Roger Willemsen über seine Konfirmation

Da wächst du rein, Roger Willemsen!

Foto: Anita Affentranger

Ein Konfirmand von 1969 berichtet. Vorabdruck aus einem Konfibuch - und ein Geschenketipp für die anstehende Konfirmation!

Wann, wo und von wem wurden Sie konfirmiert?

Das war Ende der sechziger Jahre, in einem Vorort von Bonn, jenem Duisdorf, in dem sich mehrere Ministerien befanden, und auch in der Kirche mischte sich die dekadente Jugend der Ministerialkinder mit der rotwangigen Landbevölkerung. Zum Konfirmandenunterricht musste ich nicht, weil meine Eltern besonders gläubig gewesen wären, sondern weil meine Mutter die Kinder zwischendurch gerne mal aus dem Haus haben wollte. Immerhin zweimal für jeweils zwei Stunden in der Woche. Man muss sich das vorstellen: Die Studenten gingen auf die Straße, es gab den „Sternmarsch auf Bonn“ wegen der Notstandsgesetze und wir waren im Konfirmandenunterricht. Ich habe da eher ironisch gesessen – mit kulturhistorischem Interesse.

Wie war Ihr Pfarrer?

Weniger gütig als autoritär. Das flößte uns Respekt ein. Wenn es ums „Glauben“ geht, muss man ja erst einmal dem Pfarrer glauben. Das taten wir, haben aber nicht selten die eigene Rationalität über seinen Glauben gestellt und fühlten uns ihm gleichzeitig über- und unterlegen.

Mit wie vielen anderen Konfirmandinnen und Konfirmanden?

In meiner Erinnerung sind wir etwa dreißig Jungen. Wären Mädchen da gewesen, wüsste ich es wahrscheinlich, denn das natürliche Verbotsklima rund um Glaubenssachen hätte doch einen eigenen Reiz entfaltet. Ich kann mich aber partout nicht erinnern, dass mich der Konfirmandenunterricht zum Sündigen oder selbst zum Ketzern animiert hätte.

Wie fanden Sie den Konfirmandenunterricht?

Er war zunächst einmal weniger belastet als der Schulunterricht, weil man keine Noten bekam. Allerdings wollte der Pfarrer uns regelmäßig beim sonntäglichen Gottesdienst sehen. Also mussten wir uns am Anfang immer mal wieder eine Gardinenpredigt anhören. Der Rest war Bibel-Exegese, Katechismus-Lektüre und Lieder-Lernen – nicht schädlich, auch nicht uninteressant, aber am Ende drehten sich die Botschaften doch immer wieder im selben Scharnier und waren nicht geeignet, des Zweiflers Zweifel zu zerstreuen.

Wie lautet Ihr Konfirmationsspruch? Wer hat ihn ausgewählt?

Es ist blamabel, aber ich weiß es nicht. Er war vom Pfarrer ausgewählt worden, und so oft ich ihn las, begriff ich nie, auf keinem Weg, warum er diesen für mich gewählt hatte, sagte er doch wenig mehr (so meinte ich) als: Glaube fest und unerschütterlich. So aber habe ich nur als Kind geglaubt, und kein Spruch, der wenig mehr enthielt als einen Imperativ, konnte mich danach mehr bewegen. Ich glaube, der Spruch entstammte den Psalmen. Mein kleines Neues Testament, das ich zur Konfirmation bekam und auf dessen erster Seite der Pfarrer mit blauer Tinte handschriftlich meinen Spruch eingetragen hatte, habe ich verloren. Hätte ich den Spruch als persönlich empfunden, besäße ich es noch.

Wie war Ihr Outfit?

