Aufstehen, Alte!

Wir brauchen euch: Maria von Welser und Henning von Vieregge über rüstige Rentner, die nicht nur auf dem Sofa liegen wollen

Foto: Patrick Runte

Maria von Welser

Maria von Welser, 66, hat das ZDF-Frauenmagazin „ML – Mona Lisa“ entwickelt und moderiert, leitete das ZDF-Auslandsstudio in London und war zuletzt Direktorin des NDR im Landesfunkhaus Hamburg. Heute ist sie stellvertretende Vorsitzende von UNICEF Deutschland, hält Vorträge und schreibt Bücher. Zuletzt: „Heiter weiter. Vom glücklichen dritten Leben“ (Südwest Verlag). Foto: Patrick Runte

Henning von Vieregge

Henning von Vieregge, 66, war viele Jahre Verbandsgeschäfts­führer – zuletzt für den Gesamtverband Kommunikationsagenturen GWA. Heute ist er Vorsitzender der Aktion Gemeinsinn und im ­Stiftungsrat der Stiftung Mitarbeit. Er schreibt Artikel und Bücher, zum Beispiel: „Der Ruhestand kommt später. Wie Manager das Beste aus den silbernen Jahren machen“ (Frankfurter Allgemeine Buch). Foto: Patrick Runte

chrismon: Frau von Welser, Herr von Vieregge, wie war damals Ihr letzter Arbeitstag? Und der Tag danach?

Welser: Die Abschiedsfeier ging wie in einem Film an mir vorüber. Es waren viele nette Menschen da, der Intendant hat eine sehr persönliche Rede gehalten, und die Kollegen hatten einen Film zusammengestellt. Ich bin nachmittags vom Acker, habe an der Pforte gehalten, mich von den Pförtnern verabschiedet – und bin nach Hause gefahren. Mit einem guten Gefühl.

Vieregge: Bei mir war die Verabschiedung etwas rumpelnder, weil ich noch ganz gerne weitergemacht hätte. Insofern gehörte ich zu den eher Unvorbereiteten, die bis zum Schluss gearbeitet haben, anstatt, wie ich das jetzt empfehlen würde, lieber das letzte Vierteljahr etwas gelassener anzugehen und sich schon um die Zeit danach zu kümmern.

Welser: Wie alt waren Sie damals?

Vieregge: 63 Jahre. Aber bei anderen beobachte ich, dass die Abschiedsfeier meistens klappt – nur der Abschied selten. Denn dazwischen liegt ein Prozess, und den haben Sie auch beschrieben, Frau von Welser. Sie haben in Ihrem Buch auch von Ihren Schmerzen erzählt.

Welser: Natürlich hatte ich ursprünglich Angst vor diesem Tag! Aber das hat mich dann auch dazu gebracht, mich zu organisieren und zu gucken, dass ich danach nicht in ein Loch falle und dass ich die Dinge tun kann, die ich mir vorgenommen hatte.

Was haben Sie als Erstes unternommen, am nächsten Tag?

Welser: Ich bin als Erstes mit meinem Mann in der Heide spa­zieren gegangen. Ich habe mich auf eine Bank gesetzt und gedacht: So, nun sind die Weichen gestellt für das neue Leben, jetzt bin ich ja gespannt, ob es mir so gelingt, wie ich es vorhatte.

Wie war das bei Ihnen, Herr von Vieregge?

Vieregge:
Ich habe erst das Büro aus der Ferne geführt, weil der Nachfolger da noch nicht da war – und dann angefangen zu überlegen, was ich mache. Ich suchte nach einer Struktur, anfangs vielleicht übereifrig. Aber ich wollte unbedingt ein Projekt, das mich beschäftigt, und hatte die Idee, nachdem ich mein Leben lang Papierchen geschrieben hatte, ein Buch zu schreiben. Als mir dann einfiel, dass ich am besten Generationsgenossen frage, wie sie den Übergang erlebt haben, war ich sehr zufrieden.

Warum muss man überhaupt etwas tun, wenn man 40 Jahre gearbeitet hat? Kann man nicht einfach nach Hause gehen und alle Bücher lesen, die man immer schon lesen wollte?

Vieregge:
Die Menschen reagieren mit verschiedenen Strategien auf diese Situation. Die einen fangen an, irgendwas zu kacheln, zu graben, zu schneiden. Sie räumen sozusagen den Weg frei. Andere mieten sofort ein Büro. Sie versuchen das, was sie gerade ­losgelassen haben, fortzusetzen. Die Unzufriedenheit kommt dann vielleicht später. Und die dritte Möglichkeit ist tatsächlich, Muße zu halten und erst einmal in sich selbst hineinzuhorchen. Aber dazu gehört wahrscheinlich die größte Kraft. 

Welser: Ich finde, wir müssen etwas tun. Nach den 40, 42 Jahren Berufsleben liegt ja heute oft noch eine lange Strecke vor gesunden Menschen. Noch nie ist eine Generation so fit so alt geworden, noch nie haben wir 65 Jahre Frieden, Wohlstand und Aufstieg am Stück erlebt. Das klingt jetzt so abgegriffen und vielzitiert, aber ich denke, wir haben eine Verpflichtung, denn wir hinterlassen unseren Kindern und Enkelkindern nicht unbedingt ein wohlgeordnetes Land. Außerdem macht es auch einfach Freude. Die verbleibende Zeit nicht zu nutzen für einen neuen, spannenden Weg, das würde ich für sträflichen Leichtsinn halten.

Ist das nur was für Menschen wie Sie, gebildet und gut situiert?

Welser:
Nein! Auch unsere Nachbarin, die 78 ist und eine geringe Rente hat, liest Kindern vor und hat eine große Freude daran. Und in der Kleiderkammer der Caritas treffe ich mittwochs Frauen mit ganz unterschiedlichem gesellschaftlichem Hintergrund. Wir geben von zehn bis zwölf und nachmittags von zwei bis vier Kleider aus an Obdachlose, an Asylbewerber. Das hat nichts mit der Herkunft zu tun, sondern mit dem Willen, sich zu engagieren.

Vieregge: Ich möchte noch einmal auf den Übergangsschmerz kommen. Sie schreiben in Ihrem Buch, Sie seien im Beruf „umhüllt von Wärme und Sympathie“ gewesen, das fehlte Ihnen ­danach. Die – auch gut situierten – Berufsaufhörer, mit denen ich sprach, redeten oft sofort über Geld, stellten dann aber fest: Das fehlt nicht so. Das große, aber oft tabuisierte Thema ist Status­verlust. Da werden dann die formalen Sachen genannt, Dienstwagen und Büro, aber eigentlich geht es tatsächlich um Wärme und Sympathie. Es fällt Männern, Managern, natürlich schwer, das so zu formulieren.

Lesermeinungen

Es geht in der dritten Lebensphase nicht nur um das "Weitermachen",sondern auch um das" Beenden".Meist geht es mit dem Ende der Gesundheit los,das ständig an das Lebensende erinnert.Dazu braucht es Kraft,Zeit und Unterstützung.Die Ärzte sind nach meiner Erfahrung nicht wirklich unterstützend im emotionalen und spirituellen Sinn.
Es braucht im Zeitalter der Spezialisten dazu die "spiritual care"! Wo bleiben in dem Bereich die Religionsgemeinschaften? Gibt es ein stärkendes Ritual der Kirchen beim Übergang ins Alter,so wie die Rituale der Konfirmation/Kommunion und der Hochzeit beim Übergang von der Jugend ins Erwachsenenalter ? Ich vermisse es!
 

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