Superhelden und ihre Religion

"Großer Rao!"

chrismon

Lange Zeit war es unter Comic-Helden verpönt, eine Religion zu haben. Das Tabu ist gefallen. Wer weiß, vielleicht bricht ja demnächst zwischen evange­likalen und muslimischen Zeichentrickfiguren ein Kulturkampf aus

Es knallt, der Planet Krypton explodiert. Zum Glück hat die Rakete rechtzeitig den ­Orbit verlassen, und Baby Kal-El kann wohlbehalten zur Erde fliegen. Das Ehepaar Kent aus der Kleinstadt Smallville, Kansas, findet den kleinen Außerirdischen, gibt ihm den Namen Clark und zieht ihn groß. So be­ginnt die Geschichte des berühmtesten Comic-Helden aller Zeiten: Superman.

Vor vier Jahren hatte die Handy-Community Qeep in mehreren Ländern junge Leute zwischen 17 und ­­25 Jahren nach ihren persönlichen Helden gefragt. In Deutschland belegten Gott und Brad Pitt mit jeweils 5,4 Prozent nur Rang zwei. An der Spitze: Superman. 19,8 Prozent von 3700 befragten Deutschen votierten für ihn. Inzwischen erzählen fünf Kinofilme, sieben Fernsehserien, mehr als ein Dutzend Games und unzählige ­Comic-Hefte und -Bücher von seinen Abenteuern.

Wie ein Heiland tritt dieser Held auf. Er rettet die Welt, stirbt und kehrt unter die Lebenden zurück. Seine Biografie aber ähnelt eher der ­einer anderen biblischen Gestalt: Moses. Beide werden von ihren Eltern ausgesetzt, um sie vor dem Untergang zu bewahren – Moses im Weidenkörbchen, Superman in einer Rettungs­kapsel. Beide wachsen bei Pflegeeltern auf, ­entdecken als junge Erwachsene ihre wahre Bestimmung und hadern häufig mit der großen Verantwortung. Moses wird Gottes Sprachrohr und überbringt die Zehn Gebote. Supermans Geburtsname Kal-El ist sicher nicht zufällig ­gewählt. Er kommt aus dem Hebräischen und bedeutet Stimme Gottes.

Ist Superman also Jude? Die „Jüdische Allgemeine“ witzelte im August 2012, das beweise schon der Name. Die meisten Menschen, die auf „-man“ enden, seien Juden: Zuckerman, Perlman, Silberman – warum nicht auch Superman?
Seine Erfinder waren Söhne jüdischer Einwanderer in den USA: Teenager, Außenseiter und Science-Fiction-Fans aus Cleveland in Ohio. Jerry Siegel schrieb sich am Valentinstag selbst Liebesgrüße und verbrachte seine Wochenenden im Kino, Joe Shuster trug eine flaschen­bodendicke Brille und lebte in Traumwelten, so schildert Larry Tye die beiden in seinem Buch „Superman – The High-Flying History of America’s Most Enduring Hero“.

„Superman ist Jude!“

Als Gangster Jerry Siegels Vater erschossen, schrieb der noch nicht mal 18-Jährige eine Kurzgeschichte, in der ein „Super-Man“ mit übermenschlichen Fähigkeiten das Opfer eines Raubüberfalls rettet. Siegels Freund Joe Shuster gab diesem Übermenschen später die heute noch bekannte muskulöse Gestalt mit roter Unterhose überm blauen Latexanzug.

„Superman ist Jude!“, soll in Deutschland Reichspropaganda­minister Goebbels ausgerufen ­haben. Er ließ die Abenteuer des blauen Helden kurz nach ihrem ersten Erscheinen wieder vom deutschen Zeitschriftenmarkt verbannen. Dabei hatten dessen Autoren aus ihrem Helden gerade keinen Juden gemacht. Er sollte ja nicht ihr jüdisches Exilantendasein in Cleveland teilen und sich nicht vor Verfolgung im teils faschistischen ­Europa fürchten müssen.

