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Unser schönes Leben

Das hatten wir uns aber anders vorgestellt. Jetzt kommt Nachwuchs und wirft alle Pläne über den Haufen. Oder es kommen gar zwei Kinder, von zwei Frauen! Und was, wenn der Kinderwunsch unerfüllt bleibt? Sechs Familien, sechs Geschichten
Alle Fotos: Sandra Stein

"Wir müssen reden, ich bin schwanger!"

 

Markus*, 44, Anne*, 43, Marie*, 42

Anne: Markus und ich kannten uns über das Posaunenspiel. Mit dreißig wollte ich heiraten und Kinder haben, da waren wir schon zehneinhalb Jahre zusammen. Aber aus verschiedenen Gründen war Markus damals noch nicht so weit.

Markus: Anne lernte einen anderen Mann kennen. Sie zog aus. Wir haben viel geredet, ich habe um sie gekämpft. – Marie habe ich bei einem Projekt der Kammerphilharmonie Bremen kennengelernt, sie spielt dort Bratsche.

Marie: Es war im Sommer 2000. Nachts zogen wir los, Tango tanzen. Ich war mehr verliebt als er. Er hat Anne nachgetrauert. Ich wusste, wenn sie wieder auftaucht, wird sie eine große Rolle spielen. Um Weihnachten war ich bei Markus in Münster.

Anne: Nach Weihnachten wurde der Vater einer gemeinsamen Freundin beerdigt, da trafen Markus und ich uns wieder. Wir haben uns sehr genau überlegt, warum wir nicht mit- und nicht ohneeinander leben können. Wir wollten es wieder miteinander versuchen. Dann überschlugen sich die Ereignisse.

Markus: Anne und ich kamen kurz nach Weihnachten wieder zusammen. Wir waren glücklich, es fühlte sich sehr gut an.

Marie: Anfang Januar war ich auf Tournee. Markus war nicht erreichbar. Zurück in Berlin habe ich den Schwangerschaftstest gemacht – positiv. Ich habe Markus angerufen und gesagt: Wir müssen reden, ich bin schwanger.

Anne: Markus hat mich angerufen und am Telefon geheult. Wir wussten alle nicht, wie das weitergehen sollte. Ich war empört und überfordert. Und ich war ja plötzlich nur eine Randfigur. Plötzlich ging es um Maries Schwangerschaft.


"Ich will das Kind und ich freue mich darauf"


Markus: Mein erstes Gespräch mit Marie war ganz furchtbar. Ich fühlte mich komplett überfordert.

Marie: Als er sagte, Anne ist wieder da, war mir alles klar. Für mich war es damals hammerhart. Den Schmerz, alleingelassen zu werden, erträgt keiner gern. Meine beste Freundin sagte: Marie, das ist doch super, dass du ein Kind kriegst, alles Weitere wird sich fügen. Ich fühlte mich wie ein Häufchen Elend und glaubte: Alles ist vorbei. Ich kann meine Konzerte nicht mehr machen. Damals hatte ich eine tolle Körpertherapeutin. Sie wusste nichts von der Schwangerschaft. Als sie anfing, mich zu massieren, sagte sie: „Bist du schwanger? Das ist ja toll, das hat sich schon richtig ausgeweitet!“ Da brach alles in mir zusammen und aus mir heraus. Ich dachte: Jetzt geht für dich ein neues Leben los. Markus habe ich eine Zeit lang erfolgreich ausgeblendet.

Anne: Mitte Februar kam Maries Anruf: Ich will das Kind und ich freue mich darauf. Das konnte ich total nachvollziehen. Ich wusste: Bei anderen Paaren, die sich getrennt haben, klappt das auch. Jetzt liegt es an uns, dazu beizutragen.

Marie: Im Sommer kam ein Brief von Markus. Anne ist jetzt auch schwanger. Das hat mich so richtig ins Off geschossen. Ich dachte: Jetzt musst du doch nicht gleich wieder das nächste Kind auf die Welt setzen.

Markus: Es war nicht so geplant, aber wir haben uns total ­gefreut. Wir haben auch überlegt, ob wir nicht wenigstens ein Anstandsjahr hätten abwarten müssen. Aber unser Wunsch nach einem Kind war sehr groß.

