Studie über Jugendliche

Glücklich auf der sicheren Seite
Die jungen Leute heute sind fleißig. Und sie sehnen sich nach stabilen Verhältnissen, sagt der Psychologe Stephan Grünewald

Illustration: Frank Höhne

Stephan Grünewald

Stephan Grünewald ist Mitbegründer und Geschäftsführer von rheingold, dem Institut für Kultur-, Markt- und Medienforschung in Köln. Er ist Psychologe und Psychotherapeut. Sein neuestes Buch: "Deutschland auf der Couch -­ eine Gesellschaft zwischen Stillstand und Leidenschaft"   Foto: PR

Herr Grünewald, was ist das typische Möbel der Jugendlichen heute?
Die Schrankwand. Da gibt es eine erstaunliche Renaissance.

Wie bitte?
In der Schrankwand steckt ein Versprechen – das der Unverbrüchlichkeit. Sie müssen bedenken: Viele Jugendliche erleben ihre Welt heute als zerrissen, brüchig. Sie haben ein komplett anderes Lebensgefühl als die Jugendlichen der späten Sechziger und der Siebziger. Die Jugendlichen damals hatten den Eindruck, in einer betonierten, bornierten, erstarrten Welt zu leben. Aus ihr wollten sie ausbrechen, um nicht zu ersticken. Die Eichenschrankwand war für sie damals Sinnbild für eine Frühversargung: Man umgibt sich schon zu Lebzeiten mit dem Material, das einen dann ins Jenseits begleitet. Die Schrankwand war ihr Feindbild. Dann doch lieber die Bananenkiste. Denn das Unperfekte motivierte sie zum Umbauen und Weitermachen. Die Jugendlichen heute sind da ganz anders. Ich spreche daher von einer Generation Biedermeier.

Woran leiden die jungen Leute denn heute so sehr?
In unseren Tiefeninterviews erzählen Jugendliche, wie Familien auseinanderbrechen. Was früher die Ausnahme war, ist heute zu einer ständigen Bedrohung geworden, die jedes Kind treffen kann. Alleinerziehende Mütter, Patchworkfamilien, deser­tierende Väter: Das führt zu einem mangelnden Grundvertrauen. Und das zeigt sich nicht nur in den Familien, sondern auch im gesellschaftlichen Rahmen. Helmut Kohl war früher die fleischgewordene Berechenbarkeit, heute treten selbst Bundesprä­sidenten und der Heilige Vater zurück. Das verstärkt die Frage: Auf was und auf wen ist überhaupt noch Verlass?

Was wünscht sich die Generation Biedermeier?
Ihre Vorstellungen kreisen um kleinbürgerliche Idyllen. Sie erzählen gleich vom Häuschen oder von einer Eigentumswohnung mit Garten und zwei Kindern, einem gesicherten Auskommen. Wir haben in den letzten Jahren auch mit vielen Personalentwicklern gesprochen. Die sagen: Seit Jahren malen die Bewerber im Eignungstest oft das Wunschbild vom Häuschen mit Garten.

Wie finden das die Personalchefs?
Weil sie selbst noch in einem anderen Geist aufgewachsen sind, Jugendlichkeit mit Revolte und Aufbegehren verbinden, sind sie verblüfft. Sie sehen, dass die junge Generation wertkonservativer als sie selber ist. Auch viele Eltern fragen sich: Was habe ich falsch gemacht, mein Sohn oder meine Tochter ist so spießig?

Sind die Mädels da anders als die Jungs?
Die Gemeinsamkeiten überwiegen. Aber wir merken: Die Wandlungen der Kultur haben den Mädchen in die Hände gespielt. Die 68er-Generation war männlich gesteuert. Die Männer haben agitiert, die Frauen waren eher die Groupies. Dann kam Mitte der 90er Jahre die coole Gleichgültigkeit. Sie hat alles relativiert, die Spaßgesellschaft vorangetrieben, sich von religiösen Überzeugungen und Werten distanziert. In dieser Hinsicht gab es zum ersten Mal eine Gleichberechtigung. In Spaß und Rausch sind alle gleich. Der Generation Kuschel ging es nach dem 11. September um Kontaktmaximierung, um soziale Kleindiplomatie, um den Zusammenhalt von Freundeskreisen – das konnten die Frauen besser. Seither bemerken wir, dass es vor allem die Frauen sind, die Beziehungen anbahnen und sie auch beenden. Auch in den Schulen haben sie zu einem ganz neuen Selbstbewusstsein gefunden.

