„Schiri, du bist doch blind!“

Für den Spruch gibt’s die Gelbe Karte. Oder Rot. Und dann? Wie es gelingen kann, Schiedsrichter im Amateurfußball zu schützen.

Foto: Picture Point/imago

Thaya Vester

Thaya Vester arbeitet am Institut für Kriminologie der Uni Tübingen. Für ihre Doktorarbeit untersucht sie, was Schiedsrichter alles einstecken müssen.    

chrismon: Sie haben 2600 Schiedsrichter im Amateurbereich befragt und Hunderte von Verhandlungen an Sportgerichten untersucht. Was hat Sie schockiert?

Thaya Vester:
Im Dezember wurde ein Linienrichter in den Niederlanden totgeprügelt. Das hat mich getroffen, weil auch bei uns schon auf Schiedsrichter eingetreten wurde, die am Boden lagen. Einer musste um sein Augenlicht bangen.

Leben Schiedsrichter gefährlich?

Ich arbeite mit dem Württembergischen Fußballverband, dem wfv, zusammen. Pro Saison kommt es dort zu etwa 350 Gewaltvergehen, darunter etwa 45 tätliche Angriffe auf Schiedsrichter – bei immerhin 80 000 Spielen pro Saison in den Amateurligen. Die ganz schweren Gewalttaten sind also Einzelfälle. Aber fast 40 Prozent meiner Befragten sind schon bedroht worden. Und Beleidigungen sind so häufig, dass viele Schiedsrichter den Sportgerichten so etwas gar nicht mehr melden.

Woher kommt diese Aggressivität?

Es gibt typische Fälle: Ein Spieler meckert, der Schiri zeigt Gelb. Der Spieler beleidigt den Schiri – das gibt Rot. Und dann tritt der Spieler zu, weil er ja eh vom Platz muss. Steckt privater Frust dahinter, schlechte Erziehung, eine gesellschaftliche Entwicklung? Das weiß man bei einer halben Million Fußballern, die im wfv organisiert sind, ­natürlich nicht. Deshalb schaue ich, ob es erkennbare Muster gibt, die zur Eskalation führen.

Haben Sie schon welche entdeckt?

Spiele von Tabellennachbarn sind sehr umkämpft – auch im Mittelfeld der Tabelle. Und wir haben mehr Aggressionen, wenn es auf die Winterpause zugeht, also im November und Dezember.

Aus Frust über Kälte und Dunkelheit?

Ich würde eher sagen, dass im Spätherbst die ersten Erwartungen so richtig enttäuscht worden sind. Wenn Schiedsrichter wissen, dass Spiele in dieser Jahreszeit heikel sein können, werden sie vielleicht sensibler agieren. Ich selbst liebe Fußball, dieser schöne Sport muss nicht zwangsläufig zu Gewalt führen. Im Gegenteil – wenn man die Eskalationsmechanismen kennt, helfen wir dem Sport. Der Verband hat die Lage ja auch schon beruhigt.

Wie?

Die Vereine müssen Ordner stellen, es gibt eine technische Zone für Trainer und Betreuer, vergleichbar mit der Coachingzone in der Bundesliga. Und Spieler und Schiedsrichter müssen sich vor dem Spiel die Hand geben.

Ist doch selbstverständlich im Sport!

Finde ich auch. Aber manche müssen sich offenbar vor Anpfiff noch mal vor Augen führen, dass Fußball ein Spiel ist und dass man fair miteinander umgeht. Vielleicht steigen die Hemmungen: Wem man die Hand reicht, den schlägt man nicht. Der Handschlag wurde in der Saison 2010/11 eingeführt; 40 Prozent der Schiedsrichter haben angegeben, dass sie sich mit den Regeln sicherer fühlen.

Sind die Schiris in zehn Jahren sicher?

Absolute Sicherheit gibt es nie. Fußball ist ein emotionales Spiel, das wird so bleiben. In zehn Jahren gibt es noch Beleidigungen, vielleicht wird der Schiri mal geschubst. Aber das war’s dann, weil die Schiedsrichter wissen, wie sie richtig reagieren.

Hat die Bundesliga eine Vorbildfunktion?

Auf jeden Fall! Viele Schiedsrichter haben mir berichtet, dass es natürlich abfärbt, wenn Trainer wie Jürgen Klopp meinen, jeden Pfiff mit großem Gebrüll kommentieren zu müssen. Das hat vor allem auf Kinder einen Einfluss. Auch Medien sind Vorbilder. Eine Notbremse würde ich als Reporterin nie als taktisches Foul verharmlosen. Das ist eine falsche Botschaft: dass ich auf Teufel komm raus gewinnen muss – und Fairness nicht so wichtig ist.

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