Von sechs Uhr früh bis abends um neun
Früh um Viertel nach sechs ist es in Schoßaritz noch ganz still. Kein Trecker draußen auf der Landstraße, keine Motorsäge im nahe gelegenen Wald. Auf dem Frühstückstisch der Familie Meinhard stehen leere Müslischalen, Obst, Schokoflakes. Die Jungen am Tisch rühren sie nicht an. Lars, 8, und Finn, 7, nicht, auch nicht der sonst so lebhafte Jens, 4, und der kleine Rune, 3. Cornelia Meinhard faltet die Hände. Ihr Mann zeigt auf den Jüngsten. „Heute darfst du das Lied bestimmen.“
„All Morgen“, sagt Rune. Sie singen: „All Morgen ist ganz fri-isch und neu, des Herren Gnad’ und gro-oße Treu, sie hat kein End den ganzen Tag, drauf jeder sich verla-a-assen mag.“ Die Eltern und die großen Jungs kennen die vier Strophen auswendig. Bei den Kleinen hakt es noch. Dann greifen alle nach ihren Lieblingsflocken.
Auf der Brötchentüte steht nicht "Familie Meinhard" sondern "Pfarrer".
Die Meinhards sind Pfarrer, zwei von rund 14 000 evangelischen Gemeindepfarrerinnen und -pfarrern in Deutschland. Mark und Cornelia Meinhard wohnen mit ihren vier Jungs in Schoßaritz, Kirchengemeindebezirk Hiltpoltstein, im Herzen der Fränkischen Schweiz. Dort, wo die Straße zu Ende ist und nur noch ein Forstweg weiter über die einsamen Hügel führt. Das richtige Pfarrhaus steht im Nachbarort. Aber es wird gerade saniert, also sind die Meinhards für zwei Jahre in ein Mietshaus ausgewichen.
Meinhards Wohnung ist nur provisorisch eingerichtet: Ikearegale, Krimskrams zwischen den Pflanzen auf den Fensterbänken, eine auf alt getrimmte Emaillewerbung in der Küche mit der Aufschrift „Wer Bier trinkt, hilft der Landwirtschaft“.
Im Dorf sind sie Zugezogene, dennoch angesehen und respektiert. Kommt Übernachtungsbesuch mit dem Auto, heißt es am nächsten Morgen: „Gell, Frau Pfarrerin, Sie haben Besuch aus Kassel.“ Holen Lars und Finn samstagmorgens die Brötchen vom Bäcker, steht auf der Tüte nicht der Familienname, sondern „Pfarrer“.
Natürlich steht auf der Brötchentüte von der Bürgermeisterin nicht „Bürgermeisterin“, und auf der von der Lehrerin nicht „Lehrerin“. Pfarrer ist mehr als ein Beruf, mit ihm verbindet sich noch immer hohes Ansehen. Weil der Bundespräsident Pfarrer war, sei er besonders glaubwürdig, überzeugend und integer, sagt man. Dass die Bundeskanzlerin gelernt hat, ihre Zunge zu hüten, führt man darauf zurück, dass sie ostdeutsche Pfarrerstochter war. Es spielt auch eine Rolle, dass Thüringens Ministerpräsidentin Christine Lieberknecht, selbst Pfarrerin, aus einem Pfarrhaus stammt, wo Messerbänkchen die weißen Tischdecken schonten und der Vater vor jedem Mahl ein Gebet sprach.
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Wie sich Pfarrer verhalten, könnte für andere beispielhaft sein.
Das evangelische Pfarrhaus existiert seit Martin Luther. Es kann in Deutschland vieles sein: Hort der Bürgerlichkeit, Spiegel der gesellschaftlichen Verhältnisse, manchmal auch Ort der Rebellion: Pfarrerssohn Friedrich Nietzsche schockierte seine Zeitgenossen mit seinem Nihilismus. Pfarrerssohn Herrmann Hesse fiel schon als unbotmäßiger Schüler auf. Pfarrerstochter Gudrun Ensslin wurde Terroristin.
Pfarrfamilien stehen unter ständiger Beobachtung. Auch Lars, Finn, Jens und Rune, aber noch spüren die Kinder das kaum. Sie profitieren davon, dass in ihrem Dorf viele Kinder leben.
