Evangelisch sein heißt frei sein. Aber wie?

Evangelisch sein = frei sein? Es hängt alles an einem entscheidenden Detail: dass man unabhängig bleibt von den Urteilen anderer

Foto: Michael Ondruch

Deutschlands größtes Boulevardblatt ist darin ganz groß: Es breitet mit professioneller Entrüstung das Fehlverhalten von Menschen vor den Lesern aus. „Mutter lässt Baby verdursten – weil sie feiern wollte“: so eine Schlagzeile Mitte Mai, und das, obwohl die 22-jährige Bianca zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht ver­urteilt ist. Dass die Zeitung über das Thema berichtet, ist gut. Aber so, wie sie es präsentiert, wird aus einem – offensichtlich gravierenden – Tatvorwurf ein Unwerturteil über den ganzen Menschen.

Die Boulevard-Methode, über Menschen mit genüsslicher Verachtung zu urteilen, ist gnadenlos. Das ist das exakte Gegenteil eines Grundsatzes, den Bibel und Refor­mation einschärfen: dass sich Menschen nicht mit ihrem Handeln identifizieren lassen. Tat und Täterin – das ist nicht dasselbe.

Im Vorfeld des Reformationsjubiläums 2017, dem 500. Jahrestag des Thesenanschlags Martin Luthers in Wittenberg, ist in der Kirche viel von der Freiheit des ­Menschen die Rede. Sie zählt zu den Grundsäulen evangelischen Glaubens und evangelischer Ethik.

Frei sein, heisst: Nichts passt zwischen mich und meinen Gott! sagt Henning Kiene, Pastor im Kirchenamt der EKD. Und: Freiheit ist ein Gnadengeschenk Gottes.

Die allermeisten Geschichten, die über die Reformation erzählt werden, hängen mit Freiheitserfahrungen zusammen, darunter auch so menschelnde Ereignisse wie Martin Luthers Hochzeit mit der entlaufenen Nonne Katharina von Bora oder das demonstrative Wurstessen des Züricher Reformators Ulrich Zwingli in der Fas­tenzeit. Die wichtigste Geschichte aber ist diese: Martin Luther, der etliche Aussagen in seinen Schriften (unter an­derem „Von der Freiheit eines Christenmenschen“) widerrufen soll, beruft sich vor dem Reichstag 1521 zu Worms auf sein Gewissen und weist alle Unterwerfungsforderungen zurück.

Auch negative Urteile können einen Menschen nicht grundsätzlich in Frage stellen

Freiheit ist ein schillernder Begriff. Im konfessionellen Sinn bedeutet er aber etwas anderes, als was das Grundgesetz damit benennt oder was beispielsweise die amerikanische und Französische Revo­lution im 18. Jahrhundert forderten. Diese Grundrechte, das muss man leider sagen, mussten teilweise gegen die christlichen Kirchen erkämpft werden.

Evangelische Freiheit ist daran zu erkennen, dass man „im Entscheidenden frei (ist) von den problematischen Urteilen und Maßstäben dieser Welt und damit frei, das Notwendige tapfer und fröhlich tun zu können“. So bringt es Christoph Markschies, Theologieprofessor an der Humboldt-Universität Berlin, in dem Buch „Rechtfertigung und Freiheit“ auf den Punkt, das er mit anderen Fachleuten im kirchlichen Auftrag für das Reformationsjubiläum 2017 verfasste. Gemeint ist: Auch wenn andere Menschen vernich­tende Urteile über einen fällen, kann das einen Menschen nicht von Grund auf infrage stellen. 

Das ist kein Freibrief für Individualismus, schon gar nicht für eine Straftat wie die beschriebene. Es betont vielmehr, dass zwei Aspekte zusammengehören: sich frei zu fühlen und sich in Dienst nehmen zu lassen. Das zeigt sich im Leben von Martin Luther sehr deutlich: Als Ordensmann hat er jahrelang an der Vorstellung gelitten, Gottes Erwartungen nicht ge­nügen zu können. Er versuchte so viele Sünden in sich aufzuspüren, dass es seinem Beichtvater Johann von Staupitz zu viel wurde. Es dauerte lange, bis Luther dieses zwanghafte Ringen um sein Seelenheil als Egoismus erkannte und hinter sich ließ. Erst als er verstand, dass Gott die Menschen unabhängig von ihrer Unvollkommenheit akzeptiert, fand er seinen inneren Frieden und die Freiheit, zu tun, was ihm wichtig war.

Es ist auch ein Abschied vom religiö­sen Leistungsdenken. „Der Mensch muss aushalten, dass er selbst nichts zu seiner Rechtfertigung beitragen kann“, heißt es in dem Buch zum Reformationsjubiläum. Nicht nur Fehlleistungen, auch Leistungen sind vor Gott bedeutungslos. Ein starkes Stück für Menschen, die sich als Leistungsträger dieser Gesellschaft verstehen. Nein, „Gütesiegel“ verleiht dieser Gott nicht. Er schätzt sie alle ohne Vorbehalte.

