So fühlen ehemalige Heimkinder

Wer da raus kommt, hat einen Knacks

Anne Schönharting/OSTKREUZ und Richard Ross/Anzenberger

Kindheit prägt – eine Kindheit im Heim prägt auf besondere Weise. An wen fühle ich mich gebunden? Wer liebt mich? Solche Fragen sind dann auch später, ür die Erwachsenen, kaum zu beantworten. Die Schrift­stellerin Mirijam Günter fasst zusammen, was ihr ehemalige Heimkinder erzählen

„Ich hatte noch Jahrzehnte später das Gefühl, als wäre ich auf einem anderen Planeten aufgewachsen“, schrieb mir ein Mittvierzigjähriger, der seine Kindheit und Jugend im Heim verbrachte. „Und sogar heute noch. Obwohl ich schon längst in der Mitte der Gesellschaft angekommen bin, passiert es mir, dass ich in einer mir vertrauten Gruppe sitze und mich eine solche Traurigkeit und Einsamkeit packt und ich plötzlich denke, ich gehöre nicht dazu. Merken die das eigentlich nicht?“

In meinen Literaturwerkstätten, die ich seit Ende 2006 in Gefängnissen, Kliniken und Schulen anbiete, begegnen mir immer wieder ehemalige Heimkinder. Sie erzählen mir von ihrem Leben. Andere schreiben mir, weil sie meine Texte über Heimkinder gelesen haben. Der meistgeschriebene Satz in Literaturwerkstätten mit ehemaligen Heimkindern lautet: „Ich habe alle verloren, die ich geliebt habe.“ Fühlt man sich nach einer Kindheit im Heim anders als seine Mitmenschen? Spricht man eine andere Sprache, weil man andere Schlachten geschlagen hat?

„Alle Überlebensstrategien, die ich im Heim gelernt habe, ­galten auf einmal nicht mehr, man konnte sie nicht mehr anwenden. Es hat fast zwei Jahrzehnte gedauert, bis ich das begriffen hatte“, schreibt eine Vierzigjährige.

Eine Teilnehmerin aus der Literaturwerkstatt in einer Klinik schreibt: „Plötzlich war ich alleine, hatte keinen Menschen mehr. Keine der Freundschaften aus dem Heim, die im Nachblick nur Zweckbündnisse von Leidensgenossen waren, hat gehalten. ­Keine meiner späteren Beziehungen hat gehalten, ich habe im Heim eine Verlustangst entwickelt, die ich nie wieder losge­worden bin. Ich habe an meinen Partnern so geklammert, dass sie geflohen sind. Bei Freundschaften läuft es bei mir bis heute ähnlich: Wenn es tatsächlich jemandem gelingt, mein Vertrauen zu erlangen, bekomme ich Panik, dann drehe ich so ab, dass meine Freunde mich wieder verlassen, und ich fühle mich wie früher im Heim.“

Und in einer Mail bekomme ich zu lesen: „Ich habe ganz schnell eine Familie gegründet. Meine Freundin war damals noch sechzehn und im Heim. Letztendlich ist die Beziehung gescheitert, ich denke, es war nicht gut für uns. Einmal sind wir Weihnachten gemeinsam zusammengebrochen. Wir saßen vor unserem Kind und wussten auf einmal, dass wir nie eine normale Familie ­werden. Es werden nie Großeltern kommen, wir haben keine familiäre Hilfe. Wenn wir Hilfe brauchen, müssen wir immer den Staat oder Organisationen fragen, fremde Menschen halt, wie im Heim. Wir haben vor unserem Kind geheult.“

Wer in seiner Kindheit und Jugend nie richtige Freunde hatte, sondern nur Bündnisse auf Zeit, der hat im erwachsenen Leben Schwierigkeiten, welche zu finden. Heimkinderfahrungen: Der beste Freund darf nach Hause. Er verspricht, dass er mir schreibt, mich anruft, mich besucht. Nichts passiert. Ich sehe ihn nie ­wieder. Das passiert nicht nur einmal. Auch der Erzieher, dem das Kind vertraut, geht. Auch er sagt, dass er Kontakt halten wird. Und meldet sich nicht mehr. Auch das passiert mehrfach, verständlicherweise, müsste doch der Erzieher zu Hunderten Kindern Kontakt halten. So lernt das Kind: Menschen, die es liebt, bleiben nicht.