Nicht um den schönen Schein zu wahren, beten und singen die Eltern mit ihnen vorm Frühstück. Pfarrer ist ein Überzeugungsberuf. Wie sie sonntags auf der Kanzel reden, wollen die Meinhards auch leben. Ihre Frömmigkeit, sagen sie, bestehe darin, über Texte nachzudenken. „Von Worten hängt ab, wie man die Welt betrachtet“, sagt Cornelia Meinhard. Dafür stehen sie um Viertel nach fünf auf und nehmen sich jeden Morgen Zeit, einen Bibelvers zu lesen und zu singen.
Wie sie sich verhalten, könnte für andere beispielhaft sein. Zum Beispiel die Rollenverteilung zwischen Mann und Frau – in der ersten Wochenhälfte ist Cornelia, in der zweiten Mark Meinhard für den Haushalt zuständig. Oder dass der kleine Rune mit anderthalb Jahren in die neu eingerichtete Kinderkrippe kam – auch Ein- und Zweijährige nehmen in der Obhut von Erzieherinnen keinen Schaden! Ein Signal an alle Eltern, die auswärts arbeiten. Denn in Hiltpoltstein gibt es nur noch zwei Nebenerwerbslandwirte, Kinder werden heute nicht mehr nebenher auf dem Hof groß.
Pfarrer ist kein Teilzeitjob. Pfarrer ist man immer.
Um sieben verlässt der Vater mit den großen Jungs das Haus. Mark Meinhard muss jetzt eine Dreiviertelstunde Auto fahren, er gibt montags und dienstags acht Stunden ReligionUnter Religion versteht man die vielfältigen Beziehungen des Menschen zu Gott, dem Göttlichen oder, ganz allgemein gesprochen, dem Transzendenten. Sie zeigen sich in Gebeten und Festen, in Ritualen, Liedern und Bräuchen. Der Ursprung des Wortes Religion liegt im lateinischen Wort religere (deutsch: zurückbinden). In diesem Sinne bedeutet Religion die Rückbindung des Menschen an Gott. Heute hat sich im Christentum die Auffassung durchgesetzt, dass sie nicht als einzige Glaubensgemeinschaft eine authentische Rückbindung an Gott hat. Auch bei den maßgeblichen Führern anderer Weltreligionen gilt Toleranz zwischen den Religionen zunehmend als erstrebenswert, da jeder Glaube an Gott auch kulturell geprägt ist. in einem Nürnberger Gymnasium. Lars und Finn warten in der Dorfmitte auf den Schulbus. Cornelia Meinhard hat noch eine Viertelstunde Zeit, die Kleinen für den Kindergarten fertig zu machen. Dann befreit sie den dunkelblauen Mercedes-Van vom Maschendraht, der den Marder abhalten soll, legt ihre Gitarre in den Kofferraum, schnallt Rune und Jens auf den Kindersitzen fest.
Das Ehepaar Meinhard teilt sich die Pfarrstelle in Hiltpoltstein, dem größeren Nachbardorf von Schoßaritz. Zusammen mit Mark Meinhards 16 Stunden Religion in einem Nürnberger Gymnasium macht das 1,66 Stellen für zwei Pfarrer.
In Wirklichkeit sind beide von früh bis spät im Beruf. Pfarrer ist kein Teilzeitjob. Pfarrer ist man immer. Auch während der 15 Minuten, in denen Cornelia Meinhard ihre Jungen im evangelischen Kindergarten abgibt: Eine Erzieherin fragt die Pfarrerin etwas zum anstehenden Ausflug. Und eine Spende über 100 Euro muss korrekt quittiert werden.
Zu jeder bayerischen Pfarrstelle gehören sechs Stunden Religionsunterricht, Cornelia Meinhard erteilt sie in der Grundschule Hiltpoltstein. Um Viertel vor acht steht sie im Klassenzimmer. Sie packt ihre Gitarre aus, prüft den Tafelanschrieb. Die 18 Schüler sind schon an ihren Plätzen, auch ihr Sohn Lars. Eine Schülerin teilt die Gesangbücher aus.
