Was bewegt die Bilderstürmer?

Sie zertrümmern Gräber von Heiligen, schlagen uralten Steinfiguren die Köpfe ab, werfen Gemälde aus den Kirchen. Ähnliches gibt es in fast allen Religionen

In Timbuktu, der Sahara-Stadt im Nordosten Malis, ließen die „Vertei­diger des Glaubens“ keinen Stein auf dem anderen: Sie zertrümmerten gleich eine ganze Reihe von Mausoleen aus dem 15. und 16. Jahrhundert, Gräber von Sufi-­Gelehrten, die als Heilige verehrt werden. Die Islamisten begründeten ihr Zerstörungswerk damit, dass die Tradition der Sufis, eines Ordens von Mystikern, „unislamisch“ sei. Nun fürchtet die UNESCO auch um die alten Bibliotheken und ihre mittelalterlichen Manuskripte, für die Timbuktu weithin bekannt ist. Die Mausoleen sind Weltkulturerbe. Besser gesagt: Sie waren es.

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Luther predigte gegen die Bilderstürme - seine Predigt ist heute aktueller denn je. Ein Podcast zur Septemberfrage von Religion für Einstieger

Luther predigte gegen die Bilderstürme - seine Predigt ist heute aktueller denn je. Ein Podcast zur Septemberfrage von ReligionUnter Religion versteht man die vielfältigen Beziehungen des Menschen zu Gott, dem Göttlichen oder, ganz allgemein gesprochen, dem Transzendenten. Sie zeigen sich in Gebeten und Festen, in Ritualen, Liedern und Bräuchen. Der Ursprung des Wortes Religion liegt im lateinischen Wort religere (deutsch: zurückbinden). In diesem Sinne bedeutet Religion die Rückbindung des Menschen an Gott. Heute hat sich im Christentum die Auffassung durchgesetzt, dass sie nicht als einzige Glaubensgemeinschaft eine authentische Rückbindung an Gott hat. Auch bei den maßgeblichen Führern anderer Weltreligionen gilt Toleranz zwischen den Religionen zunehmend als erstrebenswert, da jeder Glaube an Gott auch kulturell geprägt ist. für Einstieger

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Was mag so anstößig sein an diesen his­torischen Gebäuden, dass die religiösen Eiferer sie mit Gewalt beseitigen? Islamisten und Tuareg-Rebellen kontrollieren die Stadt seit April 2012. Als unislamisch gelten ihnen Gelehrsamkeit und Wissenschaft. Sie unterstellen, dass deren Anerkennung und Verehrung GottGott ist nach einer gängigen Vorstellung „das höhere Wesen, das wir verehren“. In Heinrich Bölls Erzählung „Doktor Murkes gesammeltes Schweigen“ lässt jedenfalls ein Kulturpapst „Gott“ aus seinen Radiovorträgen herausschneiden und durch diese Wendung ersetzen. Gott gilt als Grund alles Seins, hat aber – anders als eine unpersönliche Schicksalsmacht – zugleich auch eine personale Seite, an die sich der Mensch im Gebet wenden kann. Gott kann nicht bewiesen, sondern nur geglaubt werden. Für den Gläubigen ist Gott keine Annahme, sondern Wirklichkeit und transzendentes, also jenseitiges Gegenüber. Die monotheistischen Religionen Judentum, Christentum und Islam gehen davon aus, dass sich alles, was ist, auf Gott zurückführen lässt. So bleibt in diesen Religionen die Frage offen, wie derselbe Gott, der das Gute will, auch das Leid und das Böse zulassen kann. selbst ins Hintertreffen bringt. Zu viel Mensch, zu wenig Gott – so könnte man ihr Weltbild vereinfacht skizzieren. Aber im Grunde geht es ihnen um etwas anderes: ihre eigene Macht.

Der "Götzentag" im Ulmer Münster

Auch das Christentum hat seine Geschichte des Bildersturms und der Bilderzerstörung, zum Beispiel in der Reforma­tion. Martin Luther allerdings lehnte Bilder keineswegs ab. Er, ein Meister der Medienwirkung, ließ sich sogar selbst ins Bild setzen, so zum Beispiel auf dem Altarbild von Lucas Cranach dem Älteren in der Wittenberger Stadtkirche: Da erkennt man ihn im Kreis der Apostel, wie er den Kelch mit Wein gereicht bekommt. Auf anderen Tafeln desselben Altars finden sich auch die Refor­matoren Melanchthon und Bugenhagen. Einen in Wittenberg 1522 aufflammenden Bildersturm beendete Luther durch seine Invokavitpredigten.

Sein Professorenkollege Andreas von Karlstadt hingegen rief zur aktiven Zer­störung religiöser Bilder auf. Die fleischliche Darstellung der Heiligen, so sein Argument, blockiere den Zugang zu Gott. Darin verstand er sich gut mit den Schweizer Reformatoren Ulrich Zwingli und (dem noch strengeren) Johannes Calvin, die mächtig in den Kirchen aufräumen ließen. In Zürich wurden nach eingehenden Debatten innerhalb von zwei Wochen die Bilder geordnet aus den Kirchen enfernt. In Basel, Bern und St. Gallen verlief der Bildersturm hingegen tumultartig. Im Ulmer Münster wurden am „Götzentag“ 1531 beide Orgeln und 60 Altäre entfernt und teilweise zerhackt. Die Pfeifen der großen Orgel wurden mit Seilen und ­Ketten von Pferden herausgerissen. 

Ein uralter Grundkonflikt

Aber es gab in den Kirchen der Reformation beides: aufgeregte Zerstörung wie auch geordnete Rückgabe der Bilder und Statuen – nämlich an die Spender – beziehungsweise ihren geregelten Verkauf. Und in sehr vielen Fällen geschah dies mit Zustimmung der evangelischen Obrigkeit.

Den Grundkonflikt um die religiösen Bilder gibt es schon sehr viel länger als das Christentum. Die beiden ersten der Zehn Gebote des Altens Testaments (Verbot des Götzendienstes, Verbot der bildlichen Darstellung Gottes) entfalteten eine Wirkung über Jahrtausende. Aber bereits im frühen Christentum stand dagegen immer auch die andere theologische Argumentation: Abbildungen Christi und der Heiligen sind hinnehmbar, weil die Verehrung nicht dem Bild selbst gilt, sondern der abgebildeten Person. Auf römischen Sarkophagen und kirchlichen Mosaiken hielten Abbildungen aller Art bis zum siebten Jahrhundert Einzug. Doch nur in der orthodoxen Kirche, der Ostkirche, fochten Theologen danach einen heftigen Bilderstreit aus. Nicht mit nachhaltigem Erfolg: Ikonen gibt es in fast jeder orthodoxen Kirche.

Bilder gefährden die Einzelstellung Gottes, sagen die Bilderstürmer. Bilder lenken ab, stören die Konzentration auf das Wesentliche. Christen akzeptieren den weitgehenden Bilderverzicht in Islam und Judentum, sie selbst werden diesen Weg aber nicht gehen. Denn alles, was im christlichen Glauben wichtig ist, hat mit dem Menschen zu tun, soll ihm dienen und nützlich sein. So kann es für Christen gar nicht anders sein, als das Leben der Menschen ins Bild zu setzen.

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