Schwarzwald statt Hawaii

Bloß weg von der Insel!
Hawaii ist Jesse Shiroma viel zu chillig. Der Traum das Hawaiianers: Akkordeons bauen in Deutschland

Foto: Ilja Mess

Jesse Shiroma, 23, aus Hawaii:

Ich habe mich sofort verliebt in die deutsche Sprache: Sie ist stark und direkt, sie klingt schön. Ich hatte Deutsch nur mal auspro­bieren wollen, an meiner Uni auf Hawaii, aber dann nahm ich es zu meinen Fächern Europäische Geschichte und Musikwissenschaft dazu. Klar, die Artikel sind tricky – der, die, das, dem, den –, aber ich empfand das als Herausforderung. Wir Amerikaner ­sagen ja zu allem nur „the“. Das Deutschlernen änderte mein ­ganzes Denken: Ich merkte, was ich alles nicht weiß! Das war der Anfang von meinem neuen Leben.

Dann kaufte ich auf dem Flohmarkt eine alte Platte – und hörte zauberhafte Töne, leicht, hell, fröhlich, ich war in eine andere Welt versetzt. Was ist das? Es war ein Akkordeon. Ich suchte das Internet ab nach Videos mit Akkordeon. Was man damit alles spielen kann! Russische Musik, barocke Musik, Rockmusik... Das Akkordeon ist nicht nur das Instrument deines Opas. Ich finde es sogar cooler als Gitarre. Mir war klar: Ich muss Akkordeon lernen. Aber auf Hawaii gibt es keine Schulen dafür, und man kann auch keine Akkordeons kaufen. Schließlich haben mir meine Großeltern ein gebrauchtes Hohner-Akkordeon in Kalifornien gekauft. Das Spielen brachte ich mir selbst bei. 

Uuuh, Yeah, ich darf zu Hohner nach Trossingen!

Ab da hatte ich einen Traum: Irgendwann, irgendwie muss ich nach Deutschland, denn da gibt es alles, was ich liebe – die Firma Hohner und die deutsche Sprache. Aber so eine Reise ist sehr teuer, und meine Eltern sind Mittelschicht. Dann hörte ich vom Parlamentarischen Patenschaftsprogramm zwischen Deutschland und den USA. Ein Jahr mit Sprachkurs, Unisemester und Praktikum. Ich wusste sofort: Das ist meine einzige Chance, zu Hohner zu kommen. Als die Zusage kam, rannte ich auf die Straße und schrie: Uuuuh! Yeah! Ich, der junge Mann, der sein ganzes Leben auf einem Stein im Pazifik gewohnt hat, darf nach Deutschland.

Die Deutschen sind die coolsten, nettesten Leute

Ich war sehr aufgeregt vor der Reise. Man sagt, dass die Deutschen eher distanziert sind. Au Mann, dachte ich, das wird ein Kampf, Freunde zu finden. Aber es war ganz anders. Kein Witz: Die Deutschen sind die lockersten, coolsten, nettesten Leute. Und so gastfreundlich! Zum Beispiel in Heidelberg im Studentenwohnheim. In den USA heißt es im Studentenwohnheim: Das ist meine Seite, das deine. Aber mein Mitbewohner Andreas aus Schleswig-Holstein sagte: „Herzlich willkommen! Meine Tür ist immer offen, das Geschirr und den Kühlschrank – kannst du alles benutzen.“ Ich dachte, ich würde am Wochenende allein auf meinem Zimmer sitzen, aber da kam immer jemand und sagte: „Hej, Jesse, wir gehen zum Mittelaltermarkt, kommst du mit?“

Und dann das Wetter! Dass mit den Jahreszeiten die Stimmung wechselt, das finde ich schön. Auf Hawaii haben wir keine Jahres­zeiten. Hier gibt es sogar Schnee! Eines Nachts wachte ich auf, und draußen war alles weiß. Ich rannte raus, nur in Unterhose und Socken. Ich musste alles anfassen, es war so begeisternd. Und diese Stille, wenn Schnee liegt, so etwas hatte ich noch nie gehört. Ich musste eine Viertelstunde einfach dastehen und lauschen.

"No ned hudle!" - Was heißt das bloß?

Jetzt bin ich bei Hohner in Trossingen. Das ist ein kleiner Ort im Landkreis Tuttlingen. Als unbezahlter Praktikant darf ich in jeder Abteilung alles ausprobieren: Akkordeonbau, Wartung, ich helfe im Museum aus, gerade lerne ich das Akkordeonstimmen. Alles lustige und nette Leute hier. Es ist nur ein bisschen schwer, das Schwäbisch zu verstehen. „No ned hudle“, sagte mein Kollege im Harmonikamuseum, weil ich immer hin- und herlief und was machen wollte. „Keine Eile!“

Bald ist das Stipendium zu Ende. Ich werde weinen im Flugzeug. Ich will nicht zurück. Wenn ich nach Deutschland aus­wandern könnte, würde ich das machen. Hawaii ist schön, für viele Menschen ist es das Paradies – aber für mich ist es Zeit für was Größeres. Nur Deutschland kann das anbieten. Auf Hawaii war ich total zufrieden, ich hatte keinen Ehrgeiz. Der kam erst mit dem Deutschlernen und dem Akkordeon. Jetzt habe ich eine Richtung, es gibt immer was Neues zu lernen und zu entdecken. Ich fühle mich hier lebendig.

Jetzt haben wir Stipendiaten zwei Wochen Urlaub. Die anderen fahren nach Italien oder Spanien an den Strand. Aber ich sagte zu meinem Chef: Urlaub ist nicht meine größte Priorität, darf ich weiterarbeiten?

Lesermeinungen

Hallo, Frau Holch,

mit Interesse habe ich den Beitrag über den Hawaiianer Jesse Shiroma gelesen. Es freut mich, dass es ihm in unserer schönen Heimat so gut gefällt.

Allerdings liegen Sie geografisch völlig daneben. Trossingen liegt nicht im Südschwarzwald, sondern am Rande der Schwäbischen Alb, genauer gesagt in einer Landschaft, welche Baar heißt. Ich weiß das sehr genau, denn ich wohne nur 5 km von Trossingen entfernt. Zum Südschwarzwald z.B.
Freiburg sind es mindestens noch 80 - 100 km - schauen Sie mal auf einer Landkarte nach.

Dies mal als kleine Kritik zu dem sonst sehr schönen Artikel.

Manfred Huber

Anmerkung der Redaktion: Lieber Herr Huber, Sie haben natürlich Recht - wir haben unsere Fehler korrigiert

Neue Lesermeinung schreiben

Wir freuen uns über Ihre Meinung. Bitte beachten Sie unsere Netiquette!
VRK