Und die Jungs von heute, sagen wir so im Alter von 14 bis 17?
Wir beobachten, dass sie sich bei Problemen in der Schule oder mit den Mädchen oft auf die Playstation oder auf Internetspiele zurückziehen. In diesen berechenbaren Spielräumen sind sie sich ihrer Verfügungsgewalt sicher. Und sie können sich hier zielsicher hocharbeiten.

Sie schreiben in Ihrem Buch, die heimliche Hymne der heutigen Generation sei der Song von Peter Fox „Haus am See“. Darin kommt der schöne Satz vor: „Alle komm’n vorbei, ich brauch nie rauszugehen.“ Ist das wirklich eine ernsthafte Hoffnung?
Durchaus. In diesem Song ist die Sehnsucht danach beschrieben, endgültig anzukommen. Die Angst, dass die Liebe wegbricht, ist gebannt.

Welche Rolle spielen die Etern?
Bei den Jugendlichen kommen die Mütter meist viel besser weg als die Väter. Mütter stehen für die Hoffnung auf eine bedingungslose Liebe. Selbst als Loser nimmt mich meine Mutter noch wahr. Im Vergleich dazu gelten die Väter oft als unberechenbare Kantonisten. Wie der Kapitän der Costa Concordia, der als Erster von Bord ging, als das Schiff zu sinken drohte.

Die junge Generation ist leistungsorientiert, pflichtbewusst – ganz freiwillig oder kann sie nicht anders?
Diese Generation ist kontrolliert, leistungsstark, vernünftig, weil sie zum Teil von der Angst getrieben wird, jederzeit abstürzen zu können. Durch den Fleiß in der Schule oder durch die Kompetenzhamsterei im Studium soll dieser Schrecken gebannt werden. Problematisch daran: Häufig folgen junge ­Menschen nicht der eigenen Leidenschaft, dem eigenen Ruf, sondern sie machen das, was von außen gefordert wird. So fühlen sie sich auf der sicheren Seite.

Wie sieht es im Job aus?
Jugendliche wechseln ihren Job nicht so leicht wie Gleichaltrige in den 90er Jahren. Es gibt nicht mehr den Wunsch, immer weiterzukommen, sondern man will auch im Beruf endgültig ankommen.

Und der Medienkonsum?
Die Medien dienen unter anderem als mütterliche Schutzräume. Aus Angst davor, allein auf sich gestellt zu sein, umgibt man sich gern mit zwei oder drei Schutzwällen. Mit dem Radio, mit Smartphones oder MP3-Playern, die als Ohrenschnuller fungieren. Es gibt ein mehrfaches mediales Sicherungsnetz, das einen auffangen soll. Im Hintergrund läuft immer der Fernseher, und Facebook ist stets abrufbereit. Nach dem Motto: Wenn ein Netz ausfällt, ist immer noch etwas anderes da, das mich trägt.

Leiden junge Leute darunter, dass sie nicht viele andere Dinge ausprobieren können?
Diesen Mangel empfinden sie nicht, weil sie sich ja selbst in den Pflichtenkanon hineinbegeben. Sie setzen sich ja freiwillig unter eine Vernunftglocke, die nur in gelegentlichen Wochenendexzessen durchbrochen wird. Wir beobachten auch: Den jungen Leuten, die abgestürzt sind, den Losern, reicht man nicht solidarisch die Hand, sondern man grenzt sich strikt von ihnen ab. So kann man die Fiktion wahren: Jeder hat es selbst in der Hand, dass einem der Absturz erspart bleibt. Die, die unten sind, sind folglich selber schuld.

