Glauben alle an denselben Gott?

Muslime im Kölner Dom, Buddhisten in der Moschee: Das geht vielen frommen Menschen entschieden zu weit. Die Frage ist nur, ob das auch Gott überfordert
Foto: Michael Ondruch

Als in Köln am Rhein noch ein anderer Kardinal waltete, in den 1960er Jahren, stellte er türkischen Arbeitsmigranten die beiden nördlichen Seitenschiffe des Doms für ihre Gottesdienste zur Verfügung. Damals gab es nämlich einfach nicht genug Moscheen in Köln. So breiteten am Ende des RamadanRamadan heißt der neunte Monat des islamischen Kalenders. Während des Ramadan müssen alle Muslime tagsüber fasten — Kinder, Alte, Kranke, Reisende sowie schwangere und stillende Frauen ausgenommen. Ramadan beginnt in diesem Jahr um den 16. November, sobald nach Neumond erstmals die Sichel von der Erde aus zu sehen ist. Augenzeugen, nicht astronomische Berechnungen des Mondstandes geben dabei den Ausschlag. In Deutschland folgen die Muslime unterschiedlichen Angaben. Manche orientieren sich am türkischen, andere am saudi-arabischen Ramadantermin. Wieder andere folgen den Angaben des Zentralrats der Muslime in Deutschland. Ramadan endet nach dreißig Tagen mit dem Fest des Fastenbrechens. Türken nennen es seker bayram, Zuckerfest. Da der islamische Kalender allein dem Mondzyklus folgt, ist das islamische Jahr etwas kürzer als 365 Tage. Daher rückt Ramadan Jahr um Jahr einige Tage vor. Im Jahr 2000 begann Ramadan am 27. November und1999 am 9. Dezember. 1965 Hunderte Muslime ihre Gebetsteppiche im Kölner Dom aus, um das Ende des Fastenmonats mit einem Gottesdienst zu feiern.

Wen mochten die Muslime an dieser urkatholischen Stätte angebetet haben? Ohne jeden Zweifel Allah. Sicherlich wären sie nicht auf die Idee gekommen, dass sich im Dom ihre Gebete gleichsam automatisch an den christlichen Gott richten. Und die Vertreter des Erzbistums, Kardinal Josef Frings eingeschlossen, auch nicht. Beide Seiten sahen diesen Besuch als Akt der Gastfreundschaft, angestoßen durch die katholischen Liberalisierungen des Zweiten Vatikanischen Konzils (1962–1965).

Drei Namen oder drei Götter?

Allah, Jahwe, der dreieinige Gott: das sind die Namen Gottes in den drei großen Weltreligionen. Nur drei Namensvaria­tionen für denselben Gott? Oder sind es Namen für so unterschiedliche Gottesvorstellungen, dass sie sich kaum in Deckung bringen lassen, man also redlicherweise von unterschiedlichen Göttern sprechen muss?

Gerade die gewalttätigen Auseinan­dersetzungen zwischen Vertretern verschiedener Religionen,zum Beispiel im Bosnienkrieg in den 1990er Jahren oder im gegenwärtigen Afghanistankrieg, lassen erkennen: Die wenigsten Menschen glauben daran, dass ein und derselbe Gott ihre Geschicke und zugleich die der Gegenseite lenkt. Selbst dort, wo ganz offensichtlich reine Machtfragen zum Krieg führen und es keine religiösen Unterschiede gibt, wird der Gedanke verdrängt: Wir alle glauben im Grunde an denselben Gott.

Im „Großen Glaubensbekenntnis“ der Christen heißt es: Wir glauben an den­ EINEN Gott. Das bedeutet nicht nur, dass Vielgötterei im Christentum keinen Platz hat, sondern auch: Es gibt nur einen Gott, jenen, der Himmel und Erde erschaffen hat mitsamt allen Menschen. Es wäre, aus der Perspektive welcher Glaubensgemeinschaft auch immer, ein merkwürdiger Gott, der nur im Rahmen einer bestimmten ­Personengruppe (Glaubensgemeinschaft), regional begrenzt und mit eng umrissenen Zuständigkeiten walten würde. Ein solcher Gott wäre ein Widerspruch in sich. Leider ist immer noch die Haltung verbreitet, den Gott des eigenen Glaubens zum alleinigen Maßstab zu machen, den in anderen Religionen geglaubten und verehrten Gott aber schlicht als Irrglauben abzutun. Wer das denkt, mogelt sich um die Grundfrage herum: Woher will er wissen, ob sich der eine, der einzige Gott nicht auch in an­deren Religionen offenbart, wenn auch in ganz anderer Weise?

