Kämpfen bis zum Schluss

Als Kind war er Verteidiger beim FC Bayern. Aufgeben? Niemals! Aus dem Hauptschüler wurde einer der bekanntesten Anwälte in Deutschland. Auch für Mörder und Schwerbrecher gibt er alles

Ahmed erklärt Schülerinnen die Spielregeln der Justiz. Fotos: Sebastian Arlt

Da muss er durch. Links und rechts vor dem Eingang des Landgerichts Augsburg stehen Protestschilder, wie ein Spalier. „Es ist fünf vor zwölf! Schützt uns – nicht die Täter“, „Recht auf Schutz – sagt Ja zur Sicherungsverwahrung“. Es ist nicht klar, ob Adam Ahmed die Schilder beachtet, als er an diesem grauen Herbstmorgen auf den Eingang ­zugeht. Er ist schnell, der Blick wirkt konzentriert, das gibt seinem Gesicht etwas Hartes. Eine Frau schaut ihm hinterher. „Er ist bestimmt ein guter Anwalt, aber wo ist der Mensch?“ Der Rechtsanwalt Dr. Adam Ahmed aus München, dunkle Haare, hohe Stirn, 41 Jahre alt, sagt, dass ihn solche ­Sätze nicht mehr treffen. „Ich kann nicht von Laien erwarten, dass sie Gefühl und Rechtsstaatlichkeit auseinanderhalten.“

Es ist über drei Jahrzehnte her, da hatte er selbst das Gefühl, dass ihm Unrecht ­geschieht. Adam Ahmed war noch ein Kind, als seine Eltern, der ältere Bruder und er abgeschoben werden sollten – in den Irak, in die Heimat des Vaters. „Die Koffer waren für die Ausreise gepackt, um meine Carrera-Bahn war Klebeband gewickelt. Dann sagte meine Mutter: ‚Wir bleiben hier.‘“ Ahmeds Mutter ist Griechin, sie hatte damals seit Jahren in Deutschland gelebt, ihre Kinder sprachen kein Arabisch. Sie überzeugte ihren Mann zu kämpfen. Die Juristerei hat die Sprache des Rechtsanwalts eingefärbt, auch dramatische Erlebnisse schildert er ruhig und sachlich, der Münchner Dialekt erdet die junge Stimme. „Unter Zuhilfenahme eines bekannten Rechtsanwalts für Ausländerrecht führte das zu unserer Einbürgerung.“

„Warum hat so ein Täter mehr Rechte als die Opfer?"

Hinter der Einlasskontrolle am Landgericht Augsburg, in der Taschen und Jacken wie auf einem Flughafen durchleuchtet werden, hadert eine Frau. „Warum hat so ein Täter mehr Rechte als die Opfer? Wer schützt uns, wenn nicht der Staat?“ Niemand widerspricht ihr. Die Frau heißt ­Romana Gilg, sie ist die Mutter von Va­nessa, die am Faschingsdienstag 2002 in ihrem Bett erstochen wurde, in Gersthofen bei Augsburg. Vanessa wurde zwölf Jahre alt, sie war das Opfer von Michael W., damals 19 Jahre alt. Zehn Jahre war er im Gefängnis, nach Jugendstrafrecht ist das die Höchststrafe. Vor dem Landgericht geht es um die Frage, ob Michael W. nun noch in  Sicherungsverwahrung kommt.

2005 verteidigte Ahmed, gemeinsam mit einem Kollegen, den Mörder von Rudolph Moshammer. Es war einer seiner ersten Fälle. Der Bruder des Tatverdächtigen war über ein paar Ecken auf den jungen Anwalt zugekommen. „Der wollte jemanden aus dem Irak. Das war ein Glücksfall, ich hatte mir im Strafrecht ja noch keinen Namen gemacht.“ Er war Anwalt des Doppelmörders von Krailling, der seine beiden Nichten – acht und elf – umgebracht hatte. Er verteidigte den Mann, der bei Regensburg eine Läuferin getötet und sich am Leichnam vergangen hatte. Ab Ende Februar wird er den Verdächtigen im Augsburger Polizistenmord beistehen. Bei Ahmed landen die ganz schweren Fälle. Es hat sich herumgesprochen, dass er kämpft, wenn nötig bis zur letzten Instanz.

In Augsburg beginnt Staatsanwalt Hans-Peter Dischinger mit seinem Plä­doyer, schräg über ihm hängt das Kruzifix. Ahmed sitzt auf der anderen Seite des Saals, noch immer hat er diesen harten Blick. Oft klemmt er mit seiner Oberlippe die Unterlippe ein, als wollte er sich den Mund verbieten. Er macht sich Notizen, schaut auf seinen Laptop. Vor ihm sitzt sein Mandant Michael W., das Gesicht  grau, der Körper gebeugt. Dass der Staatsanwalt über ihn spricht, ist ihm nicht anzumerken. Dischinger macht sich zum Vertreter der Öffentlichkeit. Er zählt die Möglichkeiten auf, um eine nachträgliche Sicherungsverwahrung zu erreichen, „das Ziel ist ein effektiver Schutz der Bevölkerung“. Dischinger erinnert an die Tatnacht vor über zehn Jahren; daran, dass Michael W. – verkleidet wie in einem Horrorfilm, mit weißer Maske und schwarzem Umhang – in das Haus der Familie Gilg eindrang und Vanessa anstarrte, wie sie in ihrem Bett schlief. Dass er zustach, als sie aufwachte, 21 Mal, mit einer 16 Zentimeter langen Klinge. Er zitiert Frank Urbaniok, Facharzt für Psychiatrie und Psychothe­rapie aus Zürich: Die Therapien hätten Effekte erzielt, aber andere Täter, die sich in eine vergleichbare Fantasiewelt zurückgezogen hätten, seien rückfällig geworden. Später mokiert sich der Staatsanwalt: ­Michael W. habe in der Haft erzählt, er wolle „ein Gute-Laune-Bär werden und bleiben“. Der Mann habe eine psychische Störung, er sei sehr gefährlich.

Lesermeinungen

Solche Menschen braucht! Ich habe ihn selbst erlebt. Er hat eine Überzeugung, gepaart mit Offenheit, und zwar allen gegenüber, die Einzigartigkeit ist. Er will helfen und schafft es auch, ohne anderen, wie z.B. Geschädigte oder Opfer zu nahe zu treten. Er sympathisiert auf eine ganz besondere, weil charismatische Weise. Ein Mensch, der seine Berufung zu seinem Beruf gemacht hat und diesen selbst (er)lebt!

Toll!

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