Macht Geld munter?

Weg mit der Kirchensteuer!, sagt der Wirtschaftsjournalist. Der Finanzchef der Kirche will keine amerikanischen Verhältnisse

alle Fotos: Katrin Binner

Rainer Hank

Rainer Hank, 60, ist Ressortleiter Wirtschaft und Finanzen bei der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“. Der Katholik hat unter anderem Theologie studiert. Während eines Sabbatjahres in Amerika forschte er an der Business School des MIT und an der Harvard University. Sein neuestes Buch: „Die Pleite-Republik. Wie der Schuldenstaat uns entmündigt und wie wir uns befreien können“ (2012). Foto: Katrin Binner

Thomas Begrich

Thomas Begrich, 63, leitet die Finanzabteilung im Kirchenamt der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD). Er stammt aus einer alten Pastorenfamilie in Mitteldeutschland, flog in der DDR aber als Wehrdienstverweigerer aus dem Theologiestudium in Halle an der Saale. Später studierte er BWL und Jura in Berlin. Er befasst sich nicht nur mit Geld-, sondern auch mit Strukturfragen der Kirche. Foto: Katrin Binner

chrismon: Die Kirchensteuereinnahmen befinden sich auf Rekordniveau. Hat die Kirche zu viel Geld?

Thomas Begrich: Viel Geld hat die Kirche in der Tat, aber sie hat auch viele Aufgaben. Wir haben in den vergangenen Jahren einen erfreulichen Kirchensteuerzuwachs gehabt, weil es in der wirtschaftlichen Entwicklung in Deutschland gut vorangegangen ist. Und das heißt auch, dass die Zahl der Arbeitslosen gesunken ist. So gibt es mehr Menschen, die die Kirche finanzieren. Wir tun auch was dafür. Kirchliche Arbeit lebt von Menschen, ist für Menschen, die Ausgaben sind keineswegs zu hoch. Sorge macht uns die langfristige Geldentwertung, der gegenwärtige Zuwachs ist viel niedriger als diese Inflation und kirchlicherseits viel niedriger als der Zuwachs der staatlichen Steuern. Aber wir richten uns drauf ein.

Rainer Hank: Die Kirche hatte noch nie so viel Geld wie heute. Aber was bringt das viele Geld? Weder bringt viel Geld viele Gläubige. Noch kann ich erkennen, dass viel Geld viel Gutes tut. Ich erkenne keinen Zusammenhang. Ich kann nicht sagen, wie viel Geld die Kirche haben sollte. Ich weiß nur, dass es suboptimal ist, wie die Finanzen der Kirche organisiert werden. Ich würde behutsam das geltende kirchliche Steuersystem aufgeben.

  Begrich: Sie sagen: Viel Geld macht nicht viele Gläubige. Das sehe ich so: Es ist doch genau umgekehrt. Die Gläubigen geben Geld. Die Kirchensteuer ist keine anonyme Finanzierung der kirchlichen Arbeit, sondern ein Mitgliedsbeitrag. Die Kirche wird ja nicht steuerfinanziert – Kirchensteuer wird sie nur deshalb genannt, weil sie an die staatliche Steuer angedockt ist.

Herr Hank, was passt Ihnen nicht an der Kirchensteuer?

Hank: Der Zwang und das Junktim zwischen Geld und Bekenntnis: Wer aus der Kirche als öffentlich-rechtlicher Körperschaft austreten, aber in der Gemeinde Jesu Christi bleiben will, wird in der katholischen Kirche mit Exkommunikation bestraft, wenn er nicht zahlt. Das finde ich schändlich. Ich würde die Kirche auf eine freiwillige Finanzierungsbasis stellen. Es täte gut, wenn die Gläubigen das Gefühl hätten, dass sie ihre Kirche selber finan­zieren. Dass es ihnen etwas wert ist, dass für ihr Seelenheil Sorge getragen wird. Ich hielte das, wenn auch ungewohnt, für ein aussichtsreiches Experiment – eine freiwillige Abgabe könnte die Motivation der kirchlichen Mitarbeiter und ihre Identifikation mit den Gemeindemitgliedern verbessern. Sie wissen dann, dass es sich lohnt, sich anzustrengen.

