Glauben alle an denselben Gott?
Als in Köln am Rhein noch ein anderer Kardinal waltete, in den 1960er Jahren, stellte er türkischen Arbeitsmigranten die beiden nördlichen Seitenschiffe des Doms für ihre Gottesdienste zur Verfügung. Damals gab es nämlich einfach nicht genug Moscheen in Köln. So breiteten am Ende des RamadanRamadan heißt der neunte Monat des islamischen Kalenders. Während des Ramadan müssen alle Muslime tagsüber fasten — Kinder, Alte, Kranke, Reisende sowie schwangere und stillende Frauen ausgenommen. Ramadan beginnt in diesem Jahr um den 16. November, sobald nach Neumond erstmals die Sichel von der Erde aus zu sehen ist. Augenzeugen, nicht astronomische Berechnungen des Mondstandes geben dabei den Ausschlag. In Deutschland folgen die Muslime unterschiedlichen Angaben. Manche orientieren sich am türkischen, andere am saudi-arabischen Ramadantermin. Wieder andere folgen den Angaben des Zentralrats der Muslime in Deutschland. Ramadan endet nach dreißig Tagen mit dem Fest des Fastenbrechens. Türken nennen es seker bayram, Zuckerfest. Da der islamische Kalender allein dem Mondzyklus folgt, ist das islamische Jahr etwas kürzer als 365 Tage. Daher rückt Ramadan Jahr um Jahr einige Tage vor. Im Jahr 2000 begann Ramadan am 27. November und1999 am 9. Dezember. 1965 Hunderte Muslime ihre Gebetsteppiche im Kölner Dom aus, um das Ende des Fastenmonats mit einem Gottesdienst zu feiern.
Wen mochten die Muslime an dieser urkatholischen Stätte angebetet haben? Ohne jeden Zweifel Allah. Sicherlich wären sie nicht auf die Idee gekommen, dass sich im Dom ihre Gebete gleichsam automatisch an den christlichen Gott richten. Und die Vertreter des Erzbistums, Kardinal Josef Frings eingeschlossen, auch nicht. Beide Seiten sahen diesen Besuch als Akt der Gastfreundschaft, angestoßen durch die katholischen Liberalisierungen des Zweiten Vatikanischen Konzils (1962–1965).
Drei Namen oder drei Götter?
Allah, Jahwe, der dreieinige Gott: das sind die Namen Gottes in den drei großen Weltreligionen. Nur drei Namensvariationen für denselben Gott? Oder sind es Namen für so unterschiedliche Gottesvorstellungen, dass sie sich kaum in Deckung bringen lassen, man also redlicherweise von unterschiedlichen Göttern sprechen muss?
Gerade die gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen Vertretern verschiedener Religionen,zum Beispiel im Bosnienkrieg in den 1990er Jahren oder im gegenwärtigen Afghanistankrieg, lassen erkennen: Die wenigsten Menschen glauben daran, dass ein und derselbe Gott ihre Geschicke und zugleich die der Gegenseite lenkt. Selbst dort, wo ganz offensichtlich reine Machtfragen zum Krieg führen und es keine religiösen Unterschiede gibt, wird der Gedanke verdrängt: Wir alle glauben im Grunde an denselben Gott.
Im „Großen Glaubensbekenntnis“ der Christen heißt es: Wir glauben an den EINEN Gott. Das bedeutet nicht nur, dass Vielgötterei im Christentum keinen Platz hat, sondern auch: Es gibt nur einen Gott, jenen, der Himmel und Erde erschaffen hat mitsamt allen Menschen. Es wäre, aus der Perspektive welcher Glaubensgemeinschaft auch immer, ein merkwürdiger Gott, der nur im Rahmen einer bestimmten Personengruppe (Glaubensgemeinschaft), regional begrenzt und mit eng umrissenen Zuständigkeiten walten würde. Ein solcher Gott wäre ein Widerspruch in sich. Leider ist immer noch die Haltung verbreitet, den Gott des eigenen Glaubens zum alleinigen Maßstab zu machen, den in anderen Religionen geglaubten und verehrten Gott aber schlicht als Irrglauben abzutun. Wer das denkt, mogelt sich um die Grundfrage herum: Woher will er wissen, ob sich der eine, der einzige Gott nicht auch in anderen Religionen offenbart, wenn auch in ganz anderer Weise?
Die Nagelprobe: das gemeinsame Gebet
Es kann geradezu ein Zeichen tiefen Glaubens sein, zu sagen: Gott ist überall zu Hause. Unser Denken, unsere Fantasie reichen nicht aus, ihn ganz zu erfassen. Eine Nagelprobe auf den eigenen Glauben ist das Gebet. Dürfen Christen, Juden, Muslime, Hindus und Buddhisten gemeinsam Gott anbeten – nicht etwa abwechselnd oder nacheinander, jeder zu seiner Zeit und zu seinem eigenen Gott? In gemeinsamen Gottesdiensten zur Einschulung ist so ein abwechselndes Gebet sehr verbreitet. Warum wagen so wenige Christen mehr Gemeinsamkeit, vorgetragen mit einer Stimme, in ein und demselben Augenblick, adressiert an die eine, identische Instanz?
Vielen Christen geht das zu weit. Sie führen die vielen kulturellen und ethischen Unterschiede zwischen den Religionen an: den Umgang mit Macht und Autorität, die Frauenrechte, die Gewissensfreiheit, den Vorrang der Liebe vor den Normen, die wörtliche Geltung der heiligen Bücher.
Der Theologe Klaus Peter Jörns sagt: Jede Religion ist eine „besondere Gedächtnisspur“ in der weltweiten Geschichte Gottes. Ihr darf man sicherlich folgen, sollte anderen aber nicht zum Vorwurf machen, wenn ihnen diese Spur zu eng ist und sie sich auf die Suche machen nach den anderen Facetten Gottes.


Leserkommentare
Drachen klassifizieren
Ein immer wiederkehrendes
Götterzählappell
Glauben alle an denselben Gott? - Nein!
Dank an Herrn Uwe Lehnert
In gemeinsamen Gottesdiensten zur Einschulung ist so ein abwech
EIN GOTT - als fortschreitende göttliche Offenbarung?!
Die Schöpfer von Jahwe, Allah, dreieinigem Gott
Einheit der Religionen
Nein, aber...
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