Es könnte etwas schneller gehen

Selam Germa und Claudia Alf

Foto: Andreas Reeg

Claudia Alf hat Mühe, ihre Ungeduld zu zügeln. Das Arbeitsamt ist so lahm! Aber Druck machen ist nicht ihr Job. Ihr Job ist: Selam Germa zu unterstützen, für sie da zu sein, als Mentorin

 Am Anfang stand ein Blind Date. Claudia Alf und Selam Germa, die 46-jährige Bankkauffrau und die junge Äthiopierin, die in Deutschland endlich Fuß fassen will, standen sich das erste Mal im Juni 2013 gegenüber. Ja, das passt, meinten beide schnell. Aber Selam Germa war doch überrascht: „Ich hatte eher eine Oma erwartet.“

Die 28-Jährige hat die langen schwarzen Haare zu einem eleganten Zopf geflochten, an den Ohrläppchen blitzen perlmutt­farbene Ohrclips. Sie spricht konzentriert, sucht immer wieder nach den deutschen Worten und stolpert über die harten Konsonanten. Vor sechs Jahren kam sie nach Deutschland, allein, ihre Familie lebt verstreut in verschiedenen afrikanischen Ländern und den USA. Als ihr Asylantrag endlich durch war, zog sie in eine kleine Wohnung am Rande von Frankfurt am Main – und versucht jetzt, hier ein Leben aufzubauen. Deutsche Freunde hat sie kaum, ihre Familie vermisst sie sehr. Zum Glück gibt es Facebook und Skype. Und nun eben auch Claudia Alf.

Die beiden treffen sich jeden Montagnachmittag, oft bei Claudia Alf zu Hause. Die wohnt mit ihrer Familie am anderen Ende der Stadt. Ein liebevoll renoviertes Haus mit zwei Terrassen, eine für die Morgen- und eine für die Nachmittagssonne. In der Gartenhütte stehen vier Mountainbikes. „Wir sind viel unterwegs“, sagt Claudia Alf. „Selam bringt Ruhe hierher, das genieße ich. Und ich bin dann nicht die einzige Frau.“

Zwei Mal haben sie äthiopisch gekocht, ein paar Mal gingen sie spazieren, aber vor allem saßen sie zusammen am Nachmittagssonnentisch über Vokabeln und Hausaufgaben. Jeden Vormittag besuchte Selam einen Kurs an der Volkshochschule, Vorbereitung auf den Hauptschulabschluss. Das lief nicht immer glatt. Einige Monate vor der Prüfung riet ihr eine Lehrerin, mit dem Kurs aufzuhören. Sie würde den Abschluss nicht schaffen, ihr Deutsch sei noch zu schlecht. „Sie so zu demotivieren! Ich habe mich sehr geärgert!“, sagt Claudia Alf. Sie ist eine zierliche blonde Frau, ziemlich energisch. „Ich begann auch, an mir zu zweifeln. Lerne ich zu wenig mit ihr – oder auf die falsche Art?“

Claudia Alf weiß, dass sie wahrscheinlich gar nichts falsch macht, immerhin hat sie sich mehrere Monate lang auf die Begleitung von Selam vorbereitet. Der Evangelische Regionalverband hatte 18 Interessenten für solche Mentorenjobs gesucht, es meldeten sich 50: Studenten, Rentner, aber auch Berufstätige wie Claudia Alf, die sich neben ihrer Halbtagsstelle bei der Bank engagieren wollte. Das Interesse blieb groß. Im folgenden Jahr gab es deshalb zwei parallel laufende Kurse, und trotzdem kam nicht jeder rein, der wollte.

„Das gesellschaftliche Klima hat sich gedreht, das Schlagwort heißt Willkommenskultur“, sagt Andrea Kothen von der Organisation Pro Asyl. Richtig losgegangen sei das, als sich die Katastrophenmeldungen gekenterter Flüchtlingsboote im Mittelmeer häuften und die ersten Kriegsflüchtlinge aus Syrien kamen. Seitdem sprießen in ganz Deutschland Initiativen aus dem Boden: Rentner geben Deutschunterricht für Asylbewerber. Kunststudenten stellen mit Flüchtlingskindern Spielzeug her. Ein Turnverein lädt zum Lauftreff ein und sammelt Geld für die fehlenden Turnschuhe. 

Seit Oktober 2014 gibt es eine Übersichtsseite im Internet: Auf wie-kann-ich-helfen.info listet die Journalistin Birte Vogel zuwandererfreundliche Initiativen aus ganz Deutschland auf. Sie macht das in ihrer Freizeit und trifft offenbar einen Nerv. In der ersten Woche hatte die Seite 11 000 Zugriffe. Nach drei Wochen standen schon 60 Projekte online, und jeden Tag erreichten Birte Vogel neue Hinweise, manchmal acht oder zehn.

