Liam Neeson über Gott, Träume, den Tod und Helden

"Es ist ein Geschenk, wenn du etwas findest, wofür du brennst"

Foto: Dirk von Nayhauß

Hollywood-Star Liam Neeson spricht über Gott, Träume und den Tod. Und er gibt Auskunft, wer für ihn ein Held ist.

In welchen Momenten fühlen Sie sich lebendig?

Auf einem Filmset, wenn ich in einer Rolle drin bin und spiele. Es ist spannend. Du musst fokussiert sein, du musst sehr wach und gegenwärtig sein. Du musst dich öffnen, verletzlich sein und stark und so wahrhaftig, wie du nur kannst. Schauspielen kann wie eine Droge sein. Ist der Film fertig, kannst du es nicht erwarten, wieder loszulegen. Und im Alltag? Wenn ich mit meinen Kindern zusammen bin. Du bist dir deines Platzes im Universum bewusst. Dir wird bewusst, welchen Sinn das hier alles hat. 

Haben Sie eine Vorstellung von Gott?

Wir sind nicht mehr zentriert, nicht mehr in Übereinstimmung mit der Natur. Die perfekte Übereinstimmung, das ist Gott, wie ich ihn mir vorstelle. Ich spüre seine Gegenwart in den kleinen, einfachen Dingen. Wenn du draußen bist und einen Baum siehst, deinen Atem wahrnimmst oder die Sonne. Die kleinen Momente. Das ist so, wie wenn du dich verliebst, dann sind auch alle deine Sinne wach. Ob mir dieser Glaube in schwierigen Zeiten hilft? Ja, natürlich. Ich wurde katholisch erzogen, als Kind war ich Messdiener. Je älter ich werde, desto weniger brauche ich es, dass mein Glaube auf diese Weise organisiert wird. Aber ich gehe in Kirchen, ich liebe die sakrale Atmosphäre. Dort ist es still und friedlich, und natürlich bete ich. Es ist nicht das Erste, was ich morgens tue, und nicht das Letzte am Abend, aber ich bete. Es ist meditativ, es legt Bewusstseinsebenen frei. 

Muss man den Tod fürchten?

Du weißt nie, wann deine Zeit vorbei ist. Aber Angst? Nein. Wenn ich etwas fürchten sollte, dann die Art und Weise, wie ich sterben könnte. Es gibt furchtbare Wege, diese Erde zu verlassen. Ich hatte vor einigen Jahren einen Motorradunfall, habe mir dabei das ­Becken gebrochen. Mein Motorrad war völlig kaputt, aber der ­Motor lief noch, und ich dachte: Mist, wenn das in Flammen aufgeht, werde ich einen furchtbaren Tod sterben. So schnell ich konnte, befreite ich mich und schaffte es zur Straße zurück. Dort saß ich, und plötzlich war alles wunderschön: die Bäume, die ­Sonne und die Vögel. Ich war einfach nur froh, vom Motorrad weggekommen zu sein, spürte zuerst auch keine Schmerzen. Ich kam ins Krankenhaus.
Meine Frau wurde angerufen, und man sagte ihr, ich würde die Nacht nicht überleben. Mir sagten sie nichts. Wie in einem schlechten Hollywoodfilm sah ich die Gesichter über mir, und ich entdeckte sie und sagte: „Was machst du denn hier? Du bist doch in Kanada! Sei nicht dumm, geh wieder arbeiten.“ Natürlich sagte sie mir nicht: „Du wirst sterben.“ Erst später erzählte sie mir davon. Ich warf ihr vor, dass sie keinen Priester geholt hatte. „Aber du gehst doch nicht mehr zur Messe“, entgegnete sie. Doch wenn man fürchtet, dass jemand stirbt, dann holt man einen Priester! Ich schwor, mich nie wieder auf ein ­Motorrad zu setzen, und ich habe es nicht getan. Das war ein kleines Gebet, ein Pakt mit dem Universum: Hol mich hier raus, und ich werde nie wieder ein Motorrad anfassen. 

Welchen Traum möchten Sie sich noch unbedingt erfüllen?

Ich lebe meinen Traum, jede Minute. Es ist tatsächlich so. Vor ein paar Wochen habe ich mit Jugendlichen gesprochen, sie haben in der Schule „Schindlers Liste“ gesehen. Die Diskussion danach führte zu anderen Themen, und ich sagte zu diesen 16-, 17-jährigen Jungen: „Es ist ein Geschenk, wenn du im Leben etwas findest, für das du brennst. Wenn du morgens aufwachst und du kannst es nicht erwarten, dem nachzugehen, dann ist das ein Geschenk.“ Ich habe das mit der Schauspielerei für mich entdeckt.  Mit den Filmcrews zusammenzusein. Morgens aufzuwachen und zu ­denken: He, ich mache einen Film! Das ist großartig!

In Ihren Filmen spielen Sie oft den Helden. Wer ist Ihr Held?

Mein Held war schon immer Muhammad Ali. Ich habe früher selbst geboxt. Als Kind habe ich mir aus dem „Belfast Telegraph“ ein Foto ausgeschnitten, ich habe das noch heute, es ist ziemlich vergilbt. Es zeigt Muhammad Ali, nachdem er Sonny Liston ­geschlagen hat. Er steht am Rand des Ringes, und er sieht aus ­wie ein Gott. Er war ein großartiger Boxer. Auch jenseits des Ringes kämpfte er. Er hat viel Böses erlebt und viel Ungerechtigkeit, und er hat etwas dagegen unternommen. Und er tut das bis heute. Ich finde ihn mutig. Er war gegen den Vietnamkrieg. Aber vor allem hat er uns zum Nachdenken gebracht. Er stand für ­die Rechte der Schwarzen auf. Wie kein Sportler vor ihm hat er für Bürgerrechte gekämpft und angeprangert, wie Schwarze in den USA behandelt wurden.

Liam Neeson

Liam Neeson, 1952 in Nordirland geboren, zählt zu den markantesten Gesichtern Hollywoods. In seinem ersten Film spielte er 1978 einen Pilger, 1993 war er Oskar Schindler in „Schindlers Liste“. Bekannt ist Neeson vor allem für seine Rollen in spannungsgeladenen Filmen, wie in „Star Wars“ (Episode I), „96 Hours“ und „Unknown Identity“. Im März ist er in dem Actionthriller „Non-Stop“ zu sehen. 2009 starb seine Frau, die Schauspielerin Natasha Richardson, nach einem ­Skiunfall. Neeson hat zwei Söhne.

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Lesermeinungen

Ich finde es sehr interessant, was Herrn Neeson da passiert ist. Ich habe auch mal so etwas erlebt - als ich mit Kreislaufproblemen ins Krankenhaus musste. Gott hat mir meinen Wunsch erfüllt und mich wieder gesund gemacht.