Wie viele jüdische Einwanderer in den USA wollten sich die beiden halbwüchsigen Comic-Schöpfer assimilieren, auch in ihren Projek­tionen. Und so arbeitete Clark Kent, alias Superman, fortan als erfolgreicher, aber unauffälliger Reporter in der Comic-Stadt Metropolis, ein durchschnittlicher Angehöriger der weißen­ ­Mittelschicht – und Methodist. Bis zum 14. ­Lebensjahr besucht er mit seinen Zieheltern ­regelmäßig den Sonntagsgottesdienst. Später wird er seine große Liebe Lois Lane heiraten, sie ganz in Weiß, in einer Kathedrale.

De facto bleibt Superman in allen Comics aber "Raoist". Rao hieß der Haupt- und Sonnengott auf seinem Heimatplaneten Krypton, bevor er unterging – neben ihm existierten dort 14 weitere Gottheiten wie Nightwing, Flamebird und Vohc, 203 Halbgötter und über 1000 Titanen. Den Ausruf „Großer Rao!“ gewöhnt sich Superman in den Comics nie ganz ab. – Siegel und Shuster trennten sich übrigens früh von ihrem Helden. 1938 verkauften sie die Rechte an ihrer Figur an den Verlag „National Publications“ – für 130 Dollar.

Lange war es unter Helden verpönt, zu seiner Religion stehen

In den 30er und 40er Jahren vermehrte sich die Zahl der Comic-Superhelden sprunghaft, und es wurden lauter Vorzeigeamerikaner. Anders sei das in den USA damals ganz undenkbar gewesen, erklärte Paul Levitz, früherer Leiter des Verlagsgiganten DC Comics. Als Super-Amerikaner und Comic-Held war man Angehöriger einer protestantischen Glaubensgemeinschaft, meist der Episkopalkirche. Und das, obwohl nahezu alle frühen Schöp­fer der später weltbekannten Comic-Figuren Juden waren: Bob Kane (Batman), Stan Lee (Spider-Man), ebenso Jack Kirby (Fantastische Vier, Hulk, X-Men).

In den 60er, 70er und 80er Jahren durften Comic-Charaktere nicht mehr offen zu ihrer ­Religion stehen, und schon gar nicht offen für ihr Bekenntnis werben. In den zunehmend multiethnischen USA galt das als konfliktträchtig – und als wenig verkaufsfördernd. In einem „Comics Code“ hatten sich die amerikanischen Verleger schon 1954 auf eine Art Selbst­zensur geeinigt. Der Code verbot auch die offene Darstellung von Sexualität und Drogenkonsum. Spider-Man-Erfinder Stan Lee sagt, er habe Skrupel gehabt, spezifische Religionen in seinen Geschichten überhaupt zu erwähnen: „Ich habe mich immer als einen Autor der gleichen Chancen für alle gesehen.“

Erst seit den 90ern setzt sich mehr und mehr die Erkenntnis durch, dass moderne Comic-­Helden beliebter werden, wenn man sie vielschichtig anlegt: dass sie sich verlieben, trauern, sich mit Macken und Problemen plagen – und eben auch eine Einstellung zur Religion haben.

comicbookreligion.com

1993 erscheint bei Marvel Comics "The Infinity Crusade", eine mächtige und mysteriöse Göttin entführt eine ganze Reihe von Superhelden – offenbar wegen massiver religiöser Intoleranz. Tatsächlich sind alle verschwundenen Charaktere in irgendeiner Form religiös. So wurden auf einen Schlag gleich 33 Berühmtheiten aus dem Superhelden-Universum geoutet, unter ihnen Spider-Man, Silver Surfer, Daredevil und Captain America.

Einen Überblick über die Religionszugehörigkeit von Superhelden heute bietet der Amerikaner Preston Hunter. In seiner Comicbook-Religion-Database belegt der 42-jährige Programmierer die religiöse Ausrichtung von über 25 000 ­Figuren mit Quellen. Keine einfache Recherche, denn nur wenige Anlässe wie Hochzeiten, Taufen und Beerdigungen ­fördern die Konfession eines Superhelden zweifelsfrei zutage. Hunter be­stätigt, dass Spider-Man, Captain America und überhaupt die meis­ten klassischen Superhelden-Stars Protestanten seien.

