Außergewöhnliche Friedhöfe

Das Leben ist wichtiger als der Tod

Barbara von Woellwarth

Das wird jeder Lebende sagen, klar! Aber neuerdings gilt das auch für Friedhöfe. Sie werden zu Parks, mit Ich-Denkmälern

chrismon: Vor welchen Gräbern bleiben Sie stehen? 

Matthias Meitzler: Vor individuellen Grabsteinen in Form einer Rockgitarre oder eines Handys. Oder vor Statuen, die das Haustier des Toten zeigen. Manche Grabsteine haben Elemente zum Spielen: Würfel, die man drehen kann, oder einen beweglichen Globus. Es gibt rätselhafte Inschriften wie „Der Tag ist gerettet“. Oder lediglich: „Alles Scheiße.“

Das ist erlaubt? Als Dortmunder Eltern das BVB-Wappen auf den Grabstein ihres Sohnes haben wollten, gab es Streit.

Das war auf einem katholischen Friedhof,  wo offenbar nur christliche Symbole zuge-lassen waren. Auf dem benachbarten städtischen Gräberfeld sind Fansymbole gang und gäbe. Es gibt in Deutschland keine einheitliche Friedhofskultur, nur Grundsätze, etwa: Mensch und Tier dürfen nicht zusammen in ein Grab. Ansonsten hat jedes Bundesland eigene Bestattungsgesetze, jeder Träger eine eigene Friedhofsordnung. Der Trend ist: Es wird mehr erlaubt als früher.

Warum?

Es gibt eine neue Konkurrenzsituation: In Deutschland herrscht zwar noch Friedhofspflicht, lange war die Seebestattung die einzige Alternative. Seit einigen Jahren aber darf man sich auch in Waldstücken – in einem Friedwald oder einem Ruheforst – bestatten lassen. Sie sind beliebt, weil viele Menschen ihren Angehörigen die Grabpflege ersparen wollen. Das wird sich weiter lockern, ich würde sogar sagen: Der Friedhofszwang wird früher oder später ganz fallen.

Darf man also in zehn Jahren die Urne zu Hause auf den Kaminsims stellen?

Vermutlich ja, so wie in allen anderen europäischen Ländern auch. Deutschland ist schon heute eher eine Ausnahme. Wie viele Angehörige das möchten, wird sich zeigen. 

Wird es irgendwann keine Friedhöfe mehr geben?

Doch, aber sie verändern sich. In älteren ­Arealen sind die Wege gerade, die Gräber sind angelegt wie Reihenhäuschen. In einigen neueren Teilen gibt es bereits Bäche, Hügel, Bäume, dazwischen kreuz und quer Gräber.

Auf einem Münchner Friedhof grillen und joggen die Leute. Geht das nicht zu weit?

In Dortmund gibt es Sportgeräte, in Hamburg kann man angeln – der Friedhof wird zunehmend als grüne Lunge der Stadt wahrgenommen, viele Menschen benutzen ihn wie eine Art Park. Die Freiflächen werden ja auch immer größer, weil die Feuerbestattungen zunehmen; in Ostdeutschland werden mancherorts über 90 Prozent der ­Verstorbenen eingeäschert. Urnenwände brauchen nicht viel Platz. Generell ändert sich das Verständnis: Der Friedhof gilt zunehmend als Ort der Lebenden.

Vergisst man dann nicht die Toten, um die es doch eigentlich geht?

Nicht unbedingt. Zumal die Toten sogar sichtbarer werden, weil es viel mehr Fotos auf den Gräbern gibt. Nicht nur klassische Porträts in ovalen Rahmen, auch Schnappschüsse der Toten aus dem Alltag: im Getränkemarkt, vor dem Fernseher, beim Kochen. Auch mit Partner oder Freunden.

Was sagt Ihnen das?

Auch auf dem Friedhof ist das Leben wichtiger geworden als der Tod. Immer weniger Menschen glauben noch an ein Jenseits. Grab und Beerdigung haben nicht mehr die  Funktion, dem Verstorbenen einen guten Platz in der Totengemeinschaft zu geben. Heute soll ein Grab eher an die Vita erinnern. Deutlich machen, was den Menschen wirklich ausgemacht hat.

Ein Fußball oder ein Handy?

Hobbys sind manchmal die einzige Kon­stante im Leben. Beruf, Heimat, Religion, all das scheint wandelbar und flüchtig. Das Hobby bleibt – bis in alle Ewigkeit.

Matthias Meitzler

Matthias Meitzler, 27, Sozio­loge, promoviert an der Goethe-Universität Frankfurt. Sein Thema: die Bestattungskultur. Er hat über 200 Friedhöfe besucht. 

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Lesermeinungen

Zitat aus dem Artikel: "Auf einem Münchner Friedhof grillen und joggen die Leute." Bevor jetzt bundesweit anständige Bürger und Christen Feuer und Schwefel auf das bayerische Sodom und Gomorrha herbeibeten, sei der Hinweis gestattet, dass es sich um einen Friedhof handelt, auf dem die letzte Beisetzung 1939, also vor 74 Jahren, stattgefunden hat. Dieser Friedhof wird allgemein als Grünanlage mit Grabsteinen wahrgenommen.

Der Bericht ist ein Beispiel dafür,dass in der evangelischen Kirche fast nichts
mehr wichtig,richtig und gut ist.
Statt auf christliche Grundlage zu argumentieren wird der Eindruck erweckt,alles sei völlig egal.
Das ganze Magazin ist nervig.Wo bleiben christliche Botschaften?
Nicht einmal zu Ostern ein Bericht.Was soll das?
Haben Politiker und Szenemenschen das Magazin voll im Griff und die
Christen schauen weg?
Politiker dürfen niemals eine Religion kapern.Sie sollen Parteien gründen
und sich um Sachfragen kümmern.
Wann begehren evangelische Christen endlich auf statt immer nur auf die bösen Katholiken zu zeigen?