Vieil Armand: Ursula Ott schreibt an ihren Geschichtslehrer

Lehre vom Vieil Armand

Lutz Widmaier

„Nie wieder Krieg!“ Diese Lektion hat der Lehrer Wilfried Krauss von seinem Vater gelernt – und an Ursula Ott weitergegeben. Ein Brief

Lieber Wilfried,

vielleicht klappt es ja, dass wir am 3. August Hand in Hand am Hartmannsweilerkopf stehen. Mit Joachim Gauck und mit François Hollande an diesem blutgetränkten, von Schützengräben durchlöcherten Berg im Elsass. Über 30 000 junge Deutsche und Franzosen sind hier gestorben. Wir haben uns beim Bundespräsidenten beworben für den deutsch-französischen Festakt, und ich finde, wir wären eine prima Besetzung.

Dein Vater hat am Hartmannsweilerkopf gekämpft. Mit 17. Er musste auf Franzosen ­schießen, die er nicht kannte, die er nicht hasste, die er noch nicht mal sehen konnte – seine Krupp-Kanone schoss sechs Kilometer weit. Aus dieser Geschichte hast Du, unser Lehrer, Deine Lebensaufgabe gemacht. Genervt hast Du uns Schüler, manchmal gequält, gefordert; wir ­mussten „Im Westen nichts Neues“ angucken und in der Bundes­wehrkaserne endlos über Krieg diskutieren. „Keiner verlässt diese Schule, ohne zu wissen, was am Hartmannsweilerkopf passiert ist und was in Oradour.“ Einmal hast Du in der Geschichtsstunde geweint, ausgerechnet Du, der harte Hund. Und wir Pubertierende, sonst reichlich am Kichern, wurden still. Aus dem Feldpostbrief eines Soldaten hattest Du vorgelesen, „ich hoffe auf Fronturlaub“. Am nächsten Tag war der Junge tot. Gestorben mit 17.

„Einmal hast Du in der Schule geweint, Du, der harte Hund“

Meine Söhne sind 17 und 14, und wir haben diesen Sommer schon zum dritten Mal einen Austauschschüler vom Thalys abgeholt. Corentin, Melvin, Alexandre. Sie haben die gleiche ge-gelte Föhnfrisur wie meine Söhne, sie benutzen das gleiche Axe-Deo, sie spielen zusammen FIFA 14 an der Playstation, meistens gewinnt Frank-reich, wegen Ribéry. „Der Franzose“, wie wir scherzhaft sagen, sorgt bei uns nur noch für Irritationen, weil er zweimal am Tag Fleisch essen will und seine klein karierten Schulhefte mit Lineal und Tipp-Ex flüssig bearbeitet. Aber schießen? Auf den Franzosen? Undenkbar, Willy, oder? Das würden wir gerne feiern am 3. August, mit Herrn Hollande und mit Herrn Gauck.

Und wir wollen uns an Deinen Vater erinnern, den Bauernjungen aus der Nähe von Heilbronn, den sie 1916 in die Württembergische Gebirgsartillerie eingezogen haben. Mitten in der Erntezeit. „Ich wusste nicht, warum ich auf Franzosen schießen soll“, hat er Euch erzählt. Schweigend ist er in seinem VW-Käfer mit Dir und Deiner Mutter zum Hartmannsweilerkopf gefahren, es muss ungefähr 1956 gewesen sein. Ihr habt vor diesen 1500 Kreuzen gestanden, mit Blick weit hinein ins Rheintal. Schweigend seid Ihr wieder heimgefahren, ein Hotelbett wollten sie Euch nicht geben in Colmar. „Non, wir vermieten nicht an Deutsche.“ Das hat Dich geprägt.

Und dann hast Du uns geprägt. Ganz ehrlich, viele in der Stadt nervst Du mit Deinen vielen Worten. Im Ausschuss für Kriegsdienstverweigerer hast Du die Beisitzer an die Wand ge­quatscht. Uns Schüler hast Du gezwungen, eine Dokumentation zu schauen, in der Leichenberge in Auschwitz zu sehen waren. Einem Mädchen wurde schlecht. Und im Moment kämpfst Du im Stadtrat dafür, dass die Gedenktafel an Deiner Schule, die 1968 abmontiert wurde, wieder angebracht wird. Sie erinnert an Werner Alber, an Alfons Reichle, an Paul Häberle und andere – Schüler, die im Ersten Weltkrieg gefallen sind.

Ein bisschen Flair von Jean Gabin und Série noire in Oberschwaben

Lieber Willy, glaubst Du an die Theorie, dass sich Erlebnisse über Generationen hinweg vererben? Wer im Schützengraben hockte, gibt das Erlittene weiter an die nächste Generation, oft ohne Worte. Vielleicht gilt das auch fürs Gegenteil? Für Friedfertigkeit? Für Liebe? Deine Liebe hat uns Schüler so sehr beeindruckt wie Deine vielen Worte. Du hast diese schöne Frau mit französischen Vorfahren geheiratet, Bärbel ­Levacher, Französischlehrerin. 20 Jahre lang hat sie den Schüleraustausch mit Bron organisiert, der Partnerstadt. Als die meisten linken Lehrer auf dem Schulhof noch Roth-Händle rauchten, lagen bei Euch schon die Gitanes auf dem Rücksitz des Deux-Chevaux, und natürlich trug Bärbel nur französischen Lippenstift. Ein bisschen Flair von Jean Gabin und Série noire in Oberschwaben.

Als ich Dich neulich besuchte, lagen acht Bildbände über den Ersten Weltkrieg auf dem Tisch, und ich kam ins Schwitzen, weil ich nicht wusste, wer der letzte Kanzler im Kaiserreich war. „Schlechten Lehrer gehabt, was?“, hast Du mir entgegengedonnert. Ich guck das nach, ehrlich, bis zum 3. August weiß ich das. Und dann sehen wir uns, am Vieil Armand, am Hartmanns­weilerkopf. Es gibt was zu feiern.

Deine Ursula

PS: Es hat geklappt. Am 30. Juli kam die Einladung zum Treffen am Hartmannsweilerkopf. Beide sind dabei - wir berichten

Information

Mehr zum Thema Frankreich, Schüleraustausch und deutsch-französische Freundschaft unter chrismon.de/Frankreich

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