Wer hat die Toleranz erfunden?

Christen gerade nicht, würde mancher sagen. Eher die Aufklärung. Und trotzdem gehört diese Tugend zum Kern des Christentums
Foto: Michael Ondruch

Als er im Sterben lag, zählte Philipp Melanchthon die Vorteile des Todes auf: „Du wirst von der Tollwut der Theo­logen befreit“, notierte er unter anderem. Allzu oft hatte der Diplomat der Reformation erlebt, wie Theologen mit gnadenloser Rechthaberei einen Streit unnötig verschärften. Und das, obwohl in Europa längst Religionskriege tobten und Menschen zu Tausenden ihr Leben ließen.

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Hören Sie auch Henning Kiene vom Kirchenamt der EKD zu dieser Frage. Sein Credo lautet: ToleranzDas Wort Toleranz bezieht sich seiner ursprünglichen Bedeutung nach auf die Duldung religiöser Minderheiten im autoritären Staat. Berühmte Toleranzedikte sind die des Perserkönigs Kyros (538 v. Chr.), der Juden die Heimkehr aus dem Babylonischen Exil gewährte, und das Toleranzedikt von Nikomedia (311 n. Chr.), welches das Christentum im Römischen Reich zur geduldeten Religion erklärte. 1847 erlaubte Friedrich Wilhelm IV. von Preußen in einem Toleranzedikt unter anderem den Kirchenaustritt. In der freiheitlichen Gesellschaft setzt Religionsfreiheit Toleranz voraus. Doch es gibt Grenzen. Wo der Staat bei einem bestimmten Verhaltenskodex Intoleranz vermutet, kann er zum Schutz der Individualrechte die Religionsfreiheit einschränken, wie beispielsweise beim Kopftuchverbot. Heute bedeutet Toleranz, dass Menschen unterschiedlicher Überzeugungen einander dulden. Wo Gleichgültigkeit an die Stelle konkurrierender Überzeugungen tritt, erübrigt sich die Tugend der Toleranz. an sich ist ein religiöser Begriff

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Tolerant ist, wer andere mit ihren Besonderheiten duldet – auch wenn es ihm schwerfällt. „Toleranz sollte eigentlich nur eine vorübergehende Haltung sein, sie muss zur Anerkennung führen“, sagte Johann Wolfgang von Goethe. „Dulden heißt beleidigen.“ Es reicht eben nicht, Katholiken, Homosexuelle, Spießer und Tätowierte bloß zu tolerieren.

Liebt Eure Feinde, hat Jesus gesagt

Die Menschen in Antike und Mittelalter kannten keine Toleranz in diesem Sinn. Vielleicht litten sie weniger als wir unter gesellschaftlichem Konformitätsdruck. Von „tolerantia“ sprachen sie nur, wenn es galt, Schicksalsschläge zu erdulden. Aber dass Menschen mit anderen Gewohnheiten, Bräuchen und Umgangsformen eine Last seien, die man bestmöglich ertragen müsse, darauf kam damals niemand.

„Liebt eure Feinde“, hat Jesus gesagt (Matthäus 5,44). Dennoch haben Christen von Anfang an sogenannte Ketzer ausgegrenzt, ab dem 11. Jahrhundert sogar grausam verfolgt. Mit der Reformation brach die ganze Christenheit auseinander – und mit ihr die politische Einheit Mitteleuropas. Der Kampf um die Rechtgläubigkeit wurde so unerbittlich geführt wie nie zuvor. Mit dem liebenden und vergebenden ChristusDiese griechische Bezeichnung ist kein weiterer Name Jesu, sondern ein Titel und Bekenntnis: Jesus ist „der Christus“, hebräisch „der Messias“, auf Deutsch „der Gesalbte“. Mit diesem Titel verband sich nach der Zeit von König David (um 1000 v. Chr.) in Israel die politische Hoffnung auf einen neuen Herrscher und ein Friedensreich unter seiner Ägide. Jesus lehnte diese politische Erwartung an seine Person ab. Im Gegenteil: Er starb sogar den Tod am Kreuz. Aber seine Botschaft enthält explizit politische Ziele: soziale Gerechtigkeit, Frieden, der Kampf gegen gesellschaftliche Ausgrenzung, Hunger und Krankheiten. Auch wenn Jesus die an ihn gerichteten Messiaserwartungen zurückwies, weckte er doch in den Menschen seiner Zeit und besonders in seinen Anhängern, den Christen, die Hoffnung „auf einen neuen Himmel und auf eine neue Erde, in denen Gerechtigkeit wohnt” (Zweiter Petrusbrief 3, 13). der BibelDie Bibel (griechisch „biblia“ = Bücher) ist die Heilige Schrift der Christen. Die Bibel ist in das Alte und in das Neue Testament aufgeteilt. Das Alte Testament ist ursprünglich in Hebräisch geschrieben. Es beginnt mit der Schöpfungsgeschichte und enthält neben den Urgeschichten der Menschheit Prophetenbücher, Weisheitstexte und die Geschichte des Volkes Israel. Viele Schlüsseltexte der westlichen Kultur finden sich im Alten Testament, wie zum Beispiel die Zehn Gebote. Das Neue Testament ist ursprünglich in Griechisch geschrieben. Es enthält unter anderem die vier Evangelien, die vom Leben, von Kreuz und Auferstehung Jesu Christi erzählen, und eine Anzahl theologischer Briefe, von denen die des Apostels Paulus am wichtigsten sind. Bis ins 15. Jahrhundert wurde die Bibel fast nur in ihrer lateinischen Übersetzung (Vulgata) gelesen. Martin Luther übersetzte die Bibel von 1520 bis 1536 ins Deutsche. Alle christlichen Kirchen berufen sich in ihrer Lehre und in ihrer Praxis auf die Bibel, auf das Alte und das Neue Testament, als wichtigste Quelle. hatte schon bald keine der Streitparteien mehr etwas gemein.

