Ist der Markt ein Gott?

Volker Jung und Udo Steffens sagen nein, schauen der „unsichtbaren Hand“ auf die Finger – und entdecken dabei Chancen für die Kirche

Foto: Bernd Roselieb

Udo Steffens

63, ist Präsident der Frankfurt School of Finance & Management. An der privaten Hochschule hat Steffens zudem eine Professur für Betriebswirtschaftslehre inne. Der gelernte Industriekaufmann studierte Wirtschaftswissenschaften, Wirtschaftspäda­gogik und Politikwissenschaften und war mehrere Jahre in Afrika in der kirchlichen Entwicklungsarbeit tätig.

Volker Jung

Jahrgang 1960, ist Kirchenpräsident der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN), auf deren Gebiet mehr als 1,8 ­Millionen evangelische Kirchenmitglieder leben. Der promovierte Theologe Jung, der bereits Pfarrer und Dekan im hessischen Lauterbach war, ist Mitglied des Rates der EKD und der Kirchenkonferenz der EKD sowie seit 2015 Aufsichtsratsvorsitzender des Gemeinschaftswerk der Evangelischen Publizistik (GEP).

chrismon: Die Märkte belohnen und strafen. Machen sie Gott Konkurrenz?


Udo Steffens: Die Akteure auf den Finanzmärkten haben es zumindest geschafft, sich die Wirtschaft so zu organisieren, dass sie die Auserwählten sind. Sie verhalten sich fast sektisch. Ein Beispiel: Hurrikan Sandy hatte im Oktober in ganz Manhattan die Stromversorgung unterbrochen. Nur ein Bankhochhaus war hell erleuchtet; man hatte das Notstromaggregat nicht wie die anderen Banken in den Keller, sondern aufs Dach gestellt. Die Keller standen unter Wasser, nur bei dieser Bank wurde gearbeitet. Ihr Chef schickte ein Foto an alle Mitarbeiter per SMS, der Text zum Bild der strahlenden, sterngleichen Bank in tiefschwarzer Nacht lautete: That is why we are better – darum sind wir besser. Solche Aktionen beschwören einen religiös anmutenden Spirit!


Volker Jung: Ein sehr problematisches Selbstverständnis! Das erinnert mich an Adam Smith, den Vordenker der Marktwirtschaft, der von der unsichtbaren Hand des Marktes sprach. Man kann es fromm sagen: Da ist jemand, der das fügt – der Markt.


Steffens: Smith war ja auch Moralphilosoph, nicht nur Ökonom.


Jung: Wenn der Markt alles fügt, könnte man fordern: Gebt den Markt frei. Aber so wie eine Religion sich einer Religionskritik unterziehen muss, müsste sich auch die Marktgläubigkeit einer Kritik unterziehen. So eine SMS lässt vermuten, dass es mit der Selbstkritik nicht so weit her ist.

 

"Wachstum ist ein Elixier und ein Motor für Menschen, sich anzustrengen"


Und was kritisieren Sie an der ökonomischen Religion?


Jung: Mit Martin Luther würde ich sagen: Einen Gott haben heißt, dass da jemand ist, von dem ich alles Gute erwarte und bei dem ich Zuflucht suche in allen Nöten. Die Bundeskanzlerin hat einmal gesagt: „Wachstum ist der Schlüssel zu allem.“ Billigen wir dem Marktgeschehen damit eine Heilsqualität zu; eine religiöse Qualität, die ein kritisches Verhältnis zum Wachstum verhindert?


Steffens: Politiker, Unternehmen und auch die christlichen Kirchen, die ja lieber Mitglieder gewinnen als verlieren, setzen auf Wachstum. Es ermöglicht ein leichteres Management: Die Verteilung eines Mehr ist leichter als die eines Status quo. Wachstum ist ein Elixier und ein Motor für Menschen, sich anzustrengen.


Jung: Das bestreite ich nicht, diese Anstrengung hält Wirtschaft lebendig. Aber Wachstum kann nicht unbegrenzt sein, denn die Rohstoffe der Erde sind endlich. Kann Wirtschaft ohne Wachstum funktionieren?


Steffens: Das geht, das sehen wir in Spanien oder Griechenland. Die Bruttoinlandsprodukte schrumpfen, die Gesellschaften er­leben eine massive Krise, aber sie brechen nicht komplett aus­einander. Wachstum sollte man nicht zum Fetisch erheben; eine Gesellschaft sollte ein Minus von fünf bis zehn Prozent ver­kraften können. Viele Reiche würden sogar eine Einbuße von zehn Prozent verkraften. 


Jung: Wir haben Länder mit viel Wohlstand. Und es gibt arme Länder. Dürfen wir unser Wachstum auf deren Kosten realisieren und ihnen Rohstoffe und anderes entziehen?


