandeln unter anderem Menschen mit schweren Hirnverletzungen oder Hirnblutungen. Und manchmal hilft alles nichts mehr.

Dag Moskopp: Ja. Eine Intensivstation ist wie eine Brücke von einer lebensgefährlichen Verletzung oder Erkrankung zurück ins Leben. Als Arzt betrete ich diese Brücke mit dem Anspruch, diesen Menschen zu retten. Manchmal muss ich mitten auf der Brücke erkennen, dass es das andere Ufer nicht gibt, dass es sinnlos ist weiterzugehen. Pro Jahr stelle ich bei etwa 20 Patienten den Hirntod fest, das heißt, die Funktionen von Großhirn, Kleinhirn und Hirnstamm sind vollständig, zweifelsfrei und unbehebbar erloschen.

Warum machen Sie eine Hirntoddiagnostik? Wegen einer möglichen Organspende?

Moskopp: Nein, sondern primär der Klarheit wegen. Es ist ge­boten, jemandem Ruhe zu gewähren, wenn die Seele den Körper verlassen hat. Dazu bedarf es der Feststellung des Hirntodes. Erst dann darf die Frage nach einer Organspende gestellt werden.

Wie diagnostizieren Sie den Hirntod?

Moskopp: Es gibt eine Richtlinie, und wenn man Details daraus vernachlässigt, kann man nicht von Hirntod sprechen. Unter anderem gehört dazu: Es untersuchen zwei Fachärzte mit langjähriger Erfahrung in der intensivmedizinischen Behandlung schwerst hirnerkrankter Patienten. Der eine darf dem anderen nicht weisungsbefugt sein. Wenn einer zweifelt, gilt das. Beide Ärzte sind nicht im Transplantationsteam. Und der Patient muss zum Beispiel normalen Blutdruck haben, keine Entzündung des Nervensystems, er darf nicht unterkühlt sein, keine Drogen konsumiert haben. Sonst sind die Voraussetzungen zur Fest­stellung des Hirntodes nicht gegeben.

Was testen Sie?

Moskopp: Zum Beispiel, ob ein Mensch auf Schmerzreize in der Nase reagiert; ob die Pupillen sich verengen, wenn man einen Lichtstrahl darauf richtet; ob der Patient wirklich keinen Impuls zum Luftholen mehr hat. Fehlen diese Reflexe, deutet das auf einen Ausfall des Hirnstamms hin. Weil das alles nur eine ­Momentaufnahme sein kann, müssen die Tests nach einer de­finierten Zeit wiederholt werden. Oder man nutzt apparatemedizinische Zusatzuntersuchungen.

Der Tod ist wie der Sprung vom Zehnmeterturm

Frau Krey, manche Menschen sagen, ein Hirntoter sei kein Toter. Haben Sie schon mal gezweifelt?

Krey: Nie. Wenn ich mich entscheide, mich auf die Liste von Eurotransplant setzen zu lassen, dann muss ich darauf vertrauen, dass die Ärzte gut und richtig handeln. Ich habe in den letzten Jahren versucht, für Organspende zu werben, und mit Leuten darüber gesprochen, warum sie keinen Organspendeausweis haben. Viele haben einfach noch nicht darüber nachgedacht, sind aber prinzipiell dafür. Ich habe aber auch Leute sagen hören, sie trauten den Ärzten nicht: Die stellen die Maschinen ab, dabei könnte ich noch geheilt werden und leben.

Moskopp: Man hat 2013 die Angehörigen von 402 Hirntoten gefragt, warum sie einer Organspende nicht zustimmten. Nur ein Prozent der Leute sagte, sie vertrauten dem Hirntodkonzept nicht. In den meisten Fällen hatte sich der Patient früher gegen eine ­Organspende ausgesprochen, oder die Angehörigen wussten nichts über seine Haltung.

Krey: Wenn dieses Thema nie besprochen worden ist in der ­Familie, dann ist die Frage nach einer möglichen Organspende in so einer Ausnahmesituation, in der sich die Angehörigen da befinden, der allerschlechteste Weg. Jeder sollte sich jetzt selbst entscheiden und seine Angehörigen darüber informieren.