Alle Kinder im Heim erleben furchtbare Dinge – wobei manchmal nur das Kind das Furchtbare einer Situation empfindet. In den Akten vom Jugendamt schlägt sich das nicht nieder.

In der Erwachsenenwelt muss das Heimkind lernen, sich allein durchzuschlagen. Da gibt es keine Schicksalsgenossen. Manche Heimkinder treffen sich im Knast wieder.

Ein Mann, den ich in einer Literaturwerkstatt in einem Gefängnis kennenlernte, schrieb: „Ich bin mit vierzehn von zu Hause rausgeschmissen worden, war dann in ein paar Heimen, hat aber alles nicht funktioniert, und ich bin ab da eigentlich auf der Straße aufgewachsen und bin dann nur mit kurzen Unterbrechungen immer im Knast. Ich komme mit der normalen Welt da draußen gar nicht klar. Ich kenne auch keine normalen Leute, nur Menschen, die genauso einen Knacks weghaben wie ich.“

Aber die meisten versuchen, mit den Regeln der Gesellschaft klarzukommen, Regeln, die sie als Kinder und Jugendliche nie gelernt haben. Es ist, als ob sie eine neue Sprache lernen.

Im Heim geht es um die Gunst der wenigen Erwachsenen, die man sich mit anderen Kindern teilen muss. Man darf in der ­Gruppe nicht untergehen. Keiner soll merken, dass es einem schlechtgeht. Beim Kindergeburtstag hört man Sätze wie: „Meine Mama hat gesagt, ich muss dich einladen, weil du ein armes Heimkind bist.“ Kinder können grausam sein, Erwachsene allerdings auch. Nicht so toll, wenn man Mitte zwanzig ist, alle fahren zu Weihnachten nach Hause, und die Altersgenossen wollen das ehemalige Heimkind so aufmuntern: „Sei froh, dass du keine Eltern hast. So bist du diesem scheißbürgerlichen Fest entronnen!“

Als Kind darf man sich, wenn es einem schlechtgeht, in Fantasiegeschichten flüchten. Für Erwachsene sind das Lügen. In einer Mail schreibt mir eine Frau: „Ich habe mich in Geschichten geflüchtet, die habe ich dann erzählt. Ich habe Freunde, die in Villen wohnten, erfunden, eine Mama, die angeblich eine Modelkarriere machte – ich habe erzählt und erzählt. Wenn ich einen Zuhörer fand, der mir glaubte, ging es mir gut. Leider habe ich mir das nicht abgewöhnt, meine Flucht in Geschichten. Meine Partnerschaften sind deshalb alle zerbrochen, keiner wollte sich von mir anlügen lassen.“

Viele ehemalige Heimkinder erzählen von ihren Bemühungen, Ersatzeltern zu finden. Die Teilnehmerin aus der Klinik beschreibt das so: „Mir ist eigentlich erst nach dem Heim richtig aufgefallen, wie alleine ich bin. Ich wusste nicht, wer mein Vater ist, und meine Mutter hatte sich ja das Leben genommen. Ich habe mir so sehr einen Vater gewünscht, dass ich fünfzehn Jahre lang ältere Männer zu meinen Ersatzpapas erkoren habe. Ein paar dieser Typen haben die Situation sexuell schamlos ausgenutzt, andere waren völlig überfordert, einen Ersatzpapa habe ich nicht gefunden. “

In einem Brief, der mich als Antwort auf einen meiner Artikel erreichte, schreibt jemand: „Ersatzmamas hatte ich viele. Ist ja auch rührend, mit so einer schlimmen Geschichte. Bis sie dann merkten, dass ich immer noch eins draufsetze und meine Geschichte noch entsetzlicher wurde. Dann fühlten sich die Ersatzmamas belogen und fanden mich doch nicht mehr so bemitleidenswert. “

