Der Horror steckt noch in den Köpfen

Bummeln, skaten, Rad fahren: das sieht alles ganz normal aus. Aber diese jungen Leute in Tripolis haben fast alle Furchtbares erlebt. Wie werden sie die Bilder aus dem Bürgerkrieg wieder los? In einem Jugendzentrum gibt es Hilfe. Nur: Therapie darf man das in diesem Land nicht nennen. . .

Fotos: Antonia Zennaro/Zeitenspiegel

Film ab. Feras sitzt am Steuer. Auf dem Beifahrersitz sein Freund; er blutet aus einer Schusswunde in der Wade. Hinten im Fond der Gefangene. Bewacht vom dritten Freund, mit vorgehaltener Pistole. Sie rasen durch die Straßen. Tripolis, mit mehr als 100 Stunden- kilometern. Hinter ihnen das Auto der Verfolger. Sie schießen. Feras, eine Hand für die Pistole, eine am Steuer, schießt zurück. Sein Auto kommt ins Schleudern, rast auf die linke Straßenseite zu. Filmriss. Dann liegt da dieser Mann. Vor einer Apotheke. Tot. Ein Loch in der Brust. Später stellt sich heraus: ein entfernter Onkel. Feras sieht das Blut den Bordstein herunterfließen. Dann beginnt alles von vorn. Feras sitzt am Steuer. Auf dem Beifahrersitz sein verletzter Freund . . .

Ein Horrorfilm in Endlosschleife. Und nur ein Zuschauer. Der kann nicht fassen, was er sieht. Feras, 26, der Jura studiert ­hat und ein erfolgreicher Autoverkäufer werden möchte. Feras, mit kräftigen Unterarmen und weichen Augen, die er senkt, wenn er erzählt. In seinem Kopf spult er die Sequenz ab, immer wieder. Nicht weil er sie mag. Im Gegenteil. Schuld und Scham quälen ihn. Da liegt der Onkel, da ist die Blutlache. Hat er ihn erschossen?
Hat er seinen Onkel aus Versehen getötet? Hat er Schande auf sich geladen?

Haschisch hilft. Feras raucht. Das löscht die Bilder zwar nicht. Aber sie interessieren ihn in diesen Momenten nicht. Wenn der Rausch weicht, sind die Bilder wieder da. Ganz sicher.

Flashbacks nennt die Traumamedizin, worunter Feras leidet. Ein Erlebnis sprengt das Fassungsvermögen der Psyche. Zu viel, zu gewaltig, zu verstörend. Deshalb kehrt die Erinnerung immer wieder zu diesem Punkt zurück. Wie ein ruheloser Sucher nach Erlösung, der jedes Mal doch nur ­wieder in der Selbstanklage landet. Drei Jahre ist die Verfolgungsjagd durch die libysche Hauptstadt her. Dass Feras überhaupt weiß, was ein Flashback ist und was er seelisch anrichtet, verdankt er Nayla, seiner Psychologin im Libya Youth Center (LYC). Offiziell arbeitet sie in einem ganz normalen Jugendzentrum. Es gehe um Persönlichkeitsentwicklung, steht auf der Facebook-Seite. In Wirklichkeit ist das LYC das einzige Traumazentrum in Libyen. Ein Trauma ist ein Tabu in einer Gesellschaft, die den Patriarchen verehrt, das Starke, den Krieger. Schwachsein ist fast dasselbe wie Schwachsinn. Trauma­geschädigte, die sich dazu bekennen, würden von ihrer Familie wie Verrückte behandelt, sagt Nayla. Also verschweigen sie besser, was sie im Bürgerkrieg von 2011 erlebt haben.

Krieg verstört. Die Abendnachrichten zeigen uns eine Art Totale, die den Zuschauer schont. Die Nahaufnahmen sind quälender. Die Schwester, die auf der Straße von Gaddafis Soldaten entführt wird; das verquollene Gesicht eines Folter­opfers; ein naher Freund, der von einer Granate zerrissen wird. Diese Filme sind nur für die Betroffenen sichtbar. Ihre Erinnerung verwandelt sich in eine Kammer des Schreckens. Äußerlich spielt man Normalität. Beim Mokka im Café reicht jemand sein Smartphone rüber. Es läuft ein Clip, in dem ein Soldat einem gefangenen Revolutionär ­mit einem Messer den Kopf abtrennt. Junge Männer in Libyen haben massenhaft solche Filme auf ihren Handys. „Zeig mir ein schreckliches Video, dann zeig ich dir ein noch schrecklicheres.“ Gestohlene Traumata. Hilflose Versuche der Bewältigung.

Mahmoud zeigt stolz Fotos aus der Zeit in der er und seine Freunde in der Revolution gekämpft haben.
Die Revolution gegen den Diktator Muammar al-Gaddafi vor drei Jahren schnitt Fronten quer durch Familien, Firmen, Fußballmannschaften. Einst gut gelittene Nachbarn wurden zu Feinden, Studenten bewaffneten sich mit Granatwerfern, Soldaten wurden zu Killern. Mehr als vierzig Jahre Diktatur, Bespitzelung und Willkür reichen aus, um eine ganze Ge­sellschaft zu verstören. In Libyen kam ein blutiger Bürgerkrieg dazu. Niemand traut dem anderen. Viele offene Rechnungen. Und zu viele offene Wunden.

Information

Libya Youth Center
Das Zentrum bietet einen geschützten Raum für Kinder und Jugendliche bis 25 Jahren. Zu den Angeboten zählen Freizeitaktivitäten, vor allem aber Kunst-, Musik-, Spiel-, Verhaltens- und Psychotherapie. Finanziert wird das ­Programm vom österreichischen Konzern OMV, orga­nisiert vom Hilfswerk Austria. Die libyschen und inter­nationalen Mitarbeiter trainieren auch Pädagoginnen und Jugend­arbeiter aus Tripolis, um sie im richtigen Umgang mit verhaltensauffälligen Kindern zu schulen. Das Bildungsminis­terium erwägt, nach diesem Vorbild ­weitere Einrichtungen im ganzen Land zu schaffen. Bislang ist das LYC allerdings das einzige Traumazentrum.

Bürgerkrieg
Im Februar 2011 begann der Aufstand gegen das Regime des Diktators Muammar al-Gaddafi; er hatte das Land 42 Jahre beherrscht. Acht Monate später endete der Bürgerkrieg; Gaddafi wurde gefangen genommen und ermordet. Die NATO hatte aufseiten der Aufständischen eingegriffen. Bis heute ringt das Land um den Übergang zu einer Demokratie nach westlichem Vorbild.

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