Herr Moskopp, welches Gegenargument hören Sie häufig?

Moskopp: Auf Veranstaltungen geht die Diskussion meist dahin, dass niemand „Tod“ definieren könne. Stimmt, das kann niemand, denn der Tod tritt nicht fallbeilartig ein. Es dauert lange, bis auch die letzte Knochenzelle oder Bindegewebszelle inaktiv wird und zerfällt. Auch ein Arzt, der bei einem Menschen außerhalb einer Intensivstation den Herztod feststellt, macht irgendwo einen Schnitt. Und zwar am Punkt der Unumkehrbarkeit. Das ist wie bei einem, der vom Zehnmeterturm springt: Wenn er oben abgesprungen ist, gibt es kein Zurück mehr, er wird unten ankommen.

Frau Krey, wie bringen Sie Menschen zum Nachdenken?

Krey: Eigentlich frage ich nur, ob jemand schon mal über Organspende nachgedacht hat. Wenn Leute dagegen sind, frage ich meist nach, weil ich die Gedanken dahinter verstehen möchte. Mir sagte mal jemand, er sei gegen Organspende, weil er den Ärzten nicht traue. Und am Tag danach schickte er mir eine E-Mail und entschuldigte sich. Er habe abends mit seiner Frau darüber gesprochen, und dann hätten sie beide entschieden, Organspende­ausweise auszufüllen. Das war vor meiner Transplantation.

Und danach?

Krey: Selbst Bekannte meiner Eltern sprechen mich an, das ganze Dorf hat ja mitgefiebert: Sie hätten wegen mir darüber nachgedacht und seien jetzt für Organspende. Sie sehen, was man be­wirken kann, dass es jemandem wieder so gut geht, dass man helfen kann. Ablehnende Argumente habe ich in letzter Zeit nicht gehört. Aber vielleicht mag man mir das auch nicht so direkt sagen.

Moskopp: Es gibt ja noch den klassischen Einwand: Niemand könne beweisen, dass die Seele den Körper verlassen habe mit dem Hirntod. Unser Wesentliches sitze nicht nur im Gehirn. Manche Menschen hätten nach der Transplantation eine andere Lieblingsfarbe, hörten eine andere Musikrichtung und fragten sich: Ist da jetzt vielleicht doch von dem Organspender ein Stück Seele in mich gekommen?

Krey: Ich glaube, ich bin doch in weiten Teilen die geblieben, die ich vorher war. Bis auf die Tatsache, dass ich voller Energie bin und wieder etwas unternehmen kann. Ich habe das nie als fremdes Organ angesehen. Es war gleich meine Lunge. Meine beste Freundin sagt, dass ich anders lache. Das stimmt. Aber das liegt daran, dass ich besser Luft bekomme. Vorher musste ich mit der Luft haushalten, da war Lachen extrem anstrengend.

Moskopp: Damit sagen Sie aber auch, dass unser Wesen vom Gehirn gesteuert ist. 1990 haben die evangelische und die katholische Kirche in einer gemeinsamen Erklärung gesagt: Ein hirn­toter Mensch könne nie mehr eine Beobachtung machen oder eine Wahrnehmung haben, nie mehr eine Gefühlsregung empfinden und zeigen; deshalb bedeute der Hirntod ebenso wie der Herztod den Tod eines Menschen. Heute wird das plötzlich alles wieder infrage gestellt, auch in der evangelischen Kirche.

"Wenn ich nicht spenden will, sollte ich auch selbst keine Spende wollen." (Krey)

Es gibt doch das geistliche Wort des scheidenden Ratsvor­sitzenden Nikolaus Schneider: Christen und Christinnen können und dürfen der Organspende zustimmen.

Moskopp: Aber die Evangelischen Frauen in Deutschland e. V. haben – offenbar mit gutem Ansinnen – 2013 eine sehr problematische Stellungnahme veröffentlicht, die dringlich und der Sache angemessener überarbeitet werden sollte.

Na ja, in einigen Fällen sollen Ärzte Fehler bei der Hirntod­diagnostik gemacht haben.

