Für ein Verbot der organisierten Suizidhilfe

Foto: Werner Krüger / epd-bild

Jede irgendwie organisierte Beihilfe zur Selbsttötung zu verbieten sei ein massiver Eingriff in die Freiheits­rechte der Einzelnen. Das schrieb chrismon-Chef­reporterin Christine Holch ver­gangenen Monat an dieser Stelle. Wer die Frei­heit beschränken will, muss belegen, warum das notwendig sein soll. Welche Kranken genau wollen sich das Leben nehmen? Gäbe es für sie tatsäch­lich einen Platz auf der Palliativ­station? Lässt sich jedes Leid lindern?

In dem Beitrag „Da muss man jetzt gar nichts verbieten!“ tritt die chrismon-Chef­reporterin Christine Holch Vorschlägen, in Deutschland die organisierte Hilfe zur Selbsttötung strafrechtlich zu verbieten, mit großer Entschiedenheit entgegen. Und in der Tat ist es richtig, in einer freiheitlichen Gesellschaft den Ruf nach strafrechtlichen Verboten einer besonderen Begründungspflicht zu unterwerfen.

Allerdings ist unsere Rechtsordnung nicht nur dem Schutz der Handlungsfreiheit des Einzelnen, sondern auch dem Schutz des Lebens verpflichtet. Dies findet beispielsweise im Verbot der „Tötung auf Verlangen“ seinen Aus­druck. Zu ihm bekennt sich die Verfasserin ausdrücklich, obwohl doch auch dieses Verbot eine Freiheitseinschränkung zum Zwecke des Lebensschutzes zum Inhalt hat.

Alle nicht organisierten Fälle der Beihilfe zur Selbsttötung sollen straffrei bleiben

Die Debatte in Deutschland ist jedenfalls keine Reaktion auf die Gesetzgebung in ­Belgien, mit der vor wenigen Wochen die ­aktive Sterbehilfe auch an Kindern erlaubt wurde. Schon im Koalitionsvertrag der christlich-liberalen Koalition aus dem Jahr 2009 war vorgesehen, die erwerbsmäßige, also kommerzielle Hilfe zur Selbsttötung unter Strafe zu stellen. Im Rahmen der damaligen Debatte um einen entsprechenden Gesetzentwurf machten die beiden Volkskirchen wie die deutsche Ärzteschaft deutlich, dass ein derartiges Verbot aus ihrer Sicht nicht ausreiche, vielmehr jede Form organisierter Selbsttötungshilfe unter Strafe zu stellen sei.

Während sich die Unionsparteien die Forderungen von Kirchen und Ärzteschaft zu ­eigen machten, wollte die FDP über ein Ver­bot kommerzieller Selbsttötungshilfe nicht hinausgehen, was dazu führte, dass das Gesetzgebungsverfahren in der letzten Wahlperiode nicht zum Abschluss gebracht werden konnte.

Im Rahmen der Koalitionsverhandlungen von Union und SPD nach den Wahlen im September 2013 kamen die Koalitionspartner überein, auf eine gemeinsame Positionierung in dieser Frage im Rahmen des Koalitions­vertrages zu verzichten und eine parlamen­tarische Befassung im Rahmen sogenannter Gruppenanträge, also ohne eine Bildung ­
von Fraktionsmeinungen, vorzunehmen. Inzwischen wird in allen Fraktionen und auch öffentlich über dieses Thema diskutiert. Auch ich habe mich als Parlamentarier klar für ein Verbot jeder organisierten Selbsttötungshilfe ausgesprochen. Daraus kann man nun aber nicht schließen, wir wollten eine Straffreiheit der Selbsttötungsbeihilfe nur bei nahestehenden Helfern, also Familienangehörigen. 

Die Selbsttötung wird zu Unrecht als eine dem Menschen gemäße Freiheitsausübung verklärt

Wenn unsere Vorschläge auf das strafrechtliche Verbot jeder organisierten Selbsttötungshilfe zielen, so bleiben alle übrigen Fälle der Beihilfe zur Selbsttötung straffrei, ohne dass es auf ein Verwandtschaftsverhältnis zwischen den beteiligten Personen ankommt. An einer entsprechenden Unterstützungshandlung können auch mehrere Personen beteiligt sein.

Es ist richtig, wenn unsere Rechtsordnung zu bestimmten, schwierigsten Lebensdramen schweigt. Wenn bei der organisierten Selbsttötungshilfe jedoch für eine entsprechende Dienstleistung geworben wird, tritt dieses Unterstützungsangebot als Behandlungsvariante neben die medizinische und psychosoziale Hilfe. Dies und die in diesem Zusammenhang mitunter festzustellende Verklärung der Selbsttötung als eine dem Menschen gemäße Freiheitsausübung aber berühren die Wertschätzung für das menschliche Leben insgesamt in einer für mich in­akzeptablen Weise.

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Lesermeinungen

Hallo Iwan.d.S., ich freue mich, Ihnen zu Ihrer eigenen Klärung in diesem schwierigen Thema, verholfen zu haben. Umsonst sind die Beiträge nicht, denn zumindest für die Kommentierenden selbst dürften sie wichtig sein ?

