Religion für Einsteiger: Was sagt die Bibel zu Sex?

Sex in der Bibel

Foto: Michael Ondruch

Blüten öffnen sich, Weinstöcke sprießen - geht es um Lust und Liebe, zeigen die Autoren viel Fantasie. Und sie reden nicht drum herum

Diese Liebespoesie sorgt auch im 21. Jahrhundert für Verblüffung. Ausgerechnet die Bibel wartet mit erotischen Fantasien auf. „Komm, mein Freund, lass uns aufs Feld hinausgehen und unter ­Zyperblumen die Nacht verbringen, dass wir... sehen, ob der Weinstock sprosst und seine Blüten aufgehen, ob die Granatbäume blühen. Da will ich dir meine Liebe schenken.“ Weinstock? Spross? Geöffnete Blüten? Was da eine verliebte Frau im ­„Hohelied der Liebe“ über die Lippen bringt, lässt keinen Zweifel daran: Lust ist ein wichtiges Thema der Bibel. Dort geht es oft, aber keineswegs nur ums Kinderkriegen und den Fortbestand der Sippe.

Allerdings ist die Bibel kein Ratgeber für Leute, die nach einem besonderen Kick suchen. Biblische Erotik ist leise und sensibel. Gleichwohl geht es auch hier um die lustvolle, selbstbestimmte körperliche Begegnung zweier Menschen: „Ich habe mein Kleid ausgezogen (...) und mein Innerstes wallte ihm entgegen“, dichtet die Geliebte. Das ist so deutlich, dass der Versuch prüder Theologen misslingen musste, es als Allegorie auf die Liebe Gottes zu seinem Volk umzudeuten.

Aber es gibt auch dies in der Bibel: moralische Ermahnungen und rechtliche Normen in Sachen Sexualität – oft, aber nicht immer zum Schutz der Frauen. So heißt es im zweiten Buch Mose sinngemäß: Wenn jemand eine Jungfrau, die noch nicht verlobt ist, verführt und mit ihr Geschlechtsverkehr hat, so soll er den Brautpreis bezahlen und sie heiraten. Falls der Vater der Frau ihn aber als Schwiegersohn ablehnt, hat er den Brautpreis zu zahlen, und damit ist die Angelegenheit erledigt. Auffällig, dass von Liebe hier nicht die Rede ist. Es ging im alten Israel eben nicht nur um Gefühle, sondern immer auch um wirtschaftliche Fragen. Eine entjungferte Frau hatte auf dem Heiratsmarkt keine Chance mehr. Dafür musste ihre Familie, nicht etwa sie selbst, finanziell entschädigt werden.

In unseren modernen Ehen und Partnerschaften haben Sexualität und Erotik einen höheren Stellenwert als in der Entstehungszeit der Bibel. Aber die Bibel ist auch keine sexual- oder kulturwissenschaftliche Abhandlung. In ihr geht es vor allem um den Glauben der Menschen, um Gottes Fügungen, um die Ordnung des Gemeinschaftslebens. Die Bibel versucht zu regeln, was sich regeln lässt, und das ist am wenigsten die innere Qualität einer Liebesbeziehung.

Vieles sind Schutzvorschriften für die Gesellschaft

So auch im sechsten der Zehn Gebote. Wenn es da heißt: Du sollst nicht ehebrechen, dann ist das keine Schutzvorschrift für Intimitäten, sondern für die Gesellschaft. Wo in der Bibel heute „Ehe“ steht, geht es in der Sache vor allem um „Familie“ und „Haus“.

Deutlich stärker als im Alten Testament geht es im Neuen um die innere Qualität der Liebesbeziehungen und das Thema Treue. Da wirkt bis heute das im Matthäus­evangelium überlieferte Wort Jesu gegen die Ehescheidung nach: „Was Gott zusammengefügt hat, das soll der Mensch nicht scheiden“ (19,6). Der Apostel Paulus vergleicht die Ehe im Brief an die Epheser gar mit der Beziehung zwischen Christus und der Gemeinde (5,32), beschreibt darin aber auch die Überordnung des Mann über die Frau. Im Römerbrief verurteilt er die Homo­sexualität, eine eher singuläre Kritik in der Bibel, die die Sünde allgemein und das Heidentum zum Thema hat, aber keine detaillierten sexualethischen Vorschriften.

Auch für Protestanten ein klarer Orientierungspunkt

Dem Reformator Martin Luther erschien die Ehe als „weltlich Ding“, was keine Abwertung bedeutet, sondern meint, dass sie nach den Regularien der Welt geordnet wird. Auch für Protestanten bleibt sie ein klarer Orientierungspunkt.

Dass Lust und Liebe in Beziehung gesetzt wurden zu Sünde und Verderben, geht vor allem auf den Kirchenlehrer Augustinus (354-430) zurück. Er meinte, dass die „Ursünde“ seit Adam und Eva immer weiter vererbt werde. So geriet die Sexualität in den Verdacht, „Transportmittel“ der Sünde zu sein. Das ist, Gott sei Dank, vorbei: Sex als respektvolle, innige Begegnung zweier Menschen ist eine kreative Weise, sich an Gottes Schöpfung zu freuen.

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Lesermeinungen

Da irrt Herr Luther, wenn er die Ehe als "weltlich" Ding bezeichnet. Ist sie nämlich nicht.