Moskopp: Es fehlte ein Protokoll oder eine andere Formalie, aber alle Patienten, bei denen es zur Organspende kam, waren hirntot. Das ist von Gutachtern bestätigt worden, es gab Obduktionen. Auch hirntote Frauen, bei denen die Schwangerschaft monatelang aufrechterhalten werden kann, sind nachweisbar hirntot. Es ist das intakte kindliche Hirn, das das mütterliche System am Weitervegetieren hält – neben all der maschinellen und medi­kamentösen Aufrechterhaltung der Organfunktionen.

Könnte man auf dem Organspendeausweis dazuschreiben, dass man eine Vollnarkose möchte bei der Organentnahme?

Moskopp: Hirntote können im Gehirn keine Schmerzreize mehr empfangen. Bei einer Organentnahme ist aber immer auch ein Anästhesist dabei, der alles koordiniert – zum Beispiel das Abklemmen der Gefäße. Und der Anästhesist führt das biologische Wesen, das da liegt, so, dass auch keine Reaktionen auftreten, die an Stress erinnern könnten, wie etwa erhöhter Herzschlag oder Schwitzen. Aber wenn jemand eine Narkose wünscht, würden wir das machen. Es wäre von der Sache her nicht erforderlich, das Anliegen ist aber menschlich verständlich.

Darf man Menschen moralisch kommen? Nach dem Motto: Du würdest deine Organe nicht spenden wollen – würdest du dann auch selbst keines annehmen, solltest du eines brauchen?

Krey: Wenn ich nicht spenden will, dann muss ich auch konsequent sein und sagen: Sollte es mir selbst schlecht gehen, werde ich auch keine Spende wollen.

Herr Moskopp, wenn Sie bei einem Patienten den Hirntod diag­nostiziert haben, sind Sie dann auch der, der die Angehörigen um die Spende der Organe bittet?

Moskopp: Ja. Ich setze mich mit den Angehörigen in einem ­ruhigen Raum zusammen und lege den Piepser weg. Meist ­haben wir vorher schon mal länger geredet, als es darum ging, ob der Patient es gewünscht hätte, dass wir ihn zum Beispiel an eine Lungen­maschine anschließen. Dann kommen Lebenseinstellungen zur Sprache: „Der hat immer gekämpft!“ Da haben Sie schon ein bisschen gespürt, wo das Umfeld steht und ob es sich einig ist. Dann ist die Frage nach der Organspende nicht mehr so schwer.

Aber man braucht Zeit für ein solches Gespräch.

Moskopp: Ja, natürlich! Da ist ein lieber Mensch gegangen, unwiederbringlich. Die Ehefrau will sich bei Ihnen an die Schulter lehnen und weinen. Das darf man ja zulassen, da ist nichts dran. Aber die jungen Ärztinnen und Ärzte sind völlig unsicher, ob sie das dürfen. Sie werden darin nicht ausgebildet. Da sehe ich erhebliches Verbesserungspotenzial.

Krey: Ja! Ich habe im Bekanntenkreis zwei Familien, die sich für die Organspende eines Angehörigen entschieden haben, aber sie sagen heute: Wie das im Krankenhaus gelaufen ist, dass wir keine feste Ansprechperson hatten, wie dann der Arzt mit uns zwischen Tür und Angel gesprochen hat, der war überfordert, wir waren überfordert – diese Situation war unwürdig.

Moskopp: Und hier in Berlin wird bei der Klinikseelsorge ge­strichen!

"Ein Hirntoter ist ein seelenloses Wesen" (Moskopp)

Frau Krey, was hätte denn Ihren Bekannten geholfen?

Krey: Es würde vielleicht schon helfen, wenn so ein Gespräch abseits der Hektik stattfinden könnte – ohne Fachwörter und mit verständlichen Aussagen. Man sollte die Angehörigen und ihre Gedanken und Ängste ernst nehmen. Und ein Seelsorger wäre natürlich klasse. Da hätte man das Gefühl, gut aufgehoben zu sein. 
Moskopp: Wir Ärzte werden mittlerweile wie Aldi-Filialleiter behandelt: Wir sollen möglichst viel verkaufen. Wenn man dagegen dem Patienten eine Stunde lang erläutert, warum man auch ohne Operation weiterkommt – was für den Patienten eine Lebens­entscheidung sein kann –, wird das kaum honoriert.