Marie: Markus schrieb mir außerdem, er wolle sich damit anfreunden, dass ich auch ein Kind kriege, und möchte es kennenlernen. Da dachte ich noch: Das Kind wirst du sicherlich nicht kennenlernen. Das hat sich im Laufe der Schwangerschaft geändert.

Anne: Es war das Jahr mit den Terroranschlägen vom 11. September – mit all den Geschichten vom World Trade Center. Am ­20. September, ausgerechnet am Weltkindertag, bekam ich Blutungen. Ende des Monats rief Maries Freundin an und sagte, dass Lilli geboren sei. Ich war aufgewühlt. Markus und ich waren in Sorge um unser Baby und hatten wenig Ruhe.

Markus: Drei Monate danach haben Anne und ich geheiratet, im Dezember 2001. Später, da war Jakob schon auf der Welt, haben Marie, Anne und ich uns in einem Café in Hamburg getroffen. Wir waren alle der Meinung, das sei jetzt dran.

Anne: Ich fand bis dahin Jakobs Augen besonders schön und einzigartig. Als ich Lillis Augen sah, durchfuhr es mich: Diese einzigartigen Augen gibt es ja noch einmal. Lilli hat sie von meinem Mann geerbt. Das hat mich erst mal richtig gestochen.

Marie: Als Lilli noch ganz klein war, verliebte ich mich in einen langjährigen Freund. Er war sehr viel für uns da. Ich zog zu ihm nach Bremen, und wir gründeten eine Familie. Lilli bekam noch einen Bruder. Auch Markus und Anne bekamen noch einen zweiten Jungen. Irgendwann hatten sie die Idee: Wie wäre es, wenn du mal mit Lilli nach Münster kommst?

Anne: Lilli und Jakob verstanden sich von Anfang an gut. Ich spürte: Das muss erhalten bleiben. Sie sind Bruder und Schwester.

 

"Wir wussten, dass es sich lohnt, wenn wir das gut hinkriegen"


Markus: Lilli fing relativ bald an, Papa zu sagen. Das hat sie ­regelrecht geübt. Einmal waren wir alleine, sie hat geschaukelt, und jedes Mal, wenn ich Schwung gab, hat sie „Papa, Papa, Papa“ gesagt. – Lilli kommt inzwischen in allen Ferien zu uns, immer möglichst lange. Meistens hole ich sie ab und bringe sie zurück. Inzwischen kann sie auch allein mit dem Zug anreisen. Zeitlich sind die Abstände leider recht groß. Und Lilli und ich, wir sind beide keine Plaudertaschen, auch nicht am Telefon.

Marie: Mit der Zeit haben Anne und ich uns angenähert. Es ging los, als Lilli das erste Mal alleine da war und Anne und ich telefonierten. Anne hat sich immer so süß für meine Tochter bedankt, dass ich ihr sie ausgeliehen habe. Ihre kleinen Gesten haben mir gezeigt, dass sie nicht gegen mich ist. Und dass sie versucht, das Beste aus der Situation zu machen.

Anne: Ich staune immer, was für eine Entwicklung das alles genommen hat. Anfangs sagte ich bei Jakob in der Grundschule: Ich hab zwei Kinder. Aber dann dachte ich, das stimmt ja so nicht. Später sagte ich, wenn Lilli zu Gast war: Unsere Kinder sind ­sieben, sieben und vier – und freute mich über die Reaktion: Wie, ihr habt Zwillinge? – Nein, nicht Zwillinge...

Marie: Es war ein langer, steiniger Weg. Aber wir wussten, dass es sich lohnt, wenn wir das gut hinkriegen.

Anne: Lilli und ich hatten einen süßen Moment, als sie bei uns einmal ganz versonnen sagte: Du bist meine Stiefmutter. Ich sagte: Ja, das stimmt. Dann haben wir uns über Stiefmütter in Märchen unterhalten. Lilli gefiel das Wort Stiefmutter nicht, und dann hat sie gesagt: Du bist mein Stiefmütterchen. Da habe ich gesagt: Ja, Lilli, das finde ich toll.

Marie: Ich habe nicht ständig tolle Ideen, wie ich die Kinder sortiert kriege. Anne ist immer lustig, hat immer einen dummen Spruch parat. Ich verstehe gut, dass Lilli die Abwechslung genießt. Sie weiß, dass sie in Münster willkommen ist. Markus ist für sie da, und sie hat ein liebes Stiefmütterchen.

