Karl Bechert, Vater der Antiatombewegung

Unbestechlich, geradlinig, stur

Auf dem Schreibtisch des Physikers Karl Bechert lag ein Foto, auf das mit kräftiger Hand eine Widmung geschrieben war. Der Absender bedankte sich am 11. November 1957 für die „wertvolle Belehrung“. Es ist zu lesen, dass „die Idee der Ehrfurcht vor dem Leben das Grundprinzip des Ethischen ist“. Und ganz unten steht: „Herzlich, Albert Schweitzer“.

Der berühmte Humanist aus Lambarene/Gabun, der mit seinem Ur­wald­krankenhaus das Herz und die Spendenbereitschaft der Europäer berührt hatte und sich seit 1954 immer wieder gegen die Atombombe wandte, holte sich sein Fachwissen bei einem Physikprofessor aus Mainz. Wie atomare Strahlung wirkt, welche Schäden Atomwaffen verursachen: darüber gab Karl Bechert, bis 1969 Leiter des Instituts für theoretische Physik, dem Urwalddoktor bereitwillig Auskunft. Er las auch die fertigen Manuskripte des Arztes und beriet ihn bei seinen vielbeachteten Plädoyers gegen die Atomversuche 1958 im norwegischen Rundfunk.

Einer der Ersten, die die Gefahren der Atomenergie ins Auge fassten

Karl Bechert, die graue Eminenz der Kritik an Atombomben und später den AKWs? Jedenfalls war er einer der Ersten, der die Gefahren der Atomenergie ins ­Auge gefasst hatte, seit er sich wissenschaftlich mit ihr befasste. Er sprach aus, was ihn störte, ob es Politik und Wirtschaft nun gefiel oder nicht.

Bereits mit 32 Jahren, im Jahr 1933, war Karl Bechert Physikprofessor und Institutsleiter an der Universität Gießen geworden. Bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs trat er politisch aber nicht in Erscheinung. Seine Ehefrau stammte aus einer jüdi­schen Familie, und die Becherts – distanziert gegenüber den Nazis – suchten sich durch unauffälliges Verhalten zu schützen. Es waren auch die Desaster des Krieges, die den Physiker zum Pazifisten machten. 1946 wechselte Bechert nach Mainz, wo er bis zur Emeritierung 1969 das Institut für theoretische Physik leitete.

Seine Partei, die SPD, feierte die Atomenergie fast hymnisch

Bechert erkannte, dass auch politisch etwas getan werden müsse. Zunächst galt sein Kampf der atomaren Aufrüstung. ­Seine Publikationen trugen solche Titel: „Strahlenschädigung und Strahlenschutz“ oder „Der Wahnsinn des Atomkrieges“. 1956 trat er in die SPD ein, wurde Bundestags­abgeordneter für den Wahlkreis Wal­deck, übernahm 1962 den Vorsitz im „Ausschuss für Atomenergie und Wasserwirtschaft“. Ende der 60er Jahre war er scharfer Kritiker der Notstandsgesetzgebung. Ab 1968 trat er deutlich gegen die wirtschaftliche Nutzung der Atomenergie ein, anders als seine Partei, von der er sich zusehends entfremdete. Der Bundestagsfraktion gehörte er bis 1972 an. Er lag häufig im Streit mit Parteifreunden wie Holger Börner oder Helmut ­Schmidt. Das beirrte ihn allerdings nicht. Den Titel „Vater der westdeutschen Antiatomkraft­bewegung“ verlieh ihm der britische „Guardian“ im April 1981.

Bechert war kein bequemer Gegner in politischen Debatten. Zu Kompromissen war er kaum in der Lage. So wie er im persönlichen Umgang unbestechlich und geradlinig erschien, wirkte er in der politischen Gremienarbeit stur. Aus dem Einzelgänger wurde mehr und mehr ein Einzelkämpfer, manche sahen in ihm gar einen Sonderling. Erhard Eppler, SPD-Vordenker und ehemaliger Bundesminister, schrieb später über ihn, Bechert sei in den 60er Jahren der einzige Bundestagsabgeordnete gewesen, der am Segen der Atomenergie gezweifelt hätte. Eppler erinnerte ihn als „bescheidenen, belächelten, oft ganz hilflosen Professor“. Ernst genommen habe ihn niemand, hatte doch die SPD „auf einem Parteitag in München 1954 die Atomenergie fast hymnisch gefeiert“.