Die Nagelprobe: das gemeinsame Gebet

Es kann geradezu ein Zeichen tiefen Glaubens sein, zu sagen: Gott ist überall zu Hause. Unser Denken, unsere Fantasie reichen nicht aus, ihn ganz zu erfassen. Eine Nagelprobe auf den eigenen Glauben ist das Gebet. Dürfen Christen, Juden, Muslime, Hindus und Buddhisten gemeinsam Gott anbeten – nicht etwa abwechselnd oder nacheinander, jeder zu seiner Zeit und zu seinem eigenen Gott? In gemeinsamen Gottesdiensten zur Einschulung ist so ein abwechselndes Gebet sehr verbreitet. Warum wagen so wenige Christen mehr Gemeinsamkeit, vorgetragen mit einer Stimme, in ein und demselben ­Augenblick, adressiert an die eine, identische Instanz?

Vielen Christen geht das zu weit. Sie führen die vielen kulturellen und ethischen Unterschiede zwischen den Reli­gionen an: den Umgang mit Macht und Autorität, die Frauenrechte, die Gewissensfreiheit, den Vorrang der Liebe vor den Normen, die wörtliche Geltung der heiligen Bücher.

Der Theologe Klaus Peter Jörns sagt: ­Jede Religion ist eine „besondere Gedächtnisspur“ in der weltweiten Geschichte Gottes. Ihr darf man sicherlich folgen, sollte anderen aber nicht zum Vorwurf ­machen, wenn ihnen diese Spur zu eng ist und sie sich auf die Suche machen nach den anderen Facetten Gottes.

Leserkommentare

Drachen klassifizieren

Ob alle an den selben Gott glauben, setzt voraus, dass es einen Gott gibt. Offensichtlich haben aber alle unterschiedliche Gottesbilder. Deren Anzahl und Diversität nimmt immer mehr zu - von Abspaltungen liest man viel, von friedlichen Vereinigungen habe ich noch nicht gehört. Allein dies ist eine sehr gewichtiges Argument gegen die Existenz Gottes. Ein bekannter Drachentaxonom wurde gefragt, wie die allgemein unbestrittenen Nichtexistenz von Drachen sich mit seiner Tätigkeit vertrage. Seine Antwort: Da es keine Drachen gibt, gibt es auch so vie Arten von nicht existierenden Drachen.

Ein immer wiederkehrendes

Ein immer wiederkehrendes Thema, und eine große Frage, auf die es nur eine Antwort geben kann, die allerdings mit der Toleranzfrage eng verquickt ist. Insofern wird es hier kaum an Stoff fehlen.

Götterzählappell

Zitat aus dem Artikel: "Drei Namen oder drei Götter?" Eines muss man dem Glauben lassen. Er wirft erlesene Fragen auf, die der schnöde Atheismus nicht zuwege bringt. Also lassen wir die Götter antreten und durchzählen. Wer wird zum Zählappell eingeladen? Die funkeläugige Pallas Athene? Die für den Abort zuständige Shintogottheit, der zu Ehren zu Neujahr mancherorts eine Lampe angezündet wird? Nein, nein, im vorliegenden Artikel geht es um Allzweckgötter der höchsten Bonitätsstufe AAA. Das ist zwar etwas ungerecht, aber bitte. Da bleiben die drei bekannten Gestalten Jahwe, Allah und Christengott übrig. _______________________ Sind das jetzt drei Götter oder ist das ein Gott, der in dreierlei Gestalt auftritt? Eine durchaus hochvertrackte Angelegenheit. Schon beim Christengott gilt wegen Vater, Sohn und Heiliger Geist, dass 1 = 3 ist. Im bürgerlichen Alltag ruft diese Gleichung nicht ohne Grund Stirnrunzeln hervor. Bei Gott ist aber alles möglich. Warum also nicht auch eine Trinitätslehre auf höherer Stufe? Ein Universalgott in den drei Gestalten der monotheistischen Götter? Wie soll man das jetzt klären? __________________________ Das vielbewährte Hilfsmittel hierfür ist auch jetzt die gedankliche Trennung von Gott und Gottesvorstellung. Gott übersteigt bekanntlich unser aller Vorstellungsvermögen und entzieht sich der begrifflichen Bestimmung. Den logischen Hammer, der in dieser Behauptung steckt, die nämlich Gott begrifflich bestimmt als den begrifflich Unbestimmbaren, müssen wir geflissentlich übersehen, sonst bricht das ganze System bereits hier zusammen. Ich kann mir also die Vorstellung machen, dass es drei Götter gibt, obwohl es nur ein Gott ist. Ebenso kann ich mir die Vorstellung machen, dass es nur einen Gott gibt, obwohl es drei Götter sind. Hauptsache, es wird fleißig gebetet. So ist das eben mit der Transzendenz. _______________________ Manchmal muss man nur in den Texten geistlicher Lieder Substantive austauschen und man gelangt zu zutreffenden Aussagen: "Weisst du wieviel Götter stehen an dem blauen Himmelszelt? .... Der Mensch allein hat sie gezählet, daß ihm auch nicht einer fehlet, an der ganzen großen Zahl." _________________________ Zusammenfassung: Die Frage, wieviel Götter es gibt, kennt auch die Antwort Null. Die Argumente für diese Antwort leuchten dem Gläubigen nicht ein. Ob er stattdessen zur Antwort einer, drei oder viele greift, ist vollkommen seiner Glaubensschöpferkraft überlassen.