O, das weiß ich noch, denn es war exakt der Anzug, in dem mein Bruder zwei Jahre zuvor konfirmiert worden war. Meine Eltern hatten nicht viel Geld. Mein Bruder war exakt von meiner Größe. Allerdings hatte ich seit seiner Konfirmierung bestimmt zehn Zentimeter Wachstum zurückgelegt. Meine Mutter ließ die Säume der Hosenbeine raus und zwängte mich in das dunkelblaue Korsett. Als ich vor dem Altar knien musste, war ich sicher, meine gesamte Rektalnaht müsse der Länge nach aufreißen. Dass sie es nicht tat, empfand ich als eine Art Wunder. Trotzdem fürchte ich, dass ich im weihevollsten Augenblick meines bisherigen Lebens gedanklich weniger bei Gott als bei meiner Hosennaht war.

An welche Lieder erinnern Sie sich?

„Ein feste Burg ist unser Gott“. „O Haupt voll Blut und Wunden“. „Unsern Eingang segne Gott“. Wir sangen alles, von „Jauchzet, frohlocket“ bis „Lobet all das Handwerk, Groß und Klein, das Gott hat selber gesetzet ein“.

Sind Freundschaften durch den Konfirmandenunterricht entstanden – und geblieben?

Ich weiß, dass ich es schön fand, wie hier die Schranken zwischen Gymnasium, Real- und Volksschule – wie das ehemals hieß – überwunden wurden. Ich hielt mich also an die bäuerischen Kinder. Ein Junge brachte mir bei, wie man einer Bachstelze einen ausgerenkten Flügel einrenken konnte. Ich habe das nie wieder gebraucht, es hat mich aber tief beeindruckt. Ja, wo sind diese Kinder geblieben? Wir haben uns alle verloren, fürchte ich.

Wo und mit wem wurde nach dem Gottesdienst gefeiert?

Daheim aß man im Familienkreis das Hühnerfrikassee, das ich mir gewünscht hatte, und meine Geschwister machten sich lustig über mich, weil ich – wegen der Hose – vor dem Altar kaum richtig in die Knie gegangen war. Niemand gab mir an diesem Tag das Gefühl, besonders erhoben zu sein.

Was bekamen Sie geschenkt?

Weil ich auf einen eigenen Konfirmationsanzug verzichtet hatte, bekam ich in der nächsten Woche einen Parka. Er war von hellem, hässlichem Beige, viel zu groß und meine Mutter sagte: „Da wächst du rein!“ Ich wäre heute noch nicht drin.

Haben Sie sich nach diesem Tag anders gefühlt als vorher?

Es gibt die Mädchen nicht, die man beeindruckt, indem man sagt: Ich bin übrigens konfirmiert. Und in der katholischen bäuerischen Gegend, aus der ich stamme, zählte ohnehin nur die Kommunion, die wenigstens Fotos abwarf von Kindern in weißen Rüschenkleidern und mannshohen weißen Kerzen in den gefalteten Händen. Es tut mir leid, aber konfirmiert zu sein, das bedeutete den meisten vermutlich weniger als den Fahrtenschwimmer zu haben.

Und was hat’s nun gebracht, Herr Willemsen?

Wenn der Konfirmandenunterricht in diesem Ungläubigen, der ich war, etwas hinterlassen hat, dann ein Wissen um das, was Glaubensdinge in der Weltgeschichte bewirken und verursachen konnten. Abgesehen von meinem rationalen Skeptizismus habe ich auf dem Feld der Ethik gelernt. Ich habe einen Respekt vor allem bewahrt, was Fragen der Transzendenz in den verschiedenen Kulturräumen betrifft. Meine Empfehlung für Konfirmanden also wäre: Lasst euch von der Frage des Glaubens oder Nicht-Glaubens nicht abschrecken, sondern nähert euch auch den großen Kulturfragen des Glaubens mit Empathie, Achtung und Wissbegierde. Dann wird euch nicht zuletzt die Geistesgeschichte des religiösen Denkens, Malens, Musizierens und Schreibens großzügig beschenken.

Roger Willemsen

Roger Willemsen, 1955 geboren, zählt zu den populärsten deutschen Moderatoren und Publizisten. Bekannt wurde er durch seine Interviews mit Prominenten und seine Bücher. Im September erschien sein Buch „Momentum“, in der edition chrismon gibt es sein Kinderbuch „Das müde Glück. Eine Geschichte von Hiob“.

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