Lesermeinungen

Thorsten Maverick schrieb am 31. Juli 2014 um 20:08: "Offb 21:8" Volltreffer! Glückwunsch an Sie und die Suchmaschine! Was können wir also jetzt daraus lernen? Es ist keineswegs eine Spezialität des Islams, den jeweils Falschgläubigen die erlesensten Grausamkeiten vorauszusagen und von Herzen an den Hals zu wünschen. Das macht jede anständige Weltreligion. Da gibt es überhaupt keinen Unterschied zwischen Judentum, Islam und Christentum. ___________________________________________ Zitat: "Jesus kam es darauf an, Gutes zu tun." Klar, jedem Gläubigen und Obergläubigen geht es darum, Gutes zu tun. Auch hier gibt es keinen Unterschied zwischen Christen, Moslems, Juden, Buddhisten und Hindus. Diese gefährliche Unsitte, Gutes tun zu wollen, steht auch bei den Atheisten voll im Saft. Was dabei heraus kommt, kann jeder jeden Tag erleben und im Fernsehen anschauen. Warum das so ist, darüber würde es sich mal lohnen, nachzudenken. Und bei diesem Nachdenken kommt was anderes heraus, als dass der Herr Jesus ein ganz Lieber war und die Moslems böse Buben sind. __________________________ Zitat: "Niemand muß perfekt sein." Aber sich immer schön nach der moralischen Decke strecken, das soll schon sein. So mag der Herr seine Schäfchen ohne alle Vorbehalte. Und kaum einer lacht oder weint ob dieser grenzenlosen Güte und Liebe aller Götter.

Offb 21:8, leicht mit der Suchmaschine der Wahl zu finden. In meinen Augen vollkommen irrelevant, da nicht direkt auf Jesus zurückgehend. Jesus kam es darauf an, Gutes zu tun. Deshalb die Geschichte des barmherzigen Samariters, der für die Juden minderwertig war. Bekenntnis zu den eigenen Sünden, Reparatur der Schäden, Buße, und alles wird gut, auch wenn das nicht vollständig ist. Niemand muß perfekt sein. Das schreibt der Artikel sehr schön.

Thorsten Maverick schrieb am 10. Juli 2014 um 9:54: "Islam ..... Der fordert nämlich die totale Unterwerfung (so ist die Übersetzung ins Deutsche) und erlaubt keinen Zweifel." Ach ja? Für die tapferen christlichen Streiter wider die Moslems habe ich mal eine weniger bekannte Stelle herausgesucht: "Den Feiglingen aber und Ungläubigen und Greulichen und Mördern und Unzüchtigen und Zauberern und Götzendienern und allen Lügnern wird ihr Teil sein in dem See, der von Feuer und Schwefel brennt; das ist der zweite Tod." Die ersten drei Leser, die mir richtig sagen, in welchem Ayat welcher Sure das steht, bekommen von mir ein Lutherbildchen geschenkt.

Ja, der Artikel arbeitet die Freiheit des einzelnen, wie Jesus sie auch sah, sehr schön heraus. Komisch nur, daß die evangelische Kirche dann dem Islam so positiv gegenübersteht. Der fordert nämlich die totale Unterwerfung (so ist die Übersetzung ins Deutsche) und erlaubt keinen Zweifel. Da gibt es einen unüberbrückbaren Gegensatz.

Der evangelische Christ ist frei vom Katholizismus und er darf seinen Bischof einen Idioten nennen oder sogar aus seiner Kirche austreten, wie es ihm beliebt, ohne auf dem Scheiterhaufen zu landen. Es ist auch nicht schlimm, wenn die Theologen (wie Markschies) sich ihre eigenen Freiheiten zurechtzimmern, wie sie am besten in die jeweilige Argumentation passen, das tun letztlich alle, die sich mit dem Thema befassen. auch die Ideologen und sogar die Aufklärer und die Besserwisser. Sogar die Juden!

Nur fragen müsste man sich noch, inwieweit die Gebote Gottes eine Rolle spielen, wenn sie nicht den Charakter von Zwängen haben sollen, die die Freiheit begrenzen. Oder wie es andere formuliert haben (z.B. Herr Gauck), wenn der Freiheitsbegriff grundsätzlich über die Abwesendheit von Zwängen hinausgeht. Oder wie es noch klügere und gebildetere ZeitgenossInnen formuliert haben: Wenn sich der aufgeklärte Mensch nämlich aus der Freiheit von etwas hin entwickelt in eine Freiheit zu etwas. Ja, wem das so zu hoch erscheint, der hat die Freiheit sich das nach Belieben zu vereinfachen, er möge einfach laut schreien "Hurra, ich bin frei!" Na ja, oder etwas leiser. Damit sich niemand über den Lärm beschwert.

Zitat aus dem Artikel: "beruft sich vor dem Reichstag 1521 zu Worms auf sein Gewissen und weist alle Unterwerfungsforderungen zurück". Luther weist die Unterwerfungsforderungen der Gegenseite zurück. Wie macht er das? Die genauen Worte weiß man nicht, die Reichtagsakten und Ohrenzeugenberichte unterscheiden sich. Klar ist aber, dass Luther es nicht bei einem "Ich will nicht." belassen hat. Das wäre eine Zurückweisung aller Unterwerfungsforderungen gewesen. Nein, er unterwirft sich seinem Gewissen und das ist, wer hätte das gedacht, in Gottes Worten gefangen. Also unterwirft sich Luther Gott. Seine Gegner unterwerfen sich selbstredend auch Gott.

Wolfgang schrieb am 8. Juli 2014 um 16:27: ".... als Atheist..... bin mein eigener Gott!" Der Luther hat immerhin nur das Kunststück fertig gebracht, den Blattschuss von vorne zu vermeiden, indem er sich selber von hinten durch die Brust schießt und dann ruft: "Mir geht es prächtig!" Ein Atheist, der sein eigener Gott ist, treibt es jedoch noch ein bisschen toller. Er hechtet mit Elan in den Teich, von dem er vorher festgestellt hat, dass gar kein Wasser drin ist. Tödliche Verletzungsgefahr!

Frei bin ich nur als Atheist: ich habe meine eigenen Gedanken und bin mein eigener Gott!

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