Jetzt sprechen die Väter

Und was bewegt den Papa?
Alle reden über Mütter. Hier sprechen jetzt mal die Väter. Über ihre Kinder und was sie ihnen mitgeben wollen. Über Sandburgen bauen, das Knirschen im Patchwork – und über ihre eigenen Väter.

Und was machen die Väter? Fotos und Konzept zu diesem Thema: Gesche Jäger

Fin Reichert
aus 
Leck, 33 Jahre alt, Vater von Lara-Jolie, Tom und Lena-Marie

"Wir hatten für unsere Familie einen guten Plan. Wie hätte ich wissen sollen, dass er nicht aufgeht? Meine älteste Tochter Lena-Marie kündigte sich überraschend an, ihre Mutter war bei der Schwangerschaft erst 19, ich 23. Wir haben uns trotzdem bewusst für sie entschieden. Dann würden wir eben junge Eltern sein und auch noch jung, wenn die Kinder das Haus wieder verlassen, das war die Idee. Ein Einzelkind sollte Lena-Marie aber auch nicht bleiben, also bekamen wir noch Tom und Lara-Jolie.

Es wäre schön gewesen, die Erziehung der drei als Paar zu stemmen. Die Mutter ist jedoch nach knapp zwei Jahren nach Berlin gezogen und hat dort eine neue Familie gegründet. Seitdem erziehe ich die Kinder alleine. Einmal im Monat reist sie an, immer am Freitagnachmittag, und verbringt das Wochenende mit ihnen in einer Ferienwohnung bei Flensburg.

Unsere Trennung war eine Katastrophe. Meine Expartnerin hat ihre Version der Ereignisse, ich meine. Zwei Jahre lang haben wir uns vor Gericht gestritten. Wir hatten gemeinsames Sorgerecht, heute habe ich es mit ein paar Ausnahmen alleine. Unser Verhältnis wird sich vermutlich nicht mehr klären, dafür haben wir uns zu sehr verletzt, wir haben nur noch ein rein ­sachliches Verhältnis. Wenn die Kinder mal größer sind, werden sie sich selbst um eine Beziehung zu mir und zur Mutter kümmern müssen. Zwischen uns beiden wird es dann wahrscheinlich gar keine Kommunikation mehr geben.

Beim Spielen mit Tom im Garten
Seit sie weg ist, ist die Familie meine Hauptbeschäftigung. Die beiden Mädchen kommen schon gut alleine klar, Tom braucht aber sehr viel Zeit und Pflege, er ist von Geburt an blind und stark in seiner Entwicklung verzögert. Das macht die Arbeit mit ihm besonders aufwendig. Sein Zustand ist immer wieder mal sehr kritisch, er war schon einige Male dem Tod sehr nahe, bisher hatte ich Glück. Meine Angst, ihn zu verlieren, bestimmt unsere Beziehung.

Neben meiner Tätigkeit als Hausmann arbeite ich noch als Tennistrainer und leite von zu Hause aus einen Kindergarten. Diese Arbeit versuche ich vormittags zu erledigen, wenn die Kinder in der Schule sind und ich ein wenig Luft habe. Meine Mutter wohnt in meiner Nähe, sie ist eine große Hilfe.

Ich würde für meine Kinder lieber etwas Greifbareres machen, als ständig nur zu putzen und zu kochen. Ein Baumhaus zu bauen, das wäre toll, etwas Reales schaffen. Wenn ich heute putze, ist es übermorgen wieder schmutzig. Mir fehlt dafür auch ein wenig die Anerkennung von außen.

Für mich selbst bleibt in meiner momentanen Situation zu wenig Zeit. Meine Wut und meinen Ärger kann ich nicht wirklich ausleben. Ich verdränge viel, so manches gerät in den Hinter­grund, womit ich mich eigentlich auseinandersetzen müsste. Früher war ich viel mit Freunden unterwegs. Wer sich heute mit mir treffen will, muss zu uns nach Hause kommen, es gibt mich nicht mehr alleine. Nicht alle haben diesen Wandel mitgemacht. Viele haben auch einfach noch keine Kinder, sind Mitte zwanzig und haben keine Lust auf diese andere Welt.