Glauben alle an denselben Gott? - Nein!

Sehr vereehrter Herr Kopp, danke für Ihren Beitrag und die Wiedergabe der Glaubensgrundlage der Evangelischen Kirche. Gibt es einen Grund, warum hier im Netz die ersten und vor meinem der überwiegende Anteil der Kommentare von Mitbürgern geschrieben wurden, die bekundeterweise keine eigentliche Beziehung zur Evangelischen Kirche haben, sondern sich zum Bhai-Glauben, zur Humanistischen Religionswissenschaftlichkeit oder zum Postmodernismus bekennen? Was mich brennend interessieren würde, wäre das Glaubenskonzept, welches derjenige am Ende hat, der durch die Lektüre Ihres und der weiteren Beiträge aus der Rubrik 'Religion für Einsteiger' am Ende erhält: Was oder an was glaubt dieser dann? Gibt es irgendeinen Zusammenhang - in Ihrem Beitrag nicht erkennbar - zu dem was Luther einmal die "Bibel" genannt hat? Das unbenannte Thema Ihres Beitrags ist Toleranz. Tolerant kann nur der sein der eine Position hat, um einer anderen Position gegenüber achtsam, eben tolernt zu sein. ihr Beitrag läßt den "Einsteiger" komplett allein, wer kein Humanist wie Sie ist (oder sind Sie Bahai-Anhänger?), also eine Position des aufgeklärten Postmodernisten einnimmt, muß irritiert und desorientiert zurückbleiben. Können Sie ggf. In einer zukünfitgen Kolumne auf die Bedeutung der biblischen Aussage von Jesus Christus Stellung nehmen wenn Jesus sagt er ist der Weg, die Wahrheit und das Leben? Was sagt die Evangelische Kirche zu dieser Revoluzzer-These von Jesus?

Dank an Herrn Uwe Lehnert

Meinen Dank an Herrn Uwe Lehnert „Die Schöpfer von Jahwe, Allah, dreieinigem Gott“ für seinen wertvollen Beitrag (Eingetragen von Uwe Lehnert am 4. November 2012 - 22:54.)

In gemeinsamen Gottesdiensten zur Einschulung ist so ein abwech

Ich bitte doch recht herzlich darum, solche Gottesdienste nicht mit einer offiziellen Einschulung an einer staatlichen Schule zu verquicken (wie es leider oft Usus ist) Denken Sie bitte alle daran, es gibt genug Menschen, die wunderbar, ethisch-moralisch stabil durchs Leben schreiten ohne eine der vielen Götter, die sich Menschen erdacht haben. Diese möchten nicht zu Gebeten oder Besuchen von Götterhäusern genötigt werden. Danke! Und bitte hört auf, Kinder nach dem Glauben ihrer Eltern zu separieren, schaut eher ihnen ab, was man so in Sachen ungezwungener Integration und unbekümmertem Miteinander lernen kann...bis Erwachsene sie nach Religionen trennen....

EIN GOTT - als fortschreitende göttliche Offenbarung?!