Selam Germa sagt, es sei schwer, mit Deutschen in Kontakt zu kommen. Aber sie möge ihre Zuverlässigkeit. Mit dem Volkshochschulkurs hat sie schließlich doch weitergemacht. Und die Prüfung bestanden. Es war eine große Erleichterung und auch ein kleiner Triumph für sie und die Mentorin. Dabei hatte ­Selam einmal mehr gespürt, wie anders die Deutschen ticken. In Gesellschaftskunde sollte sie einen Vortrag über Mutter Teresa vor­bereiten. Kein Problem, dachte sie und hatte schon zur Vorbe­sprechung ein Konzept im Kopf. „Mutter Teresa ist in meiner Heimat sehr beliebt, da wusste ich viel.“

Doch die Lehrerin wischt alles vom Tisch: Viel zu positiv. Es gäbe eine Studie, nach der die Nonne Geld aus unklaren Quellen angenommen und Schwerkranken Medikamente verweigert habe. Die solle sie berücksichtigen. Selam Germa arbeitete den verlangten kritischen Blick mit ein und bekam eine Eins. Aber es wirkt beim Erzählen so, als wisse sie nicht genau, ob sie die Entmystifizierung dieser Lichtgestalt gut oder schlecht finden soll. „Das ist wohl auch typisch deutsch“, sagt ihre Mentorin. „Wir wollen die Dinge durchdringen.“

Nach Wochen endlich der Beratungstermin - und die Sachbearbeiterin ist im Urlaub

Neben der jungen Äthiopierin kommt sich Claudia Alf auch oft sehr deutsch vor: „hektisch und ungeduldig“. Sie nimmt gern die Dinge in die Hand. Wann aber soll sie sich zurückhalten, weil es eben nicht ihres, sondern Selam Germas Leben ist? Und wer ist sie für Selam: Anwältin, Ersatzmutter oder Freundin?

Selam Germa sagt: „Claudia ist die, die mich versteht“, und wendet sich ihr zu: „Ich habe am Anfang immer genickt, auch wenn ich nicht wusste, worum es geht. Du hast mir das angesehen und mir die Sachen dann noch mal erklärt.“ Da freut sich die Mentorin, als sie das hört. Wie lange die beiden noch weitermachen, das können sie selbst entscheiden. Jetzt aber sei kein guter Zeitpunkt aufzuhören. Denn es liegt ein neues Thema auf dem Tisch: Selam Germa braucht ein neues Berufsziel. Sie kann doch nicht Altenpflegerin werden, was sie sich gewünscht hatte. Ein Arzt diagnostizierte eine Verkrümmung an der Wirbelsäule und stellt ihr das Gesundheitszeugnis nicht aus. Alles zurück auf Anfang also?

Claudia Alf fällt es schwer zu sehen, dass die Agentur für Arbeit nicht sofort tätig wird und neue Perspektiven anbietet. Etwas mit Kindern, Verkäuferin in der Drogerie, Schneiderin? „Selam ist so eine clevere, geschickte Frau!“ Erst nach Wochen gab es einen Beratungstermin, erzählt sie, und bei diesem war die Sachbearbeiterin im Urlaub. Selam Germa wartet geduldig, zumindest äußerlich. Ihre Mentorin rät ihr, einfach im Amt aufzukreuzen, auch ohne Termin. Selbst mitkommen will sie aber nicht, da kennt sie sich zu gut. „Ich würde dort gern mal auf den Putz hauen. Aber ich glaube, damit schade ich Selam nur. Sie ist viel diplomatischer.“ Beide schauen sich an und lachen. Ja, vielleicht. Ohnehin ist mal wieder etwas Freizeit dran. Durch die Stadt bummeln, ins Museum, und Selam Germa möchte so gerne das Radfahren lernen. Ist auch eine Vorbereitung für später, wenn Claudia Alf einmal eine andere Mentee haben wird. Denn dann lautet der Plan: eine ganz normale Freundschaft.

Information

So werden Sie Mentor(in):
Mentoren- und Patenprogramme für Flüchtlinge gibt es vielerorts – von kirchlichen, privaten oder kommunalen Anbietern. Man findet sie im Internet leicht unter diesen Begriffen, einige auch auf  wie-kann-ich-helfen.info. Bei Socius in Frankfurt / Main dauert die Ausbildung neun bis zehn Monate. Dazu gehören 80 Stunden ­Tages-, Abend- und Wochenendseminare. Sie ist kostenlos für diejenigen, die dann auch als Mentoren arbeiten. Zahlreiche weitere Programme beschreibt die Broschüre „Refugees welcome. Gemeinsam Willkommenskultur gestalten“ der Amadeu Antonio Stiftung und von Pro Asyl. amadeu-antonio-stiftung.de

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