Hausaufgabenbetreung zusammen mit Tochter Lena-Marie
Als Kind habe ich Familie als etwas Solides erlebt. Zwar war mein Vater viel arbeiten, aber wir hatten immer guten Kontakt. Als ich neun war, haben sich meine Eltern scheiden lassen. Er wohnte dann nicht weit weg von uns, wir konnten mit dem Fahrrad zu ihm fahren, um ihn zu besuchen. Ich glaube, ich habe viel Ähnlichkeit mit ihm. Man entgeht dem Erbe ja nicht. An die Erziehung meiner Kinder gehe ich allerdings anders heran, als er es tun würde. Mein Vater ist heute im Gegensatz zu damals eher fürs Antiautoritäre, ich finde Regeln wichtig. Darüber haben wir uns aus den Augen verloren. Allerdings verlange ich von den Kindern nur das, was ich auch selber vorleben kann. Wenn ich sage: „Räum dein Zimmer auf“, dann muss ich auch die Zeit haben, danebenzustehen und das zu überwachen, oder muss selbst das Haus aufräumen oder aufgeräumt haben.

Ich scheitere regelmäßig daran, meinen Kindern auch die Mutter zu ersetzen. Ich habe mich an der Aufgabe versucht, habe mit ihnen Barbiepuppen an- und ausgezogen, das ist aber nicht so mein Ding. Ich kuschle mit ihnen, nehme sie in den Arm. Sonst bin ich aber eher der Typ, der in der Stadt die praktischen Schuhe kauft als die mit den Glitzersteinchen. Dafür ist meine Mutter zuständig.

Wenn Tom, Lara-Jolie und Lena-Marie mal älter sind, werde ich mich noch mal neu erfinden können. Ich war in einer Ausbildung zum Hubschrauberpiloten, als wir uns trennten, den Job würde ich gerne richtig ausüben. Ein bisschen mehr Sonne täte mir auch gut. Ich habe da so eine Idee, wie ich tagsüber in einem warmen Land Passagiere von Insel zu ­Insel fliege und nebenbei eine kleine Strandbar betreibe. Ich spekuliere ein bisschen auf die Zeit, in der die Kinder mal aus dem Haus sind."

Die älteren Brüder sagen, du behandelst ihn wie einen König. Ja, stimmt, Dennis Röseler will, dass sein Sohn die Sachen kriegt, die er selbst früher nicht gekriegt hat. Und er soll alles machen, was Dennis nicht geschafft hat - Fotos: Gesche Jäger

Dennis Röseler
aus Hamburg, 32 Jahre alt, Vater von Malte

"Als mir die Hebamme im Krankenhaus Malte auf die Brust gelegt hat, habe ich mich die ganze Nacht nicht bewegt, aus Angst, ihn zu verletzen. Er hat geschlafen, ich habe ihn ge­streichelt und kein Auge zugetan. Das war wie Weihnachten und Silvester gleichzeitig.

Kurz zuvor hatte mich der Anruf erreicht, ich saß gerade in der U-Bahn. „Die Fruchtblase ist geplatzt“, sagte meine Freundin am anderen Ende der Leitung, sie war schon fast im Krankenhaus. Ich bin dann mit dem Taxi in die Klinik gerast, die Minuten haben sich wie Stunden angefühlt. Von unterwegs habe ich meinen Chef, meine Freunde und meine Familie angerufen und allen erzählt, dass jetzt mein Sohn geboren wird. So aufgeregt war ich noch nie.

Ob er auch eine Behinderung haben würde? Darüber habe ich nicht nachgedacht, ich wollte einfach, dass er ohne Komplikationen auf die Welt kommt.

Heute, mit zwei, probiert Malte gerade aus, wie weit er mit mir gehen kann. Seine Mutter und ich leben getrennt, alle 14 Tage verbringt er das Wochenende bei mir, wir haben dafür feste Termine. Er ist in einer Phase, in der er unbedingt seinen Kopf durchsetzen will, da muss ich gegenhalten, er muss Grenzen kennenlernen. Allerdings habe ich mich dabei erwischt, wie ich öfter mal eingeknickt bin.

