Tipps zu Zivilcourage

Hilfe!
Da wird jemand bedroht, da passiert gleich was. Da wollen Sie nicht reingezogen werden. Aber helfen wollen Sie doch. Bloß wie? Ein Ex-Kriminalhauptkommissar weiß, was man tun kann – gegen starke Gegner und gegen die eigene Angst

Illustration: Arne Bellstorf

Ralf Bongartz

Ralf Bongartz, 51, war 20 Jahre bei der Polizei und klärte dort als Kriminalhauptkommissar Sexualstraftaten und Tötungsdelikte auf. Parallel lernte er Pantomime und Schauspiel. Heute ist er selbstständiger Trainer für Prävention, Körpersprache und Konfliktmanagement. Nun hat er seine Erkenntnisse in dem Buch „Nutze deine Angst - wie wir in Gewaltsituationen richtig reagieren“ aufgeschrieben.

Chrismon: Man sitzt gedankenversunken in der U-Bahn, plötzlich wird es laut – eine Gruppe Jugendlicher ist zugestiegen. Aggressive Atmosphäre. Einer geht durch den Gang, sagt herrisch: „Hat hier jemand Feuer?“ Alle gucken nach unten oder zur Seite . . .

Ralf Bongartz: Damit haben sie schon verloren. Denn wenn jemand so aggressiv in die Bahn einsteigt, ist das das Angebot eines Machtkampfes. Damit testen die Täter, ob es im Waggon Gegenwind geben würde, wenn sie „weitergehen“. So wie in dem realen Fall, den ich im Buch schildere. Die Fahrgäste blieben lammfromm, die Gang umringte dann einen 15-Jährigen, der auf seinem iPhone herumfingerte und überhaupt keine Antenne für seine Umgebung hatte. Sie gaben ihm leichte Schläge auf den Kopf, um zu gucken, wie er reagiert. Wäre er sofort brüllend aufgesprungen und weggelaufen, wäre das vorbei gewesen. Er blieb aber verdutzt sitzen. Die Gang brach ihm die Nase und raubte ihm das iPhone.

Hätte jemand eingegriffen, wenn mehr Leute in der Bahn gewesen wären?

Nein. Je mehr Leute da sind, umso schwächer ist die eigene Entschlossenheit. Denn dann versuche ich, meine Verantwortung zu teilen: „Es sind fünf Leute in der Bahn. Der da vorn ist näher dran, und wenn der nichts tut, muss ich auch nicht handeln.“ Man weiß aus vielen Untersuchungen: Ist nur ein Zeuge da, wird er zu 80 Prozent Wahrscheinlichkeit dem Opfer helfen; sind es zwei Zeugen, liegt die Bereitschaft nur noch bei 50 Prozent; bei 38 Leuten fühlt sich niemand mehr persönlich verantwortlich. Ergebnis: Handlungsunfähigkeit.

Warum hat niemand geholfen? Wollten die Leute nicht?

Die meisten Leute wollen, wenn man sie hier am Tisch fragen würde, natürlich ­helfen. Aber in der echten Situation sind sie blockiert von ihrer Angst. Erst wenn Menschen sich diesen Blockademechanismus bewusst machen, handeln sie anders.

Also spulen wir die Szene noch mal zurück auf Anfang. Die jungen Männer gehen herrisch durch den Wagen: „Ey, hast du Feuer?“ Ich will sofort reagieren – aber wie?

Ich mache mich nicht klein und verschwinde in meiner Zeitung, sondern ich bleibe groß und halte den Blick in der Horizontalen. Ich zeige damit: Ich bin da, und ich kann damit umgehen, wenn hier was passiert – auch wenn das eine Lüge ist. Wenn der jetzt in meine Nähe kommt und sagt: „Hast du Feuer?“, sag ich ganz neutral: „Ich hab kein Feuer“, schaue ihn kurz an, gucke dann auf der gleichen Ebene nach rechts weg und lass ihn links liegen. Das ist keine Provokation, aber der merkt: Oh, das wird hier nicht ganz einfach. Und die entscheiden tatsächlich danach, ob sie glauben, dass es einfach wird. Die sind trainiert, Körpersignale wahrzunehmen. 

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Warum können sie Körpersignale so gut lesen? 

