Liebe in Zeiten von Alzheimer

Wenn Renate Messerschmidt ihren Ehemann im Heim besucht, sitzt eine andere Frau neben ihm. Küsst ihn, streichelt seine Hand. Sie heißt Frieda, auch sie ist dement. Und verliebt. Was ist das jetzt: eine Dreiecksgeschichte? Eine Patchworkfamilie?

alle Fotos: Thekla Ehling

Was soll sie denn jetzt mit diesen Hosen? Vier Paar ordentlich gebügelte und gefaltete beige Hosen, die guten von Ralph Lauren und Boss, hat die Pflegerin ihr in die Hand gedrückt, „die sind zu eng geworden“. Praktische Schlupfhosen mit Gummizug soll sie im Versandhandel bestellen, „die alten Hosen nehmen Sie bitte mit nach Hause, Frau Messerschmidt“*. Frau Messerschmidt ist irritiert. Sie ist nur mit Handtasche zu ­Besuch im Demenz-Pflegeheim, wo ihr Mann seit zehn Monaten wohnt. Was soll sie mit den alten Männerhosen, daheim, wo die Schränke doch eh schon voll sind mit seinen Sachen? „Da hängt ja noch der Smoking“, sagt Frau Messerschmidt.

Der Smoking, den trug er zu festlichen Anlässen, zwei Abos hatten sie, Oper und Schauspiel, sie hatten ein gutes Leben als Ehepaar. Großes Haus am Tegernsee, Golfclub, Bergtouren im Karwendel. Bis vor zwei Jahren arbeitete Walter Messer­schmidt, 75, noch als Rechtsanwalt in München, übersetzte Gerichtsakten direkt vom Englischen ins Französische. Wahnsinn, dieses Hirn, dachte sie immer. Und wie sportlich er ein Leben lang war. 40 ­Kilometer am Stück gelaufen, acht Stunden Skitouren durch den Tiefschnee. „Ich dachte immer, irgendwann wird er von einer Lawine erschlagen, das hätte gepasst.“

Lawine, kurz und grässlich, und dann Schluss. Aber jetzt ist es ganz anders. Alzheimer. Es ist lang und auf eine seltsame Art sogar ganz schön. „Mein Vater ist jetzt wieder ganz emotional geworden“, schwärmt die erwachsene Tochter, „mich erinnert er an früher, als ich ein kleines Kind war. Da war er auch so zärtlich.“ Sie ist gerührt, dass er hinter seiner strengen metallenen Anwaltsbrille so weiche Gesichtszüge bekommen hat, sie mag seinen melancholischen Blick, dem sie lange standhält. „Das ist doch keine schlechte Art, langsam aus dem Leben zu gehen.“

„Uns geht es gut, mein Schatz, nicht wahr?“, flötet Frieda.
- „Ja, uns geht es gut“

Nein, schlecht ist sein Leben hier nicht, im Oberklasse-Pflegeheim vor den Toren von München. Das liegt vor allem an zwei Dingen. Am Topfenstrudel und an Frieda. Frieda ist eine Mitpatientin, auch sie hat Alzheimer. Die beiden sind „unser Liebespaar“, wie die Heimleitung sagt. Wenn Walter den Speisesaal betritt, küsst er ­Frieda auf den Mund. Dann sitzen sie zusammen am Tisch, Hand in Hand. „Du, du, du“, sagt Frieda dann, fuchtelt mit dem erhobenen Zeigefinger vor seinem Gesicht herum, und sie lachen so albern und verliebt, als seien sie mitten in der Pubertät. „Du, du, du“, macht Walter dann, sagt aber gleich darauf sehr ernst: „Wir machen alles zusammen. Alles.“

Jetzt wartet das Liebespaar zusammen auf den Topfenstrudel. Topfenstrudel, ofenwarm, mit besonders vielen Eiern drin, „das ist Glück pur für meinen Vater“, sagt die Tochter, „er hätte immer gern eine Frau gehabt, die Topfenstrudel für ihn backt“. Jetzt hat er eine Freundin, die Topfenstrudel mit ihm isst. Jeden Bissen sorgsam auf die Gabel nimmt, ganz langsam den Geschmack genießt von Quark und Vanille. Ihm zärtlich einen Blätterteig­krümel vom Ärmel zupft und dann seine Hand streichelt. „Uns geht es gut, mein Schatz, nicht wahr?“, flötet Frieda. „Ja, uns geht es gut.“