Ich habe noch zwei ältere Brüder, die mir heute immer erzählen wollen, wie ich mit Malte umzugehen hätte. „Du behandelst ihn wie einen König“, sagen sie. Ja, es stimmt, ich will, dass er die Sachen kriegt, die ich nicht haben konnte, weil wir drei Jungs zu Hause waren und das Geld knapp war. Letztens wollte er so gerne eine Spielzeugbohrmaschine, also habe ich sie ihm gekauft.

Ich bin in einem Lebensmittelmarkt beschäftigt, in dem Behinderte und Nichtbehinderte zusammenarbeiten. Malte soll später mal eine vernünftige Ausbildung machen, einen guten Job haben, nicht von der Stütze leben. Er soll all das machen, was ich nicht geschafft habe. Auch einen guten Verdienst wünsche ich ihm und eine eigene Familie.

Die Beziehung zu meiner Exfreundin versuche ich so harmonisch wie möglich zu führen. Für Malte sollen die ­Eltern kein Stressfaktor sein. Die Mutter denkt manchmal, ich würde mich mit ihm nicht genug beschäftigen. Ich ­finde, Malte muss auch mal lernen, etwas alleine zu machen.
Bevor er das erste Mal zu mir kam, habe ich die Wohnung kindersicher gemacht. Wenn er heute bei mir ist, schlafen wir zusammen auf der Klappcouch. Tagsüber unternehmen wir meistens was. Wir spielen im Sandkasten, bauen Burgen, ­machen Tagesausflüge. Ich bin unheimlich stolz auf alles, was er schon kann."

Seine Frau Nele wollte immer Kinder. Jan Hadewig hat ihr den Wunsch lange abgeschlagen. Jetzt sagt er: Ein Kind zu haben, ist das Beste, was es gibt. - Fotos: Gesche Jäger

Jan Hadewig
aus Lüneburg, 44 Jahre alt, Vater von Jesse

"Ich möchte niemals Kinder haben. Diesen Satz hätte ich viele Jahre lang genau so unterschrieben. Und heiraten wollte ich erst recht nicht. Ich konnte mir das einfach nicht vorstellen. „Lieber nicht“, das war meine Haltung. Ein Freund sagte zu mir, Kinder seien das Beste, was ihm im Leben passiert sei. Das hielt ich für eine ziemliche Übertreibung. Bis Jesse auf die Welt kam, mein Sohn.

Als ich meine Frau Neele kennenlernte, wollte sie drei Kinder haben. Ich habe ihr diesen Wunsch lange erfolgreich abgeschlagen. Die Gründe dafür kann ich schwer in Worte fassen. Mit einem plärrenden Kind in der Bahn sitzen und nur noch mit Windeln und Füttern beschäftigt sein, das waren die Bilder, die ich im Kopf hatte.

Dann kam Vietnam. Vor zwei Jahren wollten wir uns einen langen Urlaub gönnen, vier Wochen umherreisen, ohne festes Ziel. Wenige Wochen vorher wurde Neele schwanger. Die Reise mussten wir absagen, das Risiko war einfach zu hoch.

Zuerst fand ich die Schwangerschaft befremdlich. Ich konnte einfach nicht verstehen, wie aus ein paar Zellen jemals ein Mensch werden sollte. Dann habe ich nachgelesen, was sogar der Fötus schon alles kann, das fand ich beeindruckend. Der sieht anfangs ja aus wie ein Alien.

Jan will ein guter Vater sein und nicht die gleichen Fehler, wie der eigene Vater machen
Direkt nach der Geburt, noch im Familienzimmer des Krankenhauses, lag Jesse bei mir fast zwei Stunden auf der Brust. Das Gefühl kann ich nicht beschreiben, ich war ein­fach nur überwältigt. Dieser kleine, schutzbedürftige Wurm würde jetzt immer bei mir sein? Ich kriege noch heute Gänsehaut, wenn ich nur daran denke.

Als Jesse auf die Welt kam, war ich 41, nicht mehr ganz jung, aber noch nicht zu alt, finde ich. Mit 30 war ich einfach noch nicht so weit. Ich war ein Partymensch, schlug mich beruflich irgendwie durch, es fehlte einfach der rote Faden in meinem Leben.