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„Alle guten Gaben, alles was wir haben, kommt o GottGott ist nach einer gängigen Vorstellung „das höhere Wesen, das wir verehren“. In Heinrich Bölls Erzählung „Doktor Murkes gesammeltes Schweigen“ lässt jedenfalls ein Kulturpapst „Gott“ aus seinen Radiovorträgen herausschneiden und durch diese Wendung ersetzen. Gott gilt als Grund alles Seins, hat aber – anders als eine unpersönliche Schicksalsmacht – zugleich auch eine personale Seite, an die sich der Mensch im Gebet wenden kann. Gott kann nicht bewiesen, sondern nur geglaubt werden. Für den Gläubigen ist Gott keine Annahme, sondern Wirklichkeit und transzendentes, also jenseitiges Gegenüber. Die monotheistischen Religionen Judentum, Christentum und Islam gehen davon aus, dass sich alles, was ist, auf Gott zurückführen lässt. So bleibt in diesen Religionen die Frage offen, wie derselbe Gott, der das Gute will, auch das Leid und das Böse zulassen kann. von dir.“
„Guten Morgen, dritte und vierte Klasse“, sagt Cornelia Meinhard um zehn vor acht. Die Kinder schlagen die Gesangbücher auf und singen: „Ich lobe meinen Gott, der aus der Tiefe mich holt, damit ich lebe.“ Sie zählen Bibelgeschichten auf und sagen, welche im Alten und welche im Neuen TestamentTestament, ein aus dem Lateinischen abgeleitetes Wort, bedeutet Vertrag, Bund, Vermächtnis. Neben seiner zivilen Bedeutung als schriftliche Abfassung des letzten Willens eines Menschen wird das Wort Testament auch für die beiden Teile der christlichen Bibel benutzt. Martin Luther übersetzte das griechische Wort „diatheke“ (Bund) mit dem schon damals im Deutschen gebräuchlichen Lehnwort Testament. Die ursprünglich auf Hebräisch verfasste Bibel Israels, die die Christen übernahmen, wird von diesen als „Altes Testament“ bezeichnet, die griechische Bibel mit christlichen Texten, die im Lauf des 1. Jahrhunderts entstand, als „Neues Testament“. Unter dem Eindruck des jüdisch-christlichen Dialogs gibt es viele Christen, die den Begriff „Altes Testament“ für den ersten Teil der Bibel ablehnen, da „alt“ Assoziationen wie überholt oder minderwertig weckt. Sie sprechen vom ersten Teil der Bibel als „Hebräischer Bibel“ oder „Erstem Testament“. steht. Sie malen die Tafelaufschrift ab: „Im Anfang war das Wort“, steht da auf Altgriechisch. Dazu der Merksatz: „Das Neue Testament wurde auf Griechisch verfasst.“
Nach der Doppelstunde sagt Cornelia Meinhard: „Als wir in Hiltpoltstein ankamen, dachte ich, wir stehen mit vielen religiösen Traditionen auf brüchigem Eis. Aber mit Liedern, Geschichten und Gebeten gibt man den Kindern ja was fürs Leben mit. Ich sage ihnen: Wenn ihr bei einer Hochzeit den Posaunenchor hört, wie er ,Lobe den Herren‘ spielt, wär’s doch schad, wenn keiner mitsingt. Und sie tun es gern.“
Halb elf ist Zeit für Einkäufe: beim Metzger, Bäcker. An der Käsetheke beim Edeka spricht eine Mutter mit behindertem Kind die Pfarrerin an: „Kann meine Tochter am Konfirmationsunterricht teilnehmen?“ Auf dem Weg zum Auto kommt ein Ehepaar der Pfarrerein entgegen. Cornelia Meinhard guckt überrascht: Der Mann ist ja gar nicht bei der Arbeit! – Er habe eine Operation gehabt und sei krankgeschrieben. Auf dem Heimweg holt Cornelia Meinhard die Kleinen vom Kindergarten ab. Rune fragt: „Was gibt es zu essen?“ – „Bratwurst“, sagt Cornelia Meinhard. Jens singt: „Alle guten Gaben, alles was wir haben, kommt o Gott von dir.“ Zu Hause springen die Jungen aus dem Auto. „Sagt ihr grüß Gott zu der Frau Hopfengärtner!“, ruft die Mutter hinterher.
Frau Hopfengärtner ist die Pfarramtssekretärin. Vormittags erledigt sie die Arbeit im Pfarrbüro, im Erdgeschoss des Schoßaritzer Übergangspfarrhauses. Sie nimmt Tauf- und Trauanmeldungen entgegen, Anfragen nach Totenaussegnungen und Beerdigungen. Sie bereitet Quittungen für das Rechnungsamt im Dekanat vor. Heute müssen die Einladungen für den neuen Konfirmandenjahrgang raus.
Das Pfarrerehepaar duzt sich mit niemandem in der Gemeinde.
Cornelia Meinhard schleppt die Einkaufstaschen zur Wohnung hoch. Unterm Arm klemmt der Briefkasteninhalt: Umschläge, die „Nürnberger Nachrichten“, die Mitgliederzeitung von Pro Asyl.