Und wie geht es der Ehefrau? Sie ist eine sehr eigenständige, attraktive Frau, 73, sie geht locker für Mitte 60 durch. Schicke ­Reiterstiefel und Designerbrille. Sie sagt auch nicht „Schatz“ zu ihm. Sie muss jetzt zusehen, wie eine andere Frau die Hand ihres Mannes streichelt und mit ihm schäkert. „Ich musste lernen, dass ich in seiner Welt keinen Platz mehr habe“, sagt sie tapfer, „was für ein Glück für einen Menschen, dem sie alles genommen haben, den Beruf, die Familie, den Sport. Jetzt hat er Frieda.“

Frieda, erzählt man sich, hat es regelrecht angelegt auf den neuen Bewohner im Heim. Im Mai kam er, und gleich hat sie alle anderen Frauen weggescheucht, die sich für ihn interessierten. Bald saß das neue Paar zusammen am ­Ess­tisch, und als die Ehegatten zu Besuch kamen – Walters gesunde Ehefrau, Friedas gesunder Ehemann – wurde am Anfang noch so getan, als sei nichts. „Da haben die Pflegerinnen die Frieda immer weggeräumt, als ich kam“, sagt die Ehefrau. Aber sie sah doch, wie Frieda hinter einer Säule stand und nervös von einem Fuß auf den anderen trat, bis endlich der Besuch wieder weg war. Da hat die Ehefrau den Pflegerinnen gesagt, dass es schon in ­Ordnung gehe mit der neuen Freundin, und Hauptsache, dem Walter gehe es gut.

Und an Weihnachten haben sie im Heim schon einen großen Tisch für alle gedeckt: für Walters Familie und für Friedas Familie. Unsicher sitzen sie zusammen, Friedas Sohn ist aus der Schweiz gekommen, Walters Tochter aus Berlin. Hatten Sie eine gute Fahrt, wie oft kommen Sie zu Besuch? Man will sich ja nicht aushorchen gegenseitig, geht zwischendurch zum Rauchen raus, Small Talk über ein Bewerbungsgespräch, über das neue Samsung-Handy, über eine neue Therapie gegen Rückenschmerzen. Alles Dinge, die hier im Heim keine Bedeutung haben. Hier drin gibt es nicht viele Themen. Zu kleine Hosen, auch bei Frieda, das liegt an den köstlichen Süßspeisen. Und immer wieder die gegenseitige Ver­sicherung, dass alles in Ordnung sei, „wie gut, dass die beiden sich gefunden haben“.

„Ich musste lernen, dass ich in seiner Welt keinen Platz mehr habe“

Was ist das jetzt, eine Notgemeinschaft? Eine neue Patchworkfamilie? Frau Messerschmidt geht das alles zu schnell. Neulich hat Friedas Mann, ein topfideler, aber leicht verwuschelter Naturwissenschaftler, sie am Bahnhof abgeholt und zum Pflegeheim gefahren. „Das wollte ich gar nicht.“ In seinem Auto war alles zugemüllt, sie konnte kaum sitzen. Und als er neulich unangemeldet vor ihrer Haustür am Tegernsee stand, der Herr Professor, war sie ganz froh, dass sie nicht zu Hause war. „Die ­Situation ist jetzt so, wie sie ist. Aber mehr muss nicht sein.“ Dass sich die gesunden Ehepartner womöglich als neues Liebespaar zusammentun, wie das in Kinofilmen schon mal vorkommt, „um Gottes willen, das fehlt mir grade noch“.

