Die Auserwählten

Wie erleben Flüchtlinge den Weg aus dem Bürgerkrieg an einen Ort, wo die Farbe der Couchbezüge zu ihren größeren Sorgen zählt? Ein Reporter und eine Fotografin besuchten regelmäßig eine somalische Familie aus Libyen, die irgendwann das große Los zog: Sie wurde in Deutschland aufgenommen

Fotos: Leona Goldstein

Berlin-Marienfelde, September 2013. Ihre Wohnung ist langsam kein fremder Ort mehr für sie. Eine riesige Couch steht jetzt im Wohnzimmer, eine noch leere Regalwand, ein Tisch, ein silbernes Serviertablett mit kleinen Gläsern. Es gibt WLAN. Alles ist sauber, der Teppich frisch gesaugt. Das gefällt Abubaker Ali Osman. Nur die Farben der Couch, die gefallen ihm nicht. „Sie passen nicht zum Rest“, sagt er und zeigt umher. Teppich, Tapeten, alles ist in Blautönen gehalten. Die geschenkte Couch ist bunt. Und ein neuer Bezug ist teuer. Abubaker hat sich erkundigt. Zwei Jahre nach ihrer Flucht vor Chaos und Tod, vor Bomben und Milizen, ist im Leben der Osmans wieder Platz für Nebensächlichkeiten.

Zwei Jahre sind eine kurze Zeit für den Weg aus dem Krieg an einen Ort, an dem Abubaker an Couchbezüge denken kann. Die Familie Osman, Abubaker und Saado, ihre Kinder Asma, Mohamed, Ahmad, Mursin, Asla und Aayah wurden gerettet als eine Familie unter Tausenden. Sie zogen das große Los in einer Lotterie um eine neues Leben, eine Tombola mit wenigen Gewinnern, in der Gesundheit und Bildung zählen – alles, was die Wahrscheinlichkeit erhöht, dem Gastland nicht zur Last zu fallen. Eine Tombola, in der es aber auch eine Unzahl an Zufällen gibt, die darüber entscheiden, ob man heute in einer Sieben-Zimmer-Wohnung in einem ruhigen Berliner Außenbezirk lebt, Sozialleistungen bekommt und die drei ältesten Kinder bald auf die Universität schicken kann. Oder in einem Flüchtlingscamp in der tunesischen Wüste, aus dem sich alle Hilfsorganisationen vor drei Monaten zurückgezogen haben, zermürbt von der Hitze, bedroht von Tuberkulose, angewiesen auf Almosen. Oder auf einem sizilianischen Friedhof begraben liegt, als einer der Tausenden Papierlosen, die seit dem Arabischen Frühling im Mittelmeer ertrunken sind.

Ein Erinnerungsfoto aus Lybien, Abubaker arbeitete dort an der Uni.
 
Heute hat die Familie eine große Wohnung.
Die letzte eigene Wohnung der Familie lag auf dem Gelände der Fakultät für Ingenieurwesen an der Universität von Hun, im Norden Libyens. Abubaker, 1958 im Süden Somalias geboren, kam 1985 dorthin. Er hatte zuvor Elektrotechnik in Mogadischu studiert, in Libyen fand er Arbeit als Laborwissenschaftler. Drei Jahre später kehrte er nach Somalia zurück und hei­ratete Saado Haji Abdirahhman. Abubaker war 30, sie 19, das Paar zog nach Libyen und blieb dort. Ihre sechs Kinder wurden geboren und wuchsen in der kleinen Wohnung auf dem Universitätscampus auf.

Heute beginnen die drei ältesten selbst zu studieren. Medizin, Elektrotechnik und Ingenieurwesen.

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