„Toleranz ist das Wesensmerkmal der wahren Kirche“, schrieb der Philosoph John Locke 1689 aus Protest gegen solche Verirrungen. „Jede Kirche ist in ihren eigenen Augen rechtgläubig, in denen der anderen ketzerisch. Die Entscheidung dieser Frage steht nur dem obersten Richter über alle Menschen zu.“ Juristen forderten, dass der Staat sich mehr um den inneren Frieden sorgen müsse als um Fragen der Religion. Mit der Aufklärung kam die Erkenntnis: Menschen können GottGott ist nach einer gängigen Vorstellung „das höhere Wesen, das wir verehren“. In Heinrich Bölls Erzählung „Doktor Murkes gesammeltes Schweigen“ lässt jedenfalls ein Kulturpapst „Gott“ aus seinen Radiovorträgen herausschneiden und durch diese Wendung ersetzen. Gott gilt als Grund alles Seins, hat aber – anders als eine unpersönliche Schicksalsmacht – zugleich auch eine personale Seite, an die sich der Mensch im Gebet wenden kann. Gott kann nicht bewiesen, sondern nur geglaubt werden. Für den Gläubigen ist Gott keine Annahme, sondern Wirklichkeit und transzendentes, also jenseitiges Gegenüber. Die monotheistischen Religionen Judentum, Christentum und Islam gehen davon aus, dass sich alles, was ist, auf Gott zurückführen lässt. So bleibt in diesen Religionen die Frage offen, wie derselbe Gott, der das Gute will, auch das Leid und das Böse zulassen kann. gar nicht beleidigen. Blasphemie, Götzendienst und Atheismus zu bestrafen, ist absurd. Kirchenfürsten zeigten sich trotzdem lange Zeit weiter uneinsichtig.

Der deutsche Staat hält sich heute aus religiösem Streit heraus und verlangt von seinen Bürgern Zurückhaltung in religiösen Streitfragen. Und die Kirchen bejahen die unparteiische staatliche Ordnungsmacht – wie damals in den Anfängen der Kirchengeschichte, als Christen im Schatten des römischen Kaiserreichs lebten, zuweilen sogar in Opposition zu ihm.

Das Toleranzgebot ist kein Freibrief, andere zu verspotten

Inzwischen hat sich auch herumgesprochen: Das Toleranzgebot ist kein Freibrief, andere zu verspotten. Natürlich darf sich jeder über Religionen mit Satiren lustig machen. Karikaturen über den ProphetenPropheten treten in der Bibel meist dann auf, wenn es darum geht, den Menschen gehörig ins Gewissen zu reden. Im umgangssprachlichen Sinn gelten sie als Männer oder Frauen, die zukünftige Entwicklungen voraussagen oder die wahrsagen können. Dies entspricht aber nicht der biblischen Rolle der Propheten. Diese machen nämlich dadurch von sich reden, dass sie die politischen, sozialen und religiösen Strömungen ihrer Zeit sehr genau beobachten und sich dazu kritisch warnend äußern. Eine besonders breite Wirkung entfalteten Jesaja und Jeremia. Mit leidenschaftlichem Einsatz versuchen sie, die Gesellschaft neu auf Gott hin zu orientieren. Die Propheten der Bibel handeln im göttlichen Auftrag. Angesichts der Gefahren und der Mühen ihrer großen Aufgabe sträuben sich manche Propheten zunächst, aktiv zu werden (so zum Beispiel Jeremia). Mohammed müssen erlaubt sein. Doch ist es unredlich, von anderen Toleranz einzufordern, denen man selbst seinen Respekt verweigert.