Aber fehlen tut sie doch, die Liebe? Ach, da war in den letzten zwei Jahren mit Walter keine körperliche Nähe mehr. Er war ganz in sich zurückgezogen, verzweifelt. „Du kannst dir nicht vorstellen, wie es mir geht“, sagte er zu ihr, „es geht alles weg aus meinem Kopf, ich kann es nicht festhalten.“

Der Mann, der ihr einst im Smoking die ganze Welt eröffnete, den musste sie am Ende einsperren in ihrem schönen Haus am See. Und konnte ihn doch nicht fest­halten, ihn, den rastlosen Sportler. Einmal fanden sie ihn in Nürnberg wieder, zu­sammengeschlagen von betrunkenen ­Jugendlichen, die ihn ausgeraubt hatten. Da hatte der Hubschrauber ihn schon mit Wärmebildkameras gesucht, da war schon große Panik, und sie dachte, ob ich das noch lange schaffe mit der Pflege.

Und dann, Ostern 2011, der Alptraum. „Ich muss nach München“, sagte er morgens um acht, und er sagte es durchgehend bis 23 Uhr. Gott sei Dank, dann schlief er ein. Um halb zwei wachte er auf, zog sich an, wollte los, seine Frau rannte nach unten, schloss die Haustür ab, rannte nach oben, wollte die Balkon­tür verrammeln, da stieß er sie die Treppe hinab. „Das hat er nicht mit Absicht getan“, aber wenn sie es erzählt, zittert ihre Stimme, denn es war seine letzte Nacht in diesem Haus, in dem sie 37 Jahre zusammen gelebt hatten.

Danach ging alles schnell, er rannte mit Hausschuhen hinaus in die Nacht, sie rief den Notarzt, der ihn zum Glück schon im Scheinwerferlicht seines Autos erkannte und mitnahm ins Krankenhaus, in die Neurologie. Von dort kam nach drei Wochen der Anruf des Chefarztes, und jetzt muss Renate Messerschmidt richtig weinen, als sie von diesem Anruf erzählt. „Ihr Mann kann nie wieder nach Hause. Er muss in ein geschlossenes Pflegeheim, aus dem er nicht weglaufen kann.“

Der Chefarzt gab ihr eine Liste mit 20 Heimen, 15 hat sie angeschaut, eines fand sie schlimmer als das andere. Verwahrlos­te verwirrte Menschen, die ihr entgegen ­kamen, manchmal nackt mit nichts als ­einer Inkontinenzwindel bei sich. „Ich ­habe nach jedem Besichtigungstermin geweint vor Verzweiflung“, sagt sie, und auch die Tochter konnte es kaum glauben. „Wie unwürdig unsere Gesellschaft mit Menschen umgeht, die doch ein Leben lang etwas geleistet haben.“

Die Tochter, der Sohn und die Ehefrau von Walter ­Messerschmidt legen jetzt zusammen, damit der Vater in einer wirklich guten Einrichtung leben kann. 4400 Euro kostet sie im Monat, nur 1000 Euro davon bezahlt die Pflegekasse, die Krankenkasse bezahlt gar nichts. Viel Geld. Und jeden Monat kommt noch eine Rechnung mit Extra­posten dazu: Friseur, Windeln, Hemden bügeln, ­Nägel schneiden.

„Ich schneid ganz vorsichtig, ich tu dir nicht weh“

Nägel schneiden will ihm Renate Messerschmidt jetzt selber, das Geld kann man wirklich sparen. Sie hat auf dem Weg nach Oberbayern heute extra in München stopp gemacht, ist zum Eisenwaren-Kustermann am Viktualienmarkt gefahren und hat ­eine Nagelzange gekauft, die gute von Zwilling, für 60 Euro.

Jetzt sitzt sie mit ­ihrem Walter auf dem Pflegebett in seinem Zimmer, wo an persönlicher Habe nur sein alter Lehnsessel, ein Reinhold-Messner-Buch und ein Porzellan-Cockerspaniel von der Oma geblieben sind. Der Rest ist freundlich, praktisch und vor allem abwaschbar. Der Teppich musste raus, er roch zu sehr nach Urin. „Da kann er nichts dafür“, sagt die Ehefrau, „das sind die Tabletten.“ Ein Moment der Innigkeit, wie sie da mit der Nagel­zange auf dem Bett sitzen, das alte Ehepaar, sie nimmt seine Hand, wenigs­tens zehn Minuten ohne die Argusaugen von Frieda. „Ich schneid ganz vorsichtig, ich tu dir nicht weh.“