Weil die in Gewalt groß geworden sind. Die sind fünf Jahre alt, der Vater kommt besoffen nach Hause, da müssen die die feinsten Signale wahrnehmen: Wie ist der drauf? Schlägt er die Mutter? Wie muss ich gehen, dass der nicht ausrastet? Was muss ich tun, damit der nicht in mein ­Zimmer kommt?

Lesermeinungen

Ich würde mich freuen, wenn in der Grundschule derartige Themen mit den Schülern im Detail besprochen werden. Unser Kind fährt zunehmend allein mit Straba und ich fände derartige kompetente Schulungen wunderbar, zumal ich als Elternteil auch nicht alles wissen kann.
Ich würde mich sicherer fühlen, wenn diese Thematik zunehmend an Schulen vermittelt wird.

Schön, dass Chrismon online abrufbar ist. Das fällt mir erst jetzt auf, nachdem ich vor Jahren die Zeitung wechselte und Ihr Heft nicht mehr automatische als Abo-Beilage erhielt. Das Interview ist, wie von früher gewohnt, informativ, gut geführt und bereitet Lesevergnügen. Ich werde häufiger mal vorbeischauen!

Mit grossen Interesse habe ich Ihren Artikel über Zivilcourage mit dem Gespräch mit Herr Bongartz in dem Heft 9/2013 gelesen. Er enthielt wertvolle Anregungen, die mir in kritischen Situationen helfen können.

Ich frage mich allerdings, warum nicht eine Kurzfassung dieser Verhaltensanweisungen in  jeder U-Bahn- und-S-Bahnstation aushängt, warum nicht eine entsprechende Broschüre in den Waggons ausliegen.

Ein Vorschlag: richten Sie doch entsprechende Anfrage an die Deutsche Bahn, bzw. die für den U-Bahn- und Busverkehr zuständigen Stellen und berichten über die jeweiligen Antworten in einem Beitrag.

„Wenn ich ein Täter bin…wem gehe ich hinterher? Sicher nicht dem 150 kg schweren Metzger…“

Dazu möchte ich anmerken, daß wir eine gut eingeführte Metzgerei mit 50 Mitarbeitern haben, davon 12 Metzger, und von den 12 Metzgern wiegt keiner 150 kg, sondern die sind alle ganz normal gebaut. Seit ewigen Zeiten kämpfe ich gegen das Vorurteil, daß Metzger dick und brutal sein müssen. Schade, daß Ihre Zeitung ein solches Klischee auch wieder bedient.

Unsere beiden Geschäftsführer sind gebildet, haben Abitur und ein Studium absolviert, bevor sie die Metzgerei übernommen haben. Unsere Mitarbeiter sind klug, weltgewandt und kein bißchen klischeemäßig metzgerhaft.

Das wollte ich nur mal anmerken.

Metzger = 150 kg = Klischee. Klischees kennen fast alle, deshalb bedient man sich ihrer um einen Sachverhalt unkompliziert darzustellen. Dass nicht jeder Metzger ein Schrank ist bedarf gar nicht der Erklärung. Genauso wenig hat jeder Ringer-Leistungssportler eine Adonisfigur, da gibt's auch die Gewichtsklassen bis 52 kg. Völlig überflüssig zu erläutern.
Das Interview hingegen ist klasse aufgebaut. Liest sich sehr schön herunter und gibt einem spontan das Gefühl, ähnlichen Situationen nun gut gewachsen zu sein. Wobei das vielleicht ist wie mit dem Erste-Hilfe-Kurs. Theoretisch hat den jeder gemacht, der einen Führerschein sein eigen nennt. Aber der Kurs ist ja so lange her, man will ja nichts falsch machen... Man müsste es, wie die Kids in den Schulen, üben können. In Stresssituationen greift man auf das Wissen u die Handlungen zurück, von denen man weiß, dass sie funktionieren.

Ich habe mit großem Interesse Ihre Titelgeschichte gelesen, wie überhaupt Ihre Zeitschrift zu lesen, ein fachliches wie sprachliches Vergnügen ist.

Besser als in Ihrer Titelgeschichte kann man die Thematik nicht „an den Mann“  bringen.

 

Ein sehr guter Artikel; vielen Dank. Mich hat er über das eigentliche Thema hinaus noch angeregt, einmal zu prüfen, ob ich mich nicht manchen Menschen gegenüber unnötig "klein" mache und ob ich das nicht ändern kann.

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