Am seidenen Faden

Kaputte Nerven sollen mit Hilfe von Spinnenfäden wieder zusammenwachsen. Bei Tieren klappt das schon – vielleicht auch bald beim Menschen

James Hardy/PhotoAlto/laif

Christine Radkte

Dr. Christine Radtke ist Privatdozentin und leitende Oberärztin für Plastische, Hand- und Wiederherstellungschirurgie an der Medizinischen Hochschule Hannover Foto: PR

chrismon: Wie sind Sie auf die Idee gekommen, Spinnenfäden zur Heilung von Nerven einzusetzen?

Christine Radtke:
Es war bei einem Brainstorming mit Kollegen. Wir haben nach einem Material gesucht, an dem verletzte Nerven entlangwachsen können wie Rosen an einem Gitter. Wir brauchten etwas, das stabil, für den Körper gut verträglich und ­extrem fein ist. Früher hat man bei Operationen auch mit Seidenfäden genäht. Deshalb war die Idee nicht so abwegig wie sie vielleicht klingt.

Was bewirken die Fäden?
Verletzte Nerven wachsen wie Wurzeln aus einem Stumpf, also in alle Richtungen, und das Wachstum ist sehr langsam. Schon unter optimalen Bedingungen brauchen sie für einen Millimeter einen Tag. Wenn sich die verletzten Enden nicht schnell genug finden, degenerieren sie für immer. Mit einer vorgegebenen Wachstumsrichtung stehen die Chancen besser.

Reißen Spinnenfäden nicht sehr leicht?

Die Fäden sind zwar fein, aber gemessen an ihrer Dicke stabiler als Stahl. Wir haben auch Studien mit künstlichen Fäden als Ersatz­material durchgeführt, aber mit keinem so gute Ergebnisse wie mit der Spinnenseide erzielt: Manche haben den pH-Wert im Gewebe verändert – das hat sich negativ auf das Nervenwachstum ausgewirkt. Andere haben sich zu schnell oder gar nicht im ­Körper aufgelöst.

Und wie bekommt man den Faden aus der Spinne?

Jede Spinne produziert verschiedene Fäden. Wir nehmen den, der im Netz senkrecht ­verlaufen würde, und ziehen ihn mit einer Pinzette vorsichtig aus der entsprechenden Drüse heraus. Je nach Spinne sind das 50 bis 100 Meter pro Tag.

Wie implantiert man die Fäden?

Unsere klinische Studie ist noch am Anfang. Aber bei Versuchen mit Kaninchen und Schafen haben wir viele Spinnenfäden pa­rallel angeordnet und so die fehlende Nervenstrecke überbrückt. Sogar bei sechs Zenti­meter langen Lücken, sogenannten Defekten, haben sich die Enden wiedergefunden und sind zusammengewachsen. Das ist vorher noch nie geglückt.

Funktioniert es nicht genauso gut, wenn man körpereigene Nerven transplantiert?

Auch transplantierte Nerven dienen nur als Leitschiene, meistens werden hier dünne Hautnerven verwendet. Die durchtrennten Nerven müssen wieder in das Transplantat auswachsen, damit die Funktion erhalten bleibt. Es gibt keine Erfolgsgarantie. Außerdem reichen dünne Hautnerven nicht, um einen großen Defekt bei einem dicken Armnerv zu überbrücken.

Welchen Menschen möchten Sie in zehn Jahren helfen können?

Vorgestern hatte ich jemanden, der sich den Arm abgetrennt hatte – den konnten wir wieder annähen, und es werden Funktionen wieder zurückkehren. Aber wenn zum Beispiel Patienten durch einen Unfall oder einen Tumor die komplette Funktion eines Arms verlieren, ist das wirklich eine Katastrophe. Wenn Sie erleben, dass Sie an der Wand stehen und dem Patienten sagen müssen: „Es gibt keine Therapiemöglichkeit“ – dann müssen Sie nach neuen Lösungen suchen. Ich träume davon, dass wir Nerven irgendwann so selbstverständlich mit Spinnenseide heilen können wie Brüche mit Schrauben.

Und was ist mit Querschnittgelähmten?

Leider lässt sich unsere Methode nur im ­Bereich des peripheren Nervensystems, ­also zum Beispiel bei Armen und Beinen, ­einsetzen. Nerven im Rückenmark und im ­Gehirn wachsen nicht nach.

 

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