Philipp Riederle und Juli Zeh

Meine Daten, Deine Daten
Die Schriftstellerin und der Digital Native über Kundenkarten, internetfähige Brillen – und die totale Überwachung

Foto: Thomas Meyer, Ostkreuz; Raul Gschrey: Trophäen, Contemporary closed Circuits, www.gschrey.org

Philipp Riederle

Philipp Riederle, 19, legte vor einem Jahr das Abitur ab. Schon mit 13 erklärte er einer schnell wachsenden Fangemeinde in Videopodcasts, wie ein iPhone funktioniert. Er hält Vorträge über die Lebenswelt seiner Generation und berät Manager dabei, die Kommunikations­gepflogenheiten der Jugend zu verstehen. 2013 erschien sein Buch „Wer wir sind und was wir wollen“. Riederle lebt bei Augsburg.

Juli Zeh

Juli Zeh, 40, ist Juristin und Schriftstellerin, sie schrieb Bestseller wie „Spieltrieb“ und „Nullzeit“. Sie ist Mitinitiatorin des Aufrufs „Writers Against Mass Surveillance“ gegen die Massenüberwachung durch die NSA. 2009 veröffentlichte sie mit Ilija Trojanow „Angriff auf die Freiheit“. In der edition chrismon erschien ihr Kinderbuch „Feldmann und Lammer“. Zeh lebt mit ihrer Familie bei Berlin.

chrismon: Bestimmt Ihr Smartphone Ihr Leben?

Philipp Riederle: Ich bin darüber dauernd mit meinen Freunden in Kontakt – so erreichen sie mich am schnellsten. So gesehen bin ich wohl daran gefesselt. Nachts mache ich das Smartphone aus. Ich habe Angst vor den Strahlen und will nicht gestört werden.

Juli Zeh: Ich lebe in der Provinz, da ist der Handyempfang schlecht. Gut für mich, ich telefoniere nicht gern. E-Mail und SMS finde ich hingegen klasse. Ich nutze mein Smartphone allerdings nur drei bis vier Stunden am Tag, das ist vermutlich sehr wenig.

Denken Sie oft, dass es eine Ortungswanze ist?

Zeh: Ja. Persönlich intime Themen oder geschäftlich brisante Dinge würde ich nie am Telefon besprechen. Mein Handy hat keinen GPS-Zugang, ich sperre alles, was den Zugriff erleichtern könnte – mein Versuch, im Rahmen des Möglichen einen Kompromiss zu schließen. Auch wenn ich Überwachung ablehne, bin ich keineswegs ein Technikfeind. Ich will meine Geräte benutzen.

Riederle: Ich finde es beeindruckend, dass Sie bestimmte Dinge nie am Telefon besprechen würden, sowohl geschäftlich als auch privat. Ich kenne keinen Menschen in meinem Alter, der das so hält. In Online-Chats sind wir sogar noch offener.

Zeh: Angenommen, es geht um etwas höchst Intimes, ein sexu­elles Thema, eine Krankheit – fragt ihr euch nicht, was mit ­solchen Informationen geschehen könnte?

Riederle: Bis vor einem Jahr, als die Snowden-Geschichte hochgegangen ist, habe ich dazu überhaupt gar kein Bewusstsein wahrgenommen. Ich beschäftige mich seit vielen Jahren mit dem technischen Hintergrund von Smartphones und wusste, dass es möglich ist, mitzulesen, aber ich konnte mir nicht vorstellen, dass Geheimdienste es tatsächlich tun. Heute ist es den Leuten schon klar, aber sie regen sich darüber nicht auf.

Zeh: Sind sie resigniert? Oder ist es ihnen egal?

Riederle: Das kann einem nicht egal sein! Sie denken eher, man kann nichts dagegen tun.

Zeh: Wenn es wenigstens nur der deutsche Geheimdienst wäre. Oder deutsche Unternehmen, dann hätten die Leute vielleicht das Gefühl, dass sie dagegen klagen könnten. Oder demonstrieren oder irgendwas. Aber die NSA ist eine abstrakte, übermächtige Institution, die sich scheinbar jenseits unseres Zugriffs befindet.

Riederle: Leider reagiert die Politik auch hilflos.

Zeh: Absolut! Es heißt: Das Problem ist nicht lösbar. Dabei fehlt der politische Wille. In der CDU gibt es kein Verständnis für die Probleme von Überwachung. Ich glaube, die tolerieren das stillschweigend: Tut doch keinem weh. Bis auf das Handy der Bundeskanzlerin. Das geht zu weit. Aber alles andere ist gewollt. Zumal unser Geheimdienst davon profitiert: Die Verhaftung der Sauerlandbomber...

...einer islamistischen terroristischen Zelle, die in Deutschland Anschläge mit Autobomben plante...

Zeh: ...folgte auf einen NSA-Tipp. Ein Einzelereignis wird ­dann tausendfach als Argument für systematische Massenüberwachung zitiert.

Lesermeinungen

@Philipp Riederle:
Sie machen also nachts Ihr Smartphone aus - auch aus "Angst vor den Strahlen". Daher die Frage an eine bislang freiwillige Werbe-Ikone für die 24h-online-Jugend: Wären da in Ihrer Internet-Show "Ich und mein Smartphone" jetzt nicht auch mal Infos und Tipps hierzu fällig?

Vgl. bitte Video von Physik-Studenten der PH Heidelberg
http://www.youtube.com/watch?v=fvIcPOYHJNQ&feature=youtu.be

(Tipps zum strahlungsarmen Umgang mit Handys und Smartphones, gegen Ende auch 8 Argumente, warum mit Mobilfunkstrahlung gesundheitliche Risiken verbunden sind.)

Von der Vergötterung von iGods und der Versuchung durch Apple&Co. war in Chrismon ja schon die Rede, von den in Gottes Schöpfung bis vor kurzem unbekannten Strahlungs-Dosen noch nicht...

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