Modische Kleidung für Menschen mit Downsyndrom

Das erste Hemd
Kragen zu eng, Ärmel zu lang: Bislang gibt es ­keine modische Kleidung für Menschen mit Downsyndrom. Zwei junge Designer aus München wollen das ändern

Fotos: Phil Pham

Jimmy Clark gibt sich routiniert. Models, die ihre Hüften im Blitzlichtgewitter der Fotografen wiegen? „Hab ich doch alles schon gesehen“, sagt der rundliche junge Mann in der roten Trainingsjacke mit gespielter Beiläufigkeit und wedelt mit der Hand durch die Luft. „Wo hast du das alles gesehen?“, fragt Lisa Polk, 28, erstaunt. Sie ist ein bisschen aufgeregt, sie ist zum Maßnehmen für ihre neue Kollektion extra zu Jimmy Clark und vier anderen Models angereist.

„Na, in der Werbung im Fernsehen“, sagt Jimmy Clark mit gespielter Ungeduld und zieht dabei das „u“ wie ein zähgewalktes Kaugummi in die Länge. Lisa Polk begreift, dass sie gerade auf den Arm genommen wurde, und lacht. Auch Jimmy Clarks rundes Gesicht lächelt selig. Dann legt sich Polk ein buntes Maßband um den Hals und steckt sich ein Nadelkissen ans Handgelenk.
Es kann losgehen.

Es ist noch früh am Morgen im Betreuungszentrum Steinhöring, einer weitläufigen Einrichtung der katholischen Jugendfürsorge mit mehreren Gebäuden, einem Weiher und viel Grün, knapp 50 Kilometer östlich von München im oberbayerischen Landkreis Ebersberg. Lisa Polk, eine junge Frau mit grauer Woll­mütze und cremefarbenem Mantel, und ihr Designkollege Christian Schinnerl wollen heute mit den Models aus der Einrichtung ihre neue Kollektion anprobieren: Hemden aus beigem Nesselstoff für Jimmy Clark, Veronika Rehm, Martin Wenzberger, Ingo Ludwig und Johannes Rastinger.

Maßgeschneidert für besondere Bedürfnisse

Lisa Polk und Christian Schinnerl haben sich für jedes Hemd ein besonderes Detail ausgedacht
Die Jungdesigner haben Mode für Menschen mit Trisomie 21 entworfen. „Wegen ihres anderen Körperbaus passen sie oft nicht in Hemden, die man von der Stange kaufen kann“, erklärt Christian Schinnerl, 23. „Die Kragen sind meist zu eng und die Ärmel zu lang.“ Auch die Proportionen des Oberkörpers weichen bei Menschen mit Downsyndrom stärker als bei anderen von ­normierten Maßen ab. Oft müssen sie zur Änderungsschneiderei, oder ihre Kleidung nach Maß anfertigen lassen. Ein Problem, das in der Modewelt bislang nicht angekommen ist.

Das Downsyndrom zählt zu den am häufigsten auftretenden Chromosomenstörungen. Bei ihm ist das Chromosom 21 aufgrund einer Genmutation nicht wie üblich doppelt, sondern dreifach in jeder Zelle des Körpers vorhanden – daher auch „Trisomie“.

30 000 bis 50 000 Menschen haben das Syndrom allein in Deutschland – ein Markt, könnte man denken. Doch Mode bedeutet „Luxus, High Society und perfekte Körpermaße“, sagt Christian Schinnerl, „da werden Makel verdrängt.“

Schinnerls Onkel hat das Downsyndrom. Zu dessen 70. Geburtstag bat die Tante um ein maßgeschneidertes Hemd als Geschenk – „wenn wir schon einen Designer in der Familie haben!“ Das war vor etwa anderthalb Jahren. Auf der Fahrt zu einer Modenschau in Antwerpen erzählte Schinnerl seiner Kommilitonin Lisa Polk vom Auftrag der Tante. Schinnerl und Polk kannten sich von der Deutschen Meisterschule für Mode in München. 2011 hatten beide dort den Abschluss gemacht.

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