Sollen Protestanten Katholiken kritisieren?

Unnötige Beißhemmung
Was bedeutet Ökumene in Zeiten von „Pille danach“ und Missbrauchsdebatte?

 chrismon Redakteur Eduard Kopp

Unüberhörbar still verhält sich die evangelische Kirche in Deutschland seit Monaten angesichts der Strudel, in die die römisch-katholische Kirche immer tiefer hineingerät. Während bei den Katholiken Ansehen und Glaubwürdigkeit der Kirche gravierend Schaden nimmt (das ist das Ergebnis ihrer eigenen Studien, keiner kirchenfeindlichen Polemik), herrscht (bis Redaktionsschluss) Funkstille bei evangelischen Amtsträgern. Was geht da vor? Ist es eine neue Form von Fremdschämen, oder eine fest eingeübte ökumenische Beißhemmung?

Da bläst die katholische Bischofskonferenz unerwartet die mit dem Kriminologie-Professor Christian Pfeiffer vereinbarte wissenschaftliche Auswertung der Missbrauchsfälle in katholischen Gemeinden und Schulen ab (Begründungen: Vertrauensverlust und mangelnder Datenschutz). Da verweigern zwei katholische Kliniken in Köln einer vergewaltigten Frau die dringende Untersuchung und Hilfe, offensichtlich aus Angst, sie könnten nach der „Pille danach“ gefragt werden. Es ist eine evangelische Klinik, die daraufhin dem 25-jährigen Opfer hilft. Der Kölner Kardinal versuchte die Hilfeverweigerung ein paar Tage später geradezubiegen. Hätte nicht die Kölner Notärztin die evangelische Hilfe öffentlich gemacht – die offizielle evangelische Kirche würde sich in Schweigen hüllen.

Freundlich-ehrlich die Unterschiede erklären

Es geht überhaupt nicht darum, aus katholischen Fehlern marktschreierisch Kapital zu schlagen. Es gibt Riesenunterschiede zwischen einem naserümpfend-abwertenden „Da ist mal wieder typisch für die Katholiken“ und einem freundlich-ehrlichen „Wir Protestanten gehen mit diesem Problem etwas anders um“. Es kann christlich sein, über die Schwächen eines anderen hinwegzusehen. Aber es kann auch christlich sein, mehr Klarheit in Themen zu bringen, die auch die eigenen Anhänger und Mitglieder tief verunsichern. Das dient beiden Seiten, denn katholische Missstände wühlen auch protestantische Seelen auf, evangelische Missstände katholische. 

Nach einer katholische Studie bröckeln der Kirche ganze Milieus weg - nicht etwa Randsiedler, sondern Teile der bürgerlichen Mitte, ihr Kern. Nicht wenige gehen aus Ärger. Bei Protestanten gibt es ein anderes Problem – nicht immer klar zu wissen: Für was steht diese Kirche eigentlich? Sagte Martin Luther beim Reichtag zu Worms etwa: „Ich stehe hier. Aber fragt mich bitte nicht, warum“?

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Gelegentlich kann man sie ganz deutlich spüren, die Einheit der getrennten Kirchen. Zum Beispiel in Taizé
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Lesermeinungen

Wenn ich es richtig verstehe, ist bei den Protestanten alles erlaubt,
pardon "ins Gewissen des Einzelnen gestellt" oder volkstümlich gesagt
"jedem selbst überlassen". Ob man dann noch eine Religion braucht,
die Orientierung bieten soll?
Es gäbe auch noch eine andere Möglichkeit, wie die evangelische Kirche reagieren könnte.
z.B. "Bei uns gibt es genau soviel Kindesmissbrauch wie in der katholischen Kirche und wir arbeiten auch nicht mit Herrn Pfeier zusammen".
Oder: "Bei 150.000 Abtreibungen in Deutschland pro Jahr richtet sich die gesellschaftliche Diskussion verzerrend auf weniger als 0,2% der Abtreibungen, die durch Vergewaltigung verursacht wurden. Was ist mit den anderen 99,8%? Wir als evangelische Kirche sind wie unsere katholischen Brüder und das Bundesverfassungsgericht zumindest in diesen Fällen der Meinung, dass das Lebensrecht des Ungeborenen über dem Selbstbestimmungsrecht der Frau steht."
Oder: "Wo liegt der Skandal, wenn eine Klinik, die keine anonyme Forensik anbietet, eine Patientin an ein anderes Krankenhaus in derselben Stadt verweist, die an diesem Programm (ASS) teilnehmen und über die entsprechende Ausrüstung und Schulung verfügen?"
Man könnte auch bei der macromedia Medienhochschule vorstellig werden und kritisieren, dass Herr Lohmann aufgrund christlicher Positionen zur Homoehe (ausserhalb seiner beruflichen Tätigkeit) seine Anstellung als Privatdozent verloren hat, Religions- und Meinungsfreiheit sollte doch auch gerade ein evangelisches Anliegen sein...
Diese Reaktionen hätten ja nicht einmal etwas mit Ökumene zu tun, sondern einfach mit christlichem Profil, dass die evangelische Kirche aber leider schon zu lange vermissen lässt, vielleicht ist die evangelische Kirche aber auch einfach zu sehr mit den Vorbereitungen für die Ehrung des grössten Antisemiten Europas beschäftigt, der die Blaupausen für den Nationalsozialismus gelegt hat. Übrigens: Der Titel (Unnötige Beisshemmung) widerlegt die angeblich freundlich-ehrlichen Bemühungenum sachliche Klarstellung, Herr Kopp :-)

>>Da verweigern zwei katholische Kliniken in Köln einer vergewaltigten Frau die dringende Untersuchung und Hilfe, offensichtlich aus Angst, sie könnten nach der „Pille danach“ gefragt werden.<<

Zum Zeitpunkt des Anrufs wusste mMn niemand so genau ob es überhaupt zum GV gekommen war. Von Vergewaltigung sollte man in einem Rechtsstaat erst reden wenn dies auch bewiesen ist. Zumindest wenn man damit Dritten gegenüber eine Vorwurf untermauern möchte.

>>Aber es kann auch christlich sein, mehr Klarheit in Themen zu bringen, die auch die eigenen Anhänger und Mitglieder tief verunsichern.<<

Sehe ich auch so. Ist nur schwer in solchen Fällen wo Diskretion Opfer(mutmassliche Täter/tatsächliche Opfer) schützt.

Kritik und Ringen um den richtigen Weg sind immer ein guter Weg. Der deutsche Protestantismus sollte sich daran beteiligen: Zum Beispiel mit einer eigenen wissenschaftlichen Studie zum sexuellen Missbrauch in den evangelischen Kirchen. Momentan kann man da leider nichts vorweisen, was einem das Recht geben würde mit dem Finger auf die katholische Kirche zu zeigen..

PS: Es darf bezweifelt werden, dass die evangelischen Kirchen besser in der Gesellschaft verankert sind als die katholische Kirche. Die evangelischen Gottesdienste sind noch schlechter besucht als die katholischen und es kehren auch viele Protestanten ihren Kirchen den Rücken und treten aus..