Wir haben noch eine fiese Frage. Sollte sich irgendwann ­herausstellen, dass Hirntote doch nicht so tot sind, wie man immer dachte – was würden Sie Ihrem Herrgott sagen?

Krey: Das weiß ich nicht. Ich hätte dann das große Glück gehabt, im richtigen Zeitfenster transplantiert worden zu sein.

Moskopp: Sie stellen die Unumkehrbarkeit infrage. Ich denke, das beantworten wir, wenn wir ins Schwimmbad gegangen sind, und Sie sind vom Zehnmeterturm gesprungen und trotzdem nicht unten angekommen.

Sprechen Sie innerlich mit den Hirntoten, wenn die in den OP gefahren werden zur Entnahme der Organe?

 Moskopp : Wenn be wiesen ist, dass jemand hirntot ist, dann ist diese Seele nach meinem Verständnis in Gottes Hand gegeben. Dann ist das ein seelenloses Wesen.

Frau Krey, reden Sie manchmal innerlich mit dem Menschen, dem Sie die Lunge verdanken?

Krey: Mit den Angehörigen. Als ich mein Halbjähriges gefeiert habe, dachte ich an sie: Die haben heute einen traurigen Tag, jetzt sind schon sechs Monate rum, und sie sind allein. Ich hoffe, es ist jemand bei ihnen. Und hoffentlich hilft es ihnen, dass irgendwo drei, vier, fünf Menschen weiterleben können, weil sie die Organe freigegeben haben. Ich werde ihnen einen Brief schreiben, der anonym weitergeleitet wird. Darin soll stehen, wie es mir vorher ging, was jetzt alles wieder möglich ist und wie dankbar ich bin, dass ich das erleben kann. Die Organspende war so ein groß­artiges Geschenk! Und die Angehörigen sollen wissen, dass es die richtige Entscheidung war. 


Insa Krey

Insa Krey, 41, leidet seit ihrer Geburt an der Stoffwechselerkrankung Mukoviszidose, die unter anderem allmählich die Lunge zerstört. Im März 2014 hat sie eine Spenderlunge bekommen. chrismon berichtete im November 2013 über ihr Leben vor der Transplantation. Sie lebt mit ihrem Mann in Hannover.

Prof. Dr. Dag Moskopp

Prof. Dr. Dag Moskopp, 57, ist Neurochirurg am Vivantes Klinikum in Berlin-Friedrichshain. Er behandelt Menschen mit Hirn- und Nervenerkrankungen. In den vergangenen 20 Jahren hat er bei über 400 Menschen den Hirntod festgestellt. Über seinen Glauben erzählt er in dem Buch „Ich bin evangelisch“ (edition chrismon). Dag Moskopp ist verheiratet und hat fünf Kinder.

Information

Weitere Informationen zum „Geistlichen Wort zur Organspende“ von Nikolaus Schneider, zum „Organtransplantation-Positionspapier 2013“ der Evangelischen Frauen in Deutschland e. V. und zur „Erklärung der Deutschen Bischofskonferenz und des Rates der EKD“ von 1990 zur Organtransplantation gibt es hier.
 