Deshalb die Beliebtheit der RTL-Serien über die Loser?
Ja, sie unterstützen die Hoffnung, dass das Abrutschen zu verhindern ist. Interessant dabei ist: Mit 16 tritt meist eine Wende vom Saulus zum Paulus ein. Gab es vorher aufmüpfiges Verhalten, Mobbing, Bandenkrieg und Zickenterror, sieht man schließlich ein: Wenn ich weiter meine ohnmächtige Wut über die zerrissenen Verhältnisse ausagiere, dann stürze ich letztlich wirklich ab. Dann lande ich bei Hartz IV.

War das nicht immer so?
Nicht immer war so deutlich, dass Jugendliche mit 16, 17 Jahren über Nacht so vernünftig werden. Sie erscheinen von einem auf den anderen Moment geläutert, diszipliniert, durchgeplant. Die Eltern kommen sich dann im Vergleich mit ihren Kindern unbedacht vor. Dieses Phänomen haben wir vorher nicht gehabt. Heute sitzen schon Vierzehnjährige in den Oberstufen der Schulen. Und sie müssen damit fertig werden: G8 und die Bachelor- und Masterstu­diengänge eliminieren systematisch ihre Frei- und Traumräume. Auszeiten nehmen, sich ausprobieren – das geht nicht mehr. Es geht nur noch um Wissensakkumulation. Doch zur Jugendzeit gehört auch die Rebellion, der Perspektivwechsel, das Austesten von Lebens- und Liebesformen. Aber diese Seite wird oft dem ­Leistungs- und Effizienzdiktat geopfert.

Und ist das Aufbegehren dann einfach weg?
Keineswegs. Es gibt häufig eine heimliche Absturzsehnsucht, die in jugendlichen Kultfilmen wie „Hangover“ oder „Black Swan“ dramatisiert wird. Jugendliche kippen dann von völliger Selbstdisziplin ins Chaotische ab. Mein ältester Sohn hat seinen 18. Geburtstag hier in den Geschäftsräumen von Rheingold gefeiert. Gegen Mitternacht ging ich mal gucken, alle seine Gäste saßen artig beieinander und unterhielten sich gepflegt. Ich fuhr beruhigt, aber auch ein wenig irritiert nach Hause. Morgens erhielt ich einen Anruf unseres völlig aufgelösten Hausmeisters: Hier sei alles verwüstet. Wir fuhren hin, es war ein Bild des Grauens. Kippen überall, zerbrochene Flaschen. Die Polizei war nachts dagewesen, weil sie aufs Dach geklettert waren. Sie haben nichts ausgelassen. Aber zwischen braver Vernunft und anarchischer Auflösung gibt es keinen Übergang.

Träumen Jugendliche noch von einer besseren Welt?
Ja, von einer besseren Welt, die beständiger und vor allem verlässlicher ist als die Multioptionswelt der Eltern. Es gibt auch Ansätze, dass sie das „Höher, schneller, weiter!“ nicht mehr mitmachen. Wenn sie sich im Beruf etabliert haben, dann ist ihnen die Work-Life-Balance wichtig. Sie wollen einen sinnvollen Job, mit dem sie ihr Auskommen haben. Aber es geht gar nicht mehr darum, immer mehr zu verdienen. Wichtiger ist ihnen zu wissen, wie die Unternehmensstrukturen sind, wie sie ausgebildet werden, was auf sie zukommt.

Gibt es politische Ziele, für die Jugendliche kämpfen?
Sie sind eher pragmatisch als politisch. Eben wegen der Suche nach einer klaren Linie, die eine größere Verlässlichkeit ins Leben bringt. Das wird sich in den nächsten sieben, acht Jahren wohl auch wieder ändern. Es gibt aber auch Vorboten einer Entwicklung zu fundamentalistischen Werten, die ich bedenklich finde. Es gibt ja jetzt schon das Phänomen, dass Jugendliche zum Islam konvertieren. Der Islam ist ein Gegenentwurf zu unserer Beliebigkeitskultur: Da sind Gut und Böse sauber getrennt, da gibt es einen klaren Verhaltenskodex. Das kann ein Gefühl von Berechenbarkeit und moralischer Überlegenheit vermitteln.