Dann will er zurück in den Speisesaal, seine Frieda ist schon ganz unruhig, schnell küsst er sie mitten ins Gesicht, da bin ich wieder. Und für die ­Ehefrau ist es auch Zeit zu gehen, der Zug fährt bald zurück nach München. Sie nimmt ihn in den Arm, küsst ihn auf die Wange. Der Frieda gibt sie die Hand. Aber Moment, was ist das denn für ein ausge­leierter alter Pullover, den Walter da anhat? „Der gehört dir doch gar nicht.“ Stimmt, beim letzten Besuch trug er Tommy Hilfiger. Dieser hier sieht eher nach Oxfam aus. „Den Pullover hab ich ihm geschenkt“, sagt Frieda, „der ist von meinem Mann.“

Dann mal pfüati, ich komm bald wieder, sagt die Ehefrau, und sie ist traurig auf dem Weg zum Bahnhof. Daheim warte ja niemand, sagt sie, und dass sie das erste Mal in ihrem ganzen Leben allein ist in dem großen Haus. Keiner, der Laub zusammenrecht und Schnee schippt. Keiner, der mit ihr ausgeht. Eingeladen wird sie auch nicht mehr so oft wie früher, als sie noch ein Paar waren. Klar, da ist der Golfclub und die Jogginggruppe. Aber sie, die mit fünf Geschwistern aufwuchs, die immer ein aktives Gesellschaftsleben hatte – sie ist jetzt Witwe, ohne Witwe zu sein.

Immer auf der Rückfahrt mache sie sich Vorwürfe, sagt sie. Wenn er jetzt so sediert ist mit Medikamenten – dann hätte sie ihn doch auch daheim pflegen können? Dann wäre er vielleicht gar nicht mehr wegge­laufen? „Habe ich doch versagt?“ Nein, die Ärzte haben es doch klar gesagt: Walter wird nicht mehr nach Hause kommen. Nie wieder. Und den Smoking, den kann sie jetzt auch verschenken.

Lesermeinungen

Sehr geehrte Damen und Herren,

für mich - konfessionslos - ist Ihr Magazin die gegenwärtig wesentlichste und interessanteste Publikation, die gesellschaftlich relevante Fragen und Probleme aufgreift. Ich fühle mich in meinem privaten und beruflichen Leben (Psychologischer Psychotherapeut/Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut) von Ihren Beiträgen immer sehr angeregt. Herausheben möchte ich dabei aus 03/2012 "Liebe in der Seniorenresidenz" und "Anfänge". Bemerkenswert Ihre Bereitschaft, dem Leser keine "fertigen Antworten" auf diffizile Fragestellungen zu geben, sondern ihm die Möglichkeit einzuräumen, sich eine eigene Stellungnahme zu erarbeiten.
Danke!

Wilfried Kunz

Prof. Dr. Margot Käsmann

Herausgeberin „chrismon“

Sehr geehrte Frau Prof. Käßmann!

Vermutlich empfinden die Autoren es als fortschrittlich, wenn sie sich gegen die Unterdrückung sexueller Regungen demenzkranker Menschen stellen und implizit mehr Toleranz anmahnen. Diese Auffassung geht meiner Erfahrung nach geradezu leichtfertig über die Leiden dieser Kranken und deren Angehörigen hinweg. Stellen Sie sich vor, eine über Jahrzehnte innig geliebte Ehefrau erkrankte an einer Demenz, die das Gehirn derart schädigt, dass sie den Ehemann nicht mehr zu erkennen vermag und dazu noch die sexuellen Hemmungen verliert, was sie Männern gegenüber ausbeutbar machte, wäre das nicht schrecklich für die erlebte Treue? Würde die Kranke aus gesundem Erleben heraus sich nicht wünschen, so behandelt zu werden, dass ihre gemeinsamen Werte und die Liebe zueinander nicht verletzt würden? Oder sind es nicht vielmehr die nicht unbedingt bewussten Phantasien derjenigen, deren Fürsorge die Kranken ausgeliefert sind, die hier die Sexualität vermeintlich von unbotmäßigen Fesseln befreien wollen? Ich hätte mir in dieser Zeitschrift einen differenzierteren und achtungsvolleren Umgang mit einem schwierigen und dabei sehr wichtige Grundsätze christlicher Sozialethik berührenden Thema gewünscht.