Um halb eins sind auch die Großen wieder daheim am Esstisch. Mark Meinhard fehlt, er kommt erst spät aus Nürnberg zurück. Bratwurstduft zieht durch die Wohnung. „Alle guten Gaben“, schmettert Jens. – „Jens, hör auf“, schimpft Lars. Cornelia Meinhard tischt das Essen auf. „Finn, heute darfst du das Lied aussuchen.“ Finn will aber nicht singen. „Ich hol den Tischgebetstoaster“, sagt er. Auf der Fensterbank steht ein gelbes Plastikgehäuse in Toasterform, darin Karten mit Tischgebeten. Finn nimmt eine und liest vor. – Der Tischgebetstoaster. Ein Kirchenältester hat ihn dem Pfarrerehepaar geschenkt, aus Jux.
Eine Stunde später ist Mittagsstille. Nur auf dem Nachbargrundstück führt jemand lauthals Selbstgespräche. Irgendwo in der Ferne knattert hin und wieder eine Kettensäge. Lars beugt sich am Wohnzimmertisch über seine Mathehausaufgaben. Jens will eine Legofigur aus dem Kinderzimmer holen, das geht aber nicht, weil Rune dort Mittagsschlaf hält. Finn muss zum Tischtennistraining. Cornelia Meinhard fährt ihn mit dem Auto hin. Lars soll in der Zwischenzeit auf Jens aufpassen. Sie vertraut den Jungen, dass sie ruhig bleiben und Rune nicht wecken.
An der Turnhalle trifft Cornelia Meinhard die Schulleiterin. Sie plaudern, eine Viertelstunde, eine halbe Stunde. Mit viel Verspätung kommt sie wieder heim. „Mit der Schulleiterin habe ich eine Wellenlänge“, sagt sie. Doch weder mit ihr noch mit sonst jemandem in der Gemeinde duzt sich das Pfarrerehepaar. „Das haben wir so beschlossen, als wir herzogen. In der vorigen Gemeinde haben sich etwa hundert Leute aus dem inneren Kreis geduzt. Das war ein eingeschworener Kreis.“
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„Man muss Leute bewundern, die es in einem anderen Beruf neben einem Pfarrer aushalten."
Cornelia und Mark Meinhard sind weder im Schützenverein noch bei der freiwilligen Feuerwehr noch im Sportclub Mitglied. Der Vorteil: Sollten sich Nachbarn oder Vereinsmitglieder streiten oder Ehepaare trennen, bleiben sie unparteiisch. Gleiche Nähe, gleicher Abstand zu allen.
Umso wichtiger sind Plaudereien mit Gleichgesinnten wie die mit der Schulleiterin. Denn ihre Verwandten und Freunde sehen die Meinhards fast nur noch im Urlaub. Fragt man Lars nach den letzten Ferien, weiß er von Kassel zu erzählen, wo sie mit der Patentante im Naturkundemuseum, im Zoo und in der Sternwarte waren. An die Woche in Berlin erinnert er sich kaum. Sie waren ständig in irgendwelchen Wohnungen, bei Geschwistern und Freunden der Eltern.
Wichtig ist dem Pfarrerehepaar auch der Meinungsaustausch mit anderen Theologen. Cornelia Meinhard engagiert sich im bayerischen Pfarrverein, ihr Mann in der Pfarrbruderschaft. Vor einigen Wochen fuhr die ganze Familie zum Studientag der Pfarrbruderschaft in ein ehemaliges Kloster. Die Erwachsenen diskutierten über Schuld und Strafe. Für die Kinder gab es eine Schatzsuche.
Die Pfarrkollegen aus den umliegenden Gemeinden des Dekanats sehen sich bei monatlichen Besprechungen. Die meisten sind Pfarrerehepaare wie die Meinhards. Weitere drei Pfarrerinnen arbeiten in Teilzeit und sind mit Nichttheologen verheiratet. Der Mann der Dekanin zum Beispiel ist Ingenieur im Außendienst einer südbadischen Firma. In Kirchrüsselbach ist im Sommer ein Pfarrer mit seinem Lebenspartner ins Pfarrhaus eingezogen, der als Lehrer in einem Gymnasium bei Nürnberg arbeitet. „Man muss die Leute bewundern, die es in einem anderen Beruf oder ohne Beruf neben einem Pfarrer oder einer Pfarrerin aushalten. Allein schon wegen der vielen Abendtermine und wegen der öffentlichen Beobachtung“, sagt Cornelia Meinhard.