Was gibt uns Halt und Orientierung, fragen sich die jungen Leute. Ist das eine Chance für die Kirche? Auf die kann man sich doch verlassen. 
Die Kirche ist als Idee attraktiv. Aber in der jungen Generation wird sie ganz anders gelebt und erlebt. Im Internet finden Sie viele pseudoreli­giöse Strukturen. Facebook ist so eine: Hier lebt der heilige Geist einer weltweiten Brüder- und Schwesterngemeinde, die sich ständig zupostet und in stündlichen Hirtenbriefen ihre Befindlichkeit preisgibt. Das ist eine moderne Form der Kommunion und der gemeinschaftlichen Stabilisierung. Sie ­haben eine so starke gemeinsame Verwurzelung, dass es egal ist, ob sie in Kalifornien am Strand oder im Allgäu im Wald sitzen. Sie klappen ihr Laptop auf und sind in ihrer Gemeinde.

Die klassische Ortsgemeinde bringt Menschen unterschiedlicher Herkunft und Interessen zusammen, das Internet wohl nicht?
Oh doch, auch das ist im Internet der Fall. Es gibt eine regionale Grenzüberschreitung. Aber – da haben Sie recht – es führt meist nicht dazu, dass man über den eigenen Tellerrand hinaussieht. Facebook kann eine narzisstische Selbstbespiegelungsma­schine sein und man kreist nur noch um die ewig gleichen Themen und Interessen. Dadurch kann paradoxerweise im sogenannten World Wide Web eine neue Art der Weltfremdheit entstehen.
 

Bei der Kirche geht jeden Sonntag um 10 Uhr die Türe auf. Das ist doch verlässlich!
Die Frage ist doch: Wie öffnet sich die Kirche jugendlichen ­Lebensformen? Was tut sich in der Gemeinde? Manche Gemeinde wird zum Magneten, wenn sie interessante Veranstaltungen über die Gottesdienste hinaus anbietet. Das kann, um nur ein Beispiel zu nennen, das gemeinsame Anschauen von Fußballspielen auf einer Großleinwand sein.

Sie sagen: Jugendliche suchen nach festen Ordnungen. Es gibt aber auch die Erkenntnis aus Umfragen, dass Jugendliche sich überhaupt nichts von einer Kirche vorschreiben lassen wollen.
Das wundert mich nicht. Der Gründungsmythos von Facebook hat mit der David-Goliath-Geschichte zu tun – also mit der ­kollektiven Potenzierung meiner Wirkmacht: Mit Facebook kann man als kleiner David große Konzerne wie Amazon abstrafen. Mit Facebook kann man einen arabischen Frühling initiieren, einen Obama zum amerikanischen Präsidenten ­machen. Die Kirche kann an Bedeutung gewinnen, wenn sie wieder aktiv wird und Aktivierung verheißt. Wenn sie zum Beispiel wieder zu einer Friedensbewegung wird, wenn sie sich für die Armen in der Dritten Welt einsetzt, die unverschuldet ins Elend geraten sind.

Kirchen, Gewerkschaften, Parteien beklagen, dass die Zahl der Mitglieder sinkt. Wenn junge Leute Stabilität wollen, sollten sie doch dafür politisch kämpfen. Warum machen sie da nicht mehr mit?
Was die Stabilitätssuche angeht, sind die Auskünfte der Jugendlichen eindeutig. Aber sie finden Stabilität nicht mehr in diesen Institutionen. Man muss nicht als Mitglied dazugehören, man muss auch nichts faktisch besitzen. Das zeigt sich etwa an der veränderten Haltung zum Auto. Heute ist das Smartphone und nicht das Auto das zentrale Statussymbol. Es garantiert zudem die unbeschränkte Mobilität auf der Datenautobahn. Daher müssen Jugendlich auch ein Auto nicht mehr besitzen. Sie wollen lediglich ständig darüber verfügen können. Das Carsharing bietet daher mehr Stabilität und Freiheit als das eigene Auto, weil ich an jeder Ecke ein Auto ­entern kann und es sogleich wieder stehen lassen kann, wenn ich es nicht mehr benötige. Eigentum verpflichtet, Verfüg­barkeit verpflichtet nicht. Man will auch nicht die ganzen Gebühren und Treueleistungen zahlen, die mir die Versicherungen abverlangen. Ähnliches gilt für die Kirche.