Ungleich gravierender ist jedoch, dass grundlegende christliche Werte ohne eine Erwähnung dabei aufgehoben werden. Auf eine Frage daher wünschten wir uns von Ihnen eine Antwort: Ab wann verlieren Ihrer Auffassung nach das Treuegebot „Du sollst nicht ehebrechen“ und das Traugelübde „...bis das der Tod euch scheidet“ in einer solchen Situation ihre Gültigkeit?

Mit freundlichen Grüßen

Prof. Dr. Nikolaus & Dr. Angelika Michael

Mit Interesse habe ich die Schilderung der von Alzheimer  betroffenen Menschen gelesen. Nur an einer Stelle war ich doch sehr erstaunt - um nicht zu sagen: verärgert -, als es nämlich um den "nach- Oxfam-aussehenden" Pullover ging. Als seit 15 Jahren ehrenamtliche Mitarbeiterin für Oxfam darf ich wohl behaupten, daß  wir nur einwandfreie Ware - also keine ausgeleierten Pullover - in unseren Shops verkaufen. Natürlich leben wir von gespendeten gebrauchten bzw. getragenen Sachen, doch die werden von uns sehr sorgfältig auf Mängel und Sauberkeit geprüft, bevor wir sie zum Verkauf weitergeben. Ich kenne allerdings nicht den Münchener Shop dafür aber viele andere im Norddeutschen Raum, die alle nach dem o. g. Prinzip arbeiten. Meine 25 Kolleginnen aus dem Bekleidungs-Bereich des Oxfam-Shops in der Berliner Rheinstraße schließen sich meiner Empörung an.                                                          

Mit freundlichen Grüßen             Barbara Jahnke

Sehr geehrte Frau Ott, diese Geschichte ist das Beste, was ich seit langem gelesen habe. Das Thema ist tief bewegend, und Sie haben das großartig erzählt, einfühlsam, aber keine Spur gefühlig, sondern an den richtigen Stellen lakonisch. Und als ich meiner Tochter (14) davon erzählen wollte, hat sie mir das Wort abgeschnitten und gesagt: "Im Chrismon, ich weiß, hab ich schon gelesen, eine Wahnsinns-Geschichte, ne?!" Ich wusste nicht einmal, dass sie da reinschaut... Vielen Dank, solche journalistischen Glanzstücke führen wirklich dazu, dass man sich mit dem Thema so intensiv auseinandersetzt, wie man es sollte, um nicht eines Tages vollends davon überfahren zu werden.

Der Artikel hat mich erschüttert, ich bewundere die Ehefrau, die ihrem Mann seine letzte Liebe gönnt, während sie ihren Mann und Partner vermissen muss. Wenn es zu Gewaltausbrüchen und Selbstzerstörung kommt, ist eine Betreuung zu Hause von einer 73 Jahre alten Frau nicht zu schaffen.

Ein sehr respekt- und gefühlvoller Artikel, der sich mit einem Stück "ganz normalem Leben" von demenziell erkrankten Menschen beschäftigt. Warum sollen diese Menschen keine tiefen Gefühle mehr empfinden können, bzw. dürfen, wie eben z. B. Liebe und das Verlangen nach körperlicher Nähe? Schließlich bleibt das emotionale Empfinden bei einer Demenzerkrankung noch fast bis zum Ende erhalten! Meine Hochachtung auch für die gesunde Ehefrau des im Artikel beschriebenen "Herrn Messerschmidt", welche ihrem Gatten diese - für sie natürlich nicht selten schmerzliche - "letzte Liebe" dennoch gestatten konnte... Wir alle sind aufgerufen, den an Demenz erkrankten Menschen dabei behilflich zu sein, "ihren Weg" in Würde und - wenn es denn möglich ist - auch mit Freu(n)den zu gehen!

