„Du musst alles mit Leidenschaft tun – singen und Minestrone kochen“

Wenn Cecilia Bartoli singt, habe sie manchmal das Gefühl, Gott sei bei ihr - in seiner weiblichen Gestalt.

Foto: Uli Weber/Decca

Cecilia Bartoli

Cecilia Bartoli, 1966 in Rom geboren, zählt zu den berühmtesten Opernsängerinnen weltweit. Sie singt Partien für Mezzosopran, vor allem in Mozart- und Händel-Opern, und bevorzugt in letzter Zeit weniger bekannte Werke aus dem 18. Jahrhundert. Zuletzt erschien ihre CD „Mission“ mit Liedern des Barockkomponisten Agostino Steffani.  Mit diesen Liedern gibt sie Anfang Juni fünf Konzerte in Deutschland. Cecilia Bartoli lebt in der Schweiz. Foto: Uli...

In welchen Momenten fühlen Sie sich lebendig?

Musik ist voller Gefühle. Ich muss diese Gefühle spüren, um sie dem Publikum mitteilen zu können. Allerdings nicht zu intensiv, dann leidet die Stimme, ich brauche eine gewisse Distanz. Eine wunderbare Entdeckung war Agostino Steffani, ein Komponist und katholischer Theologe aus dem 17. und 18. Jahrhundert. Seine Musik versetzt mich in einen rauschhaften Zustand. Sie ist spirituell, aber sie hat auch etwas Dunkles. Singe ich seine Werke, ist es, als würde ich fliegen. Für Momente befreien einen Steffanis Lieder von den Schmerzen, die einen manchmal niederdrücken. Solche Musik braucht man zuweilen, um weiterleben zu können.

Was können Erwachsene von Kindern lernen?

Durch sie kannst du lernen, worauf es ankommt. Je älter ich werde, desto stärker wird mein Bedürfnis, mich auf das Wesentliche zu reduzieren. Ich brauche eigentlich nur eine Jeans und ein ­T-Shirt. Warum noch ein Auto? Noch einen iPod? Einen anderen Fern­seher? Eigentlich brauche ich das alles nicht. Das widerspricht ­natürlich dem Klischee: Eine Diva hat auf ihren Reisen fünf ­Koffer zu benötigen und ein bis zwei Chauffeure. Was aber viel wichtiger ist, sind gute Beziehungen zu anderen Menschen, und auch das lehren dich Kinder.

An welchen Gott glauben Sie?

An den Gott, der Mozart geschaffen hat, Caravaggio, Händel und Vivaldi! Gott hat uns diese Künstler geschickt, um uns das Leben erträglicher zu machen. Wenn ich singe, habe ich manchmal das Gefühl, dass Gott bei mir ist, und zwar in seiner weiblichen Gestalt. Gott ist für mich beides: Mann und Frau, Papa und ­Mama – Pama sozusagen. Gelegentlich bete ich, und dann meistens für die Menschen, die ich liebe. Aber eben nur gelegentlich. Bei den Katholiken wird ja gern für jede Kleinigkeit ein Gebet gesprochen. Das will ich nicht. Wenn ich wirklich meine, Gott stören zu müssen, dann muss es sich um etwas Wichtiges handeln.

Was bedeutet Ihnen Heimat? 

Ich bin viel unterwegs und selten zu Hause. Meine Heimat sind daher die Menschen, die ich liebe, denen ich vertraue – und die Menschen, die mich lieben. Die kann ich überall auf der Welt treffen, selbst an den furchtbarsten Orten. Wenn ich mit ihnen zusammen bin, dann bin ich zu Hause, sie sind meine Heimat.

Hat das Leben einen Sinn?

Ja! Ich stamme aus einer ganz einfachen Familie: Meine Eltern waren beide Opernsänger, aber meine Großeltern waren noch Bauern. Jeden Sommer bin ich zu ihnen gefahren. Eine meiner Großmütter hatte in ihrem Garten wundervolle, fantastische ­Bohnen. Daraus hat sie die beste Minestrone gekocht, die ich je in meinem Leben gegessen habe. Diese Großmutter hat mich begleitet, als ich das erste Mal in der Metropolitan Opera gesungen habe. Nach dem Konzert sind wir zu einem Dinner gegangen, das ein Sponsor veranstaltet hat, da wurden lauter Köstlichkeiten dargeboten. Zurück in Italien war es meiner Großmutter unangenehm, mir ihre Minestrone zu kochen, sie meinte: „In New York habe ich erst verstanden, wie du jetzt lebst.“ Da habe ich ihr geantwortet: „Meine Liebe, was sagst du da? Deine Bohnen und deine Minestrone sind mir tausendmal lieber als so ein Dinner. Wenn ich dich besuche, und du machst mir keine Minestrone – das wäre ja furchtbar!“ Gute Zutaten sind wichtig, einfache Zutaten, aber das Wichtigste ist die Leidenschaft. Du musst versuchen, den Tag mit Leidenschaft zu bestreiten: mit Leidenschaft singen, kochen, mit anderen Menschen verbunden sein. 

Muss man den Tod fürchten?

Nein! Weitaus fürchtenswerter ist ein stumpfes Leben ohne Gefühle. Ich weiß nicht, ob ich mutig bin, aber ich liebe die Vorstellung, mutig zu sein und ohne Angst auf andere Menschen zuzugehen. Einfach die Hand eines anderen zu ergreifen und ein Stück mit ihm zu gehen und mich ihm zu öffnen.

Welchen Traum möchten Sie sich noch unbedingt erfüllen?

Jeden Tag bereit zu sein, dazuzulernen und zu wachsen. Dafür niemals zu müde zu sein, das ist mein Traum! Manchmal singe ich etwas – beispielsweise von Mozart – das ich in- und auswendig kenne. Aber dann arbeite ich mit einem neuen Dirigenten zusammen, und der sagt zu mir: „Cecilia, du könntest das ein bisschen anders singen, was hältst du davon?“ Und ich denke: Ja, natürlich! Ich möchte mir die Fähigkeit bewahren zu staunen.

Lesermeinungen

"An welchen Gott glauben Sie ?" Diese Passage zeigt die leidenschaftliche Italienerin am besten , und ich bin der selben Überzeugung wie sie, Gott nur dann zu bemühen, wenn es sich wirklich um etwas Wichtiges handelt. Und um sich die Fähigkeit zu staunen zu bewahren, gehören Natürlichkeit, Leidenschaft und Liebe dazu ! Eine schöne eine natürliche Person, die Musik ist mir in letzter Zeit abhanden gekommen ! Es tut gut, für eine Weile, sich selbst zu vergessen, und einem Menschen zu öffnen, der so voller Esprit, Lebendigkeit und Unverfälschtheit ist . Agostino Steffani ist sicher ein guter Tipp. Mein erstes Lob, für den guten Griff !

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