Bechert trat bei kirchlichen Veranstaltungen und bei Demonstrationen auf

In seiner hessen-nassauischen Landeskirche gehörte er dem Arbeitskreis „Kirche und Politik“ an. Auch das zu Beginn der 70er Jahre in der Kirche erwachende Umweltbewusstsein verdankt ihm wichtige Impulse: so bei der Vorbereitung des Deutschen Evangelischen Kirchentags in Düsseldorf 1973. Im November 1980 gehörte er mit Martin Niemöller, Petra Kelly und Gert Bastian zu den Initiatoren des Krefelder Appells gegen die Atomrüstung der NATO. Für die Großdemonstration am 4. April 1981 auf dem Bonner Münsterplatz war er als Hauptredner vorgesehen. Er erlebte es nicht mehr. Drei Tage vorher starb er.

Neue Lesermeinung schreiben

Wir freuen uns über einen anregenden Meinungsaustausch. Wir begrüßen mutige Meinungen. Bitte stützen Sie sie mit Argumenten und belegen Sie sie nachvollziehbar. Vielen Dank! Damit der Austausch für alle ein Gewinn ist, haben wir Regeln:

  • keine werblichen Inhalte
  • keine Obszönitäten, Pornografie und Hasspropaganda
  • wir beleidigen oder diskriminieren niemanden
  • keine nicht nachprüfbaren Tatsachenbehauptungen
  • Links zu externen Webseiten müssen zu seriösen journalistischen Quellen führen oder im Zweifel mit einem vertretbaren Prüfaufwand für die Redaktion verbunden sein.

Die Redaktion behält sich das Recht vor, Beiträge zu bearbeiten, macht dies aber stets kenntlich. Wir zensieren nicht, wir moderieren.
Wir prüfen alle Beiträge vor Veröffentlichung. Es besteht kein Recht auf Publikation eines Kommentars.

Lesermeinungen

Als langjähriger Mitarbeiter des Prof. Bechert-Infodienstes (1975-1981) bin ich dankbar für diese Erinnerung - 31 Jahre nach dem plötzlichen Tode des aufrechten und kompromisslosen Widerständlers und Kämpfers gegen die Verlogenheit der damaligen Energiepolitik.
Gerade das letzte Motiv verbindet ihn mit dem Gründer des Tübinger Bundes für Umweltschutz, Hartmut Gründler, der - nicht zuletzt wegen der regierungsamtlichen Lüge über das angebliche Atommüll-Endlager Asse 2 und der diesbezüglichen Dialogverweigerung des Kanzlers Helmut Schmidt - sich während des entscheidenden SPD-Parteitages Mitte November 1977 in Hamburg demonstrativ selbst verbrannte. Bechert hatte noch seinen Infodienst zur Verfügung gestellt, um Gründlers letzten Mahnruf "Ab 5. November unbefristeter Hungerstreik!" an fast 2000 Adressaten zu versenden.
Der sogenannte "Vater der Anti Atom Bewegung" hat sechs Jahre lang seine Warnungen, zusammen mit denen anderer Atomenergiekritiker an Bürgerinitiativen und zahlreiche einzelne Persönlichkeiten und Multiplikatoren verschicken lassen.
Seine nicht zu unterschätzende Wirksamkeit als früher Grüner, der jedoch treu sein SPD-Parteibuch nicht zurückgab, wird von interessierter Seite gerne heruntergespielt. Im Archiv der Friedrich-Ebert-Stiftung ist aus der Zeit bis zu seinem Ausscheiden aus dem Bundestag 1972 viel aus seinem Nachlass erhalten, die vollständige Dokumentation seiner Versendungen in seinen letzten sieben Lebensjahren findet sich wohl nur in Reutlingen.
Wilfried Hüfler, Reutlingen