Zu teilen ist doch auch eine christliche Tugend . . .
Teilen kann man ja analog verstehen als das Abtreten von Eigentum – wie beim heiligen Martin, der seinen Mantel mit einem anderen teilte. Teilen kann man aber auch digital verstehen: als Zugriff auf schier unerschöpfliche Mittel oder Daten, die einem nicht selbst gehören. Wer auf Facebook ein Bild oder einen Song teilt, muss nichts abgeben. Viele Jugendliche verstehen Teilen als digitalen Akt der wunderbaren Datenvermehrung.

Und die Zukunft? Gibt es eine optimistische Variante zum Fundamentalismus, den Sie als Gefahr sehen?
Die optimistische Variante: Die Sehnsucht nach einer überschaubaren Biedermeierwelt kann eine neue Erdung in die Gesellschaft bringen. Erfolg, Wachstum und Karriere, die durch eine besinnungslose Betriebsamkeit im Hamsterrad erkauft werden, werden nicht mehr unhinterfragt von den jungen Leuten als Lebensziel übernommen. Ein erfülltes Leben wird erstrebenswert, in dem man sich nicht mehr total verplanen lässt, sondern Zeit für seine Beziehungen und Hobbys hat. Damit gewinnt man letztlich auch Zeit für die Entwicklung eigener Träume, Visionen und Lebensbilder. So kann das derzeitige gesellschaftliche Still­halteabkommen, das alternativlose Weiterso durchbrochen werden und ein neuer produktiver Generationenkonflikt entfacht werden.

Information

Lesetipp: Stephan Grünewald: Die erschöpfte Gesellschaft. Warum Deutschland neu träumen muss (Campus).

Lesermeinungen

Ob ich mich als Schrankwand-verliebter Sicherheitsfanatiker sehe? Nee. Die Sache ist doch, dass zu viele dem Traum des lueckenlosen Lebenlaufs hinterherhecheln, ohne zu wissen, ob das eigentlich der eigene Wunsch ist, oder von aussen eingepflanzt.

Dominik Prugger

Kommentare wie „fleißig und diszipliniert“, „wertekonservativ und spießig“, „ Sehnsucht nach stabilen, vor allem familiären Verhältnissen“ insinuieren, daß die heutige Jugend nach bestimmten normativen Standards tickt. Das ist aber zu bezweifeln, weil es  „die Jugend“ als monolithischen Bock nicht gibt. Vielmehr ist die Jugend wie die Gesamtgesellschaft soziologisch unterschiedlich geschichtet. Das würde bei einem „Makrozensus“ sofort in Erscheinung treten. Da mehr oder weniger willkürliche Herausgreifen von Einzelfällen ersetzt aber keinen Makrozensus.

Sigurd Schmidt

In einer der letzten Ausgaben fragten Sie die Leser danach, was ihnen heilig sei. In (fast) allen Antworten bekam der Begriff eine andere Bedeutung, nämlich "wichtig, Mitte meines Lebens, Herzensangelegenheit, worauf ich mich immer freue " und dergleichen.
Heilig, das bezeichnet aber etwas, wovor ich EHRFURCHT habe, das anbetungswürdig ist, wo man also auch eine Distanz hält in Erkenntnis der eigenen Unzulänglichkeit. Das sollte doch - zumal in einem christlichen Blatt - geklärt werden. Vielleicht hätte man die Frage etwas anders formulieren sollen, nämlich in dem Sinn, wie sie dann aufgegriffen wurde.
Natürlich benutzt man das Wort auch in dem angeführten Sinn. Eine Rückbesinnung auf den eigentlichen Sinn könnte also nicht schaden.
 

Brauchen wir einen 53-jährigen Experten, um zu erfahren, was die Jugendlichen heute bewegt? Der Artikel „Glücklich auf der sicheren Seite“ aus der chrismon 08/13 hat mich ziemlich aufgeregt und ich sträube mich dagegen, als Teil einer Generation „Biedermeier“ betrachtet zu werden, die sich laut Stephan Grünewald vor allem nach Stabilität sehnt und „pragmatisch statt politisch“ ist. Bitte hört die Stimme einer 19-jährigen Studentin aus der Generation, um die es geht!

