Rita Süssmuth und Wolfgang Gründinger: Ausbildung ist die beste Altersvorsorge

Krieg der Generationen?
Rita Süssmuth geht nicht hin! Wolfgang Gründinger macht auch nicht mit. Die Beiden kämpfen lieber für eine Ausbildung für alle. Das ist die beste Altersvorsorge!

Fotos: Thomas Meyer/Ostkreuz

Rita Süssmuth

Rita Süssmuth, 76, kam als Seiteneinsteigerin in die Politik; sie war erst vier Jahre in der CDU, als Helmut Kohl die Professorin für Erziehungswissenschaft 1985 zur Familienministerin machte. Ihr Einsatz für Frauen, ihr überlegter Umgang mit der Krankheit Aids – schnell zählte die Katholikin Süssmuth zu den beliebtesten Politikern. Von 1988 bis 1998 war sie Präsidentin des Deutschen Bundestags.

Wolfgang Gründinger

Wolfgang Gründinger, 28, studierte Politik- und Sozialwissenschaften. Als Autor und ehrenamtlicher Sprecher der Stiftung für die Rechte zukünftiger Generationen versteht er sich als Zukunftslobbyist. Gründinger gehört der SPD und seit kurzem auch den Piraten an, davon handelt sein neues Buch: „Meine kleine Volkspartei. Von einem Sozi, der absichtlich Pirat wurde“ (Eichborn, 12,99 Euro).

chrismon: Frau Süssmuth, Sie wurden 1967 Mutter. Dachten Sie damals: „In was für eine Welt wird unsere Tochter da geboren?

Rita Süssmuth: Ich muss Sie enttäuschen – nein. Wir wussten bis zur Geburt nicht, ob es ein Mädchen oder ein Junge wird, von möglichen Krankheiten ganz zu schweigen. Wenn dann die Füßchen strampeln, überwiegt so sehr das Glück jungen Lebens, dass Sie sich dem Augenblick hingeben. Wir waren beide im Beruf, die Frage war eher, wie viel Zeit wir für das Kind haben. Wie schaffen wir es ohne schlechtes Gewissen, dass sie mit Hilfe der Großeltern gut aufwachsen kann? Meine Tochter sollte glücklicher aufwachsen als ich; ich hatte durch den Krieg und in der Nachkriegszeit viel Angst erleben müssen.

Herr Gründinger, Sie wurden 1984 geboren. Wovor hat Ihre ­Generation Angst?

Wolfgang Gründinger: Angst haben wir sicher nicht! Materielle Armut wie in der Nachkriegszeit kennen wir nicht. Ich hatte immer genug zu essen, eine warme Wohnung, als Teenager auch Internet – mehr braucht man eigentlich nicht. Wir haben Frieden in Europa, wir können mit Billigfliegern um die Welt reisen – wir haben es gut. Für sich persönlich sind daher viele optimistisch. Aber gesamtgesellschaftlich gesehen sind wir Pessimisten.
Wer ist eigentlich „Wir“, für wen sprechen Sie?

Gründinger: Ich spreche für niemanden, es hat mich schließlich niemand gewählt. Aber als jung würde ich, grob gesagt, alle unter 30 definieren. Ich gehöre so gerade noch dazu. Wir erleben eine wachsende Spaltung in Arm und Reich: Zehn Prozent der Bundesbürger besitzen 56 Prozent des Vermögens – die untere Hälfte nur zwei Prozent! Wir sehen ungelöste Umweltprobleme wie den Klimawandel. Auch der demografische Wandel wird nicht einfach zu bewältigen sein. Und seit ich politisch halbwegs bewusst denken kann, lese ich unentwegt: „Ihr müsst den Gürtel enger schnallen, der große Wohlstand ist vorbei.“ Ich frage mich dabei allerdings: Wer von uns soll denn den Gürtel enger schnallen?

Das Versprechen, dass Sie besser leben können als Ihre Vorgängergenerationen, gilt für Sie nicht?

Süssmuth: Moment! Ich habe nicht gesagt, dass ich meiner Tochter ein besseres Leben wünsche, aber ein glücklicheres. Wir dürfen das nicht nur materiell sehen.

Gründinger: Das finde ich auch. Zumal wir in Deutschland eine Mittelschicht haben, der es materiell gutgeht. Die haben schon ein Haus, machen drei Mal im Jahr Urlaub, haben iPhone und iPad – was soll da noch kommen? Meine Mutter war alleinerziehend; mein Vater war leider vor meiner Geburt gestorben. Soll sie etwa den Gürtel enger schnallen müssen? Jemand, der es ohnehin schon schwer genug hat? Obwohl meine Familie also nicht unbedingt zu den Begüterten gehört, bin ich alles in allem zufrieden aufgewachsen. Und vielen in meiner Generation reicht das – glücklich sein. Karriere nur um des Geldes willen? Von so einem Aufstiegsgedanken haben wir uns verabschiedet. Wir haben eine genaue Vorstellung, was wir wollen, und das machen wir auch dann, wenn wir weniger verdienen. Für ältere Menschen ist das eine Herausforderung. Neulich habe ich gehört, wie sich ein Manager beschwerte: „Junge, in deinem Alter habe ich nach einer Gehaltserhöhung gefragt, und du fragst nach Elternzeit? Ist die Wirtschaft so noch zu halten?“

Sie haben den demografischen Wandel erwähnt. Machen Sie dafür die Generation von Frau Süssmuth verantwortlich?

Gründinger: Ich kann doch Frau Süssmuth dafür nicht verantwortlich machen.

Süssmuth (lacht): Doch, wir haben nur eine Tochter!

Gründinger (lacht): Na gut, so gesehen!

Süssmuth: Aber immerhin vier Enkelkinder von dieser einen!

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