Apologie schrieb am 2. Mai 2014 um 17:35: "Ich kann mich auch irren, was meine Bedenken angeht, darauf beharre ich nicht" Es bleibt ganz Ihnen überlassen, liebe Apologie, worauf Sie beharren und worauf nicht. Ich beharre darauf, dass Euthanasie weder verwandt noch verschwägert mit der Sterbehilfe ist. Sollte unser kleiner Dialog in dieser durchaus politischen Frage zur Klarheit beigetragen haben, dann waren erfreulicherweise weder meine "unmögliche Reaktion" und "Einschüchterung" noch Ihr Kommentar umsonst.

Ich bedauere, diese unmögliche Reaktion. Einschüchterungsversuche verabscheue ich zutiefst, lieber Iwan, die hier doch im Grunde auch nichts zu suchen haben. Ich kann mich auch irren, was meine Bedenken angeht, darauf beharre ich nicht, aber ich fand sie erwähnenswert, und aus dem erwähnten Grunde halte ich das Thema auch für politisch ungeeignet. -------
Ich würde mich freuen, wenn die Red. mich deshalb nicht als irgendeinen Gegner, sondern meinen Beitrag als reinen Kommentar betrachtet.

Apologie schrieb am 25. April 2014 um 21:35: "Und ich höre nichts mehr von Gott." Ich kann Sie beruhigen, liebe(r) Herr oder Frau Apologie. Gott hat sich selbstverständlich nicht einmal hier dazu entschlossen, endlich mal den Mund zu halten. Er spricht durch die, die an ihn glauben. Denen geht dann glatt der staatlich verordnete Mord an Unerwünschten durcheinander mit dem Wunsch eines Menschen, am Lebensende mieseste Quälerei abzukürzen. Für eine solche grandiose Verwechslung braucht man in der Tat den Beistand des Höchsten.

Hierzu fällt mir Euthanasie im Nazideutschland ein. Ich glaube, dass viele Menschen die Schrecken dieser Zeit, und die Medizin eine unmenschliche Freiheit, welche sie erfuhr, einfach nicht überwunden haben, bzw. die Medizin diese wieder zurückzuerobern trachtet. Auf jeden Fall ist es mehr eine absolute Panik -/ Schreckreaktion und Ohnmacht , denn eine reife und überlegte Handlung. Ebenso wie das Testament, oder die Patientenverfügung, wird dem Menschen eine Selbstverantwortung nahegelegt, die beinahe einem freiwilligen Gang in die Gaskammern zu ähneln scheint. Ich würde sagen, die Todesfurcht sitzt den Kranken und Alten, den Ohnmächtigen, Gequälten, Hilflosen und nicht zuletzt, Medizingläubigen zu tief im Nacken. Ich kenne die Zusammenhänge nicht, die in Belgien auch aktive Sterbehilfe an Kindern ermöglicht, aber pragmatisches Denken ist rücksichtsloses Denken, Rücksicht wird nur auf die Zeichen der Zeit genommen, eine schnelle Lösung gesucht, damit man bald wieder zur Tagesordnung übergehen könne. Nein, ich toleriere lediglich die Meinung, welche FÜR eine aktive Sterbehilfe ist, wenn es eine wirklich durchdachte und intellektuell reife Meinung ist. So in etwa, wie Sokrates es tat. Was hier bei uns geschieht, in Anbetracht der zahlreichen Gaskammermorden im Zweiten Weltkrieg, ist unbeschreiblicher Hohn und nachträglicher Sieg dieses wahnsinnigen faschistischen Gedankengutes. Ich glaube, dass diese Thematik keineswegs wirklich von den Betroffenen durchdacht ist. Dafür gibt es zu viele Stimmen, die dafür sind . So geht ein reifer Mensch mit seinem Leben nicht um, es ist die Todesfurcht, die ihn freiwillig dazu verleitet, und die Grenzen, die einem Staat, Medizin und vielleicht auch die Kirche vorsetzen. Es ist versteckte Selbstverachtung, die den Ruf nach Selbsttötung ausstößt. Und ich höre nichts mehr von Gott. Hier scheint er nicht einmal mehr schemenhaft vorhanden zu sein. Meiner Ansicht nach, ist das der Grund, warum den Menschen der Mut zum Leben fehlt. Und warum Kinder getötet werden sollen, etwa wegen ihrer gesunden Organe ??? Die Medizin hat genug Grausamkeiten verursacht, natürlich auch Positives, und in Ausnahmefällen, wenn man sich um aktive Sterbehilfe bemüht, sollte es möglich sein, welche zu erreichen. Schon allein das Bemühen dürfte Gedankengänge in Bewegung setzen, die zum Nachdenken verleiten könnten. Und wenn Partner einander aktiv begleiten, dann kann das Aushalten des Todeskampfes nicht schlimmer sein, als das aktive Beenden des Lebens! Ein Sterbender spürt, dass er nicht allein ist, auch wenn er scheinbar nicht mehr da ist. Warum also sollte ihm eine solche liebende Begleitung nicht einen friedvolleren Tod bescheren, als die Hilfe des Gottes in Weiß ? Sicher kann man sich daran gewöhnen, an die Tatsache nämlich, dass man selber die Macht hat, einen anderen zu töten, Pardon, ihm aus Liebe aktive Sterbehilfe zu leisten ! ! Oder ist es die Macht, die einen ein ganz klein wenig in die Vermessenheit der machtvollen Gottesnähe zu bringen vermag, oder gar die Erleichterung, indem ich mir daraufhin suggeriere, er/ sie ist jetzt erlöst! Besser ist es doch, im Leben aktiv für das Leben , das Zusammenleben voll da zu sein, als sich schon zu Lebzeiten für den Tod einzutreten, und sein Leben mit Blick auf einen gemütlichen Altersruhesitz, eine gute Rente, einen schon bereits ausgesuchten Arzt und Klinik , im Falle dass es notwendig wäre ... Ach ja, so abgesichert liesse es sich wohl noch viele Jahre, so Gott will, natürlich, leben ? Ist das so die heute gängige Vorstellung von einem Älterwerden im 21 Jh ? Ich halte das für pervers .
PS: Zu Thomas Morus und Utopia: Für gravierend halte ich Hiltler und die Naziideologie, wovon Thomas Modus noch nichts ahnte !