Der bekannteste bekennende jüdische ­Superheld heißt Ben Grimm, einer von den Fantastischen Vier, auch „Das Ding“ genannt. Nach dem Start der Comic-Serie 1961 war lange nichts über dessen Reli­giosität bekannt. Erst im August 2002 erschien die Ausgabe, in der man Ben Grimm das traditionelle jüdische Gebet „Sch’ma Israel“ sprechen sah.
Wenige Ausgaben später feierte er seine verspätete Bar-Mizwa, nicht ohne rauschende Party mit anderen Superhelden-Kumpels.

Manchmal machen Charaktere auch erstaunliche Sprünge von einer Religion zur anderen, je nachdem, welche Autoren über die Jahre an den verschiedenen Storys geschrieben haben. Selten lässt sich gar keine Konfession zuweisen, etwa bei Iron Man. Bei ihm vermerkt die Datenbank mangels Alternative, er sei Anonymer Alkoholiker. Und den Superhelden Quasar, der früher Marvel-Boy hieß, hat Hunter zum „größten Atheisten“ überhaupt gekürt. Quasar ist überzeugter Glaubensab­stinenzler – und verhält sich stets moralisch einwandfrei.

Negativ­kandidaten in der Skala der Religiosität

Auf einer eigenen Skala bewertet Hunter ­außerdem den Grad der Religiosität: Vertritt der Comic-Held die Werte seiner Religion auch ­öffentlich? Definiert er sich über die Religion, verhält er sich tolerant, hilfsbereit und wahrhaftig? Einen hohen Wert für Religiosität erzielt eine Figur wie Thor, denn er ist selbst ein Gott, lediglich aus dem Götterhimmel Asgard geworfen und zum Wirken auf der Erde bestimmt. Im Himmel hatte er sich danebenbenommen.

Schwieriger ist es da, Batman einzuschätzen, einen der eher seltenen katholischen Helden. Zumindest wurde er, wie in einigen Comics zu lesen, katholisch erzogen. Als seine Eltern ermordet werden, betet er jede Nacht, regelmäßiger Kirchgänger ist er aber nicht. Später trainiert er in buddhistischen Klös­tern und macht sich mit fernöstlicher ­Meditation fit für den Kampf gegen das Böse. ­Außerdem ist er sein Leben lang beseelt von ­Rache­gedanken – nichts, was ihn als Vorzeige­katholiken qualifiziert, wie Preston Hunter schreibt.

Klar liegt der Fall bei der Comic-Figur Nightcrawler von den X-Men, einem Mutanten. Er ist ausgebildeter katholischer Priester, vertritt seine katholischen Positionen auch vehement, etwa in Diskussionen mit seinem Teammitglied, dem Mutanten Wolverine. Der ist als Protestant aufgewachsen, kehrte Kirche und Glauben den Rücken zu, prak­tiziert buddhistische Techniken, betet – und mordet, was Wolverine zu einem Negativ­kandidaten in Preston Hunters Skala der Religiosität macht.

Muslimische und evangelikale Helden - eine Begegnung könnte übel enden

Auch zwei andere bekannte Katholiken kommen bei Preston Hunter schlecht weg. Daredevil, Kind einer Ordensschwester, und Hulk werden wegen diverser Frauengeschichten und regelmäßig wieder­kehrender jähzorniger Gewalttätigkeit auf der Skala als „nicht gut-katholisch“ eingestuft.

Seit über einem Jahr ist der Comics Code, der religiöse Zurückhaltung forderte, offiziell vom Tisch. Religion macht jetzt Kasse, und auch tradi­tionell eher intolerante religiöse Gruppen haben die Welt der Comic-Strips für sich entdeckt. Schon seit Juli 2006 kämpfen die ultra-christlichen „Spirit Warriors“ vaus dem Hause LifeWay in den USA um die Seelen der ­Comic-Leser. Auch „The 99“, erdacht von einem jordanischen Autor und produziert von einem kuwaitischen Medienunternehmen, kommen in den USA ziemlich gut an. Hier besteht das Superhelden-Team ausschließlich aus frommen Muslimen. Ein Aufeinandertreffen von „Spirit Warriors“ und „The 99“ in einem weiteren Comic könnte übel enden.

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