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Lesermeinungen

Als Gegenpol zur "kritischen Aufklärung Organspende" die schlicht und ergreifen nur mit der Organspende kritisch umgeht, aber nicht mit ihrer eigenen Argumentation, ein Buch welches den Begriff Hirntot einmal unter der Lupe nimmt. "Hirntod: Medizinische Fakten - diffuse Ängste - Hilfen für Angehörige" von Klaus Schäfer. Welche Arten des Hirntots gibt es, was ist dran an den Geschichten von wieder Aufstehen und weiter Argumente und Fakten. Und natürlich, ja ich bin pro Organspende kläre aber, im Gegensatz zur KAO die auf ihren Ausweisen nur ein Feld zum ankreutzen hat, Ergebnisneutral auf. Es geht beim Thema Organspende nicht drum einer Idelogie zu folgen oder sich seine schlechten Gewissens zu entledigen in dem hier Ängste geschürt werden, sondern sich offen den Fakten und "seinen" Ängsten zu stellen und sich dann zu entscheiden. Nur ich kann und darf über mich entscheiden und ich sollte oder muss viel mehr meine Entscheidung treffen und diese schriftlich mit einen Ausweis festhalten. Es ist traurig und macht mich auch wütend das auf einer christlichen Seite mit diesem Mass an Selbstverliebtheit und Ignoranz aufeinander eingedrossen wird, nur um recht zu haben, egal ob man recht hat oder nicht. Jeder darf auch "nein" ankreutzen, es hat aber keiner das Recht, diese zu bewerten oder gar abzukanzeln und schon gar nicht mit irgendwelchen psychospielchen die Meinung des anderen zu beeinflussen.

Ausgerechnet Pastor Klaus Schäfer als seriöse Quelle anzugeben, ist schon ziemlich abenteuerlich. Kennt er Krankenakten, Fachartikel, genaue Analysen von Fällen? Sicher nicht. Klaus Schäfer beruft sich einzig und allein auf das," wie es sein sollte". Von der Realität in manchen Kliniken und der Diskussion um die mangelhafte Qualitätssicherung in der Hirntoddiagnostik hat er keine Ahnung. Da spricht "his masters voice", mehr nicht.

Bezugnehmend auf das Interview "Organe spenden?" in chrismon 11.2014 möchte ich auf das Buch "Organtransfer - Ethische und spirituelle Fragen zu Organtransplantation und Hirntod" aufmerksam machen. Die Autoren sind Paolo Bavastro (Arzt und Kardiologe) und Günter Kollert (Pfarrer). Ein Buch, das umfassend über die Problematik informiert und für eine verantwortungsvolle Entscheidungsfindung sehr hilfreich ist. Außerdem hilfreich ist die Homepage des von betroffenen Eltern gegründeten Vereins "Kritische Aufklärung über Organtransplantation e.V.".

Christiane Schüller-Bäuerle

Hier wird mit Ängsten gehandelt und mit dem Surrealen gespielt. Wo wohnt die Seele, was bedeutet Menschsein? Keiner weis es und doch tun einige so, als ob auch die körperliche Funktionen erhaltende Klinikapparatur noch das Leben bedeutet. Als Beipiel werden dann Fälle bemüht, die kein Schreiber nachvollziehen kann. Der Tod kommt schon, bevor die Maschine abgeschaltet wird. Wäre das nicht, müßte man der Apparatur Menschlichkeit zugestehen.

Von den jährlich ca. 400.000 Sterbefällen kommen überhaupt nur ca. 1% (= ca. 4000) für eine Organtransplantation infrage. Das sind Personen,
1. die der Entnahme zugestimmt haben,
2. die auf einer Intensivstation gestorben sind,
3. deren Hirntod von mehreren Ärzten zweifelsfrei bestätigt wurde,
4. deren Organe noch gesund und transplantationsfähig sind und
5. deren Organe unabhängig, vom gestorbenen Gehirn, noch eine kurze Zeit von den Versorgungsapparaturen funktionsfähig erhalten werden können.

Auch gilt "old to old", was bedeutet, dass man nicht einem 70 Jährigen die Organe eines Jugendlichen tranplantieren wird, wenn wesentlich Jüngere auf der Warteliste stehen. Der Mißbrauch der Rangfolgelisten durch einen Arzt aus Göttingen (die Werte seiner "liebsten" Patienten hatte er schlechter gemacht als sie waren) hat leider dazu geführt, dass die Zahl der "Spender" rapide zurückgegangen ist. Nach der bisherigen Kenntnis hatte aber die gefälschte Bevorzugung keine finanziellen Gründe. Allerdings hat der Fall Ängste (ich lasse micht nicht verkaufen!) geschürt, die unberechtigt sind, denn nichts verkauft sich leichter als die Angst.
Um auch sicher die nur ca. 4000 Möglichkeiten nutzen zu können, ist es sehr sinnvoll, dass möglichst viele Personen einer Organentnahme zustimmen. Dabei ist verwunderlich, dass häufig Diejenigen, die die Spende nach dem eigenen Tod vehement ablehnen, die Organspende des Anderen aber freudig begrüßen würden.