Als Kind hatte ich ein unbeschwertes Leben, auch wenn meine Eltern meinem Empfinden nach zu streng mit mir ­waren und viel verboten haben. Manchmal bereitet mir der Gedanke Sorge, dass ich bald selbst für Jesse entscheiden muss, was geht und was nicht. Ein eigenes Moped haben mir meine Eltern verboten, soll ich meinem Sohn später dieses Zugeständnis machen?

Es gibt so vieles, was in der Erziehung unklar ist. Meine Eltern haben beide viel gearbeitet, um meiner Schwester und mir alles zu ermöglichen. Dafür habe ich sie selten gesehen. Wie will ich mit diesem Thema umgehen?

Mein Vater ist im vergangenen Jahr gestorben. Ich hätte gerne mehr Zeit gehabt, mit ihm über das Vatersein zu sprechen. Acht Jahre lang hatten wir keinen Kontakt, weil ich ihm die Trennung von meiner Mutter übelgenommen habe. Als die beiden auseinandergingen, war ich 30, eigentlich ein Alter, in dem man diesen Schritt verkraften können sollte. Wenn ich schon so verletzt war, als Erwachsener, wie muss sich bei einer Scheidung dann erst ein Kind fühlen?

Mein Vater hat sich mit meinem Großvater nie wirklich ausgesprochen, bis zuletzt nicht, ich wollte nicht, dass mir das auch passiert. Mit Jesse und mir soll das unbedingt anders laufen. Ich denke, das beste Mittel, um dieser Entfremdung zu entgehen, ist, gemeinsam Zeit zu verbringen, Dinge zu unternehmen, anzupacken. Ich möchte von meinem Sohn später immer die Wahrheit erzählt bekommen, auch wenn sie vielleicht mal schmerzhaft ist.

Jetzt eine Familie, Jan mit seiner Frau Neele und Jesse
Als Teenager wollte ich unbedingt zu Hause raus, das Verhältnis mit meinen Eltern war zerrüttet. Irgendwann habe ich mein Zimmer nur noch als Schlafstätte genutzt. Als ich dann mit 22 endlich ausgezogen war, verbesserte sich unser Verhältnis in kürzester Zeit.

Ich will nicht antiautoritär sein, aber Jesse seine Erfahrungen machen lassen. Verhindern kann ich nicht, dass er vieles anders machen wird und will oder mit 16 so wird wie ich damals. Mein Plan ist, ihm gewisse Werte mitzugeben, was er daraus macht, muss ich abwarten.

Heute bereue ich nichts, ich rechne nur manchmal. Wenn Jesse zwanzig ist, werde ich kurz vor der Rente sein. Hätte ich mit dreißig schon ein Kind bekommen, wäre ich jetzt ein jüngerer Vater. Ein Kind zu haben, ist das Beste, was es gibt, das weiß ich jetzt. Und Jesse, da bin ich ganz sicher, wird kein Einzelkind bleiben."

Zuhause bei der Familie von Frank Wortmann - Fotos: Gesche Jäger

Frank Wortmann
aus der Nähe von Flensburg, 46 Jahre alt, Vater von Luise, Leon, Leven. Er lebt mit Lyssa, Mattes und Jona, den Kindern seiner neuen Partnerin, unter einem Dach.

"Ich habe drei Kinder aus meiner ersten Ehe, da war es nicht unbedingt der Traum meiner schlaflosen Nächte, eine neue Frau kennenzulernen, die auch drei Kinder hat. Ich wusste damals allerdings auch noch nicht, was für tolle Kinder Skadi hat. Wenn heute mal alle bei uns zu Hause versammelt sind, sitzen acht Leute um den Tisch herum.

Meine leiblichen Kinder wohnen in der Nähe bei der Mutter, ich sehe sie alle zwei Wochen am Wochenende und die Hälfte der Ferien. Meine Tür steht ihnen aber jederzeit offen. Heiligabend etwa feiern die Kinder mit der Mutter, am ersten Weihnachtsfeiertag kommen sie zu mir, mit dieser Regelung kommen wir alle gut klar.

