Keine Probleme, nur Herausforderungen

Jesse Marlow/Oculi/VU/laif

Manchmal stehen auf unserem Kirchengelände Trucks und Zelte, weil wir es wochentags als Cateringstation für Filmcrews zur Verfügung stellen. Die Fassade des Pfarrhauses war sogar schon Kulisse für einen Krimi. Und wir vermieten einzelne Parkplätze auf unserem Kirchhof. Unter anderem aus diesen Einnahmen bezahlt die Gemeinde das Gehalt für Pfarrer und Gemeindepädagogin. Die Kirche funktioniert hier anders als in Deutschland. Die Gemeinde steht finanziell auf eigenen ­Beinen, Zuschüsse aus Deutschland gibt es nicht. Vielleicht ist das ja auch die Zukunft für Gemeinden in Deutschland. Die finanzielle Eigenständigkeit unserer Gemeinde halte ich jedenfalls für ein hohes Gut.

Unsere Gemeinde versteht sich als Anlaufstelle für Menschen, die neu oder auf Zeit in Australien sind. Wer zuzieht, ist nicht automatisch als Mitglied erfasst,
sondern er muss unserer Gemeinde beitreten – wie einem Verein. Unser Verein ist bunt: vom Rentner, der 1950 mit dem Schiff hier ankam, bis zur jungen Familie, die eben mal von Hamburg nach Melbourne zieht, „mal sehen, für wie lange“. Auch in sozialer Hinsicht könnte die Spanne ­größer nicht sein, aber per Du ist man trotzdem, das färbt aus dem Englischen ab.

Mir fällt auf, wie positiv Australier Deutschland und uns Deutsche sehen. Ich höre immer wieder, dass Sohn oder Tochter gerade in Deutschland sind oder man selbst dort war. Wie viel Kultur und Geschichte zum Anfassen es dort gebe – das erzählen viele voller Begeisterung.

„No worries“, diese Floskel höre ich mindestens fünfmal am Tag. Soll heißen: „Alles kein Problem, wir packen das!“ Probleme gibt es nicht, nur „challenges“, also Herausforderungen. Sie geben einem die Chance, zu zeigen, was man kann. Das macht Mut.

Unsere Zeit hier ist begrenzt und das ist vielleicht auch gut so. Denn hier lernen wir wieder einmal unsere eigenen Wurzeln schätzen. Weltoffenheit und eigene Iden­tität gehören offensichtlich zusammen. Und wenn Sie einmal Heiligabend bei 40 Grad im Schatten feiern wollen: „You are most welcome!“

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