Begrich: Menschen identifizieren sich dann, wenn eine Gemeinde lebendig ist. Ob und wie die Gemeinde lebendig ist, hängt nicht davon ab, wie sie finanziert wird. Interessant ist auch, dass viele Menschen das jetzige Finanzierungssystem gern tragen. Viele Menschen sagen: Ich bin gern in der Kirche, ich finanziere sie auch gern, aber ich muss nicht ständig Kirchennähe haben.

Haben Sie ein Beispiel dafür?

Begrich: In Halle an der Saale, wo relativ wenige Menschen Kirchenmitglieder sind, wurde vor Jahren beschlossen, in einer konzentrierten Aktion jedes Gemeindemitglied zu besuchen und über die kirchliche Arbeit zu reden. Das wurde in Zeitungen und mit Plakaten angekündigt. Der Superintendent berichtete später: Wenn wir an den Türen geklingelt haben, fragten ganz viele ­Menschen: Was wollen Sie noch von uns? Reicht es Ihnen nicht, dass wir Kirchensteuer zahlen? Da waren wir alle völlig verblüfft. Die Art und Weise, wie wir Kirche leben in Deutschland, ist geprägt davon, dass sie in allen Lebensphasen direkt spürbar wird. Dem entspricht die Kirchensteuer ganz gut, weil sie ein Mitgliedsbeitrag ist und eben keine anonyme Steuer.

Hank: Da muss ich fundamental widersprechen. Die Kirchen­steuer imitiert das geltende Steuersystem. Jede Progressions­stufe, die ich in meiner Lohn- und Einkommenssteuer habe, schlägt durch. Sie können es so lange, wie Sie wollen, als Mitgliedsbeitrag bezeichnen, aber in Wirklichkeit ist es das getreue Abbild des deutschen Lohn- und Einkommenssteuersystems. Es geht eben nicht darum, dass Menschen wie in einem Verein einwilligen, ihre Mitgliedsbeiträge zu bezahlen. Sie merken gar nicht, dass und was sie bezahlen. Dadurch bekommt die Kirche stabile Einnahmen, die unabhängig sind von der Leistung der Kirchenangestellten, von der Qualität der Seelsorge. Diese Unabhängigkeit hat einen sehr hohen Preis: Die Pfarrer müssen sich nicht anstrengen. Ihre Einnahmen hängen ab von der deutschen Konjunktur und den makroökonomischen Daten, aber nicht von der Klarheit, Schärfe und Qualität der Verkündigung. Das Geld sollte in der Kirche eine freiwillige Gabe für kirchliche Leistungen sein. Intransparente und anonyme Steuersysteme verleiten Steuerzahler dazu, die von ihnen erbrachten Leistungen zu unterschätzen. Das Phänomen ist bekannt als fiskalische Illusion. Diese fiskalische Illusion verschleiert den Zusammenhang von finanzieller Zuwendung und Seelsorge. Das macht die Kirchenarbeiter und die Gemeindemitglieder gleichermaßen träge. Die christliche ­Gemeinde erschlafft.

 

Lesermeinungen

Bei mir ist mit der Einführung der Kirchensteuer auf Kapitalerträge bzw. der automatischen Meldung durch die Kreditinstitute der Punkt erreicht, wo ich ernsthaft über einen Austritt nachdenke. Ich teile insoweit die Bedenken von Herrn Hank und dem Leser Herrn Jakob.