Markus: Es fällt mir schwer, Lilli zum Zug zu bringen. Am Bahnhof denke ich, es wäre schöner, wenn wir alle zusammenblieben.

Marie: Lilli malt wahnsinnig viel. Wie Jakob. Eine Zeit hat sie sich Häuser ausgemalt: Hier wohnt die Omi, meine Mutter, und wir und Markus, Anne, Jakob und Jonathan. Das würden wir uns alle wünschen, auch Lillis Bruder Lucas. Markus würde auch gerne nach Hamburg ziehen. Aber daran ist jetzt nicht zu denken.

 

Aufgezeichnet von: Burkhard Weitz

*Namen von der Redaktion geändert

 

Lesen Sie auf den nächsten Seiten fünf weitere Geschichten darüber, wenn Nachwuchs alle Pläne über den Haufen wirft.

Leserkommentare

Unser schönes Leben

Hallo an die Redaktion, wahrscheinlich haben Sie die befragten Eltern ziellos ausgesucht um so einen Gesamtüberblick zu geben.Abgesehen davon,daß Sie gleichgeschlechtliche Eltern "außen vor" lassen hat mich persönlich der Bericht über die Eltern von Zwillingen wütend gemacht! Wo ist da bitte die Ausnahmesituation? Weil eins immer schreit? Hallo????? Unsere Zwillinge kamen 1996 3 Monate zu früh in Italien auf die Welt,lagen Wochen auf der Frühchen-Intensiv- und Monate auf der normalen Frühchenstation.Eine musste an beiden Augen operiert werden, sieht mit Brille 60%, aber sie sieht! Die andere musste sich einer Gehirn-OP unterziehen, sie ist 100% schwerstbehindert,Cerebralparese,Epilepsie, angeborene Skoliose, bereits 5x operiert. Dank ab dem 3.Lebensmonat von MIR praktiziertem KG nach Vojta (3x pro Tag bei JEDEM Kind plus wöchentl.Kontrolle beim Therapeuten) konnte ich Einiges an Behinderung auffangen,vor allem die Spastik wird lediglich vom geschulten Auge bemerkt.Ich deswegen, weil mein Mann beruflich oft Wochen nicht anwesend sein konnte, er ist Dirigent und als Künstler muss man annehmen, was "reinkommt". Die Sehbehinderte besucht ein Regelgymnasium und ist (leider) hochbegabt,sehr anstrengend!, kann aber dank dieser Begabung Vieles kompensieren.2014 macht sie Abitur und will dann Mathe und Philosophie studieren. Die andere ist nach 2 gescheiterten Inklusionsbemühungen inzwischen auf einer Schule für Körperbehinderte und macht dieses Jahr verspätet den Hauptschulabschluss. Was für einen Beruf sie ergreifen wird/kann, ist noch unklar, Tatsache aber bleibt, sie wird nur betreut leben können. Meinen Beruf als Musiktheater-Regisseurin habe ich mittlerweile aufgeben müssen.Die ständigen OPs, Diskussionen mit Lehrern, Krankenkasse und Rentenkasse wegen Kur oder Reha sowie mit Ämtern machen mürbe und der inzwischen eingetretene eigene Kampf mit den Wechseljahren verbessert die Situation keineswegs. Aber in den ersten schweren Monaten während des Klinikaufenthaltes der babys habe ich zu meiner inneren Stärke gefunden, man wächst tatsächlich an seinen Aufgaben. Ein Priester wollte damals die Mädchen nottaufen, wir haben uns dagegen entschieden, es wäre uns wie Aufgeben vorgekommen, aber wir wussten, daß Gott beiden die nötige Kraft zum überleben und mit Behinderung zu leben mitgegeben hatte. Und ja, es ist oft schwer, immer wieder, für alle Beteiligten und es fließen immer wieder Tränen der Wut, Trauer, Hilflosigkeit. Ich nehme die Außnahmesituation inzwischen nicht mehr wahr, es ist für mich Normalität. Außenstehende sehen dies anders, aber Außenstehenden scheint ja schon "eines schreit immer und die vielen Windeln" außzureichen um darüber Artikel zu verfassen. Ich hoffe dieser Beitrag regt etwas zum nachdenken an. Mit freundlichen Grüßen Katja Drewanz

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