Feigling oder Held?

Der Hamburger Senat erinnert mit einem Mahnmal an Deserteure des Zweiten Weltkriegs. Eine Genugtuung für Überlebende – und eine Herausforderung für die Bundeswehr
Der Wehrmachts-Deserteur Ludwig Baumann (92) am 01.09.2014 neben Deutschlands erstem Mahnmal für den "Unbekannten Deserteur" im Gustav-Heinemann-Bürgerhaus Bremen-Vegesack.

Foto: Alasdair Jardine/epd-bild

Der Wehrmachts-Deserteur Ludwig Baumann (92) am 01.09.2014 neben Deutschlands erstem Mahnmal für den "Unbekannten Deserteur" im Gustav-Heinemann-Bürgerhaus Bremen-Vegesack.

 Der Zweite Weltkrieg war schon lange vorbei, da wünschten einige frühere Kameraden Ludwig Baumann immer noch den Tod. „Ich kann nur bedauern, dass Sie nicht erschossen oder geköpft wurden“, schrieb ihm ein zorniger Mann noch vor gut einem Jahr. Der Bremer ist schon oft beschimpft worden, als Kameradenschwein, Feigling und Vaterlandsverräter. Heute ist Baumann Deutschlands bekanntester Deserteur.

In fast jeder Stadt, jedem Dorf erinnern Monumente an deutsche Soldaten, die gehorchten, kämpften und starben. Gedenkorte für die Deserteure des Zweiten Weltkriegs sind seltener. Meist wurden sie auf private Initiative gebaut, während der Friedensbewegung in den 90er Jahren.

Allein Hamburg hatte im Zweiten Weltkrieg 13 Militärgerichte – ein Zentrum der NS-Militärjustiz. Ausgerechnet hier fehlt ein Mahnmal für Deserteure. Das soll sich nun ändern. Für 500 000 Euro will der Hamburger Senat einen „Gedenkort für Deserteure und andere Opfer der NS-Militärjustiz“ schaffen, direkt neben dem „Kriegsklotz“ am Hamburger Dammtorbahnhof.

Der wuchtige Klotz von 1936 zeigt eine Reihe marschierender Soldaten und den Schriftzug „Deutschland muss leben, und wenn wir sterben müssen“. Der Entwurf des Künstlers Volker Lang für das Gegendenkmal sieht dagegen einen transparenten Baukörper mit zwei Wänden aus bronzenen Schriftgittern vor. Die Texte sind Zitate von Opfern und Tätern der NS-Militärjustiz. In der zweiten Jahreshälfte 2015 soll das Denkmal stehen.

"Wehrmachtssoldaten konnten Befehle nicht ungestraft verweigern"

„Ein von öffentlicher Hand finanziertes Deserteurs-Denkmal in Hamburg hätte bundesweite symbolische Strahlkraft“, sagt ­ der Historiker Magnus Koch. Er hat für die Wanderausstellung „Was damals Recht war“ über die Militärjustiz im Dritten Reich und über Deserteure der Wehrmacht recherchiert. Vom 27. Januar bis 1. März ist diese Ausstellung im Stadtmuseum von Riesa zu sehen. Weitere Stationen sind Wolfenbüttel, Reutlingen, Karls­ruhe, Emden und Aschaffenburg.

„Ein Soldat der Wehrmacht“, sagt Koch, „hatte keine Möglichkeit, einen Befehl ungestraft zu verweigern. Schon kleinste Verfehlungen konnten mit dem Tod bestraft werden.“ Wer keine Kriegsverbrechen begehen wollte, stand vor der Wahl, entweder selbst hart bestraft zu werden oder sich wie Baumann durch Flucht zu entziehen.

Das Denkmal soll an etwa 30 000 zum Tode verurteilte Soldaten der Wehrmacht erinnern. An Männer, die Befehle verweigerten, sich selbst verstümmelten, Kriegsgerät beschädigten oder sich von der Truppe fernhielten. NS-Militärgerichte verurteilten die meisten als Wehrkraftzersetzer und Kriegsverräter zum Tode. 15 000 dieser Urteile wurden vollstreckt. Wer überlebte, brauchte im Nachkriegsdeutschland nicht auf Mitleid zu hoffen.

Vor der Kriegswende, der deutschen Niederlage in Stalingrad 1943, sei Desertieren nur ein Randphänomen gewesen, sagt der Historiker Magnus Koch. Zunächst taten sich vor allem Einzelgänger, politische und religiöse Querköpfe durch Befehlsverweigerung hervor, auch Soldaten, die von ihren Kameraden ausgegrenzt und gequält wurden. Erst als die deutsche Niederlage immer wahrscheinlicher wurde, wurde Fahnenflucht zum Massenphänomen. Der Hauptantrieb: Angst ums eigene Leben. Die meisten desertierten in den letzten Kriegswochen.

Lesermeinungen

Dieser Artikel ruft in mir die Geister der Vergangenheit wach. Ich war Ende 1944     9  3/4 Jahre alt.
Es war die Zeit, in der der politische Zusammenbruch kumulierte.
Vor dem Bahnhof in Stolp/Pom. standen zwei "Kettenhunde", Militärpolizei, breitbeinig über ihre Motorräder gespreizt, und kontrollierten die Männer, die vom Bahnhofsgebäude kamen oder ihm zustrebten. Manch ein Fahnenflüchtiger wurde geschnappt und kurzerhand am nächsten Baumast gehenkt. Ich wollte hinlaufen und mir einen gehenkten Mann ansehen.
Jedoch meine Mutter ließ mich nicht: "Das ist so entsetzlich. Das lass ich dich nicht sehen."
Ich fügte mich. Anfang März 1945 kam die sowjetrussische Soldateska.
Damit begann für uns ein Inferno.

Heinz-Jürgen Buhrke

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