Danke für jeden Beitrag hier - mögen sie der "Einheit in der Vielfalt" hilfreich und dienlich sein. Schon Lessing spricht davon: "er sehe in allen Religionen die Entwicklung des menschlichen Ganges" und "Gott habe seine Hand bei allem im Spiel", aber er stellt auch die Frage: "Nur bei unseren Irrtümern nicht?" Und ca. 100 Jahre später (in Verbindung mit dem Welt-Parlament der Religionen in Chicago 1893 (!) im Rahmen der Weltausstellung) fordert Swami Vivekananda (1862-1902) : "Lasst uns deshalb Gott nicht nur in Jesus von Nazareth finden", "sondern auch in allen Großen, die nach ihm kamen, und in allen, die noch kommen werden, Unsere Anbetung ist unbegrenzt und frei. Sie alle sind Manifestationen desselben unendlichen Gottes." Mir scheint, dass erst durch die, oder eine konkrete Gottesvorstellung das Problem entsteht, wobei doch die Religionsstifter aller monotheistischen Religionen, religionswissenschaftlich(!) keineswegs mit "Gott als Schöpfer von Himmel Erde", der unsere, als Geschöpfe wahrgenommene Vorstellungskraft bei weitem übersteigt, gleich zu setzen ist. Dann dürfen wir auch annehmen, "dass selbst religiöse Wahrheit relativ ist, weil sie einem Kommen und Gehen" unterliegt - durch alle Zeitalter, alle Kulturen, alle Religionen, im Hier und Heute und in alle Zukunft. Das glaube ich, seitdem ich den Bahá´i-Glauben kennengelernt, studiert und angenommen habe, ganz persönlich und ohne jede Form fremder Beeinflussung oder Bekehrung. Das war 1983, als ich für einige Zeit in Hawaii lebte und - auf der Suche war, bis ich am Ost/West Zentrum der Universität von Honolulu und einer guten Bibliothek nicht nur Weisheiten des Zen/Tao/Mystik (alles zu finden bei D.T. Suzuki), sondern auch eine neue religiöse Herausforderung fand - und Antworten!

Die Schöpfer von Jahwe, Allah, dreieinigem Gott

Der deutsche Theologe Hubertus Mynarek, einst sogar Dekan an der katholisch-theologischen Fakultät der Universität Wien, schreibt in einem dieser Tage erschienenen Beitrag des Humanistischen Pressedienstes (http://hpd.de/node/14258) Folgendes: »Jahwe, der hebräische Gott, Urbild, Urmodell, Basis-Gott für den Vatergott der Christen und für Allah, den Gott der Muslime, war anfangs nur ein kleiner lokaler Wettergott, ein Provinzgott auf dem Nordsinai. Denn in beiden palästinensischen Staaten, die sich um 900 v. u. Z. bildeten, dem Nordstaat Israel und dem Südstaat Juda mit Jerusalem als Hauptstadt, werden noch viele Götter verehrt, nicht bloß die in der Bibel häufig genannten Baal, Moloch und Göttervater El. Jahwe gilt damals auch noch als biologisch zeugender Gott (König Jerobeam, wahrscheinlich zwischen 926 und 907 v. u. Z. herrschend, lässt das Götzenbild eines heiligen Stiers als Sinnbild Jahwes verehren). Jahwe muss also auch eine Frau haben. Es ist die Fruchtbarkeitsgöttin Aschera, deren Kultbaum sogar bis 586 v. u. Z. im Jerusalemer Tempel stand. Doch später wurde diese Ehefrau Jahwes von den jüdischen Theologen gestrichen, um das Gottesbild reiner, makelloser, ethischer und unangreifbarer zu machen. Man sieht: Nicht ein Gott ist der eigentlich Bestimmende, sondern die Theologen bzw. Priester verändern ihren Gott und dessen vermeintlich von ihm ausgehenden Weisungen und Gebote.« Sind diese Worte eines fachkundigen Bibelexperten nicht des Nachdenkens wert? (www.uwelehnert.de)

Einheit der Religionen

Sehr geehrter Herr Kopp, ein bemerkenswertes Artikel. Vielen Dank dafür. Was Sie beschreiben ist auch zentrale Lehre der Bahá'í-Religion, siehe z.B. http://www.bahai.de/bahai-religion/lehren/einheit-der-religionen.html Herzliche Grüße S. Sauer

Nein, aber...

Glauben alle an denselben Gott? Meine Antwort ist ein klares Nein. Aber auch Christen glauben nicht alle an denselben Gott. Auch nicht alle Christen einer Konfession. Vielleicht findet man noch nicht einmal zwei individuelle Christen, die an denselben Gott glauben. Das Ganze wird einigermaßen zusammengehalten durch die großen Glaubensbekenntnisse, aber die individuellen Unterschiede scheinen mir gewaltig zu sein, wenn ich sehe, was verschiedene Christen so reden und schreiben. Vielleicht sollten wir von daher in der Wahrnehmung der Gottesvorstellungen von Juden und Muslimen nicht eine auf das Trennende konzentrierte Sichtweise an den Tag legen, sondern die Gemeinsamkeiten in den Vordergrund stellen.

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