Ob sich noch jemand an den Ausflug in der vorigen Doppelstunde erinnert?
Dass ein Pfarrer die Gemeinde führt und seine Frau ehrenamtlich mitarbeitet – früher der Normalfall –, ist selten geworden. In Igensdorf ist das so. Und dann wäre da noch der Kollege für Ermreuth und Walkersbrunn. Er ist ledig.
„Strebt nach der Liebe“, so beginnt der Bibelabschnitt, den Cornelia Meinhard am kommenden Sonntag in ihrer Predigt auslegt. Schon den ganzen Tag macht sie sich Gedanken, was sie sagen will. Später am Nachmittag will sie außerdem eine Frau und ihren demenzkranken Mann besuchen. Unten im Pfarrbüro kramt sie ein Mitbringsel aus dem Regal. Sie blättert einen Bildband mit Tulpentitel durch, „Gemeinsam durchs Leben“. Nein, das nicht. Das von der früheren Bischöfin Margot Käßmann ist besser: „Was im Leben trägt“.
Am Johannes-Scharrer-Gymnasium in Nürnberg beginnt unterdessen die achte Stunde. Mark Meinhard kann in Nürnberg viel mit Schülern unternehmen: die St.-Lorenz- und die St.-Sebaldus-Kirche besichtigen, einen Bestatter oder eine diakonische Einrichtung besuchen.
Ob sich noch jemand an den Ausflug in der vorigen Doppelstunde erinnere? Widerwillig antwortet eine Schülerin der neunten Klasse. „So ein Haus, irgendwie für Taubstumme.“ – „Taubstumm sagt man nicht“, widerspricht eine andere. „Mann, dann eben taub“, antwortet das Mädchen und lässt den Kopf genervt auf ihre Handtasche fallen, die vor ihr auf dem Tisch liegt.
„Hiermit möchte ich Ihnen mitteilen, dass sich der Herr B. das Leben genommen hat.“
Meinhard scheint die Geste zu übersehen, er spricht leise. „Ich habe mir dein Referat für heute eingetragen“, sagt er zu einer anderen Schülerin, „über die Deutschen Christen.“ – „Ich habe es aber nicht da“, antwortet sie patzig. „Dann musst du es nächste Woche mitbringen.“ – „Nächste Woche fällt Reli aus“, ruft eine andere Schülerin dazwischen, „da machen wir einen Ausflug in die Gedenkstätte Flossenbürg.“
Mark Meinhard ist nur zwei Tage die Woche in Nürnberg. Manchmal vergessen die anderen Lehrer, ihm etwas mitzuteilen. Kurz überlegt er, dann sagt er: „Bitte schick mir das schriftlich ausgeführte Referat in zehn Tagen zu.“
Im Lehrerzimmer findet er nach der Doppelstunde eine Benachrichtigung der Schulleitung: „Hiermit möchte ich Ihnen mitteilen, dass sich der Vater der Schüler A. und B. das Leben genommen hat.“ Mark Meinhard stockt, dann steckt er den Brief in seinen prallen Aktenkoffer. Er unterrichtet beide Schüler. Aber als Externer ist er nicht ihre erste Ansprechperson. Vermutlich geht er auf die Kinder zu. Auf jeden Fall bespricht er sich mit den Kollegen, vielleicht wollen sie auch einen Rat.
Im Autoradio porträtiert der Kultursender BR2 Christian Bruhn, den Autor von „Marmor, Stein und Eisen bricht“. Mark Meinhard steuert den grauen Suzuki Swift über den dicht beparkten Egidienplatz und über die Bayreuther Straße. Hinterm den Autohäusern und dem Industriegebiet beginnt der Nürnberger Steckeleswald. Erst nach den Kreiseln in Eckental-Eschenau ist man richtig auf dem Land.
Ab Gräfenberg führt die Straße bergauf, letzte Tankstelle, letzte Bahnstation. Alle weiteren Dörfer sind nur noch mit dem Bus oder PKW zu erreichen. Mark Meinhard biegt in den Weg zum kirchlichen Freizeitheim für Jugendliche ein. Eine riesige Rasenfläche, begrenzt von hohen Birken, durch die der Wind rauscht, ein großes Kreuz aus Baumstämmen.
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Die Denkmalschutzbehörde fordert: Die verseuchten Balken bleiben drin!