Steffens: Dürfen wir nicht wachsen, weil wir das Wachstum anderer beschränken? Ich finde nicht, dass das so ist. Dann könnte man ja auch argumentieren: Wenn wir in Deutschland Arbeitsplätze abbauen und sie in Rumänien schaffen, ist das gut, weil die Menschen hier sozial abgesichert sind, in Rumänien und ­vielen anderen Ländern aber nicht. Nun sind vor Gott alle gleich. Steht den Menschen in Rumänien nicht auch Wohlstand zu? Wie entstehen Märkte? Warum organisieren wir uns als Gesellschaft überhaupt marktförmig? Das hängt fundamental mit Freiheit zusammen: Wir sind frei zu entscheiden, wie und wo wir arbeiten, wofür wir unser Geld ausgeben. Wir alle schaffen Märkte und sollten „den Markt“ daher nicht religiös überhöhen. Das gibt ihm eine Macht, die ihm eigentlich nicht zusteht.

Lesermeinungen

Herr Jung und Herr Steffens machen sehr schwammig Aussagen, wo klare Aussagen möglich sind.

Wenn der frühere Vorstand der Deutschen Bank eine Eigenkapitalrendite von 25 % für alle Banken forderte, hätten Fachleute aufschreien müssen, denn eine solche Rendite ist nur zu erreichen, wenn die Hebelwirkung des Fremdkapitals extrem genutzt wird und Fremdkapital unbegrenzt dauerhaft, günstig zur Verfügung steht. Bedingungen, die hohe Risiken beinhalten und so nicht nur die einzelne Bank, sondern das ganze System gefährden. So eine riskante Geschäftspolitik ist mit verantwortlichem Umgang mit Ressourcen nicht vereinbar. Die oft gehörte Schutzbehauptung, wir müssen das so machen, weil die amerikanischen oder englischen Banken uns sonst übernehmen, liegt auf der Ebene: Wenn andere stehlen, muss ich auch stehlen dürfen, oder Alles was nicht ausdrücklich verboten ist, machen wir auch.

Eine andere Möglichkeit des extremen Gewinnstrebens ist: Zinsen berechnen für Einlagen 1 % und für Überziehungskredite 18 %. Wenn dann Leistungsstörungen auftreten, werden Inkassoinstitute und Rechtsanwälte eingeschaltet, die ihrerseits hohe Gebühren berechnen, so dass der Schuldner keine Chance mehr hat, die Schulden ohne Insolvenz loszuwerden.

Bankentscheidungen sind Zukunftsentscheidungen und die werden nach amerikanischem Vorbild nur noch nach Ratingnoten getroffen. Die Zukunft ist aber keine Zahl! Ohne die ursprünglich guten Ratingnoten hätte die Verschuldung in Irland, Griechenland, Portugal oder bei Subprime-Anleihen nicht so extreme Ausmaße angenommen. Das Ratingsystem dient der Überwälzung von Verantwortung für eigene Entscheidungen auf eine anonyme Agentur und trotzdem wurden die Gehälter und Bonifikationen der ‚Entscheider’  extrem ausgeweitet – ist das gegenüber den Mitarbeitern, die das Risiko des Arbeitsplatzverlustes tragen, verantwortliches Handeln?

Die Vertreter der Kirche, aber auch der Hochschulen haben die Verpflichtung Maßstäbe einzufordern, damit die teuflischen Kräfte der Märkte in Schranken gehalten werden. Die Interviewten haben dazu nichts beigetragen!

 

Die Fragestellung nach dem Markt als Gott, weiter Worte wie "Marktgläubigkeit" oder "Überhöhen der Rolle des Wachstums" erinnern mich mehr an einen Pastor alter Schule, der von hoher Kanzel seine Gemeinde gelegentlich auch mit "Ihr Sünder" ansprach. Markt ist die Sphäre, in der Unternehmer, vom kleinsten bis zum größten, die Chancen von Angebot und Nachfrage nutzen. Wo freie Akteure des Marktes durch Bürokratien ersetzt wurden, konnte man erleben, wohin das führte. Die Wachstumsrate kann mit dem Ergebnis eines Unternehmens verglichen werden. Ist sie positiv, bedeutet es, dass rückläufige wirtschaftliche Wertschöpfung in unzähligen Betrieben für die Wirtschaft als Ganzes mit positiven Entwicklungen in anderen Wirtschaftseinheiten überkompensiert wurde. Eine negative Wachstumsrate bringt stets höhere Arbeitslosigkeit mit sich. Wir hatten eine Vergangenheit, in der das Wachstum mehr brachte, als nur die alltäglichen Konsum- und Lebensbedingungen zu erfüllen. Es konnten eine Altersversorgung und ein Gesundheitswesen aufgebaut werden, die Erschwernisse des Lebens minderten und, das sei hier auch erwähnt, Hilfen gegen Hunger und Armut in der Welt zuließen. Angesichts bleibender, wenn auch abnehmender, Arbeitslosigkeit bei uns und steigendem Bedarf an Sozialleistungen ist es gar nicht zu verantworten, auf Wachstum zu verzichten. In meiner beruflichen Erfahrung mit der Wirtschaft, die vor mehr als 50 Jahren begann, habe ich in höchsten Führungspositionen immer wieder sehr engagierte Christen kennen gelernt. Will man die pauschal als Götzendiener des Marktes einstufen?

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