Generell halte ich nichts von Generationenbegriffen. Der Versuch alle Einstellungen von Menschen in einer Altersspanne von 8 Jahren, also etwa 7 Millionen Menschen auf einen einzigen Begriff zu reduzieren, muss zu einer starken Verallgemeinerung führen. Wer würde schon zustimmen, dass die meisten Menschen zwischen 42 und 50 Jahren Ähnliches denken und die gleichen Träume haben?

Als typisch für die Biedermeier-Zeit gilt Flucht in die Idyll und ins Private. Doch gerade viele Jugendliche geben den Traum einer besseren Welt nicht auf, hinterfragen aktuelle Systeme kritisch, wünschen sich einen Auf- und Umbruch und sind bereit sich dafür aktiv einzusetzen. Nie zuvor gab es so viele Freiwillige und Ehrenamtliche in dieser Altersgruppe! Mit der Pluralisierung werden auch Protestbewegungen vielseitiger und  da es immer mehr verschiedene Protestthemen, -gruppierungen, und -kanäle gibt, wird die Rebellion vielleicht nicht immer in dem Ausmaß wahrgenommen, in dem sie stattfindet. Als zwei Beispiele seien nur die Occupy-Bewegung genannt, die auch in Deutschland zahlreiche junge UnterstützerInnen und AktivistenInnen fand und der Zeit-Artikel von Alina Blasberg, der im April 2013 große Diskussionen auslöste, die zu Tage brachten, dass der Generationenkonflikt heutzutage genauso existiert, aber eben anders ausgetragen wird, als beispielsweise in den 60er-Jahren.

Facebook ist meiner Meinung kein soziales Sicherheitsnetz, keine Flucht in eine Parallelwelt, wie Grünebergs Ansicht nach, sondern im Gegensatz eine Möglichkeit zur Vernetzung und kann Menschen über weite Entfernungen, die dieselben Träume haben verbinden und mobilisieren. Beobachten Sie einmal, wie viele ermutigende Veränderungsgeschichten, Aufrufe zu Petitionen oder Demonstrationen unter jungen Menschen über facebook verbreitet wird. Gerade dadurch, dass ich hautnah miterleben kann, wie Menschen z.B. in arabischen Ländern unterdrückt werden, bleibt für mich keine Ausrede übrig, mich nicht aktiv einzumischen.

Schön, dass auch junge Menschen auf den Interviewseiten zu Wort kommen, aber der Zusammenhang mit dem Thema fehlt meiner Meinung nach völlig. Dass für viele junge Menschen soziale Beziehungen sehr wichtig sind, und „heilige Tage“ oft mit Partnern, Freunden und Familie in Verbindung stehen, beweist doch keinesfalls, dass Jugendliche sich nichts außer Stabilität wünschen, keine Frei- und Traumräume mehr haben können und nicht gegen bestehende Gesellschaftsverhältnisse rebellieren! Nachdem viele Tabuthemen enttabuisiert worden sind, sind Rebellionen gegen bestehende Verhältnisse eben in andere Sektoren, z.B. soziale Gerechtigkeit, globale Ungleichverhältnisse, Klimawandel, Konsumgesellschaft etc. verlagert worden. Fragt man jedoch Menschen zwischen 35 und 42 oder 57 und 65, welcher Tag ihnen heilig ist, werden sich die Antworten sicherlich nicht grundlegend unterscheiden. Dass zahlreiche der Befragten im Ausland studieren oder arbeiten, zeigt doch aber auch gerade, dass viele Jugendlichen einen Aufbruch wagen, neugierig sind, über den Tellerrand schauen wollen und sich selbst ausprobieren.

Zuletzt möchte ich noch sagen, dass ich nicht glaube, dass ich mit meiner Meinung alleine dastehe, in meinem Umfeld und darüber hinaus finden sich mit Sicherheit ähnliche Ansichten. Zu guter Letzt: Wer kennt eine/n 18-25-Jährige/r, der oder die in seiner/ihrer Studentenbude oder gar der ersten eigenen Wohnung eine Schrankwand stehen hat?!

 

 

 

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