Alle zusammen am Mittagstisch
Ich glaube, Skadis Kinder finden mich bescheuert, sie ­haben Schwierigkeiten, mich als den neuen Mann ihrer Mutter zu sehen. Im Alltag muss ich manchmal für sie die Autoritätsperson sein, obwohl ich nicht ihr Vater bin.

Zu ihrem leiblichen Vater haben sie selten Kontakt. Ich kann das nicht nachvollziehen, er wohnt sogar in der Nähe. An Skadi liebe ich, dass sie sich auch für meine Kinder interessiert. Selbstverständlich ist das offenbar in Patchwork­familien nicht. Manchmal glaubt Skadi, ich sei im Alltag ein zu strenger Vater. Das mag daran liegen, dass sie ganz andere Vorstellungen von Erziehung hat als ich, sie ist wesentlich freizügiger. Wenn ich eine Ansage mache, können sich alle daran orientieren, weil sie dann gilt. Skadi setzt auch mal nicht um, was sie einfordert.

Wenn aus zwei Familien eine wird, dann knirscht es eben manchmal. Menschen, die sich bisher unbekannt waren, sollen plötzlich zusammenleben, das ist eine große Herausforderung. Das reicht von der Erziehung bis zu den menschlichen Charakterzügen. Mein Humor ist manchmal sarkastisch, ein bisschen schwarz, an den mussten sich Skadis Kinder erst gewöhnen.

Als ich acht Jahre alt war, hat mein Vater unsere Familie verlassen. Das war eine schwierige Zeit für mich, die mich bis heute prägt. Aus der Erfahrung des Verlustes hat sich für mich über die Jahre die Überzeugung geformt, mich niemals von meinen Kindern zu trennen. Das Gefühl, für sie jederzeit da zu sein und ihnen zuzuhören, kann ich ihnen auch geben, wenn ich, wie jetzt, nicht mit ihnen zusammenwohne.

Geplant war das so natürlich nicht, aber macht man im Leben nicht unheimlich viele Pläne, und dann kommt es eben doch anders? Dass ich heute seit vielen Jahren keinen Kontakt mehr zu meinem eigenen Vater habe und auch kein Bedürfnis danach verspüre, war nie meine Absicht. Aber nun ist es nun mal so. Oder die vielen Freunde, die ich durch die Trennung von meiner Frau verloren habe: Ich habe das nicht gewollt, und trotzdem ist es so gekommen.

Zurzeit habe ich keine Freizeit. Ich bin eigentlich Inge­nieur, studiere jetzt aber in Flensburg als Seiteneinsteiger auf Lehramt, unterrichte schon einen Tag in der Woche. Wenn ich nicht lerne oder arbeite, kümmere ich mich um die Familie.

Irgendwann aber wird sich das ändern, wenn die Kinder größer und selbstständiger sein werden. Dann werde ich mit meiner Frau nach Neuseeland reisen und so lange auf dem Fahrrad unterwegs sein, wie es Geld und Zeit zulassen. Bis dahin bin ich ganz für meine Familie da."

Peter Lysy und seine Frau Alexandra nehmen sich eine richtige Elternzeit. Beide haben ihre Stellen auf 70 Prozent reduziert und sind ab 15 Uhr für die Familie da- Fotos: Gesche Jäger

Peter Lysy
aus Dachau, 38 Jahre alt, Vater von Lilith und Silas

"Noch vor der Geburt unserer Kinder haben wir beschlossen, so viel Zeit wie möglich mit ihnen zu verbringen. Keiner von uns Eltern sollte aber beruflich mehr zurückstecken müssen als der andere. Deshalb haben wir beide unsere ­Stellen auf 70 Prozent reduziert. Ich bin Pfarrer, arbeite zurzeit aber als Redenschreiber bei der Vereinigung der ­Bayerischen Wirtschaft, meine Frau bei Women in Europe for a Common Future, einer Nichtregierungsorganisation. Diese Aufteilung ermöglicht es uns, dass ab 15 Uhr am Nachmittag die Familienzeit beginnt. Ich hole dann Silas und Lilith vom Kindergarten ab, wir gehen einkaufen, ­spielen, kochen zusammen.