Gescheite Argumente findet man in der Erwiderung von Herrn Gröhe auf Christine Holch nicht wirklich.
Aber hier wird es ganz falsch: "Wenn bei der organisierten Selbsttötungshilfe jedoch für eine entsprechende Dienstleistung geworben wird, tritt dieses Unterstützungsangebot als Behandlungsvariante neben die medizinische und psychosoziale Hilfe."
Nein, Herr Gröhe, ein (Unterstützungs-)angebot ist keine Behandlungsvariante! Die Alternative zur medizinischen und/oder psychosozialen Hilfe ist die Akzeptanz dessen, dass einem Todgeweihten nicht mehr wirklich geholfen werden kann, und die Bereitschaft, ihm bei seinem freiwillensfähigen Abschied vom Leben zu helfen. Thomas Morus hat 1516 diese Bereitschaft in seiner Utopia beschrieben:
""Wenn sich aber jenen unheilbaren Krankheiten heftige Schmerzen zugesellen, die nichts verscheuchen oder mildern kann, so besuchen die Priester und obrigkeitlichen Personen den Kranken und raten ihm das einzige. was sie unter Umständen für das Beste halten ... Er solle sich also getrost und hoffnungsvoll aus diesem bitteren Leben wie aus einem Kerker oder aus der Folterkammer befreien. Diejenigen, die sich überzeugen lassen, machen freiwillig durch Enthaltung von Nahrung ihrem Leben ein Ende, oder man schläfert sie auch wohl durch einen Schlaftrunk ein ... Gegen seinen Willen aber töten sie niemanden und sie pflegen ihn deswegen auch nicht weniger sorgfältig." (2. Buch, 21. Kapitel) ".
Diese Barmherzigkeit stände einem Mitglied der Evangelischen Synode gut an.

Der gesamte Bericht besticht durch Wortblasen. Auf den Punkt bringt Herr Gröhe seine Meinung lediglich in den letzten vier Zeilen. Warum die Selbsttötung jedoch eine 'mitunter festzustellende Verklärung' sei, erklärt er nicht. Seine Haltung, sie berühre die Wertschätzung für das menschliche Leben insgesamt kann ich durchaus anerkennen. Aber sie ist eben nur seine Meinung. Meine ist anders. Und die vieler anderer Menschen auch. Fazit: auch bei diesem Thema ist es grundlegend wichtig, die Mehrheitsmeinung zur Kenntnis zu nehmen. Und schon sind wir wieder bei dem dieser Demokratie immanenten Schwäche: das Volk wird nicht befragt. Bitte wählt die AfD, die als einzige Partei derzeit den Hauch einer Chance bietet, eine Volksbefragung nach dem Schweizer Vorbild zu etablieren.

Das Problem der Sterbehilfeorganisationen wie etwa Dignitas: Man wird dort nur akzeptiert, wenn sich mindestens zwei Schweizer Ärzte (in der Schweiz!) davon überzeugt haben, dass man noch völlig klar bei Verstand ist.

Wer aber noch völlig klar ist und keine oder wenig Schmerzen hat (sonst hätte er kaum in die Schweiz reisen können), wird wohl immer noch leben wollen, auch wenn es nur noch einige Wochen sind.

Menschlich geht es ja auch in den Niederlanden zu, wo über 90 % zuhause in Anwesenheit ihres Hausarztes sterben, was allerdings nur für Mernschen gilt, die in den Niederlanden ihren Wohnsitz haben.

Aber auch das stelle ich mir schrecklich vor. Da hat man vielleicht für 11 Uhr den Arzt bestellt und dann sitzt man, vielleicht mit seinem Partner, ab 8 Uhr und sieht seinem Ende entgegen....

Ich glaube, ich wäre viel zu feige für so etwas.