Abschließend möchte ich gerne daruf hinweisen, dass ich als Krankenpfleger und Diplom-Pflegewirt mit dem Wort "Alzheimer" viel zurückhaltender umgehe, seit ich das lesenswerte Buch von Cornelia Stolze, "Vergiss Alzheimer! Die Wahrheit über eine Krankheit, die keine ist" gelesen habe...

Der Begriff "Alzheimer" wird allerdings viel zu undifferenziert verwendet und trägt eher zur weiteren Verwirrung bei, als dass er uns hilft. Allerdings gibt es leider nicht wenige Menschen und Institutionen (Wissenschaftler, Pharmaunternehmen etc.), die zwar noch kaum etwas gegen das Fortschreiten der "Alzheimer-Krankheit" auf die Beine stellen konnten, aber dennoch seit vielen Jahren alljährlich hohe Summen von den Steuerzahlern, oder aus den Beiträgen der Krankenversicherten erhalten. Nach meiner Ansicht wäre es besser, diese Gelder den pflegenden Angehörigen der Betroffenen zur Verfügung zu stellen, damit diese sich die dringend notwendige Unterstützung bei der Pflege und Betreuung selbst organisieren können! Der uns schon oft versprochene "Durchbruch" bei der medikamentösen Alzheimer-Therapie ist jedenfalls noch auf weite Sicht nicht feststellbar, vielleicht kommt er auch nie!! Alle bisher am Markt befindlichen Medikamente gegen Alzheimer sind - trotz jahrzentelanger Forschung -nicht in der Lage, die Krankheit aufzuhalten! Ob diese Medikamente überhaupt irgendeinen Nutzen für die Betroffenen haben, ist zumindest umstritten. Natürlich versuchen die Hersteller dieser Medikamente - und mit diesen Herstellern verbundene Wissenschaftler - das anders, viel positiver darzustellen. Auch die angebotenen Test zur Frühdiagnostik der Erkrankung sind zweifelhaft. Nach Expertenmeinung sind die Form und das exakte Ausmaß einer Demenzerkrankung bis heute nur durch eine Obduktion nach dem Ableben des Betroffenen sicher beurteilbar! Leider werden jedoch gerade bei Demenzpatienten kaum Obduktionen nach dem Tod durchgeführt... Womöglich würde sich dann herausstellen, dass so mancher "Alzheimer" gar keiner war - und folglich vorher falsch behandelt wurde? Es wird mit dem Leid und der Verunsicherung von erkrankten Menschen und deren Angehörigen viel Geld verdient, koste es was es wolle!

Liebe Frau Ott,

inmitten Ihrer schönen Demenz-Liebesgeschichte, steht etwas sehr Trauriges. Der Arzt sagt, der demenzerkrankte Mann könne nie wieder nach Hause. Das ist sehr schade, vor allem, da es dem demenzunvertrauten Leser suggeriert, es gäbe diesen Punkt. Den muss es aber keinesfalls geben. Kein dementer Mensch "muss" in ein geschlossenes Pflegeheim.
Natürlich kann ein demenzerkrankter Angehöriger davonlaufen - sie sind oft auf einer ARt von Suche. Was man als Betreuender lernt und auch lernen muss, ist, auf sie einzugehen, sich sinnvoll mit ihnen zu beschäftigen und damit sie und sich selbst davor schützen, dass bei dieser "Suche" oder diesem Laufbedürfnis etwas schief geht.
Das machen und vor allem: das schaffen Zehntausende (wenn das reicht) Angehörige jeden Tag.

Halten Sie mich nicht für eine Erbsenzählerin, weil ich Ihnen das schreibe, sondern glauben Sie mir, das ist ein wichtiger Punkt. Denn von diesem "in ein geschlossenes Heim müssen" bis zu einer Fixierung am Krankenbett (wegen notorischer Unruhe etwa) ist es leider oft kein besonders weiter Weg.

Mit freundlichen Grüßen
Margot Unbescheid

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