In dem Meinungsaustausch mit Herrn Hank stehen in der Finanzierungsart kirchlicher Institutionen
1. ein prinzipieller Unterschied gegenüber:
Der "urchristliche"in den ersten Gemeinden - sie sorgen für sich selbst und unterstützen die anderen mit, Basis in den USA, hier Anglikaner.
Die "staatlich verordnete Zwangseintreibung", die per Gießkanne verstreut wird, hier fast nur in Deutschland Welches eine intensivere Gemeinschaft in einer Gemeinde bewirkt, sei dahingestellt Feststeht, lieber eine überprüfbare, einmalige, deutliche Angabe der Situation (Beispiel Anglikaner) als auf die Roßtäuscherart eine immense Kapitalanhäufung, die für die "Mitglieder" unüberschau- und unüberprüfbar vergossen wird (in jeder ev. Kirche liegen bis zu 80 verschiedene Publikationen in Form von Handzetteln, Flyer, Broschüren aus. Ende 2013 wurde eine "Bilanz" 2012/3 auf der Verteilungszuordnung von 2009 vorgelegt) Was ist schlimmer? Eine einmalige Darstellung zum Ende des Gottesdienstes oder der Überfallklingelbeutel mitten in der Liturgie plus der persönlich vorgehaltenen "Opferschale" am Ausgang.
2. Die Roßtäuscherart der ev.luth. Kirche = Die Kirchensteuer ist ein Mitgliedsbeitrag, nicht steuerfinanziert, freiwillig. Eine ungeheure Anmaßung oder Herabsetzung.
2.1 : die Kirche , ein Verein?
2.2 : wo können "Mitglieder" mitbestimmen? In jeden Verein können sie es, sogar über die Mitgliedsbeiträge und vor allem über deren Verwendung.
2.3 : warum wurden die "Nebeneinkünfte" der Kirche verschwiegen:
Kirchensubvention im Finanzhaushalt der BRD, Kollekten aller Art ( für jede synodale Besprechung wird eine Extrakollekte eingesammelt), Kirchengeldeintreibung. Diese steuerfreien Einkünfte erreichen allein die Größenordnung von 4.000,00 bis 7.000,00 € pro Monat pro Gemeinde
(München)
2.4: jeder Steuerzahler in der BRD , noch dazu, wenn er/sie mit einem "Kirchenmitglied" staatssteuerlich veranlagt wird, ist mit seinem Einkommen dem Kirchsteueramt bekannt ( Wo bleibt das Steuergeheimnis des
Staates?) Sein persönlich zu versteuerndes Einkommen wird anteilmäßig dem Partner für dessen Kirchensteuer mit einbezogen
2.5: freiwillig? Entweder du zahlst oder du wirst aus der Gemeinde ausgestoßen ( deine kirchliche Beerdigung kannst du vergessen - Originalton einer Dekanin)
2.6: Ehrenamtliche Tätigkeiten. Wunderbar, dass die Manager Pfarrer/Innen die ehrenamtlichen Kirchensteuerzahler zur Mitarbeit haben.
Einfache, klare Wahrheit ist ein Fremdwort in der ev-luth. Kirche geworden, in ihrer Bibelinterpretationen und nun auch in ihrer Finanzbuchhaltung. Wer hier von der Wahrheit spricht, will nur den Frieden stören, oder?

Claus K. Rother

In der ehemaligen DDR wurde die Kirchensteuer nicht vom Staat eingezogen, sondern von den Landeskirchen direkt.
Siegfried von Bodecker, Schwerin

Staat und Kirche sind meiner Meinung nach grundsätzlich völlig zu entflechten. Die Kirchensteuer ist für mich ordnungspolitisch ein Unding.

Dem Argument von Herrn Begrich und vieler Kirchenvertreter, das sei wie ein Vereinsbeitrag, der gegen Bezahlung durch den Staat eingezogen werde, kann ich nicht folgen. Es fühlt sich für mich an wie eine Steuer und es heißt auch so. Außerdem können andere Vereine wie Borussia Dortmund oder Schalke 04 ihre Mitgliedsbeiträge auch nicht durch den Staat einziehen lassen. Warum also die großen Kirchen?

Dem Argument von Herrn Hank allerdings, dass die Pfarrer ohne die sichere Kirchensteuerfinanzierung zu besseren Leistungen angespornt würden, kann ich allerdings ebenfalls nicht folgen. Ich finde Qualität und Niveau der Leistung sehr gut und sehe die zu erwartende Amerikanisierung der Kirchen mit Skepsis.

Trotzdem. Weg mit der Kirchensteuer. Nötige Sozialleistung soll der Staat direkt über Steuern finanzieren. Die Kernaufgabe Verkündigung muss in einer modernen, pluralistischen, multireligiösen Gesellschaft 100% staatsunabhängig laufen.

Thomas Jakob

Der Mensch braucht zum Leben Licht, Luft, Wasser und Geld. Ohne Moos ist nichts los.
Aber alle "dienen" dem Gott Mammon, ob wir es wollen oder nicht. Wegen Geld wird gestritten,
Kriege entfesselt,betrogen und belogen. Keine schöne Grundlage. Geld ist aber nun einmal eine notwendige Erfindung, real. Wie man damit umgeht, ist jedem selber überlassen. Meine Erfahrung mit Geld: ich hasse es, aber man braucht es. Über Spenden zu reden ist eine völlige andere Sache.
Geld kann man nicht essen und kann es auch nicht nach dem Tode mitnehmen. Warum auch?

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