Der Mittvierzigjährige hat es, seinem Brief zufolge, ins normale Leben geschafft. Die Gefühle aus seiner Zeit im Heim ist er aber nie losgeworden: „In den Heimen, in denen ich war, hat es eigentlich nie jemanden interessiert, wo wir waren. Wir konnten kommen und gehen, wann wir wollten, wir hatten nie das Gefühl, dass das jemanden interessiert. Das hat mich immer so wütend gemacht. Ich bin dann als Erwachsener ganz oft lange wegfahren und habe niemandem gesagt, wohin. Mein Telefon habe ich ausgestellt, um dann drei Wochen später den Anrufbeantworter abzuhören, ob mich jemand vermisst hat. Es gab tatsächlich immer Leute, die das getan haben. Es hat ewig gedauert, bis ich begriffen habe, dass ich Freunde habe und eine tragfähige, liebevolle Beziehung. Mein Leben ist in Ordnung.“

Das würden wohl alle ehemaligen Heimkinder gern sagen. Viele tun es auch. Andere könnten es vielleicht, wenn sie nicht ständig daran erinnert würden, dass sie um ihre Wurzeln nicht wissen und dass sie sich endlich mal kümmern sollten. Doch nicht alle Menschen wollen wissen, woher sie kommen. Für viele ist es eine große Anstrengung, ihr Leben überhaupt zu meistern und schwere Verletzungen aus jungen Jahren zu heilen. Sie können froh sein, wenn sie in ruhige Fahrwasser kommen.

Und die, die wissen, wo ihre Eltern sind – sollten sie nicht ­irgendwann einen Schlussstrich ziehen? Sollten sie Kontakt ­suchen und verzeihen? Argumente dafür hören sie genug: Die Eltern waren damals auch noch jung, vermutlich haben sie nicht in böser Absicht gehandelt, als sie ihr Kind ins Heim gaben... Doch wann ein Schmerz aufhört, wann verziehen wird, muss das ehemalige Heimkind selbst entscheiden.

Das Kind, das nun erwachsen ist, muss sich vor weiteren Ver­letzungen schützen. Heimkinder sind oft Einzelkämpfer mit einem ausgeprägten Unrechtsbewusstsein. Sie mussten eine Kraft entwickeln, die sie als Erwachsene stark macht.

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Lesermeinungen

Hallo

Ich dem Artikel erkenne ich mich sehr deutlich wieder. Ich bin in zwei Heimen in der ehemaligen DDR aufgewachsen. Und alle die ich damals mal kannte sind aus meinem Leben spurlos selbst das letzte Heim gibt es nicht mehr. Der politische Wandel hat auch seines bei getragen. Den drill und die stängen regeln vermisse ich ganz und gar nicht aber sie haben uns Kinder dazu gebracht uns gegenseitig bei zu stehen. Am Nicolaus war das besonders deutlich wenn mann zu denen zählte die mal wieder eine Kohle bekommen haben und aus Mitleid von den anderen was süßes abbekamen. Die Regeln aus dem Heim zählten auf einmal nicht mehr auch wenn uns von den Erziehern immer gesagt wurde das sie aus uns anständige Bürger machen wollen. Alles war auf einmal anders und man musste alles auf einmal allein für sich selbst machen niemand war da der einem einen Ratschlag geben konnte niemand der einem beistand und half. Immer ist die Angst alles zu verlieren und von vorne anfangen zu müssen. Das Misstrauen vor allen die einem verlassen könnten wie soll man da eine Freundschaft oder Beziehung aufbauen. Am liebsten würde man alles festhalten und nie mehr loslassen für ein wenig Stabilität. Und immer das allein sein. Meine Beziehung ist letztenendes gescheitert und meine Frau ist gegangen da sie sich von mir eingeengt fühlte. Wenn ich jetzt nachhause komme ist es immer so still und lehr. Im Heim war immer jemand da man war nie allein ob im Bad oder im Schlafraum immer waren die anderen da. Jetzt sind nur noch die Alpträume und schlimmen Erinnerungen aus der Heim zeit übrig. Die mich nicht mehr los lassen. Gern würde ich meine alten Heimkammerraden noch einmal treffen und sehen wie sie die Zeit nach dem Heim überstanden haben. Aber keiner ist mehr da.