„Alles ist erlaubt“, schrieb bereits der Apostel PaulusSo wurde Saulus zum Paulus: Eine Wegstunde von Damaskus entfernt, ungefähr um das Jahr 40 nach Christi Geburt, geschah etwas für den weiteren Weg des Christentums Folgenreiches: Der Pharisäer Saulus, ein frommer Jude, im Land unterwegs zur Eindämmung der entstehenden jungen christlichen Gemeinden, erlebte seine persönliche Bekehrung zum Glauben an Jesus Christus. Er hatte eine Lichtvision und hörte die Stimme Jesu sagen: „Saul, Saul, warum verfolgst du mich?“ Saul war drei Tage blind, doch dann erkannte er: In Jesus Christus liegt alles Heil. So konsequent, wie er zuvor die Gemeinden Christi verfolgt hatte, engagierte er sich fortan für sie, er wirkte als Missionar. Saulus war zum Paulus geworden. Das 9. Kapitel der Apostelgeschichte berichtet von dieser entscheidenden Weichenstellung für das Christentum. Mit Paulus betrat einer der ersten und profiliertesten Theologen des Urchristentums die historische Bühne. Die christlichen Kirchen begehen am 25. Januar das Fest seiner Bekehrung. in seinem ersten Brief an die Korinther (10,23), „aber nicht alles dient zum Guten.“ Bei allem, was man tut, solle man nie das Wohl des anderen aus dem Blick verlieren.
Das Toleranzgebot hat sich infolge der Religionskriege durchgesetzt – gegen den Protest kirchlicher Würdenträger. Und doch entspricht es dem, wofür das Chris­tentum schon immer stand: „Agnus Dei, qui tollis peccata mundi“, singen Christen seit zwei Jahrtausenden in jeder Messe. Im Deutschen geht die Doppelbedeutung des alten lateinischen Messgesangs ver­loren: „Christe, du Lamm Gottes, der du nimmst hinweg die Sünd der Welt.“ Man könnte auch übersetzen: „Christe, du Lamm Gottes, der du trägst, erduldest die SündeDie Sünde ist mehr als ein Regelverstoß. Das Wort Sünde kommt von „sich sondern, sich trennen“, gemeint ist also die Trennung zwischen Gott und Mensch. Spricht man von einer Sünde, dann geht es nicht nur um eine bestimmte Tat, sondern zusätzlich um ein Ausbrechen des Menschen aus der Beziehung zu Gott. In der biblischen Geschichte vom Paradies und Sündenfall wird dies bereits angesprochen: Der Mensch will vom Baum der Erkenntnis essen und „sein wie Gott“, sich seine Existenz aus eigener Kraft sichern. Das Sündenverständnis von Katholiken und Protestanten unterscheidet sich: Während es nach der katholischen Lehre Sünden der unterschiedlichsten Art und Schwere aufgrund eigener Entscheidung gibt, spricht die evangelische Kirche weniger von einzelnen „Sünden“, als vielmehr von der einen „Sünde“, der Auflehnung des Menschen gegen Gott; zudem wachse der Mensch in eine unentwirrbare Mischung aus Schuld und Schicksal hinein, aus der er sich nicht selbst erlösen kann. der Welt.“

Der Mann am Kreuz lässt seine Spötter und Verächter gewähren. Er wehrt sich nicht und verflucht niemanden. Stattdessen bittet er um VergebungVergebung ist der freiwillige Verzicht auf Vergeltung. Auch nach Bestrafung eines Übeltäters kann ihm sein Opfer vergeben, indem es die Gemeinschaft mit ihm wiederherstellt. Im Christentum folgt Vergebung auf die Reue des Täters. „Vergib uns unsere Schuld“, betet Jesus im Vaterunser. Er bittet, dass Gott die durch menschliches Versagen zerrüttete Gemeinschaft mit Gott wiederherstellen möge. Jesus lehrt, dem reuigen Sünder sei Gottes Vergebung gewiss. Christen sollen einander vergeben, wie Gott ihnen vergeben habe. Vergebung ist nicht nur ein christlicher Gedanke. Sie ist auch eine Voraussetzung der modernen Zivilisation. Ohne Vergebung ginge die Gesellschaft an einer Spirale der Vergeltung zugrunde. für seine Peiniger, „denn sie wissen nicht, was sie tun“ (Lukas 23,34). Für eine christlich geprägte Toleranz sollte dieser Christus das Vorbild sein.

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