Andreas Kruse über seinen Glauben

Die Fäden des Himmels

Friederike Hentschel

Ich wurde 1955, zwei Wochen nach meiner Geburt, in der Kirche eines sehr kleinen Dorfes getauft, in der auch meine drei älteren Brüder schon getauft worden waren. Der Glaube spielte in unserer Familie immer eine Rolle. Nicht übertrieben, aber doch deutlich spürbar. Die Glaubenspraxis, vor allem der sonntägliche Kirchgang, wurde nicht vernachlässigt, doch wurde auch nie Druck ausgeübt: Gottlob! Und schließlich kam ich mit achteinhalb Jahren in ein – katholisches – Musikinternat, in dem die Verbindung von Musik und Glauben im Zentrum stand: die Musik als Lobpreis Gottes, als Ausdruck der Freude, als Ausdruck der Trauer und der Klage.

DDie geistlichen Werke, die wir im Chor einstudierten, prägten sich mir tief ein: Durch das Singen lernten wir nicht nur auswendig, sondern auch inwendig. So sind mir viele dieser Werke noch heute völlig geläufig. Ich kann sie auswendig singen. Und deren Motive stellen sich spontan ein, wenn ich mich freue, wenn ich Dankbarkeit empfinde, wenn ich traurig bin. Sie sind Fäden des Himmels. Johann Sebastian Bach prägte mich, vor allem durch seine Passionsmusik, die h-Moll-Messe. Aber auch andere waren mir Vorbilder im Glauben wie Meister Eckhart, Nikolaus von Kues, Paul Fleming. Meine Frau und ich sind Dietrich Bonhoeffer dankbar. Seine Gebete haben uns in den ersten Jahren unserer Liebe und auch in einer gesundheitlichen Grenzsituation meiner Frau begleitet.

Ich bin eher ein »Karsamstagsmensch«. Und lasse doch nicht von meiner Hoffnung auf die Auferstehung ab. Ich schätze das Wort, das in unserer Konfession eine so große Rolle spielt. Ich schätze den synodalen Gedanken. Und bin bewegt, wenn ich lese und höre: »Media in vita in morte sumus, kehrs umb!, media in morte in vita sumus.« (Mitten im Leben sind wir im Tod – dreh’s um: Mitten im Tod sind wir im Leben, Martin Luther.) Großartig. Ich definiere mich aus dem Glauben. Und ich bekenne mich mit Freuden zu diesem. Überall. Immer. Ich bete vor allem, wenn ich danke. In allem Dank – für die wunderbaren Kinder und Enkelkinder, die wir haben, um einen zentralen Lebensinhalt zu nennen – danke ich auch Gott: und dies im Gebet, übrigens oft im musikalisch umrahmten Gebet. Zu schaffen macht mir die Theodizeefrage.

Nur: Wie viel Unheil bringt der Mensch selbst in die Welt! Wir sollten in viel stärkerem Maße das Geistige, das Göttliche in uns wahrnehmen, in die Welt bringen. Das sage ich mir in Momenten des Zweifels. Und das erwarte ich auch von der Kirche, dass sie eine Gemeinde ist, die um Wahrheit ringt, die sich von Mensch, Tier, Natur intensiv berühren lässt, die Mitverantwortung für die Schöpfung übernimmt. Dabei soll sie bitte keinesfalls rechthaberisch, apodiktisch, hart sein.

Wie ich sterben möchte? Zusammen mit meiner Frau oder an der Hand meiner Frau, der körperlichen, der geistigen Hand. Und in dem Gefühl des Schlusschorals der Kreuzstabkantate: »Komm, o Tod, du Schlafes Bruder, komm und führe mich nur fort; löse meines Schiffleins Ruder, bringe mich an sichern Port!«

Andreas Kruse

Andreas Kruse, geboren 1955, Professor Dr. phil., Dr. h. c., Dipl. psych., verheiratet, zwei Kinder, zwei Enkelkinder ist Direktor des Instituts für Gerontologie der Universität Heidelberg und Mitglied der Synode der EKD. Seit 2003 hat er den Vorsitz der Altenberichtskommission der Bundesregierung inne. – Im Jahre 2013 veröffentlichte er das Buch (Spektrum Verlag): Die Grenzgänge des Johann Sebastian Bach – Psychologische Einblicke.

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