Als ich drei Jahre alt war, haben sich meine Eltern getrennt. Mein Vater zog zurück in seine Heimat, die Slowakei. Damit war er für mich nicht mehr greifbar. Später gründete er dort eine neue Familie und bekam einen weiteren Sohn.

Die frühe Erfahrung von Verlust hat mich sicherlich geprägt. Für Silas und Lilith will ich vor allem anwesend sein, präsent, ansprechbar, zugewandt, so wie ich bin, mit Stärken und Schwächen. Ich hätte meinem Vater als Kind alles nachgesehen, wenn er nur da gewesen wäre.

Meine Frau Alexandra und ich haben zu Beginn unserer Beziehung keine langen Diskussionen über die Frage führen müssen, ob wir Kinder wollen oder nicht.

Alexandra war nach der standesamtlichen und noch vor der kirchlichen Trauung schwanger. Wir legen Wert darauf, unsere Aufgaben als Eltern paritätisch zu verteilen, wir haben auch beide unsere Nachnamen behalten. Morgens mache ich das Frühstück für die Kinder, das ist ein Ritual. Die übrige Hausarbeit aber teilen wir einfach durch zwei. Wir holen Silas und Lilith tageweise abwechselnd von der Kita ab und bringen sie auch im Wechsel zu Bett.

Von unseren Freunden und der Familie bekomme ich großen Zuspruch für mein Engagement. Dass sich ein Vater so viel Zeit für seine Kinder nimmt, halten viele immer noch für bemerkenswert. Für Alexandra ist das nicht immer leicht, schließlich kümmert sie sich mindestens genauso viel um Lilith und Silas. Besonders erwähnenswert findet das jedoch niemand.

Natürlich kann ich nicht immer um 15 Uhr mit der Arbeit aufhören. Wenn die Kinder im Bett sind, setze ich mich öfter noch an den Laptop und recherchiere oder schreibe. Meine Chefs und Kollegen erreichen mich über Mobiltelefon und E-Mail auch außerhalb meiner Bürozeiten. Aber an erster Stelle stehen meine Kinder.

Als Silas geboren wurde, habe ich damals von der neu eingeführten Elternzeit profitiert. Es war etwas Besonderes, das erste halbe Jahr so eng miteinander zu verbringen. In dieser Zeit ist zwischen uns eine Verbindung entstanden, die uneinholbar ist. Ich habe ihn immer gewickelt, das war ein intensiver körperlicher Kontakt. Die ersten vier gemeinsamen Wochen waren aber auch ein wenig überraschend: Wir mussten uns beide erst aneinander gewöhnen. Mit der Geburt eines Kindes verändert sich eben alles. Füttern, wickeln, waschen: das Kind gibt den neuen Lebensrhythmus vor.

Rituale sind wichtig, Gute-Nacht-Geschichten gehören natürlich dazu

Manchmal sorge ich mich um die Zukunft meiner Kinder. Die demografische Entwicklung in Deutschland führt dazu, dass Nachwuchs eine knappe Ressource wird. Junge Leute müssen immer früher fit fürs Berufsleben werden. Für Lilith und Silas wünsche ich mir aber, dass sie Freiräume haben, dass sie Zeit verbringen, in der einfach mal nichts passiert. Momentan habe ich zu beiden ein sehr enges Verhältnis, sie sind noch Kinder, die zu mir kommen, wenn sie etwas bedrückt. Wenn ich mir für die Zukunft etwas wünschen könnte, dann würde sich daran nie etwas ändern. Mein ­eigener Vater war nicht da, als ich ihn gebraucht hätte. Das soll Silas und Lilith mal nicht passieren."

Information

„Väterland“ – der ­Bildband mit noch viel mehr Fotos von Gesche Jäger und Texten von Jochen Brenner
erscheint jetzt in der ­edition chrismon. 188 Seiten, 24,90 €

Lesermeinungen

Mit viel Interesse lese ich jeden Monat in Ihrem Journal "Chrismon", das meiner Tageszeitung beiliegt. Als Katholik bewundere ich die organisatorische und journalistische Leistung einer offiziellen bundesweiten "evangelischen" Zeitschrift mit hohem Verbreitungsgrad - etwas, was auf "unserer" Seite offenbar nicht zustande zu bekommen ist.