Zudem ist es die letzte gute Tat, zu der ein Mensch in der Lage ist. Andere Leben durch das eigene, bereits vergangene Leben, zu retten. Kann es eine ideell bessere soziale oder christliche Tat der Nächstenliebe geben? Auf der einen Seite die Konsequenzen aus einer Embryonaldiagnostic ablehnen und auf der anderen Seite durch ein bereits abgegebenes Leben kein anderes Leben retten wollen, ist ein aus Angst geborener Widerspruch. Ich werde den Ausweis ausfüllen.

Was unterscheidet die Ablehnung der Organspende von den Steuern ?
Kaum Jemand will das abgeben, was er nicht mehr braucht, wohl aber von dem profitieren, was die Anderen mit ihrem Leben für ihn zahlen.

Um alle Zweifel auszuräumen:

Der Hirntod MUSS auf einer Intensivstation zweifelsfrei VOR DEM Herztod festgestellt und von mehreren Ärzten bestätigt werden. Erst danach ist eine Transplantation gestattet. Was und wo ist eine Grauzone? Ist ein apparatives Leben der Organe ohne einen funktionsfähigen Kopf eine Grauzone? Dann müsste man ja der das Leben erhaltenden Apparatur das Wahlrecht (nur ein Vergleich, keine Wertung) geben.

Der Unterschied ist auch so zu erklären: Es gibt die sog. Looked-In-Patienten. Die haben zwar noch einen apparativ am Leben erhaltenen Körper, der aber keine eigenen selbständigen Funktionen (Daseinsempfindungen) mehr hat. Bei denen kann aber kein Hirntod festgestellt werden, weil noch Hirnströme messbar sind. Die neueste Forschung (Prof. Niels Birbaumer) zeigt, dass einige dieser Patienten noch hören können und deshalb in der Lage sind, auch ohne ihren aktiven Körper (unterhalb des Gehirns) am Leben teilzunehmen. Dieses Bewusstsein registriert nur die Meßapparatur aber kein menschliches Wesen. Über die aktiven Gehirnströme war mit den Patienten auch eine gegenseitig verständliche Kommunikation möglich. Völlig überraschend bestätigen diese Patienten mit ihren Hirnströmen, dass sie ein erfülltes und zufriedenes Leben haben. Für uns unvorstellbar.

Damit ist auch sicher, dass nur die noch vorhandenen oder nicht mehr vorhandenen Hirnströme über ein bestehendes oder erloschenes „Leben“ entscheiden.

Es ist eine fragwürdige Position zu behaupten, dass ein Mensch bei Hirntod auch vollkommen tot sei, denn der Übergang vom Leben zum Tod kann ein Graubereich sein. Die entsprechende Diagnose soll von medizinischem Personal getroffen werden, dass aber genau in diesem Organentnahmebetrieb seine Aufgabe findet. Missbrauch ist vorherprogrammiert. Wenn man bedenkt, dass Organentnahme und -transplantation einen lukrativen medizinischer Sektor darstellen, dann darf man an der ohnehin nicht gegebenen Objektivität der Todesanalysten zweifeln. Immer wieder sind Menschen aus dem Koma aufgewacht. Organentnahme und -verpflanzung zwischen miteinander vertrauten Menschen, die einander aus persönlicher Verbundenheit Organe spenden, sind eine Ausnahme (Bsp. Außenminister Steinmeier). Der Organentnahme und -transplantation durch einen anonymen Medizinbetrieb sollte man mit der nötigen Distanz betrachten. Es ist mit der Würde des Menschen nicht vereinbar und es darf nicht dahinkommen, dass Menschen grundsätzlich als "Ersatzteillager" für andere, reiche Kranke verstanden werden. Nicht hinnehmbar auch, dass rechtliche Regelungen gebastelt werden sollen, die jedes Krankenkassenmitglied dazu zwingen, sich dafür oder dagegen zu entscheiden, sich einmal gemäß den Forderungen der Transplantationsmedizin auswaiden zu lassen. Die Aktionen der deuschen Krankenkassen vor ungefähr zwei Jahren stellen in dieser Hinsicht schon einen rechtlichen Übergriff dar.