Vorm Hauseingang stehen alte Heizkörper und leere Farbeimer. Drinnen Rohbau, Rigipsplatten, Tapetenreste, dazwischen Handwerker. In den 1970er Jahren hat man so was noch in Eigenarbeit gemacht. Heute ginge das schon wegen der Brandschutzverordnungen gar nicht. Meinhard macht Aufnahmen für den Bauausschuss. Der tagt noch diese Woche. Auch darum muss sich der Pfarrer kümmern.
Weiter geht es zum eingerüsteten alten Pfarrhaus in Hiltpoltstein. Im Untergeschoss ist der feuchte Fels freigelegt, auf dem das Haus steht. Überall fehlen Türen, Kabel ragen aus den Wänden, auf dem Boden liegt Bauschutt. Auf dem Dachboden wurden die morschen Balken von 1635 verstärkt und verkleidet. In den 1970er Jahren hatte man sie mit hochgiftigem Lindan und PCP getränkt. Die Denkmalschutzbehörde fordert dennoch: Die Balken bleiben drin! Was die Sanierung nur verteuert.
Den Dachboden wird man versiegeln, um die Pfarrfamilie zu schützen, die nächstes Jahr wieder einzieht. Ein Pfarrer muss im Pfarrhaus wohnen, die bayerische Landeskirche zieht die Miete dafür auch gleich vom Gehalt ab. Wieder macht Mark Meinhard Fotos für den Bauausschuss.
Oberhalb des Pfarrhauses steht die Matthäuskirche. Ehrenamtliche schließen sie tagsüber auf, damit Pilger und Touristen hineinkönnen. Das längliche Hauptschiff ist rechts und links von Emporen eingerahmt, der spätmittelalterliche Altar vorne ist alarmgesichert.
Mark Meinhard steigt auf die obere Empore, um die Zeitschaltung für die Glocken einzustellen. Einmal kurzes Geläut für die Trauung am Samstag um 12 Uhr und siebenminütiges Geläut für die Beerdigung um 14.30 Uhr. Während dieser Zeit am Samstagnachmittag muss seine Frau im Talar zusammen mit einem Kreuzträger, einem Konfirmanden, von der Kirche durch das Dorf zum Friedhof schreiten. 80 bis 100 Trauergäste werden erwartet, der Posaunenchor spielt, anschließend geht die Pfarrerin mit den Angehörigen ins Gasthaus. Mark Meinhard wird seine Teilnahme an der Hochzeitsfeier am Samstag absagen. Er ist dann für die Kinder da.
Wenn die Alten sterben, ist niemand da, um das Grab zu pflegen
Jetzt wartet Meinhard in der Kirche. Eine Solistin hat sich angekündigt. Sie will am Samstag bei der Trauung singen und sich vorher die Gegebenheiten ansehen. Sie kommt mit einem Keyboarder, beide steigen die Emporen hoch, überlegen, wo sie musizieren können. „Von unten hört das Paar Sie besser. Stellen Sie sich doch vorne links in den Altarraum“, ruft ihnen der Pfarrer zu.
Zum Abendbrot sitzt die ganze Familie Meinhard wieder am Küchentisch. „Segne, Vater, diese Speise, a-aa-amen, a-aa-amen“, singen alle sechs im Kanon. Dann geben sie sich die Hand: „Guten Appetit!“
Der Arbeitstag ist für Mark Meinhard noch nicht vorbei. Um 19 Uhr trifft sich der Vertrauensausschuss für die Kirchenvorstandswahl im Herbst. Dann bespricht er noch mit zwei Herren vom Bauausschuss die neue Bestuhlung im Jugendheim. Und die neue Urnenwand auf dem kirchlichen Friedhof. Junge Familien ziehen aus Hiltpoltstein fort; wenn die Alten sterben, ist niemand da, um das Grab zu pflegen, daher die Urnen. Eine beschriftete Platte ist bereits eingefügt. Zwei weitere sind bestellt, aber noch nicht da. Mark Meinhard will wissen, was los ist. Um acht trifft sich die Gemeindebriefredaktion, eine 16-Jährige will da jetzt mitmachen.
Um neun liegen die Kinder längst im Bett. Im Wohnzimmer lassen Mark und Cornelia Meinhard bei einem Glas Rotwein den Tag Revue passieren. Der krankgeschriebene Mann vorm Edeka. Der Besuch bei der Dame mit dem dementen Mann. Der Zettel in der Schule, ein Vater habe sich das Leben genommen. Was für ein Tag!
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Pfarrhaus
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