Inhaltlich allerdings bin ich bei der Lektüre der aktuellen Ausgabe durchaus nicht einverstanden mit Ihnen. Ich beziehe mich dabei keinesfalls auf ihre gut dosierten, dezidiert katholizismuskritischen Kommentare. Die halte ich für Ihr gutes Recht. Dramatisch aber ist die Schlagseite, die ihr Bericht über das "Väterland" hat. Alle vier geschilderten Fälle beinhalten Trennungsgeschichten, d.h. eines der hier vorkommenden Kinder hat noch zusammenlebende, gar verheiratete Eltern.

Ich möchte Sie an folgendes erinnern: Im Jahr 2011 waren in Deutschland die Ehepaare mit minderjährigen Kindern mit 71 % die häufigste Familienform. Alleinerziehende Mütter und Väter machten 20 % der Familien mit Kindern unter 18 Jahren aus, während 9 % aller Familien Lebensgemeinschaften mit minderjährigen Kindern waren (Zahlen: Statistisches Bundesamt).

Daraus muß doch wohl der Schluß gezogen werden, dass Ihr Artikel, der behauptet, allgemein über "Väter" zu berichten, gar nicht die Wirklichkeit beschreiben will. Offenbar geht es vielmehr um die Umdeutung von gescheiterten Beziehungen zu akzeptablen, irgendwie spannenden und jedenfalls viel moderneren Lebensformen als alten "verstaubten" Ehen, die man sich in der Öffentlichkeit inzwischen sicherheitshalber angewöhnt hat, als "traditionell" zu klassifizieren. In keinem der von Ihnen dargestellten Fälle wird wenigstens als Ziel erkennbar, dass die zerbrochenen Familiensituationen geheilt werden sollten. Vielmehr herrscht der defaitistische Tenor, man mache im Leben "viele Pläne, und dann kommt es eben doch anders" (S.19). Es geht in Chrismon offenbar darum, als selbstverständlich und normal darzustellen, was weder für die Mehrheit der Kinder normal ist, noch für die, die es erleben müssen, als normal, sondern fast immer als lebensverdüsternde Katastrophe empfunden wird - scheiternde Ehen und sich trennende, unversöhnliche Eltern.

Von einem christlichen Journal hätte man erwarten dürfen, daß es, ohne Schwierigkeiten zu leugnen, andere Werte ans Licht stellt - Treue in einer Gesellschaft, die den Seitensprung und die Lust-Gesteuertheit jeder Beziehung anpreist, Verläßlichkeit in schwierigen Zeiten mit Problemen mit Kindern, Beruf oder Gesundheit, Versöhnung nach Streit und Verletzung, schließlich Familienleben aus der Kraft des christlichen Glaubens - ein Aspekt, der bei Ihnen im Text verständlicher- aber auch bezeichnenderweise gar nicht mehr auftaucht.

 

Und nun überlegen Sie mal bitte, wie es den Frauen seit Hunderten von Jahren so geht? Allerdings kann ich als Frau nicht verstehen, wie man drei kleine Kinder einfach so zurücklassen kann!
Ich kenne einige Mütter, die bei der Geburt des Kindes erst 16 Jahre alt waren, aber sie sind trotzdem nicht davon gelaufen!
Es kommt wohl nicht auf die Zahl der Lebensjahre an, sondern auf die Reife der einzelnen Mütter. Eine vorbildliche Mutter oder ein vorbildlicher Vater sind die beste Elternschulung!

Die Frauen sollen ihre Weiblichkeit bewahren; und die Männer ihre Männlichkeit. Die Kirche kann einen wichtigen Beitrag dazu leisten, die Familien zu stärken. Allerdings muss die Kirche reformiert werden. Es ist falsch, an einen allmächtigen Gott zu glauben. Aber es ist auch falsch, nur das zu glauben, was man sieht. Es ist sinnvoll, die Kirche gemäß einem bestimmten liberalen Protestantismus zu reformieren. Mehr dazu auf meinem Blog.

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