"Ein Hirntoter ist ein seelenloses Wesen", sagt Professor Moskop im "Chrismon"-Interview. Woher weiß er das so genau? "Man braucht Zeit für ein solches Gespräch", sagt er, und Angehörige dürften sich an seine Schulter legen und weinen. Der Explanteur als Tröster - wie der Wolf im Schafspelz. Danke für dieses entlarvende Interview!

Woher "weiß" denn dieser Neurochirug, dass die Seele eines sogenannten Hirntoten den Körper bereits verlassen hat ? Ist das nicht stark vermessen, so eine Behauptung ? Wenn man dann noch weiß, dass es weltweit zig-verschiedene Hirntod-Kritierien gibt, wird`s noch dubioser. Und bekommt man von Explantationshelfern erzählt, dass sehr wohl beim Aufschneiden vom Kinn bis zum Schambein für die - meist - Multiorganentnahme der Blutdruck ansteigt und der Patient zu schwitzen anfängt - in der Anästhesie sonst ein Hinweis darauf, dass der Patient Schmerzen empfindet und nachnarkotisiert werden muss - kann man von seriösen Aussagen dieses "Hirntod-Experten" kaum noch sprechen. Spätestens, wer weiß, dass der Erfinder der Definition `zerebraler Tod`, der deutsche, später hochdekorierte Neurochirug Wilhelm Tönnis, in die Machenschaften der NS-Medizin verstrickt war, müßte sich solch einem Ansinnen verweigern, aus einem durchbluteten Körper Organe - noch dazu ohne Vollnarkose! - entnehmen zu lassen. Von schmerzverzerrten Gesichtern und weißgewordenen Haaren selbst bei Kindern scheinen sich diese Transplantationsprofiteure jedenfalls noch nie haben abschrecken lassen.
Welche Schande für die gesamte Ärzteschaft !

Als eine der - immerhin 3 Millionen, im Verband Ev. Frauen organsierten Frauen - bin ich froh, über die sehr ausgewogene Position, die "wir" da beschlossen haben. Wesentlich differenzierter als dieser absolut einseitige Artikel! Ich bezweifle keine Minute, dass Frau Krey froh über ihre neuen Lebensmöglichkeiten ist und die Organspende für sie ein Segen war. Aber ich bezweifle, dass dies die einzige Sicht auf ein ethisch so schwieriges Thema ist und ich wünsche mir als Chrismon-Leserin, dass die Redaktion keine einseitige Werbung für die Organspende macht, sondern auch Fragen und Unsicherheiten zulässt!

Liebe Redaktion,
ich schätze Ihr Magazin sehr und auch das Format der Begegnungen. Aber wie kann man zu einem derart ethisch umstrittenen Thema eine so einseitige Sicht zu Wort kommen lassen? Es gibt doch gerade auch in der evangelischen Kirche andere Meinungen zum Hirntod als die der Neurochirurg hier vertritt. Schlecht gemachter Beitrag, würde man bei einem unverfänglicheren Thema sagen. Hier kann man sich allerdings des Eindruckes nicht erwehren, dass es sich um eine gezielte Werbeaktion für die Organspende handelt. Übrigens: Gerade letzte Woche ist eine Kampagne gestartet, die endlich Schluss machen will mit dieser einäugigen Sicht auf das Thema Organspende (Perspektive Empfänger) und eine ehrliche und umfassende Aufklärung über alle Umstände rund um Hirntod und Organentnahme einfordert. Organspende: www.wir-wollen-alles-wissen.de

Ich kann mich Ihrem Kommentar zur Einseitigkeit nur anschließen. Ich bin beim Thema Organspende sehr zwiegespalten und dieser Artikel hat mich eher in die Contra-Ecke gebracht. Bei der Begegnung fehlt eine gegensätzliche Meinung für einen echten Dialog wie z.B. diese Krankenschwester, die nicht mehr im Transplantationsbereich arbeiten kann, weil ihr die Organspender noch viel zu menschlich erscheinen. Herr Moskopp als Arzt mit seiner unpräzisen, oberlehrerhaften Art hat meine Skepsis eher gesteigert: "müssen die Tests nach einer de­finierten Zeit wiederholt werden" - sprechen wir hier von Minuten, Stunden oder Tagen? Warum kann man das nicht präzisieren, wenn es doch vorgeschrieben ist. Oder zur Frage der Vollnarkose nur belehrend, mit dem Halbsatz am Ende "das Anliegen ist aber menschlich verständlich." Achja, danke dass sie doch sowas wie Gefühle nachvollziehen können. Haben denn Herr Moskopp und alle seine Verwandten und Freunde selber einen Organspendeausweis?

Hikaru Sulu schrieb am 6. November 2014 um 8:03: "googeln .... zB mit dem banalen Satzteil: -Hirntoter wacht auf-. Sie werden erstaunt sein."______________________________________ Google fand soeben für die wörtliche Formulierung "Hirntoter wacht auf" keinen einzigen Treffer. Die Suche nach -Hirntoter wacht auf- ohne Anführungszeichen, also nach Webdokumenten, die irgendwo diese drei Worte enthalten, ergibt 12 500 Treffer. Wenn Gottesgläubige auch noch an Google glauben, könnten Peinlichkeiten entstehen. Die Suchphrase "Gott ist Einbildung" ergibt wörtlich 9 Treffer, ohne Anführungszeichen 345 000 Treffer.

Zitat: " Das ist wie bei einem, der vom Zehnmeterturm springt: Wenn er oben abgesprungen ist, gibt es kein Zurück mehr, er wird unten ankommen."-- Herr Moskopp, googeln Sie manchmal Ihr Fachgebiet? zB mit dem banalen Satzteil: -Hirntoter wacht auf-. Sie werden erstaunt sein. Alles Lüge? Wäre ein bisschen viel Lüge bei der Menge positiver Treffer.-- Übrigens will ich selbst wirklich keine Sterbend-Organspende. ---Kennen Sie die Webseite der "Kritische Aufklärung über Organtransplantationen e.V." http://www.initiative-kao.de ? Und auf der Seite der InteressenGemeinschaft Kritische Bioethik Deutschland http://www.organspende-aufklaerung.de/organspende_news-sinkende-organspe... finde ich solche Sätze: " die DSO (Stiftung Organtransplantation - verteilt die sterbend entnommenen Organe) in 30 Jahren ihres Bestehens hier auf ganzer Linie versagt hat. " - " In Wahrheit jedoch können transplantierbare Organe nur beatmeten, durchbluteten Patienten im Hirnversagen entnommen werden, die durch die Organentnahme im OP getötet werden. Eine Sterbebegleitung durch die Familie ist dabei nicht möglich. "Die Menschen lassen sich nicht mehr so leicht für tot verkaufen", meint Gebhard Focke, Vorstandsmitglied von KAO, "Sie informieren sich vielmehr und stellen fest, dass der "Hirntod" nicht der Tod ist, den wir kennen, sondern eine medizinische Definition, um straffrei Organe entnehmen zu können."

Das stimmt alles, wie es beschrieben ist: ein "Hirntoter" stirbt erst auf dem OP-Tisch, durch den Arzt, der ihm die Organe entnimmt.
Der Mensch ist aber mehr als nur ein Organ (das funktioniert oder eben auch nicht) und wir haben nicht nur ein Empfindungszentrum im Gehirn, sondern auch im Rückenmark (ZNS). Dieses medizinische Thema ist für Sterbende also eine Katastrophe, denn sie haben keinen Beistand, werden nicht in Ruhe gelassen - und Fehldiagnosen sind auch immer wieder da .....